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Lokales Wirtschaften wieder im Aufwind
erschienen in Ausgabe 135  PDF-Version (283.71 KB)
Jonathan Dawson beschreibt das andere Wirtschaften am Beispiel der Ökodörfer Findhorn in Schottland und Damanhur in Italien

Können Ökodörfer ein Faktor für die wirtschaftliche Stabiliät ihrer Region werden? Jonathan Dawson, Bewohner von Findhorn und intimer Kenner der Ökodorf-Szene in Europa stellt anhand von Beispielen dar, wie solche wirtschaftlichen Prozesse angestoßen werden und über die Jahre ihre Wirksamkeit entfalten. Sicherlich sind dies derzeit Tropfen auf den heißen Stein – unendlich viel Geld verschwinden in den Rachen der Supermärkte und anderer Konzernfilialen. Aber alles muss klein anfangen und wachsen – wir brauchen Vorbilder, die Mut machen.

An den Hängen der Hügel, die auf das Ökodorf Torri Superiore im italienischen Ligurien hinabschauen, zerfallen die angelegten Terrassen. Viele der Olivenbäume werden nicht mehr geschnitten und gepflegt. Gras wächst langsam über die Feldstreifen, die jahrhundertelang intensiv bearbeitet worden sind. Die Felsbrocken, die die Terrassen zusammenhalten und die Erde daran hindern, in den Fluss hinabzustürzen, brechen weg und werden nicht ersetzt. Die Ökodörfler von Torri besitzen einige dieser Streifen und versuchen, sie zu erhalten. Aber die Arbeit ist hart, sie sind wenige, und der Preis, den sie für die hier angebaute Nahrung bekommen könnten, ist so niedrig, dass sie sich diese Arbeit nicht leisten können.
Inzwischen kämpfen auch die Bauern in den kärglichen Lehmhütten-Dörfern, die Bolgatanga im Nordosten Ghanas umgeben, ums Überleben. Früher war diese Region ein wichtiges Anbaugebiet für Reis und Baumwolle. Heute ist diese einheimische Produktion nahezu zum Erliegen gekommen. Die einheimischen Bauern konnten im Wettbewerb mit den stark subventionierten Importen aus den USA nicht mithalten. Je mehr sie wie auch andere Bauern in ähnlicher Lage ihre Produktion für den Export steigerten, um Schulden zurückzuzahlen, um so mehr fielen die Preise. Zwischen den Jahren 1980 und 1997 fiel auf den internationalen Märkten der reale Preis für Zucker um 73%, für Kaffee um 64%, für Kakao um 58%, für Reis um 52% und für Baumwolle um 43%.
Kleinbauern im Norden wie im Süden werden durch hoch subventionierte Lebensmittel aus dem Markt gedrängt. Es sind vor allem die externalisierten Kosten, die nicht im Endpreis enthalten sind, die den Großproduzenten und -händlern den Gewinn bringen. Die Kosten des ökonomischen „Fortschritts“ zeigen sich in entvölkerten Landstrichen, in sich ausbreitenden Slums und im Verlust Jahrhunderte alter Fähigkeiten.
Auf fast jedem Markt der Welt fühlen Kleinproduzenten, die Techniken der Kleinproduktion und lokale Materialien einsetzen, diesen Druck.

Ansätze eines begrenzten Ausstiegs
Doch das Bewusstsein für die vielfältigen Gefahren, die mit dem Verlust lokaler Produktionssysteme einhergehen, wächst. Das zeigt sich in der wachsenden Popularität von Bauernmärkten, traditioneller Landwirtschaft, Kredit-Vereinigungen, Kampagnen für den lokalen Einkauf, Fair-Trade-Handelsketten und anderen Initiativen, die eine gemeinschaftliche Kontrolle über Produktion und Konsumtion zurück gewinnen wollen.
Dennoch bleiben diese Initiativen meist isoliert. Wer biologische Nahrungsmittel regelmäßig von Bio-Bauern in der Umgebung bezieht, mag einen Teil der Nahrungsmittelversorgung regionalisiert haben, bleibt aber in anderen Bereichen von den globalen Konzernen abhängig. Selbst für Gruppen von Haushalten ist es sehr schwer, sich diesem System zu entziehen. Eine Gemeinschaft mit einigen Hundert oder mehr Mitgliedern – besonders wenn diese eine gemeinsame Vision teilen – hat deutlich bessere Chancen, eine Alternative zur globalen Ökonomie zu schaffen. Deshalb kann das Ökodorf-Modell als Labor für Experimente und Innovationen hier einen besonderen Beitrag leisten.

Ökodörfer als innovative Experimente für eine lokale Ökonomie
Wir wollen hier von zwei europäischen Ökodörfern berichten: von Damanhur in Italien und Findhorn in Schottland. Hier will man die Abhängigkeit von der globalen Konzernökonomie verringern und das Netz einer regionalen und sozialen Ökonomie neu knüpfen. Hier, wo kleine Geschäfte, Postämter, Schulen und -andere lokale Einrichtungen wie auch anderswo in -Europa geschlossen werden, starten neue Unternehmen und schaffen Arbeitsplätze. Was können „normale“ Kommunen von diesen beiden Experimenten lernen?
Findhorn und Damanhur haben viel gemeinsam. -Beide starteten als sehr kleine Initiativen in den 60er- und frühen 70er-Jahren. Beide hatten und haben immer noch eine starke spirituelle Einstellung. Beide ließen sich in ökonomisch schwachen und marginalisierten Regionen nieder: Damanhur im Valchiusella-Tal im alpinen Vorgebirge Pietmonts, Findhorn am südlichen Ufer der Mündung des Flusses Moray im Norden Schottlands. Beide sind über Jahrzehnte hinweg beachtlich gewachsen. Heute ist Damanhur eine Föderation von Gemeinschaften mit insgesamt mehr als 900 Menschen und noch mehr unterstützenden Sympathisanten in der Umgebung, in Europa und der Welt. Die Gemeinschaft der Findhorn Foundation ist die Heimat von ungefähr 450 Menschen mit einer weit verstreuten internationalen Familie von Freunden und Partnern.
Man spürt ein prickelndes Gefühl von Aktivität und Vitalität, wenn man sie besucht. Neue Gebäude werden gebaut – im allgemeinen von Unternehmen, die Gemeinschaftsmitglieder beschäftigen und im Besitz von Gemeinschaftsmitgliedern sind. Es gibt -Bäckereien, Theater, Geschäfte und Cafés, die Besucher von nah und fern anziehen. Biologischer Käse, Weine (diese leider nur in Damanhur), Früchte und Gemüse der Region sind in hervorragender Qualität zu haben. Werkstätten produzieren geschmackvolle Keramik, Textilien, Schnitzereien und Kerzen. Schulen und Trainingszentren für Jung und Alt haben regen Zulauf. Es gibt Verlage, Druckereien, Werkstätten für Solarpaneele, Konstruktionsbüros für Abwassersysteme, Beratungsfirmen – ökonomische Vitalität und Vielfalt allenthalben.

Wider die flüchtige Natur des Geldes
Ein Geheimnis dieser Erfolgsgeschichten ist ein tiefes Verständnis der Natur und der Gesetze des Geldes und wie diese zum Nutzen einer lokalen Ökonomie gehandhabt werden können. Geld spielt in der Ökonomie eine ähnliche Rolle wie das Blut im Körper. Beides muss im Kreislauf ungestört fließen. Die meisten lokalen Ökonomien im Westen verlieren ihr „Blut“ schnell. Neue Untersuchungen zeigen, dass bis zu 80% des Geldes, das in nordamerikanische Indianerresevate gelangt, diese binnen 48 Stunden wieder verlässt. Das zeigt die zunehmende Tendenz des Geldes, lokale Ökonomien zugunsten der Städte und der internationalen Märkte zu verlassen, wo die kurzfristigen Gewinne in der Regel höher sind. So kehrt relativ wenig Geld, das in der Bank vor Ort eingezahlt wurde, in Form von Darlehen dorthin zurück, wo es erwirtschaftet wurde – besonders nicht in ökonomisch schwache und marginalisierte Regionen. Der Löwenanteil des Geldes wird in Supermärkten, Tankstellen und anderen Konzernfilialen, die unsere Stadtzentren mittlerweile dominieren, ausgegeben. Die begrenzte lokale Kaufkraft und der eingeschränkte Zugang zu Investitionskapital macht es lokalen Produzenten schwer, wettbewerbsfähig zu bleiben. Und wo es kaum lokale Produzenten gibt, müssen die Konsumenten die Supermärkte aufsuchen.
Deshalb haben Damanhur und Findhorn ihre eigenen Banken gegründet, um die Ersparnisse ihrer Mitglieder in der Gemeinschaft zu halten. Und sie haben eine eigene Währung geschaffen, um das Geld in der lokalen Zirkulation zu halten.

Eigene Banken für die lokalen Produzenten
In Damanhur hat die Liegenschaftskooperative der Gemeinschaft die Rolle des Bankers übernommen. Sie war ursprünglich ein Instrument, um die Ersparnisse der Gemeinschaftsmitglieder in den Kauf von Land, den Bau von Wohnungen, Werkstätten und Büros für Gemeinschaftsmitglieder und deren Unternehmen fließen zu lassen. Seit kurzem spielt sie eine Rolle, die der einer normalen Bank ähnlich ist. Sie bietet beim Herausfinden geschäftlicher Möglichkeiten Unterstützung an, beschafft Kredite für Gemeinschaftsmitglieder und berät diese. Am Endes jedes Jahres fertigt sie eine Studie über die Ökonomie der Gemeinschaft an, die aufzeigt, welche Güter und Dienstleistungen immer noch von außen gekauft werden müssen und zeigt Möglichkeiten auf, diese Lücken zu füllen.
Die Findhorn Foundation hat „Ekopia“ gegründet, einen ökonomischen Unterstützungsverein, um die Ersparnisse der Mitglieder wieder der Region zuzuführen. Mit seiner Unterstützung können Projekte, die Investitionen benötigen, Beteiligungen einholen. Jeder Investor hat allerdings nur eine Stimme, unabhängig von der Höhe der Investition. So wird eine kommunitäre Ethik gefördert. Und so kann die Gemeinschaft von den dort lebenden Mitgliedern, der größeren Findhorn-Familie, von frühereren Mitgliedern und all denen, die die Vision der Gemeinschaft unterstützen, finanzielle Mittel einwerben, um eine mehr selbstversorgerische und in Einfachheit lebende Siedlung zu schaffen.

Eigene Währungen halten das Geld im Land
Beide Gemeinschaften haben auch ihre eigene Währung geschaffen: den Credito in Damanhur und den Eko in Findhorn. Während in Damanhur alle finanziellen Transaktionen mit dem Credito abgewickelt werden, haben in Findhorn Bewohner und Besucher die Wahl. Die meisten benutzen sowohl die nationale wie die gemeinschaftliche Währung. In beiden Gemeinschaften können alle Güter und Dienstleistungen wie Bildungsveranstaltungen, Bauarbeiten, Bücher, Nahrungsmittel, Theaterkarten, Druckerzeugnisse und IT-Dienstleistungen mit der Gemeinschaftswährung gekauft werden. Diese Währungen können nur in der Region ausgegeben werden und bleiben so den Gemeinschaftsmitgliedern verfügbar, die miteinander wirtschaften.
Doch nun zur wirtschaftlichen Praxis der Findhorn-Gemeinschaft. Die ersten Beteiligungen, die von Ekopia ausgegeben wurden, gingen an 220 Personen, die zusammen 225000 Pfund (1 Pfund sind derzeit etwa 1,50 Euro) in ein von der Gemeinschaft geführtes Verkaufsunternehmen, den Phoenix Shop, investierten, der bis dahin im alleinigen Besitz der Findhorn Foundation war. Indem die Investoren Unternehmensanteile erwerben, werden sie zu Mitbesitzern. Sie bekommen zusätzliche Vergünstigungen, z.B. beim Phoenix Shop 5% Rabatt auf alle Einkäufe, und eine Dividende, die die Wertzunahme des Unternehmens ausdrückt. Ekopia schätzt, dass die verschiedenen Vorteile zusammengenommen einer Verzinsung von 20% entsprechen, verglichen mit ungefähr 2% für Sparguthaben bei der Bank. Weiterhin entfallen bei direkten Investitionen der Mitglieder in Gemeinschaftsunternehmen die kommerziellen Bankgebühren und Zinssätze. Bei den historisch niedrigen Bankzinsen ist dies heutzutage weniger wichtig, als es wahrscheinlich in Zukunft sein wird. Immerhin sparen die Gemeinschaftsunternehmen in Findhorn rund 2000 Pfund Bankgebühren im Jahr.
Fassen wir zusammen: Die Gründung von Ekopia und die Herausgabe der Ekos in Findhorn sowie die Erweiterung der Liegenschaftskooperative und die Ausgabe des Credito in Damanhur sind Schritte in Richtung eines sich selbstverstärkenden Kreislaufs, in dem jeder gewinnt. Investoren gewinnen Besitz an Gemeinschaftsunternehmen und höhere finanzielle Rückflüsse. Unternehmer bekommen Kredite zu niedrigerem Zins als von den konventionellen Banken. Wachsende lokale Unternehmen schaffen Beschäftigung und Kaufkraft. Und ein großer Teil dieser Kaufkraft bleibt in der Gemeinschaft.

Die Trennung von Kopf und Herz überwinden
Mindestens genauso wichtig wie das Finanzielle ist die deutlich spürbare „soziale Dividende“, die mit Eigentum und Mitbestimmung der Mitglieder an der eigenen Ökonomie einhergeht. Entscheidungen über Konsum, Investitionen und Arbeit werden nicht länger nur aus Gründen der Profitmaximierung getroffen. Die Trennung von Kopf und Herz, die die gegenwärtige globale Ökonomie erzwingt und wodurch Menschen aus dem Gefühl heraus, keine Wahl zu haben, immer wieder Konsumentscheidungen treffen, von denen sie wissen, dass sie sozial und ökologisch ausbeuterisch sind, wird wenigstens teilweise überwunden. Durch dieses Ökodorf-Modell verbinden die Menschen ihre Sehnsucht nach Gerechtigkeit und Nachhaltigkeit wieder mit dem Wunsch, gut und glücklich zu leben. Die seelische Spaltung des modernen Menschen kann langsam heilen.

Regionale Wirkung und globale Bedeutung
Die Studie des lokalen Unternehmens „Badenoch & Strathspey Enterprise“ in Moray untersuchte 2002 den ökonomischen Einfluss der Findhorn-Gemeinschaft auf die Wirtschaft Nord-Schottlands. Die Studie schätzt, dass die Gemeinschaft 400 Arbeitsplätze geschaffen hat und 5 Millionen Pfund jährlich erwirtschaftet. Als besonderen Wert für die schottische Ökonomie hob sie die Verschiedenheit der ökonomischen Aktivitäten der Gemeinschaft hervor, die sie über ihren ursprünglichen Schwerpunkt in der Erziehungs- und Bildungsarbeit hinaus entfaltet hat.
Inzwischen wird auch die Ökonomie in Damanhur immer erfolgreicher. Jüngst kaufte sie eine frühere Fabrik der Firma Olivetti in der Nachbarschaft. Vielleicht ist dies ein Zeichen für die Evolution von einer von Unternehmen abhängigen Gesellschaft zu einer, die sich auf Ökodörfer stützt.
Diese Experimente zeigen, wie lokale Gemeinschaften die Macht der globalen Ökonomie überwinden und die Kontrolle über ihr ökonomisches Schicksal zurückgewinnen. Sie zeigen auch, dass es hierfür wenigstens dreier sich ergänzender Elemente bedarf: Erstens braucht es eine starke gemeinsame Vision und Interessengemeinschaft von mindestens 200 Menschen, die sich dieser Aufgabe stellen. Diese Anzahl ist notwendig, um eine lebensfähige ökonomische Einheit mit ausreichender Verschiedenheit von Unternehmungen und angemessener Kaufkraft zu schaffen.
Zweitens muss der Abfluss von Geld aus der lokalen Ökonomie sorgfältig registriert und so weit wie möglich unterbunden werden.
Und drittens ist der Erfolg des Ökodorf-Modells von der Synergie von lokalem Investment, lokalem Eigentum, lokaler Produktion und lokaler Beschäftigung abhängig. Den verhängnisvollen Kreislauf der globalen Ökonomie ins Positive zu kehren ist keine leichte Aufgabe. Gemeinschaftliches Handeln ist gefordert. Die Ökodorf-Bewegung entwickelt vielversprechende Modelle. Die nächste Aufgabe ist, diese aus der Werkstatt der Gemeinschaftsprojekte in die größere Gesellschaft zu übertragen. ´
Dieser Artikel erschien zuerst im Magazin Resurgence in Großbritannien. Übersetzung aus dem Englischen: eurotopia-Redaktion.

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Dawson, Jonathan

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