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erschienen in Ausgabe 119
Eurotopia sprach mit Maria Dunkel, der Initiatorin der Ökosiedlung Wennigsen

Ein positives Beispiel, wie der Traum von einem ökologischen Siedlungsprojekt realisiert werden kann – vorausgesetzt, man bringt die nötige Energie auf – ist die Ökosiedlung Wennigsen bei Hannover. Zur Nachahmung empfohlen!


Maria, du bist gelernte Agraringeneurin und ausgebildete Körper-Psychotherapeutin. Seit Herbst 2000 lebst Du mit Mann und Kind in einem schönen Haus in der Ökosiedlung Wennigsen. Wie und wann bist du auf den Gedanken gekommen, in einer Ökosiedlung zu leben? Was waren deine Träume?
Freunde von uns sind 1993 nach Kiel in die Ökosiedlung Hassee gezogen. Das ist eigentlich die Initialzündung gewesen. Wir waren begeistert und wollten auch in so einer Umgebung leben. Kiel war leider zu weit weg, da mein Mann mit seiner Arbeit an Hannover gebunden ist. Aber meine Träume wurden immer stärker:
Leben in einem lebenswerten Wohnumfeld; Flächen, die nicht durch Verkehr beherrscht sind; Kinder bewegen sich frei – autofrei; Lebensumfeld mit wenig Abgrenzung; ein Gemeinschaftsgefühl entsteht; Identifikation mit dem Lebensumfeld …Kommunikation ist leicht möglich; nette und interessante Leuten um mich herum …Eins und Eins ist mehr als Zwei.
Wie lief der Gründungs- und Bauprozess ab?
Die Idee war nach dem Besuch in der Kieler Siedlung klar, mein Mann war sofort einverstanden, und als ich 1994 schwanger wurde, wuchs die innere Kraft, das Ziel zügig anzugehen. Zunächst versuchten wir, unsere Freunde und Bekannten zu gewinnen, und legten Info-Blätter in Läden und bei Versammlungen aus, wo wir hofften, weitere Interessierte zu finden. Nach einiger Zeit waren wir zu einer kleinen Gruppe von rund zehn Bauparteien angewachsen, die sich etwa alle vierzehn Tage traf. Auf diesen Treffen wurden neben vielen praktischen Fragen vor allem die ökologischen und sozialen Grundsätze des Bauens und Wohnens festgelegt. Danach gaben wir ein Info-Blatt heraus, in dem wir einer größeren Öffentlichkeit unser Projekt vorstellten. Als die Presse unser Anliegen aufnahm, bekamen wir über 150 Anrufe. Wir führten Info-Abende und -Tage in unserer Wohnung oder bei größeren Veranstaltungen in gemieteten Räumen durch. Kurz vor dem Grundstückskauf machte der Verkäufer einen Rückzug. Fast alle sprangen ab, und wir mussten mit vier Bauparteien einen neuen Anlauf nehmen. Wieder Info-Abende und erneute Grundstücks-Suche. In der Gemeinde Wennigsen schließlich stießen wir auf offene Ohren und fanden auch die Unterstützung der lokalen Verwaltung und der Politiker. In der Presse stellten wir unser neues Projekt in Wennigsen vor und forderten alle Interessierten auf, spätestens bis zum 30. Januar 1998 der Siedlungsinitiative beizutreten. Das hatte einen durchschlagenden Erfolg. Am 30. Januar waren wir 30 Bauparteien, die verbindlich in den Planungs- und Bauprozess einsteigen wollten. Wir mussten sogar einen Aufnahmestopp verhängen. Jetzt leben hier in der ökologischen Siedlung 67 Erwachsene und 46 Kinder in 34 Haushalten. Am Anfang sagte man uns, wir müssten uns auf einen Prozess von sieben bis acht Jahren einstellen. Wir wollten das aber nicht glauben und haben uns eingebildet, wir schaffen es schneller, was uns auch die Kraft und den Mut gegeben hat, loszulegen. Diese Woche wurde unser letztes Haus, das Gemeinschaftshaus, eingeweiht. Jetzt sind es doch acht Jahre geworden, die sich aber gelohnt haben.
Warum ist Dir das ökologische Leben so wichtig?
Mir persönlich liegen besonders die Freiräume in der Natur am Herzen – wenn Vernetzung stattfinden kann, wenn es Nischen gibt und Lebensräume entstehen, wo verschiedene Tiere sich ansiedeln können, das Leben pulsieren kann. Meinem Mann liegt das gesunde Wohnen am Herzen, um dadurch die Einflüsse zu minimieren, die die Lebenskraft mindern.
Haben alle die gleichen ökologischen Ansprüche?
Nein. Wir haben einige ökologische Standards festgelegt: Niedrigenergiehaus, Holzfenster, Tondachziegel, ökologischer Fußbodenbelag, Regenwassernutzung, offene Regenwasserführung, Blockheizkraftwerk etc. Was jeder privat weiter macht, da möchten wir nicht dreinreden und Toleranz walten lassen. Das hat sich auch bewährt. Wir hatten deswegen keine Spannungen.
Gibt es so etwas wie gemeinsame Anschauungen, oder seid ihr so heterogen wie die Gesellschaft anderswo?
Durch die Vorgaben und Ideen der Siedlung gibt es ganz klar eine gewisse Auswahl an Menschen, aber trotzdem sind wir sehr heterogen. Wir haben uns auf keine gemeinsame Anschauung oder Beurteilung geeinigt. Das möchte ich auch nicht.
Wie sieht das soziale Zusammenleben in der Ökosiedlung aus?
Sehr gut. Während der Bau- und Planungsphase gab es zu allen Themen Gruppen, und gemeinsam wurde Eigenarbeit geleistet. Jetzt, wo alles fertig ist, kommt der Alltag durch: Elterngruppen bilden sich, wenn es um die Kinder geht; Gruppen, die sich zum Bauchtanz treffen, zur Meditation, zum Fitness-Training, zum Fahrradfahren; es gibt Frauen-Treffen, Musikgruppen, gemeinsames Handwerkeln, Eigenleistungen am Bau, Grünpflege, morgendliches gemeinsames Bahnfahren …Und wenn ich „gemeinsam“ sage, dann sind es immer ein paar Leute, die etwas zusammen machen, und nicht die ganze Gruppe geschlossen.
Eine zentrale Rolle in unserem Zusammenleben spielt unser Gemeinschaftshaus, das gerade eben eingeweiht wurde: 160 Quadratmeter groß, 2 Gruppenräume und 1 Küche. Eine Sauna soll noch eingebaut werden. An dem Bau dieses Hauses haben sich alle planerisch und finanziell beteiligt. Eine Arbeitsgruppe vergibt die Termine für die verschiedenen Gruppentreffen – Ostern, Weihnachten, nach der Bescherung zu Hause, und Silvester feiern wir hier im großen Kreis. Und besonders natürlich die Geburtstage. Aber auch außerhalb des Gemeinschaftshauses gibt es viele Kontakte und gegenseitige Unterstützung, z.B. bei Krankheitsfällen.
Ist es zu wenig oder zu viel an Kontakten?
Manchmal eher zu viel – dann nehme ich das Fahrrad, um schneller zum Ziel zu kommen, weil ich sonst unterwegs zu viel quatsche.
Wie geht es den Kindern und Jugendlichen hier?
Es gibt viele Flächen, die nicht durch Autos zerstört oder gefährdet sind und dadurch einfach Lebensqualität besitzen. Sie können einfach rausgehen und treffen dort andere Kinder. Leider ist die Bauphase vorbei – das war ein Kinderparadies: Überall haben sie was im Schlamm gefunden, sind auf Gerüste und Aushubberge geklettert, haben ihre Buden gebaut usw. Jetzt lernen sie auf den Wegen Fahrrad fahren und skaten. Ein Spielplatz wird auch gebaut, der ist aber eher nebensächlich.
Eine hohe Lebensqualität entsteht dadurch, dass es viele Kinder gibt (von „noch im Bauch“ bis 15 Jahren) und dass die Kinder viele Erwachsene im direkten Umfeld kennen. Es entsteht eine Einbindung in die Gruppe und damit Geborgenheit – ein bisschen wie in einer Großfamilie mit z.B. zusätzlichen Großeltern. Im Gemeinschaftshaus finden eigene Kinderveranstaltungen statt, wie z.B. vorweihnachtliche Vorlese-Abende und Flöten-Unterricht.
Wie leben alte Menschen bei euch?
Unsere Älteste ist 90 und wohnt bei ihren Kindern, die auch schon Rentner sind. Die anderen Alten – das ist auch ein ganzer Schwung –, die leben in ihren eigenen Häusern und nehmen sehr rege am allgemeinen Leben teil. Sie sehen ganz zufrieden aus und scheinen es nicht bereut zu haben – im Gegenteil.
Wie ist der Kontakt zu den übrigen Wennigsern?
Ganz gut . Wir haben zwei Wennigser Familien, die bei uns eingezogen sind. Ich selber habe sehr viel Kontakt zu anderen Wennigsern und arbeite in der Lokalen Agenda 21 mit. Mein Mann ist im örtlichen Tischtennisverein, und über Kindergarten und Schule bilden sich auch viele Kontakte. Ich fühle mich in Wennigsen sehr wohl. Primär wohne ich in Wennigsen und dann in der Ökosiedlung.
Habt ihr in der Öffentlichkeit ein besonderes Image?
Ganz bestimmt. Aber wie soll man das eigene Image erfahren? In der Verwaltung und in den offiziellen Stellen haben wir ein positives Image: kreativ und initiativ. Wie es beim Rest der Bevölkerung aussieht, weiß ich nicht – aber sie sind sehr freundlich.
Wie berichtet die Presse über euch?
Sehr gut. Wir sind so etwas wie ein interessantes Experiment, wie man ökologisch und sozial neue Wege beschreiten kann und dabei zufriedener lebt. Wir stehen z.B. in der „Route der Wohnqualität – Beiträge zur regionalen Entwicklung“, einer Broschüre der Region Hannover, in der besondere Wohngebiete im Raum Hannover beschrieben werden. Vielleicht sind wir auch ein Prestige-Objekt für Wennigsen.
Was sind Deine Pläne für die nächste Zukunft?
Ich möchte, dass Wennigsen und unsere Siedlung noch mehr an Lebensqualität gewinnen. Ich plane eine weitere Siedlung mit noch einmal rund 30 Häusern direkt nebenan. Ganz besonders möchte ich, dass das geomantische Wissen für die Siedlung hier und den Ort etwas Positives bewirkt. Geomantie bedeutet für mich, die Energien der Erde zu erspüren und bei der Gestaltung des Ortes zu berücksichtigen.
Bist Du hier glücklich?
Ich bin einfach total gerne hier. Es ist ein sehr schöner und ruhiger Platz. Ich fühle mich hier sehr zu Hause und geborgen. Im nahen Umfeld gibt es viele Leute, die ich kenne und mag.
Willst du hier alt werden?
Ja, sehr alt, und dabei lebensfroh bleiben – und wenn wir alle klapprig sind, zieht ein Zivi (Zivildienst-Leistender) ins Gemeinschaftshaus ein, der uns alle pflegt … ´


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Dunkel, Maria

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