Alice M. Krins stellt kreative Lösungansätze gegen die wachsene Armut in den Industrieländern vor.
Die großen Worte unserer Politiker zu möglichen Auswegen aus der stetig wachsenden Arbeitslosigkeit berühren kaum noch jemanden. Wer es nicht aus bitterer Erfahrung kennt, weiß zumindest soviel: Der Zug ist abgefahren, mit immer neuen „Maß-nah-men“ kann niemand den Abwärtstrend stoppen. Für ländliche Gegenden sagen Urbanistik-Forscher einen drastischen Bevölkerungsrückgang in den nächsten 20 Jahren voraus. Aber: Es gibt sie, die Menschen, die sich nicht vertreiben lassen, sondern wieder von und mit der Erde leben. Die Initiative von Alice Krins deutet die Richtung an.
Vor fünf Jahren habe ich die Altmark kennengelernt, und seit vier Jahren lebe ich hier mit meinen Kindern. Sie ist das am dünnsten besiedelte Gebiet Deutschlands und zählt in Europa zu den strukturschwachen Gebieten. Prägend sind hier die Straßen- und Rundlingsdörfer im Fachwerkstil, die dazu einladen, Visionen über neue gemeinschaftliche Lebensweisen zu entwickeln – eine Bauweise, die in den Siedlungstraditionen unserer keltogermanischen, wendischen und skandinavischen Vorfahren wurzelt. Beinahe jedes Dorf kann sich rühmen, eine eigene fast 1000 Jahre alte Feldsteinkirche zu besitzen. Viele dieser Kirchen wurden auf den Ritualplätzen martriarchaler Gesellschaften gebaut und verfügen über eine große „Strahlkraft“. Überall finden sich verlassene Höfe, die trotz niedriger Preise auf Käufer warten. Vor der Wende gab es in beinahe jedem Dorf eine Grundschule, einen Konsum, und jede Familie bezog einen großen Teil ihrer Lebensmittel aus einem Bauerngarten. Es gibt hier viele alte Menschen, die noch nie Gemüse oder Obst im Geschäft gekauft haben – für viele „Westler“ kaum vorstellbar. Visionen von Selbstversorgung werden hier von einem Teil der „Alten“ gelebt. Dieser Teil der Gemüsewirtschaft war so wichtig, dass in den Grundschulen Sachsen-Anhalts heute noch das Fach „Schulgarten“ gelehrt wird. Die Bevölkerung ist wie in vielen ländlichen Regionen Europas überaltert; viele Leute verlassen das Land aufgrund hoher Arbeitslosigkeit. Die Altmark ist landwirtschaftlich geprägt, doch die wenigsten Menschen arbeiten heute noch in der Landwirtschaft. Die Agrarindustrie vertrieb auch hier Mensch und Pferd vom Acker. Ob Pferde bei der landwirtschaftlichen Arbeit zum Einsatz kommen oder nicht, hat weitreichende Konsequenzen. Vor der Wende wurden viele vor- und nachgelagerte Arbeiten mit Pferden durchgeführt. Das Dorf, in dem ich lebe, hat rund 700 Einwohner. Vor der Wende waren 21 Arbeitspferde im Einsatz. Mit den umweltfreundlichen Arbeitsplätzen für die Pferde schwanden auch die der Menschen.
Ein großer Teil der Bevölkerung, der noch Arbeit hat, muss heute weite Anfahrtstrecken in Kauf nehmen. Im letzten Jahr wurde der Rest einer der schönsten Kleinbahnstrecken Europas stillgelegt. An öffentlichen Verkehrsmitteln fahren fast nur noch Schulbusse. Das Auto wird unverzichtbar, denn Einkaufsfahrten sind in der Regel 20 bis 30 km weit. Sollte das Hartz-IV-Gesetz Wirklichkeit werden, können sich viele arbeitslose Menschen kein Auto mehr leisten. Dann stellt sich für sie die Frage: „Wie komme ich an Lebensmittel?“
Lokales Wirtschaften gegen die Armut
Aber große Krisen bergen große Chancen. Die gegenwärtige Situation verlangt von den Menschen eine Lebens- und Produktionsweise, die im Einklang mit der Natur ist. Für mich ist dabei ein wichtiger Schritt, zu lernen, in Kategorien des Gleichgewichts zu denken und zu empfinden, und ich bin sicher, dass diese Art des „Fortschritts“ von kosmischen Kräften unterstützt wird. Das bedeutet nicht, dass dies immer leicht und schnell geschieht.
Ein wichtiger Aspekt dieser neuen Lebens- und Produktionsweise richtet sich gegen Armut und entspringt der Rückbesinnung auf Lokalität, wodurch Erwerbsmöglichkeiten, wenn auch keine „Regelarbeitsplätze“ geschaffen werden können. Das Stichwort ist die Entwicklung selbständiger bzw. bäuerlicher Kleinexistenzen, die miteinander kooperieren. Wichtig ist dabei die Selbstversorgung, die sich nicht auf den Gemüsegarten beschränken muss, sondern auch Viehwirtschaft in kleinerem Maßstab beinhalten kann. Dies kann durchaus in kleineren Gruppen bzw. Gemeinschaften betrieben werden. Denkbar ist auch die Aufzucht von Vieh und dessen Verkauf in der unmittelbaren Umgebung, wobei ein Hof den Fleischbedarf für einen Teil des Dorfes deckt. Jedes Dorf könnte im Prinzip einen lokal wirtschaftenden Gemüsebetrieb gebrauchen, der seine Arbeitspferde auch zum Ausliefern der Ware nutzen könnte, das Gleiche gilt für die Versorgung mit Brennholz. In letzter Zeit wird wieder verstärkt auf Brennholz statt Öl gesetzt, was Kosten spart und durch den nachwachsenden Rohstoff Holz auch ökologisch sinnvoll ist. Gleiches gilt für die Nutzung von Biogas, die es Kleinexistenzen ermöglicht, die Biogasanlagen mit Biomasse zu versorgen, wobei das Mähen und der Transport mit Arbeitspferden besorgt werden kann.
Das Potenzial der Pferdenutzung
Die Altmark verfügt über das größte Reitwegenetz Europas – optimal für eine moderne Zugpferdelogistik. Jedes Dorf ist über Sandwege zu erreichen. Ein gutes Beispiel für lokale Pferdewirtschaft ist die Insel Juist, die seit einiger Zeit erfolgreich mit Arbeitspferden bewirtschaftet wird, die den gesamten Personen- und Gütertransport bewerkstelligen. Die Juister Müllabfuhr hat ihre Wagen für den Pferdezug umbauen lassen. Juist ist 15 km lang und etwa 7 km breit, und es sind etwa 30 Pferdegespanne im Einsatz, verteilt auf vier bis fünf Fuhrbetriebe. Ausgestattet mit moderner Kommunikationstechnik verläuft der Transport reibungslos.
Seit etwa zehn bis fünfzehn Jahren nimmt der Einsatz von Zugpferden auch in den westlichen Industrie-ländern wieder zu. Die Gründe sind vielfältig: Bodenschonendes Arbeiten, Freude an der Arbeit, Ergänzung der Pferdezucht und Ausbildung von Pferden, Suche nach kostengünstigen Lösungen, Einsparung fossiler Rohstoffe usw. Es werden wieder moderne Ackergeräte für Pferde entwickelt, was seit den 50er-Jahren durch die Motorisierung der Landwirtschaft zurückgedrängt wurde. Die religiöse Volksgruppe Amish in den USA hat sich davon nie beeindrucken lassen. Sie fahren mittlerweile mit zwölfspännigen Pferde-Maschinen-Einheiten über ihre Äcker. Immer noch werden 60–70% der Landwirtschaft der Welt mit Zugtieren durchgeführt.
Robin Schnell kommt in seiner Diplomarbeit zu dem Schluss, dass eine teilweise Umstellung der Landwirtschaft des Rheinlands auf den Betrieb mit fünf Pferden pro 100 Hektar kombiniert mit Schleppertechnologie eine jährliche Einsparung von 8 Millionen Litern Öl bringen würde. Zusätzlich würden über 13000 Arbeitskräfte benötigt. Diese Zahlen machen das ökologische und soziale Potenzial des Pferdeeinsatzes deutlich. Die Infrastruktur eines Betriebs, der mit Zugpferden arbeitet, ist wesentlich preiswerter als die eines motorisierten Hofs. Die Lebensmittelpreise, die durch die Euroumstellung noch einmal drastisch gestiegen sind, beinhalten die Kosten einer energieintensiven Verarbeitung und Logistik und der aufwendigen Infrastruktur der indust-riellen Landwirtschaft.
Dennoch: Für einen vom Sozialamt und/oder Arbeitsamt lebenden Menschen sind auch die kostengünstigeren Pferdemaschinen nicht zu finanzieren. Doch immerhin sind schwieriger zu handhabende Pferde preiswert zu bekommen und müssen nicht gleich zum Schlachter gebracht werden.
Hindernisse für Existenzgründungen
Die GLS-Bank (siehe KursKontakte Nr. 125 oder www.kurskontakte.de) schreibt in ihrem „Bankspiegel“, dass es in Deutschland zuletzt ca. 1,6 Millionen Existenzgründungen pro Jahr gab. Darunter sind auch freiberufliche Anmeldungen und Nebenerwerbsbetriebe. 400000 Arbeitslose machten sich selbständig. Allerdings übersteht eine große Zahl die ersten drei Jahre nicht.
Dies zeigt, dass Bereitschaft und Initiative vieler arbeitsloser Menschen gegeben ist, es aber Hemmnisse gibt, die häufig zur baldigen Aufgabe der Selbständigkeit führen. Eine Belastung sind sicherlich die hohen Beiträge zur Krankenversicherung für Selbständige und die mangelnde Kooperationsbereitschaft der Krankenkassen, den entsprechenden Mindestbeitrag zu senken. Die Bemessungsgrundlage hierfür liegt bei 1800 Euro pro Monat, die kaum ein Kleinunternehmer erwirtschaftet. Auch die Solidargemeinschaft „Artabana“ (KursKontakte Nr. 132) hat hierauf noch keine Antwort gefunden, weil sie die ärztliche Grundversorgung nicht garantiert. Die meisten Mitglieder von Artabana sind krankenversichert und betrachten Artabana als „Zusatzversicherung“.
Zudem werden ExistenzgründerInnen unzureichend gefördert. Zwar können sie über die so genannte „Ich-AG“ im ersten Jahr monatlich 600 Euro, im zweiten 360 und im dritten 240 Euro bekommen, wovon aber Kranken- und Rentenversicherung gezahlt werden müssen, was zusammen mindestens 400 Euro im Monat ausmacht. Bei diesen Zahlen wird eine Bank keine Gegenfinanzierung leisten. Diese Lücke versucht die GLS-Bank mit dem so genannten Microlending zu füllen. Hierbei werden an ExistenzgründerInnen ohne Sicherheiten und Eigenkapital Kredite unter 15000 Euro ausgereicht. Fünfhundert solcher Kredite sollen ab Herbst 2004 innerhalb von 2 Jahren vergeben werden. Das ist nicht viel, aber ein ein Anfang.
Das Potenzial der Kooperation
Ich denke, dass Kleinexistenzen bessere Überlebens-chancen haben, wenn sie sich zu kooperativen Modellen zusammenschließen. Aber auch hierfür braucht es eine Anschubfinanzierung. Für den speziellen Fall der Pferdebauern in der Altmark schwebt mir die Gründung einer GmbH vor, die finanziell so gut ausgestattet ist, dass die Anschaffung der wichtigsten Pferdemaschinen möglich ist. Diese Maschinen könnten dann von Mitgliedern und werdenden Pferdebauern ausgeliehen werden. Der „Maschinenring“ würde es Interessierten mit wenig Kapital ermöglichen, ihr eigenes Projekt anzugehen. Die zweite Funktion einer solchen Erzeugergemeinschaft wäre das Abwickeln von lukrativen Großaufträgen durch mehrere Pferdebauern. Das Rücken von 5000 Festmetern Holz ist für einen Kleinbetrieb kaum auszuführen, für 10 Pferdebauern zusammen sehr wohl. Der Erlös wird entsprechend dem Arbeitseinsatz aufgeteilt. Die Abwicklung von Verbundaufträgen könnte für viele bestehende Betriebe den Pferdeeinsatz wieder attraktiv machen. Bei meinen zahlreichen Gesprächen mit Förstern, Landesforstämtern und Ministerien kam zwar heraus, dass der Pferdeeinsatz teurer ist als der Betrieb eines motorisierten Vollernters. Viele altmärkische Förster bedauern dennoch den Rückgang des Pferdeeinsatzes in der Forstwirtschaft. Wenn die Pferdearbeit zum Preis des Maschineneinsatzes machbar wäre, würden sie verstärkt Pferderücker engagieren. Doch die Förderung der Pferderückung wird auf Ministeriumsebene wegen leerer Kassen wohl immer noch diskutiert werden, wenn in der Altmark die ersten Leute verhungern. Erzeugergemeinschaften, die mit Arbeitspferden arbeiten, müssen Absatzketten für pferdegerücktes Holz entwickeln und die Arbeitsprozesse so organisieren, dass die Pferdearbeit billiger wird. Fünfzehn Holzrücker könnten eine Kleinexistenz gründen, wenn ein großer Holzverarbeiter aus der Altmark nur 1% seines jährlichen Holzbedarfs, also 25000 Festmeter, aus Pferderückung deckte.
Meine Recherchen zeigen, dass solche Kooperativen auch für den sanften Tourismus, den Hanfanbau und die Landschaftspflege in Naturschutzgebieten sowie möglicherweise auch für den Anbau von Kartoffeln entwickelt werden können. Hanf kann zwar mit den derzeit in der Landwirtschaft gebräuchlichen Mähdreschern nicht geerntet werden, aber das dafür notwendige Doppelmessermähwerk kann auch vom modernen Pferdezug gefahren werden. Derzeit gibt es noch keine Technik, um mit Hilfe der Pferde die Samen auszudreschen, aber dies ließe sich sicherlich lösen. Für den Einstieg könnte man minderwertige Hanfsorten, von denen nur die Fasern verarbeitet werden, anbauen. Der Hanf-Vollernter mit Schlepperzug ist zwar schon entwickelt, aber nach den Dürre- und Regenjahren der vergangenen Zeit dürften kaum Kleinbauern dafür Geld haben, sondern nur landwirtschaftliche Großbetriebe, die die Kleinbetriebe weiter verdrängen werden.
Die Anschubfinanzierung für Kooperativen von Kleinbetrieben könnte durch die Förderung der „Ich-AG“ in Kombination mit Honoraren für die Strukturentwicklung durch die Erzeugergemeinschaft geleistet werden. Ein weiterer Vorteil einer Kooperative liegt in der gemeinschaftlichen Heuernte. Kleinbetriebe müssen ihr Winterheu in aller Regel kaufen, auch wenn sie selbst über Grünland verfügen. Es fehlt meist an der technischen Ausstattung. Die gemeinschaftliche Kulturentwicklung hat große Effizienzvorteile. Und nach getaner Arbeit können auch gemeinschaftliche Feste gefeiert werden. Zudem können sich Handwerker, Künstler und Heiler mit Pferdebauern zusammen Höfe zulegen und sich gegenseitig in ihrer Existenz unterstützen.
Ideen und Kapital zusammenbringen
Die Interessenten für eine Erzeugergemeinschaft, die es derzeit in der Altmark gibt, (besser gesagt, die ich kenne), sind finanziell nicht in der Lage, die Grundausstattung für eine Erzeugergemeinschaft, also Arbeitspferde und Honorare für Strukturentwicklung aufzubringen. Es gibt zwar auch interessierte Züchter von Arbeitspferden, die mit einem Gespann in eine solche GmbH einsteigen würden, aber finanzielle Reserven hat kaum jemand. Seit nunmehr drei Jahren versuche ich, Fördermittel und bei Banken und kapitalkräftigen Personen Gelder für diese Form des Wirtschaftens aufzutreiben. Hinderlich sind die bürokratische Vergabe von Fördermitteln, die in aller Regel nur an kapitalkräftige Personen und Institutionen ausgereicht werden, aber auch die häufigen Vorurteile gegenüber „Arbeitslosen“, die man lieber in der Opferrolle belassen möchte. Bereitwillige „Arbeitslose“ als aktive Mitgestalter eines human-ökologischen Prozesses zu betrachten und mit interessierten Kapitalgebern an einen Tisch zu bringen, um neue Entwicklungswege zu steuern und zu gehen, wäre ein großer Fortschritt. Wer auf die Politik hofft, hofft aus meiner Sicht vergebens, nur Eigeninitiative führt uns weiter. Wenn Zufall und Bereitschaft die richtigen Menschen zusammenbringen, ist auch hier eine glückliche Entwicklung möglich. ´
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