Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Andere Welten gibt es schon!

Artikel: Akupunktur in neuem Licht

Artikel: Nur Freiheit hat Zukunft

Artikel: Wachstum in Weisheit

Artikel: Warum nicht einfach das tun, was du wirklich willst? Und warum nicht sofort damit anfangen?


Über uns
Impressum
Gemeinschaften als zukunftweisende Lebensform?
erschienen in Ausgabe 134  PDF-Version (596.01 KB)
Peter Dangelmayer stellt die Ergebnisse einer empirischen Studie vor

Erstmals wurde in einer wissenschaftlichen Studie der Universität Kassel in Kooperation mit der Kommune Niederkaufungen erforscht, worin tatsächlich die Vorteile einer gemeinschaftlichen Lebensweise für die Umwelt und die soziale und ökonomische Lebensqualität liegen. Das von Peter Dangelmayer vorgestellte Ergebnis ist ermutigend und gleichzeitig eine Herausforderung zu weitergehenden Konsequenzen. Denn von wirklicher Nachhaltigkeit sind selbst Gemeinschaftsprojekte noch weit entfernt.

Es gibt eine ganze Reihe von Studien, die eine Reduktion des Ressourcenverbrauchs in den Industriestaaten um 80–90% fordern, damit global nachhaltig und zukunftsfähig gelebt und gewirtschaftet werden kann. Nur ein Teil dieser Reduktion kann über technisch effizientere Nutzung von Ressourcen erreicht werden. Darüber hinaus sind alle gefordert, ihre Gewohnheiten und Ansprüche zu hinterfragen, um die Umweltbelastungen weiter zu reduzieren und ein friedliches, solidarisches Leben auf lokaler, regionaler und globaler Ebene zu ermöglichen. Nach unserer Erkenntnis versuchen Gemeinschaftsprojekte, dieser Problematik mit unterschiedlichen Mitteln und Schwerpunkten zu begegnen und so zu wirtschaften, dass die dadurch entstehende Belastung für Mensch und Umwelt möglichst gering ausfällt. Sie sind auf einem guten Weg – aber auch sie haben noch viel Entwicklungsarbeit zu leisten.
Was brauche ich wirklich, um meine Bedürfnisse- zu befriedigen? Kann ich die Konsequenzen meiner Ansprüche verantworten? Eine tiefgehende Erforschung dieser Fragen bietet die Chance, materielle Ansprüche zu reduzieren und sich auf die originären menschlichen Grundbedürfnisse zu konzentrieren. Hier wird klar, wie eng Ökologie, Ökonomie, Soziales und Kulturelles zusammenhängen, und wie wichtig es ist, alle menschlichen Ansprüche sozialökologisch zu nähren.
Im Forschungsprojekt „Gemeinschaftliche Lebens- und Wirtschaftsweisen und ihre Umweltrelevanz“, welches die Kommune Niederkaufungen in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftlichen Zentrum für Umweltsystemforschung an der Uni Kassel durchgeführt hat, wurden drei größere Lebensgemeinschaften unter die Lupe genommen: die Kommune Niederkaufungen (KNK), das Ökodorf Sieben Linden (ÖSL) und das LebensGut Pommritz (LGP). Als Vergleichswert dienten deutsche Statistikdaten sowie drei ökologisch orientierte Familien in Kaufungen.

Umweltverbrauch:
Nach dem Umweltraumkonzept hat unser Planet nur eine gewisse Regenerationsfähigkeit. Es gibt also, hier und jetzt, aber auch langfristig gesehen, eine globale Grenze der Belastbarkeit der Umwelt, die nicht überschritten werden darf, wenn auch nachfolgende Generationen die gleichen Lebenschancen vorfinden sollen wie wir heute. Da nach dem Umweltraumkonzept allen Menschen auf der Erde das gleiche Recht auf Nutzung von Umwelt und Ressourcen zugestanden wird, muss diese Belastungsgrenze durch die Anzahl aller lebenden Menschen geteilt werden. Dadurch ergibt sich die spezifische Emissionsmenge, die jeder einzelne Mensch maximal verursachen darf, um die Grundlagen für ein nachhaltiges Leben nicht zu gefährden.
Um die Ergebnisse quantifizierbar und vergleichbar zu haben, wurden in der Arbeit nur die Emissionen von Treibhausgasen mit ihrer unterschiedlichen Gewichtung betrachtet (das sogenannte CO2-Äquivalent). Da sich die durchschnittliche Umweltbelastung ungefähr zu 70% aus den Bedarfsfeldern Wohnen, Ernährung und Mobilität zusammensetzt, wurden diese genauer untersucht. Konkret wurden die Treibhausgasemissionen mit Prozessketten berechnet, die alle Emissionen auf dem Weg eines Produkts berücksichtigen, also von der Rohstoffgewinnung bis zur Entsorgung.
Aus der ersten Grafik ist zu erkennen, dass die Emissionen des deutschen Durchschnittshaushalts in diesen drei Bereichen um das Sechsfache über dem Nachhaltigkeitsniveau liegen (Soll-Linie; errechnet aus dem Umweltraumkonzept). Die Öko-Familien erzeugen deutlich geringere Emissionen – und zwei der drei Gemeinschaften liegen in ihrem Umweltverbrauch noch deutlich unter dem der Familien, wobei das Haupt-Einsparpotenzial im Bereich Wohnen liegt. Aber auch in den Gemeinschaften muss noch einiges passieren, wenn sie den Anspruch haben, sich auf ein Nachhaltigkeitsniveau hinzubewegen.
Im Bedarfsfeld „Wohnen“ zeigt sich ein massiver Unterschied zwischen KNK und ÖSL auf der einen Seite und dem BRD-Durchschnitt auf der anderen Seite. Die wichtigsten Faktoren hierfür sind Gebäudezustand, Art der Heizung und Stromverbrauch. Die beiden Gemeinschaften leben in gut wärmegedämmten Niedrigenergiehäusern, betreiben Heizung und Brauchwassererwärmung vorwiegend mit regenerativen Energien und haben einen stark reduzierten Verbrauch an elektrischem Strom, welcher zudem von Ökostromanbietern bezogen wird. Aus dem Rahmen fällt hier das LGP, wo die massiven Gebäude weitgehend in ihrem Originalzustand belassen sind und zum Teil mit einem alten Kohlekessel beheizt werden.
Das Bedarfsfeld „Ernährung“ erhält durch den globalen Handel mit Lebensmitteln und den hohen Düngereinsatz in Monokulturen eine hohe Umweltrelevanz. Durch biologische Anbauweise sind die Emissionen im Vergleich zu konventioneller Anbauweise etwa um 25% geringer. Je nach Art des Produkts kann der Transportanteil von Lebensmitteln durchaus 5–40% der Umweltbelastung ausmachen. Besonders bei Frischware vermeidet der Erwerb regionaler Produkte oder, noch besser, der eigene Anbau einen erheblichen Teil der Emissionen. Der Löwenanteil der klimarelevanten Emissionen entsteht allerdings durch den Verzehr von Milch- und Fleischprodukten. In der zweiten Grafik sind die Auswirkungen unterschiedlicher Ernährungsweisen dargestellt. Im Bundesdurchschnitt leben wenige Menschen vegetarisch und noch weniger vegan (völlig ohne tierische Produkte). Dadurch ist der Anteil an Fleisch und Molkereiprodukten sehr hoch. In den Gemeinschaften wird in der Verpflegung wesentlich weniger Fleisch angeboten. Ein ansehnlicher Teil der Mitglieder ernährt sich vegetarisch bzw. vegan. Im ÖSL ist der Anteil an veganer Ernährung besonders hoch. Fleisch spielt dabei eine fast vernachlässigbare Rolle, und auch der Konsum von Molkereiprodukten stellt sich deutlich geringer dar.
Im Bedarfsfeld „Mobilität“ sind die zurückgelegten Kilometer pro Mensch in den Gemeinschaften sogar noch höher als im Bundesdurchschnitt. Dies liegt zum einen an der Altersstruktur. Die mobileren Altersklassen zwischen 20 und 50 Jahren sind dort überdurchschnittlich vertreten, während alte, weniger mobile Menschen eher selten sind. Zum anderen unterhalten die Gemeinschaften vielfältige Beziehungen in der gesamten Republik und darüber hinaus. Persönliche Reisen sowie Vernetzungsaktivitäten zwischen den Gemeinschaften fordern hier ihren Tribut. In der Wahl der Verkehrsmittel (kaum Flugreisen, häufige Nutzung öffentlicher Verkehrsmittel) und durch „saubere“ Energieträger im PKW (Erdgas, Rapsöl) sowie durch gemeinschaftliche Nutzung des Fuhrparks und eine höhere Belegungsquote liegen die verursachten Emissionen in den Gemeinschaften jedoch nur halb so hoch wie im Bundesvergleich. Die höchsten Einsparungen lassen sich natürlich durch Mobilitätsvermeidung erzielen.

Regionalwirtschaftliche Aspekte
Alle drei Gemeinschaften praktizieren im Ernährungsbereich einen relativ hohen Anteil an Selbstversorgung nach biologischen Gesichtspunkten. Durch den Direktverzehr sowie die Veredelung und Konservierung eigener frischer Nahrungsmittel fallen die dadurch ausgelösten Prozessketten wesentlich umweltfreundlicher aus. Beim Zukauf von Lebensmitteln wurden die regio-nalen Beziehungen der KNK näher unter die Lupe genommen. Durch den Aufbau eines Versorgungsnetzes kann fast der komplette Großhaushalt mit biologisch angebauten Produkten beliefert werden. Eine Lieferantenbefragung zeigte, dass der Großkunde „Kommune“ für sie ein kontinuierlicher, verlässlicher und freundschaftlicher Partner ist.

Soziale und ökonomische Nachhaltigkeit
Die Betrachtung einer Lebensweise lediglich nach ökologischen Gesichtspunkten wäre einseitig und unvollständig. Deshalb wurde parallel zur Umweltbelastung durch Konsumverhalten auch die ökonomische und soziale Situation unterschiedlicher Lebenszusammenhänge untersucht. Die Großhaushalte der Lebensgemeinschaften wurden den hierzulande üblichen kleinfamiliären Haushalten bzw. Singlehaushalten entgegengestellt. Das dafür verwendete Bewertungsverfahren nennt sich „Orientorenansatz“ und beurteilt die Lebenssituation anhand der sechs Orientoren „aktuelle Existenzbedingungen, langfristige Sicherheit, Handlungsfreiheit, Wandlungsfähigkeit, Effizienz und Ko-existenz“.
Es wird davon ausgegangen, dass sich mit diesen sechs Orientoren die Lebensqualität unter Gesichtspunkten der Nachhaltigkeit abbilden lässt. Die Bewertung jedes einzelnen Orientors ergibt sich aus der Betrachtung von jeweils fünf bis acht dafür relevanten Einzelkriterien, wie z.B. „materielle Sicherheiten, soziale Kompetenzen, gesellschaftliches Engagement, Kooperationsbereitschaft, Flexibilität sowie Zufriedenheit mit verschiedenen Lebensaspekten“. Das Gesamtergebnis ist grafisch im Orientorenstern dargestellt. Auf der Skala bedeutet 0 die Minimalbewertung und 4 die Maximalbewertung im Sinn von Nachhaltigkeit. Es zeigt sich, dass die Gemeinschaften auch nach diesen Kriterien den Nachhaltigkeitsansprüchen wesentlich näher sind als Kleinhaushalte. Da in der Bewertung durch das Forschungsteam objektive Kriterien mit subjektiven Betrachtungsweisen vermischt sind, kann hier allerdings kein Anspruch auf Objektivität erhoben werden.

Die weitere Entwicklung
Um innerhalb der Gemeinschaftsszene einen Austausch zum Thema „nachhaltiger leben“ zu initiieren, wurden vom Forschungsteam größere Gemeinschaften mit unterschiedlicher Orientierung (christlich, anthroposophisch, Kommunen, Ökodörfer etc,) zu einer Tagung eingeladen. Das Interesse am Thema und an einem Austausch untereinander war dermaßen groß, dass sich die Gruppe von 20 Menschen aus 10 Projekten zu weiteren vierteljährlichen Tagungen verabredete, die reih-um in den beteiligten Gemeinschaften stattfinden. Das Thema „nachhaltiges Leben“ spielt in allen beteiligten Gemeinschaften eine zunehmende Rolle. Eine Lebensweise zu entwickeln, die gängige gesellschaftliche Werte in Frage stellt und durch eine eigene Wertvorstellung ersetzt, ist eine Herausforderung für die Gemeinschaften – und wird es in Zukunft auch für die gesamte Gesellschaft sein.
Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Gemeinschaften, wie sie im Vorhaben untersucht wurden, in zweierlei Hinsicht als Modelle für nachhaltigeres Leben angesehen werden können: Zum einen im Sinn eines konkreten Beispiels dafür, wie Lebensverhältnisse gestaltet werden können, zum anderen im perspekti-vischen Sinn, was an gesellschaftlichen Veränderungen in Gang gebracht werden sollte. Das Pionier--Potenzial der Gemeinschaften, also ihre Voraussicht und ihre Bereitschaft zu handeln, ist eine der wichtigsten Startbedingungen sozialen Wandels. So können Gemeinschaften als „Augenöffner“, Innovatoren und Initiatoren auftreten. Doch politisches Potenzial erhalten sie erst dann, wenn sie sich gemeinsam gesellschaftlich engagieren. ´

Der Artikel stammt aus dem gerade neu erschienenen eurotopia-Buch „Gemeinschaften und Ökodörfer in Europa“, das neben weiteren thematischen Artikeln insgesamt 617 Adressen inklusive 348 Selbstdarstellungen von Gemeinschaften enthält.

  Autoren

Dangelmeyer, Peter

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de