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Impressum
Ortswechsel
erschienen in Ausgabe 119
Der lange Weg von Bremen ins Allgäu

Am Anfang stand eine Vision: Tilman träumte von Bergen, Holzhaus und einer freilassenden Gemeinschaft, mich packte bei den Schilderungen seiner Wunschträume die Abenteuerlust. Vielleicht spielte auch noch ein bisschen Endzeitstimmung mit – wir waren jedenfalls bereit, Eigenheim, florierendes Übersetzungsbüro und erfolgreiche Berufstätigkeit im Ökobereich aufzugeben und nach dem Ort von Tilmans Vision zu suchen. Mit Ende Dreißig bzw. Anfang Vierzig Job kündigen, Büro schließen, Haus mit wunderschönem Garten verkaufen – unsere Umgebung schlug mehr oder weniger offen die Hände über dem Kopf zusammen, und manchmal wunderten wir uns auch selber ein bisschen. Gleichzeitig machte es Spaß, uns als frei zu erleben, und wir hatten uns beim Kauf unseres Häuschens in Bremen in die Hand versprochen, dass auch dieser Besitz uns nicht binden und von Entwicklungsschritten abhalten sollte. Zu oft hatten wir von Anderen gehört „Ach ja, ich würde ja gerne …, aber wir haben ja hier das Haus!“

Wohnwagen statt Rucksäcke

Unsere Pläne, nur mit zwei Rucksäcken auf Wanderschaft zu gehen, wurden allerdings durchkreuzt. Kaum hatten wir unseren radikalen Beschluss gefasst, meldete sich der vorher lange vergeblich erwartete erste Nachwuchs an. Also kauften wir statt der Rucksäcke den kleinsten und leichtesten Wohnwagen, den wir finden konnten – dreimeterfünfundsiebzig lang – und erstanden einen alten VW Jetta, denn in Bremen hatten wir kein eigenes Auto gebraucht. Wenige Wochen nach der problemlosen Hausgeburt von Moritz zogen wir in ein kleines „Notquartier“ bei Schwiegermuttern, unser Haus war ja verkauft. Das Geld parkten wir bei der GLS Gemeinschaftsbank. Das kostete uns angesichts der dort niedrigeren Zinsen etwas Überwindung, aber dafür waren wir sicher, dass mit unserem Geld in unserem Sinne gearbeitet werden würde. Als Moritz vier Monate alt war, fuhren wir los.
Während unserer Suche gehörte die 1997er-Ausgabe des damaligen eurotopia-Verzeichnisses zur täglichen Lektüre. Wir studierten die Beschreibungen immer wieder intensiv und versuchten, aus den oft vollmundigen und blumigen Selbstdarstellungen die Realität zu erahnen. Wir lernten schnell, genau zu lesen und zu unterscheiden, welche Aktivitäten und Einrichtungen wirklich schon realisiert waren und was nur geplant war. Papier ist bekanntlich geduldig, und so mancher Text, der im eurotopia-Führer großartig klang, erwies sich, wenn wir ankamen, als Fantasie und Schneegestöber. Zusätzlich war uns klar: Wir suchten eine funktionierende Gemeinschaft, und die würde nicht händeringend nach Verstärkung suchen. Wir brauchten also Glück. Wir lernten abgelegene Ziegenhöfe in Südtirol kennen, halbverfallene Bergdörfer, so genannte Gemeinschaften, die sich dann als Ein-Mann-Unternehmen erwiesen, verschiedenste religiöse Gruppierungen von katholisch bis hinduistisch, Selbsterfahrungsgruppen, alte Gutshöfe – und immer wieder brüteten wir abends über Landkarten und unserem eurotopia-Buch. Auch Karl-Heinz Meyer mit seinem Ökodorf-Büro gab uns wertvolle Tipps.

Selbst eine Gemeinschaft gründen?

Zwischendurch überlegten wir, ob wir nicht einfach irgendwo anfangen und eine eigene Gemeinschaft aufbauen sollten – aber es sollte ja in den Bergen sein, und da kannten wir uns einfach nicht gut genug aus. Wir lernten viele interessante Menschen und Lebensformen kennen, manche ausgiebig, die meisten nur kurz, denn meist war uns schon nach fünf Minuten gefühlsmäßig klar: Nein, das ist es auch nicht. Dieser Schwebezustand, in dem wir begannen, die Leute, die morgens zur Arbeit und abends zurück in ihr Zuhause eilten, zu beneiden, war nicht immer leicht zu ertragen. Waren wir gescheiterte Existenzen und würden nie wieder festen Boden unter die Füße bekommen? War unsere Suche völliger Unsinn und Tilmans Vision ein schwärmerisches Hirngespinst? Besonders ich als frischgebackene Mutter sehnte mich danach, endlich anzukommen, und fand immer wieder: Könnte es das nicht jetzt mal sein? Ist doch egal, leben kann man überall …Immer wieder halfen wir uns, indem wir uns vorstellten, wie wir irgendwann – bald! – irgendwo in der Abendsonne sitzen und uns fragen würden: „Weißt du noch, wie wir nicht wussten, wohin wir als nächstes fahren sollen? Weißt du noch, wie wir dann gedacht haben, wir sitzen irgendwann in der Abendsonne und fragen uns: Weißt du noch? – Und jetzt haben wir es gefunden! Wie gut, dass wir durchgehalten haben!“

Denkpause

Der Herbst kam, Moritz wollte krabbeln, die Nächte wurden kühl, und uns ging allmählich die Puste aus: Wir waren inzwischen sowieso über sämtliche deutschen Mittelgebirge hinweg schon in Norddeutschland gelandet und hatten uns bis zum Ökodorf Sieben Linden bei Poppau bewegt – wunderschön, allerdings von Bergen und Holzhäusern keine Spur. Na gut, Holzhäuser kann man bauen, und die Berge? War das wirklich ein hartes Kriterium? Wir brauchten erst mal Zeit zum Nachdenken. Also stellten wir den Wohnwagen auf den Parkplatz vor Schwiegermutterns Haus und bezogen unser durchaus komfortables Notquartier mit Familienanschluss. Plötzlich gab es regelmäßige Mahlzeiten, einen festen Rhythmus, wir trafen uns wieder mit Freunden.
Ich suchte einen gemeinschaftsfähigen Resthof in der Nähe von Bremen und fand auch ein wunderschönes Anwesen, die Adresse lautete auch noch Freidorf! Wenn das kein Fingerzeig war! Wir näherten uns schon einem notariellen Kauftermin, da wurden Tilmans Bauchschmerzen (Berge! Gemeinschaft!! Holzhaus!!!) so deutlich, dass wir im letzten Moment absprangen.
Mir wurde der ganze Stress zu viel, meine Abenteuerlust war auf einem Nullpunkt angelangt. Das Ganze war Tilmans Vision, also sollte er sich fortan um die Suche kümmern, ich würde mit unserem Kind derweil die Gegenwart gestalten und genießen.

Der Genius Verlag wird geboren

Aber – was war denn eigentlich meine Vision, oder bescheidener ausgedrückt, wozu hatte ich denn jetzt Lust? Nach vielen Jahren als freie Übersetzerin und beginnender Arbeit als Therapeutin, die durch unsere Reise und unser Kind erst mal ad acta gelegt war, stellte ich nun zu meiner Überraschung fest, dass ich gern einen eigenen Verlag gründen wollte. Und damit wollte ich nicht warten bis zu „unserem Ort“! Ich meldete also ein Gewerbe als Verlegerin an und stürzte mich mit Feuereifer auf mein namensgebendes erstes Buch: Im neuen Genius Verlag sollte demnächst „Das Genie steckt in jedem“ von Walter Russell erscheinen, ich hatte viel zu tun! Anders gesagt, ich ließ los – und wenige Wochen später stieß Tilman auf eine Kleinanzeige in der Zeitschrift „Schrot und Korn“, in der ein Holzhaus (!) in einer „Ökosiedlung“ (!!) im Allgäu (!!!) zum Verkauf angeboten wurde. Ein Anruf ergab, dass es zu teuer für uns war. Aber in dieser Siedlung stand noch ein Rohbau frei. Tilman erbat beim Gründer der Siedlung bzw. seiner Frau nähere Unterlagen – wir warteten zwei Wochen aufgeregt, aber vergeblich. Tilman rief wieder an und fragte nach. „Ach“, sagte die Frau, „wir haben schon so viele Unterlagen verschickt …“ Offenbar hatte sie unsere Anfrage gar nicht ernst genommen. Am 31. Dezember 1997 erhielten wir dann die Unterlagen zur Ökosiedlung – eigene Stromversorgung mit Blockheizkraftwerk, 18 Parteien, viele Kinder, großes Haus in Holzständerbauweise, herrliche Lage mitten im schönsten Urlaubsgebiet am Alpenrand.

Aach im Allgäu

Anfang Januar fuhr Tilman nach Aach und rief mich aufgeregt an: „Ich glaube, das ist es!“ Ich setzte mich mit unserem Kind in den Zug und kam an einem Sonntagabend an. Und nun ernteten wir den Lohn für unseren von vielen als radikal empfundenen Schritt, erst alles Alte aufzugeben und dann das Neue zu suchen, denn jetzt konnten wir sofort zugreifen. Am folgenden Dienstag unterschrieben wir den Kaufvertrag, und am 1. Februar stellten wir unser Wohnwägelchen vor einer kleinen, der Ökosiedlung benachbarten Ferienwohnung ab. Tilman begann sofort mit dem Ausbau des Hauses, unterstützt von den Nachbarn, und ich richtete an einem alten Küchentisch in der Ferienwohnung den Verlag ein, der damals im Wesentlichen aus einem PC, ein paar Aktenordnern, Wörterbüchern und einer Telefonsteckdose bestand. Mehrmals täglich pilgerte ich mit Kind im Tragetuch und Kaffe und Brezeln für die Bauleute zu unserem Haus. Im April erschien das erste Buch im Genius Verlag: „Das Genie steckt in jedem“ von Walter Russell. Aber was und wie war denn jetzt die „Ökosiedlung Aach“, und worüber waren wir so begeistert? Mehr davon erzählen wir in der nächsten Ausgabe. ´



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Neubronner, Dagmar

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