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Geraubtes Leben
erschienen in Ausgabe 135  PDF-Version (163.78 KB)
Der kanadische Landwirt Percy Schmeiser kämpft gegen die globale Verseuchung des Saatguts durch die Gentechnikfirma Monsanto.

Im Mai dieses Jahres ist das Urteil im Prozess von Percy Schmeiser gegen den Saatgut-Konzern Monsanto ergangen. Schmeiser hatte in zwei Instanzen ver-loren – ihm drohten massive Schadens-ersatzzahlungen und Gerichts-kosten. Der oberste Gerichtshof hat ihn von diesen Zahlungen jetzt befreit, er muss „nur“ seine eigenen Gerichtskosten zahlen. Die grundsätzliche Frage, wer für die unkon-trollierte Verbreitung von Gen-Saat zu haften hat, blieb allerdings ungeklärt. Der folgende Text ist eine Mitschrift aus einem Vortrag, den Percy Schmeiser im Jahr 2003 auf der Bioneers-Conference in San Rafael, Kalifornien, gehalten hat.

Ich bin ein Saatgutzüchter aus West-Kanada. Meine Frau und ich züchten hier seit 1947 eine Rapssorte, die gegen Krankheiten widerstandsfähig ist, die in den Prärien vorkommen. Außerdem bin ich ein Saatgutschützer wie hunderttausende Bauern auf dieser Welt, die ihr Saatgut Jahr für Jahr bewahren, um weiter säen und ernten zu können. Darüber hinaus war ich auch über ein Vierteljahrhundert lang Bürgermeister unserer Kommune. Als Regierungsmitglied habe ich mich immer für die Interessen der Farmer eingesetzt.
Im Jahr 1998 verklagte mich die Firma -Monsanto ohne Vorwarnung. Man behauptete, ich verletze ihr Patentrecht, indem ich ohne Genehmigung ihren genetisch veränderten Raps anbauen würde. Für mich und meine Frau war das ein echter Schock, da wir noch nie mit Monsanto zu tun hatten. Unsere eigentliche -Sorge aber galt unserem reinen Saatgut, das nach einem halben Jahrhundert Forschungsarbeit verseucht sein könnte. Wir boten Monsanto die Stirn und argumentierten, dass der Konzern für die Zerstörung fremden Eigentums verantwortlich sei, falls es in unserer Ernte genmanipulierte Planzen geben sollte.

Die ersten Urteile
Es dauerte zwei Jahre, bis dieser Fall zur Hauptverhandlung kam. Sie fand vor dem Bundesgerichtshof Kanadas statt – in Anwesenheit eines Richters, aber ohne Jury. Ich hatte in dieser Sache keine Wahl. In der zwei Jahre dauernden Vorverhandlung widerrief Monsanto zwar den Vorwurf, dass ich ihr Getreide illegal angebaut habe. Da man aber genmanipulierte Rapspflanzen in den Gräben am Rande meiner Felder gefunden hatte, hieß es, ich hätte dennoch ihr Patent verletzt. Auf dieser Grundlage gelangte der Fall an den kanadischen Bundesgerichtshof. Dessen Richter urteilte wie folgt: Es sei nicht von Bedeutung, wie die genmanipulierten Pflanzen auf die Felder eines Bauern oder in sein Saatgut gelangen. (Er beschrieb auch, wie das passieren könnte: Durch die Verbreitung der Saat durch Vögel, den starken Wind der Prärie, durch fließendes Wasser oder Fremdbestäubung.) Die Pflanzen bleiben immer Eigentum von Monsanto, selbst wenn sie unbeabsichtigt auf den Feldern eines konventionellen oder ökologisch arbeitenden Farmers auftauchen. Der Richter ordnete außerdem an, dass wir aufgrund der Vermischung unseres Saatguts mit Monsanto-Genen unsere Saaten, die wir über 50 Jahre hinweg entwickelt hatten, nicht mehr nutzen dürfen und dass sie von nun an Monsanto gehören. Man kann sich vorstellen, wie wir uns fühlten, als wir die Früchte von einem halben Jahrhundert Forschungsarbeit verloren. Ich musste sogar den Gewinn durch meine Rapsernte des Jahres 1998 an Monsanto abtreten.
Ich hatte von meinen Rapsfeldern Proben genommen und schickte sie an die Universität von Manitoba, wo zwei Wissenschaftler sie auf ihre Reinheit untersuchten. Man fand heraus, dass zwei unserer Felder nicht genetisch verseucht waren. Einige Felder waren zu 1%, 2% oder 8% verunreinigt, und die Pflanzen in den Gräben entlang einem meiner Felder waren zu 60% verseucht. Der Richter entschied aber, dass auch der Gewinn aus der Ernte von meinen nicht kontaminierten Feldern an Monsanto gezahlt werden müsse, da eine gewisse Wahrscheinlichkeit bestand, dass auch diese Saat von Monsantos genmanipuliertem Raps beeinflusst sein könne. Wir wandten uns sofort an das Berufungsgericht, das immerhin schon drei Richter hatte, aber wieder keine Jury. Nach einem Jahr bestätigte auch dieses Gericht das Urteil des ersten Richters, stimmte aber nicht allen Entscheidungen zu.Wir waren der Ansicht, dass Monsantos Klage deshalb zurückgewiesen werden müsse, aber das geschah nicht. Nach der zweiten Gerichtsentscheidung im Jahr 2002 legten wir beim Obersten Gerichtshof Kanadas Berufung ein. Dies dauerte etwa ein Jahr und kostete uns eine Menge Geld, denn Monsanto versuchte mit allen juristischen Winkelzügen zu verhindern, dass der Fall weiter verhandelt würde. Das Oberste Gericht entschied dennoch für die Revision.
Die Verhandlungen vor dem Obersten Gericht von Kanada begannen im Januar des Jahres 2004. Damals war noch immer kein Zeitplan für den Fortgang des Verfahrens festgelegt. Wir gingen davon aus, dass in dieser Angelegenheit sicherlich noch einige Entscheidungen fallen würden, die sich generell mit der Patentierung von Lebewesen beschäftigten.
Bei der ursprünglichen Gerichtsverhandlung erklärte Monsanto, dass sie mit dem Einfügen eines Gens in einen Samen einen neuen Samen „erfunden“ hätten. Wenn dieser zu einer Pflanze heranwüchse, hätten sie demnach eine neue Pflanze „erfunden“. Der Oberste Gerichtshof Kanadas muss also über folgende Frage entscheiden: Wenn man ein Gen in Saatgut, eine Pflanze oder irgendeine andere Lebensform, egal ob Vogel, Fisch oder einen Menschen einfügt, hat dann das verantwortliche Unternehmen das entstandene Lebewesen „erfunden“? Kann man einen Menschen „erfinden“?
Es geht nicht nur um das Recht der Farmer, ihr Saatgut Jahr für Jahr zu nutzen, sondern um das Recht, Gene zu kontrollieren und zu besitzen – samt den Menschen, Tieren, Vögeln, Bienen usw., die diese Gene in sich tragen. Grundsätzlich gibt es dazu bereits eine Entscheidung des Obersten Gerichts: In Kanada können höhere Lebensformen einschließlich Saatgut und Pflanzen nicht patentiert werden.

Menschenrechte werden beschnitten
Wirklich besorgniserregend ist, wie wir unsere Rechte und unsere Freiheit in einem Land verlieren können, von dem wir dachten, es garantiere uns Rede- und Meinungsfreiheit. Mir liegt ein Vertrag mit Monsanto vor – in meinen Augen einer der widerwärtigsten, die man sich nur ausdenken kann. Er nimmt den Farmern all ihre Rechte. Ich gebe einige Bedingungen sinngemäß wieder:
Man darf sein eigenes Saatgut nicht nutzen. Man muss jedes Jahr neue Saat kaufen. Man darf nur Chemikalien von Monsanto benutzen. Man muss für jeden Morgen 15 Dollar Lizenzgebühr pro Jahr zahlen. Falls man diesen Vertrag verletzt, muss man eine Haftungserklärung unterzeichnen, man darf die Presse nicht informieren und nicht mit Nachbarn über Monsanto sprechen. Dies verletzt die Meinungs- und Redefreiheit.
Weiterhin muss man den Sicherheitskräften von Monsanto erlauben, nach Unterzeichnung dieses Vertrags drei Jahre lang sein Land zu betreten. Auch wenn man -Monsantos Saatgut nur ein Jahr lang genutzt hat, dürfen diese Leute Getreidespeicher, Silos und Äcker kontrollieren, um festzustellen, was man anbaut oder lagert. Man muss ihnen auch die finanziellen Verhältnisse und sämtliche Unterlagen offenlegen. 2003 wurde eine weitere Klausel angefügt. Sie besagt, dass man gegen Monsanto nicht gerichtlich vorgehen darf, aus welchem Grund auch immer.
Ein jeder muss von den wahren Auswirkungen der Einführung von genmanipulierten Organismen erfahren und davon, wie die verantwortlichen Firmen Menschen ihrer Rechte berauben. Auch Monsantos Werbung ist fragwürdig. Darin wird dazu aufgefordert, Monsanto zu informieren, falls der Verdacht besteht, dass ein Nachbar „illegal“ Monsantos Raps oder Sojabohnen anbaut. Der Informant bekommt von -Monsanto als Belohnung eine Lederjacke. Und was passiert, wenn Monsanto einen solchen Tip bekommt? Sie schicken zwei ihrer Sicherheitsleute zu diesem Farmer, die ihm mit der vollen -Härte des Gesetzes drohen. Das hat auf die Gemeinschaft der Bauern einen zerstörerischen Effekt, denn natürlich versucht der betroffene Farmer herauszufinden, welcher Nachbar ihn denunziert hat. So kontrolliert Monsanto die Farmer durch ein Klima der Angst.
Angesichts der Geschäftspraktiken von Monsanto muss man sich noch ein paar andere Aspekte vor Augen führen. Ich als Farmer mit 50 Jahren Berufserfahrung weiß, dass man die Fortpflanzung von Lebewesen nicht mehr kontrollieren kann, sobald man sie in der Umwelt freigesetzt hat. Die genetische Verseuchung wird alles durchdringen. Abschirmung ist ausgeschlossen, genauso wie Koexistenz. Eine genetisch veränderte Art wird sich immer dominant fortpflanzen. Sie wird jede konventionelle oder ökologische Farm innerhalb weniger Jahre völlig verseuchen. Genetisch veränderte Rapssorten von Monsanto und zwei weiteren Unternehmen wurden 1996 eingeführt und dominierten schon nach zwei Jahren die Flora. Diese Sorten mutierten zu einem Super-Unkraut, das alle diese veränderten Gene in sich trägt und die ganze westliche Prärie überwuchert. Es breitet sich in Weizen-, Gerste- und Haferfeldern aus, und man benötigt zu seiner Bekämpfung neue, hochgiftige Chemikalien.
In Kanada können die Biobauern Sojabohnen und Raps nicht mehr zusammen anbauen, denn unser gesamtes Saatgut ist verseucht. Wir können auch keinen Raps mehr an die Europäische Union verkaufen. Wir haben auf der ganzen Welt die Absatzmärkte verloren.

Was wird noch kommen?
Doch ich denke, der größte Fluch wird erst noch über uns kommen, und zwar durch genmanipulierte Heil- und Drogenpflanzen. Es gibt sechs bedeutende Pharmaka, die zur Zeit aus genetisch veränderten Pflanzen hergestellt werden: Impfstoffe, industriell genutzte Enzyme, Blutverdünnungsmittel, Proteine zur Blutgerinnung, Wachstumshormone und Empfängnisverhütungsmittel. Was wäre, wenn jemand nach einer Operation Lebensmittel aus Pflanzen essen würde, die mit Genen zur Herstellung von Blutverdünnern verseucht sind? Oder wenn eine Schwangere etwas zu sich nimmt, das Gene einer Pflanze zur Herstellung eines Verhütungsmittels enthält? Denken Sie daran: Abschirmung und Koexistenz sind ausgeschlossen.
Welches Erbe wollen wir unseren Kindern und Enkelkindern hinterlassen? Land, Wasser und Luft – alles voller Gift? Nein, wir wollen ihnen Land, Luft und Wasser vermachen, die gesund und voller Lebenskraft sind. Ich habe besonders an die junge Generation eine Botschaft: Ihr könnt eure Rechte und eure Freiheit über Nacht verlieren und dann habt ihr keine Wahl mehr, ob ihr gesund essen möchtet oder nicht. In Kanada erlaubt das Gesetz Unternehmen, den Bauern ihre Rechte zu nehmen, einschließlich dem, unverändertes Saatgut zu pflanzen.
Meine Frau und ich sind nun über siebzig Jahre alt. Aber wir sind entschlossen, wenn nötig den Rest unseres Lebens damit zu verbringen, die Menschenrechte zu schützen. ´

Übersetzung aus dem Englischen: Human Touch

Dieser Artikel erschien zuerst in der Zeitschrift Resurgence, Ausgabe 223, März/April 2004, www.resurgence.org.

  Autoren

Schmeiser, Percy

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