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Keine Gensaat!
erschienen in Ausgabe 135  PDF-Version (198.12 KB)
Simone Böcker berichtet von der Alternativveranstaltung zur Gentechnik-Veranstaltung ABIC 2004 in Köln.

Deutschland versucht derzeit einen Spagat, den es kaum durchhalten kann. Auf der einen Seite steht die öffentliche Meinung, die sich mehrheitlich gegen die Gentechnik wendet, auf der anderen Seite sucht man „das wissenschaftliche und wirtschaftliche Potenzial der Agro-Biotech-nologie“ und holt eine Veranstaltung wie die Agricultural Biotechnology Inter-na-tional Conference ABIC nach Köln. Für die Teilnehmer dieser „AgBiotech“-Konferenz sind manche Kernelemente der europä-ischen Gesetzgebung wie die Kenn-zeich-nungs-- und Vorsorgepflicht lediglich erzwungene politische Zugeständ-nisse an eine „irrationale“ Öffentlichkeit.

Es ist so weit: „AgBiotech goes Europe“ – so lautete das Motto der Gentechnikkonferenz ABIC 2004 in Köln. Das kann durchaus als Warnung aufgefasst werden, denn immerhin trafen sich vom 12. bis 15. September die größten Agrar- und Nahrungsmittelkonzerne zum ersten Mal in Deutschland, um sich nun auch den europäischen Markt zu erschließen. Doch regt sich weltweit Widerstand. Während der Ministerpräsident von Nordrhein-Westfalen, Peer Steinbrück, bei den KongressteilnehmerInnen aus Industrie, Wissenschaft und Politik seine Aufwartung machte, richtete Umweltministerin Bärbel Höhn auf der anderen Seite des Rheins Grußworte an ein teils empörtes Publikum der Gegenveranstaltung. Gemeinsam mit der SPD hatte ihre Partei im Frühjahr noch dem kommerziellen Anbau von gentechnisch veränderten Pflanzen zugestimmt. Damit wurde das EU-Moratorium aufgehoben, das seit 1998 eine Neuzulassung von Gentech-Pflanzen verhinderte. Der Anbau von Gen-Pflanzen ist nun auch auf Deutschlands Äckern rechtlich erlaubt. Zwar gibt es Auflagen, die dies in der Praxis noch verhindern, z.B. müsste ein Anbauer von Genfood dafür haften, wenn die Pflanzen oder Produkte eines gentechnikfrei wirtschaftenden Landwirts so verunreinigt werden, dass er sie nicht mehr verkaufen kann. Der Bundesverband Deutscher Pflanzenzüchter reagierte vergrätzt: „Durch das verabschiedete Gesetz wird die Gentechnik blockiert und der Aufbau innovativer Märkte zum Nachteil der gesamten Agrarwirtschaft verhindert.“ Trotzdem erhoffen sich die Biotechnologie-Konzerne und Politiker von der neuen Gesetzgebung eine Kursänderung zu ihren Gunsten, wie etwa NRW-Wirtschaftsminister Schwartau (SPD), der auf der ABIC verkündete, sein Bundesland wolle einer der europaweit führenden Standorte der Biotechnologie werden. Er rief zu einer „sachgerechten Diskussion“ und „emotionslosen“ Abwägung auf. Solche Aussagen zeigen bereits die Strategie dieser Diskussion, nämlich die Argumente der Kritiker als unsinnige Gefühlsduselei zu diskreditieren.
Die Alternativ-Konferenz wurde u.a. von Misereor, BUND, Attac und Brot für die Welt organisiert. Bauern, Menschen- und UmweltrechtlerInnen und WissenschaftlerInnen aus Asien, Afrika und Europa kamen zu Wort, die in ihren Ländern bereits leidvolle Erfahrungen mit gentechnisch veränderten Organismen (GVO) machen mussten.
„Was hat die Gentechnik bis jetzt erreicht“, fragte Af-sar Jafri von der Research Foundation for Science, Technology and Ecology in Indien und resümierte: „Gentechnik zerstört die Artenvielfalt, ruiniert die Bauern und Bäuerinnen und versklavt sie an die multinationalen Agrarfirmen.“ 1997 entstanden dort bereits erste Versuchsfelder mit genmanipulierter Baumwolle der Firma Monsanto, „Bt Cotton“ genannt. Durch ein aggressives Marketing der Firma verbreitete sich das Saatgut in weiten Teilen Indiens. Monsanto versprach vor allem höhere Erträge der genveränderten Samen. Das Gegenteil war der Fall, erklärte Afsar Jafri: „Es gab furchtbare Ernteausfälle, wodurch sich die Bauern und Bäuerinnen hoch verschuldeten. 25000 Bauern haben sich daraufhin das Leben genommen.“ Auch andere Versprechen entpuppten sich als Lügen. So mussten die Bauern den Einsatz von Pestiziden deutlich erhöhen. Unbekannt ist außerdem bislang, inwieweit „Bt Cotton“ bereits heimische Baumwollsorten verseucht hat.
Die Bauern im Würgegriff: Das manipulierte Saatgut müssen sie jedes Jahr bei den Firmen nachkaufen, denn es lässt sich nicht wieder aussäen. „Umso wichtiger wird es, das traditionelle Saatgut zu erhalten“, so Afsar Jafri. Zusammen mit der bekannten Umweltaktivistin Vandana Shiva und Bauern und Bäuerinnen vor Ort arbeitet er daran, die Artenvielfalt für die Zukunft zu konservieren. „Golden Rice“ oder andere genmanipulierte Pflanzen, mit denen die so genannte Life Science Industry eine Wunderwaffe gegen den Welthunger propagiert, lehnen sie strikt ab. „Wir haben selber eine ungeheure Vielfalt an Reissorten, die durch den Anbau von genverändertem Reis gefährdet ist. Mit Gentechnik kann man den Hunger auf der Welt nicht bekämpfen.“ Denn die Methoden der Gentech-Landwirtschaft würden allein auf dem hohen Einsatz von Pestiziden und der rücksichtslosen Ausbeutung des Bodens basieren, betonte Afsar Jafri. Die Genveränderungen im Saatgut bewirken in erster Linie die Widerstandskraft gegenüber einem bestimmten Unkrautvernichter. „Dadurch ist ein rationelleres Arbeiten auf dem Acker möglich. Doch ist diese Arbeitsweise zugeschnitten auf Betriebe mit Maschinen und viel Land, nicht auf Kleinbauern, die sich ohnehin kaum den Kunstdünger und Pestizide leisten können.“ Höhere Erträge sind schon deswegen in ärmeren Ländern nicht zu erwarten.
Afsar Jafri berichtete von einer Studie von Jules Pretty und Rachel Hine, die im Auftrag von Greenpeace, Brot für die Welt und dem britischen Department for International Development durchgeführt wurde. Sie zeigt: Bei umweltschonender, ökologisch nachhaltiger Landwirtschaft gaben die Äcker mehr her. In Indien setzen Agrarprojekte auf die Ausbildung der Bauern. Hier bringt man ihnen bei, wie man mit simplen und billigen Mitteln die Fruchtbarkeit der Böden steigert – durch Wasserrückhalte- und Bewässerungstechniken, durch das Pflanzen entlang von Höhenlinien, um die Erosion zu stoppen. Was unspektakulär klingt, ist äußerst effektiv – degradiertes Land ergrünte, der Grundwasserspiegel stieg. Viele Alternativen sind möglich, Patentlösungen gibt es aber nicht. Ökosysteme sind so komplex und verschiedenartig, dass für jede Region eine eigene Anbaustrategie nötig ist.
Das Bewusstsein der Bauern über die Gefahren der Gentechnik ist nicht nur in Indien in den letzten Jahren enorm gestiegen. Widerstand gegen Firmen wie Mon-santo organisiert sich in vielen Teilen der Erde. Von der scheinbaren Übermacht der Gentech-Giganten lassen sich die Aktivisten nicht beeindrucken.

Das Recht auf eigenes Land
Lovemore Simwanda aus Sambia berichtete, wie sich das Land erfolgreich gegen genmanipulierte Lebensmittelspenden aus den USA gewehrt hat. Sambias Landwirtschaftsminister und Präsident sind sich einig: sie wollen die Bevölkerung nicht dem Genfood aussetzen, solange die Folgen nicht erforscht sind. „Dass Menschen in Sambia hungern, ist keine Rechtfertigung dafür, ihnen Gift zu geben, ihnen Nahrungsmittel zu geben, die ihre Gesundheit gefährden könnten“, zitiert Lovemore Simwanda den Präsidenten Levy Mwanawasa. 2002 hatte Sambia über 27000 Tonnen Genfood der US Regierung verweigert, die ein Viertel der 10,4 Millionen Menschen versorgen sollten.
„Wir brauchen eine Partnerschaft von Organisationen überall auf der Welt, um gemeinsam gegen die Gentech-Terroristen vorzugehen“, erklärte Irene Fernandez. Die Menschenrechtlerin aus Malaysia ist Teil des Pestizid-Aktions-Netzwerks Asien/Pazifik. In 13 asiatischen Ländern organisiert das Netzwerk eine Karawane für Nahrungssouveränität – ein politisches Manifest für den gerechten Zugang zu Land, Wasser und Saatgut. Obwohl Nahrungssouveränität ein fundamentales Recht ist, ist die Realität in vielen asiatischen Ländern eine andere. Mehr als 500 Millionen Menschen leiden in Ländern Asiens und im pazifischen Raum, die selbst Nahrungsmittel produzieren, an Unterernährung. Gründe dafür sieht Irene Fernandez in den Folgen der Globalisierung: Strukturprogramme der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds zwingen die verschuldeten Länder, ihre Landwirtschaftssektoren zu liberalisieren. „Transnationale Unternehmen haben den Bauern die Kontrolle über die Lebensmittelproduktion genommen. Wir kämpfen für das Recht auf eigene Produktion von gesunden Lebensmitteln, auf unser Saatgut.“ Zugang zu Land ist dabei das fundamentale Problem. Die Karawane wird bis Ende September auf ihren Routen durch Asien diese Grundrechte, aber auch die Rolle der WTO, Gentechnik und den Gebrauch von Pestiziden in der Landwirtschaft thematisieren.
Wie Irene Fernandez sehen auch europäische Bauern der Organisation „Via Campesina“ die einzige Chance in einer selbstbestimmten, ökologischen Landwirtschaft. „Gentechnik macht Schluss mit der bäuerlichen Landwirtschaft. Dann übernehmen einige wenige Firmen die Kontrolle über die Lebensmittelproduk-tion“, erläuterte der französische Bauer Gérard Choplin. Eine Koexistenz von genmanipulierten und Gentech-freien Anbaugebieten hält er für unmöglich.

Unwissenschaftliche Methoden
Greenpeace-Aktivist Christoph Then gab einen Einblick in die Methoden der Genmanipulation. „Total veraltet und grob fahrlässig“ seien diese. Wissenschaftlich längst überholt seien die Grundannahmen, an die sich Gentechniker nun seit 15 Jahren halten. Der „Schrotschuss ins Genom“ ist immer noch die gängige -Praxis: Ein Genabschnitt wird dabei auf gut Glück in die Pflanzenzelle „geschossen“ – wo sich der eingeschleuste Genabschnitt festsetzt und welche Funktion er dort übernimmt, ist bei dieser unkontrollierten Technik völlig willkürlich. Es müssen zehntausende von Versuchen gemacht werden, um gewünschte Ergebnisse zu erzielen. Die Forschung hat dagegen mittlerweile herausgefunden: Gene wirken niemals isoliert. „Wir können nicht sagen, was Gene tatsächlich tun, ihre Wirkung wird durch viele andere Faktoren mitbestimmt“, so Then. „Nebenwirkungen“ seien daher kein Versehen, sondern müssten zwangsläufig auftreten.
In der Humangenetik werden diese neuen Erkenntnisse schon seit längerem diskutiert – nicht so in der Pflanzengenetik. Doch nicht nur die Methode der Gentechnik ist gefährlich, gibt Christoph Then zu bedenken. Denn wenn sich die Patentierung der Anbaupflanzen durchsetzt und tatsächlich Pflanzen zum Eigentum einiger Konzerne werden, dann lauert noch eine andere Gefahr: eine neue Aufteilung der Nahrungsressourcen.
Rund 240 Zuhörerinnen und Zuhörer verfolgten die Vorträge mit Spannung. Bei den anschließenden Diskussionen mit dem fachlich überwiegend gut informierten oder selbst in Organisationen engagierten Publikum wurde klar: Es gibt Redebedarf, es gibt Vernetzungs-bedarf. Aber sind nicht angesichts der globalen Dimension dieses Themas 240 Menschen erschreckend wenig? Warum waren es nicht Tausende? Der Widerstand muss wachsen, damit sich die als „wissenschaftlich und sicher“ vermarktete Gentechnik nicht schleichend überall in Europas Feldern und Gärten einnistet.

  Autoren

Böcker, Simone

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