Jonathan Dawson berichtet über die beispielhafte Arbeit des Global Ecovillage Network (GEN)
Nachhaltigkeit bedeutet in Entwicklungsländern den schonenden Umgang mit knappen natürlichen und finanziellen Ressourcen. Einfache naturnahe Techniken und basisnahe gemeinschaftliche Lösungen können auf einer reichen kulturellen Tradition afrikanischer Dörfer aufbauen. Jonathan Dawson erzählt von einer Erneuerungsbewegung, die sich im Senegal immer weiter auszubreitet.
Ndike Diop lehnt es höflich ab, die Zweitfrau zu akzeptieren, die ihm eine Frau aus dem Ökodorf Ngaparou anzubieten versucht. Doch laut ihrem Permakultur-Trainer Khaly Mbengue aus dem Ökodorf Yoff handelte es sich nur um einen Scherz als Teil einer Abschlussparty des zweiwöchigen Trainings von Vertretern aus 16 Ökodörfern des senegalesischen Zweigs von Global Ecovillage Network (GEN). Jeden Tag nach einer morgendlichen theoretischen Einführung hatten die Teilnehmer den Nachmittag damit verbracht, den ersten Permakulturgarten von Ngaparou zu entwerfen und anzulegen. Jeden Nachmittag lehrte und leitete Ndike, gleichzeitig Farmer und ein talentierter Folksänger, die Gruppe während der Arbeit im Singen traditioneller Lieder der Landarbeiter an und später dann auch bei den Feierabend-Liedern, während sie ihre Werkzeuge einpackten und er sie singend zu ihren Gastfamilien nach Hause führte. Das Tanzen und Trommeln auf Küchenmörsern, Kochtöpfen und Wasserbehältern setzte dann spät in der Nacht ein Revival der verschwindenden Kunst des improvisierten Lobgesangs frei. In seiner traditionellen Form werden dabei Lobpreisungen und Erinnerungen zu überlieferten Melodien ihrer jeweiligen Heimatregion improvisiert und von allen anderen im Kreis erwidert – anerkennend, humorvoll oder traurig über den Abschied und hoffnungsfroh auf ein baldiges Wiedersehen.
Nach dem Training haben bereits neun der in Ngaparou teilnehmenden Ökodörfer ihre eigenen Permakulturgärten verwirklicht, andere haben noch mit Wasserproblemen während der Dürreperiode zu kämpfen.
Tradition statt Tourismus
Auf den ersten Blick scheint sich Ngaparou kaum von den anderen kleinen Fischerdörfern an der Petite Cote zu unterscheiden, die sich südlich von der Hauptstadt Dakar an der Küste erstreckt. Hölzerne Pirogen (die typischen langen, dünnen aus einem Baumstamm geschnittenen Fischerboote) säumen den Strand, Kinder spielen Fußball und der Duft von gebratenem Fisch weht von den Kiosken. Dann fällt einem langsam das Fehlen von weißen Gesichtern und Touristenhotels auf, die sonst überall im Norden und Süden das Gesicht der Dörfer bestimmen. Wenn man auf den sandigen Straßen weitergeht, entdeckt man, dass das größte Gebäude im Dorf keine touristische Einrichtung, sondern das einer Nichtregierungsorganisation (NGO) namens SOS Environment ist. In diesem Teil der Welt ist das tatsächlich eine Neuigkeit. Und es steht eine interessante Geschichte dahinter.
Die Ältesten von Ngaparou haben die Auswirkungen des Massentourismus auf benachbarte Dörfer erlebt. Sie sahen die Entstehung von Prostitution, sexuellem Missbrauch von Kindern, den fortschreitenden Verlust kultureller Selbstachtung und des Respekts vor traditionellen Werten und Strukturen. So trafen sie die mutige Entscheidung, den Touristendollar abzulehnen und sich stattdessen auf die eigenen Ressourcen und die eigene Kreativität zu besinnen. Sie nahmen Kontakt zu einem Einheimischen auf, der in einer NGO in Dakar arbeitete, und so konnte nach und nach die Verbindung zu GEN Senegal aufgebaut werden.
Heute ist Ngaparou eine von 20 Gemeinden in ganz Senegal, die mit ihrer Mitgliedschaft in GEN Senegal als Ökodorf anerkannt ist. Weitere 20 Kandidaten in verschiedenen Entwicklungsstufen warten zur Zeit noch auf ihre Anerkennung. Ngaparou ist somit in eine Gemeinschaft gegenseitiger Hilfe eingebunden, die nicht nur die 20 existierenden Ökodörfer umfasst, sondern auch verschiedene spezialisierte NGOs und eine internationale Bildungsorganisation mit dem Schwerpunkt des „Living and Learning Center“ in Yoff, einer kleinen Stadt am Rande von Dakar.
Doch lassen wir die Geschichte sich in ihrem eigenen gemächlichen Tempo entfalten: Auf einer großen internationalen Konferenz über Ökodörfer, die 1996 im Senegal stattfand, begann der Samen der Idee innerhalb einer kleinen Gruppe von NGOs aus Dakar zu keimen. Sie waren mit der fachspezifisch begrenzten Art ihrer Arbeit unzufrieden: Die eine war auf Wassermanagement spezialisiert, die nächste auf Wiederaufforstung, eine andere auf Mangroven-Rettung, wieder eine andere auf erneuerbare Energien, auf Gesundheitsfürsorge und so weiter. Sie verstanden, dass die Dorfbewohner, mit denen sie arbeiteten, diese Fachgrenzen in ihrem täglichen Leben nicht kannten. Und sie verstanden auch, dass im Herzen des Entwicklungsprozesses, der ihrer wissenschaftlichen Herangehensweise unbekannt war, die traditionellen Werte und Kulturen lagen, die dem Ganzen Rahmen und Bedeutung gaben. Das Ökodorf-Modell, das sie auf der Konferenz 1996 vorgestellt bekamen, schien für beide Schwächen eine Lösung zu bieten. Und so kam es, dass Ökodörfer innerhalb von GEN Senegal zusammenarbeiten, um wie eine Spinne die verschiedenen Stränge zu einem ganzheitlichen Netz einer wirklich humanen Entwicklung auf Gemeindebasis zu verknüpfen.
Wie sieht diese Arbeit nun in der Praxis aus? Bis jetzt haben die Fachleute der NGOs zusammen mit GEN Senegal Ausbildungskurse für Mitgliedsdörfer in permakultureller Gärtnerei und Wiederaufforstung durchgeführt. Ein dritter Kurs über Öko-Tourismus fand im März 2004 statt. Für jeden der spezifischen Basisbereiche sind weitere Kurse geplant, die jedoch immer sorgfältig den Bedürfnissen der Gemeinden in den jeweiligen Regionen des Landes angepasst werden. Vertreter aller Mitgliedsdörfer werden zu jedem Trainingsprogramm eingeladen. Sie finden jeweils in einem Ökodorf statt, und die Teilnehmer werden in den Gastwohnungen von Gemeindemitgliedern untergebracht. Dies geschieht sowohl, um die Kosten zu senken, als auch um die gefühlsmäßigen Beziehungen zwischen den verschiedenen Gemeinden zu stärken. Die Kursteilnehmer werden durch einen umfassenden Prozess geführt, der zum Beispiel die Anlage eines Permakultur-Gartens und die Entwicklung eigener Fähigkeiten als Trainer beinhaltet. Wenn sie dann in ihre eigenen Dörfer zurückkehren, können sie ihr erworbenes Wissen anderen Gemeindemitgliedern oder sogar Nachbargemeinden weitervermitteln. Dies ist ein kostengünstiger, breit angelegter Transfer neuer Fähigkeiten und Techniken, der fest in der afrikanischen Ethik von Gastfreundschaft und Großzügigkeit verankert ist. Das ist „kulturelle Permakultur“ in Aktion – anders als so häufig in sogenannter „Entwicklungsarbeit“ wird hier nicht gegen, sondern mit den traditionellen Wegen gearbeitet.
Diese Methode des Wissenstransfers beinhaltet auch den Aufbau von „Modelldörfern“, das sind voll gestaltete Ökodörfer, die im Lauf von mehreren Kursen eine umfassende Infrastruktur der Energiegewinnung, der Nahrungsproduktion und -verarbeitung, der Wasserversorgung und der Gesundheitsfürsorge entwickelt haben. Und das ist in der Tat die Langzeitstrategie von GEN.
Zur Zeit sind vier Ökodörfer als solche anerkannt, eines in jeder Region. Sie funktionieren als kleine Bildungszentren, die gemeinschaftliche Forschung, Ausbildung und beispielhafte Projekte betreiben. Sie bilden damit reichhaltige Ressourcen, die für GEN und andere Entwicklungsorganisationen bei ihrem Versuch nützlich sind, die neuen nachhaltigen Innovationen und Technologien zu verbreiten. Sie sind ganzheitliche Modelle dafür, wie Nachhaltigkeit in all ihren Facetten – kulturell, spirituell, ökologisch und ökonomisch – aussehen könnte.
Living Routes: Nachhaltige Bildung international
Der andere Schwerpunkt von GEN Senegal sind internationale Bildungsprogramme, die im „Living and Learning Centre“ in Yoff koordiniert werden.
Eine der Teilnehmerinnen der Konferenz von 1996 war Marian Zeitlin, eine Professorin für Ernährungswissenschaften der Universität Boston. Sie verliebte sich in den Senegal, blieb und knüpfte die Verbindungen von GEN Senegal mit Bildungsträgern in Europa und den USA. Über 200 Studenten von dort kamen seither zu Studienaufenthalten von GEN Senegal. Eine wachsende Zahl von ihnen sind höhere Semester von amerikanischen Universitäten, denen das Programm von „Living Routes“ ermöglicht, in Ökodörfern in Indien, Schottland, den USA und jetzt auch im Senegal zu studieren.
Bevor die Studenten in den Senegal kommen, entwickeln sie in Zusammenarbeit mit ihrem jeweiligen senegalesischen Partnerstudenten ein gemeinsames Forschungsprojekt. Die Gebühren, die die auswärtigen Studenten entrichten, decken dabei sowohl ihre eigenen Kosten als auch die ihrer Partnerstudenten. Während ihres Forschungsaufenthalts besuchen die Studenten auch die senegalesischen Ökodörfer. Bei ihrem jüngsten Besuch waren fünf Ökodörfer einbezogen, in denen die spezifischen lokalen Themen der Landnutzung, der Bekämpfung der Blutarmut und der Verbesserung der Geburtshilfe erforscht wurden.
Respektvoller Kontakt der Kulturen
Ohne selbst solch eine Reise mitgemacht zu haben, ist es schwer vorstellbar, wie wichtig die Erlebnisse für alle Beteiligten sind. Für die Dorfbewohner, deren Kontakt zu Weißen bisher nur über den Massentourismus zustande kam, bietet dieses Programm die Möglichkeit zu direktem und intimem Kontakt mit dankbaren und respektvollen Gästen, mit denen sie während des Aufenthalts auch ihr Zuhause teilen. Die Wertschätzung ihres kulturellen Reichtums und ihrer Großzügigkeit als besondere Qualitäten des ländlichen Afrika steht dabei im scharfen Gegensatz zur gewohnten Ablehnung aller traditionellen und ländlichen Werte in den Medien und im kulturellen Mainstream.
Zudem fließt noch Geld in die Dörfer, werden die Forschungen den Bedürfnissen der Menschen angepasst, erhalten die auswärtigen Studenten einmalige Lebenserfahrungen und gewinnen ihre senegalesischen Partnerstudenten unschätzbare Einblicke in die akademische Welt und neue Freunde rund um den Globus.
Das von der „Spinne“ GEN Senegal gewebte Netz ist differenziert und fein. Es bringt Synergien in den Kontext von Entwicklungsarbeit, die es bisher nicht gab: Zum einen die Wiederentdeckung der zentralen Rolle von kulturellem und spirituellem Selbstvertrauen und Integrität innerhalb des Entwicklungsprozesses, aber auch die Hinwendung zu einer ganzheitlichen, fachübergreifenden Herangehensweise der Gemeindearbeit. Außerdem wird damit ein Bildungsmodell gefördert, das wirklich den Menschen nützt und zu einer authentischen, hilfreichen und respektvollen Begegnung der Kulturen beiträgt. Das ist die Ökodorf-Bewegung in ihrer besten Form: die fruchtbaren Schnittmengen zwischen Nord und Süd, Umwelt und Entwicklung, Bildung und Aktion, spiritueller und natürlicher Ökologie erkundend und nutzend. Entlang der Petite Côte kehren die Mangrovenwälder zurück, entstehen unzählige Gemeindeinitiativen für Wiederaufforstung, und Permakulturgärten sprießen aus dem Boden. Es gibt konkrete Pläne für die Förderung des Öko-Tourismus und für Patenschaften zwischen senegalesischen und ausländischen Ökodörfern.
Das alles sind greifbare Alternativen zum Massentourismus an der Petite Côte. Sie bestätigen das Dorf Ngaparou und andere in ihrer Entscheidung, den Touristendollar abzulehnen. Sie bieten den Gemeinden die Möglichkeit, ihr Schicksal wieder in die Hand zu nehmen, indem sie vergangene Traditionen in die Zukunft integrieren – auch wenn sie ihre neu gewonnenen Freunde nicht mehr mit Zweitfrauen beschenken werden. ´
Dieser Artikel erschien erstmals im permaculture-magazine. Übersetzung: eurotopia-Redaktion
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