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| Neue Gemeinschaften und die Evolution der Demokratie |
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Ein Gespräch mit Johannes Heinrichs,dem Autor von „Revolution der Demokratie“
Ende Juli fand unter dem Motto „Widerstand bilden – Alternativen entwickeln“ in Dresden die jährliche Sommerakademie der Anti-Globalisoierungs-Organisation Attac statt. Dort fiel besonders ein mit -bunten Grafiken bemalter Kleintransporter ins Auge. „Evolution der Demokratie“ war darauf zu lesen. Ist damit die Weiterentwicklung unseres demokratischen Systems gemeint, gar die Überwindung der Herrschaft der Wirtschaftsinteressen? Und was bedeutet das für gemeinschaftliche Lebensweisen? Eurotopia-Redakteur Wolfram Nolte konnte nicht anders, als dem Urheber dieser gedanklichen Manifestation einige Fragen zu stellen. Dieser war kein Geringerer als Johannes Heinrichs, der als Nachfolger Rudolf Bahros viele Jahre an der Humboldt-Universität Sozialökologie gelehrt hat und nicht zuletzt mit seiner Real-Utopie einer „Revolution der Demokratie“ Aufsehen erregt hat.
Wolfram Nolte: Johannes, wir haben uns in Dresden auf der Attac Sommer-Akademie 2004 persönlich kennengelernt. Dort lag der Akzent deiner Beiträge auf der staatlichen Ebene des Gemeinwesens, wie es ja auch in deinem Buch der Fall ist. Wirft dein demokratietheoretischer und -praktischer Ansatz auch für die Gemeinschaftsbewegung der Ökodörfer etwas ab?
Johannes Heinrichs: Ich hoffe sehr. Ich verstehe Demokratie als institutionelle, staatliche Form einer „kommunikativen Gesellschaft“, die Gemeinschaftscharakter trägt, weil in ihr strukturierte Kommunikation funktioniert. Mit dem Staat beschäftige ich mich, weil er auf lange Sicht die umfassende Rechtsinstitution bleibt. Er ist für mich die umfassende Rechtsgemeinschaft mit Gewaltmonopol.
Doch wollen wir in unserer Gemeinschaftsbewegung gerade keine Staatsfixierung.
Ich auch nicht. Ein Kapitel meines Buches befasst sich mit der neu gedachten Dreiheit der Organisationsformen: privat – staatlich – öffentlich. Die Gemeinschaftsbewegung ist ein Teil der heute starken bürgergesellschaftlichen Bewegung. Als Ziele sehe ich im Wirtschaftlichen die „Befreiung vom Klassenstaat zu wirtschaftlicher Chancengleichheit“, im Politischen die „Befreiung vom Parteienstaat zum ‚konstruktiven Misstrauensvotum‘ der Bürgergesellschaft“, im Kulturellen die „Befreiung vom Schulmeisterstaat zu kultureller Kreativität“, im Weltanschaulich-Religiösen die „Befreiung vom Konfessions-Staat zu bürgergesellschaftlicher Religiosität“.
Im Moment dominiert die Wirtschaft. Wie sollten sich die Ebenen aufeinander beziehen?
Vor allem durch ein gestuftes Kompetenzensystem von vier unabhängig voneinander gewählten, aber natürlich aufeinander bezogenen Parlamenten für Wirtschaft, Politik, Kultur und Grundwerte, wobei die rahmensetzende Kompetenz beim Parlament der Grundwerte beginnt. So kann z.B. überhaupt erst gefragt werden, welches Wirtschaftssystem etwa dem Grundrecht auf Arbeit oder auf körperliche Unversehrtheit, ausreichende Ernährung, Schutz der Mitwelt usw. weltweit gerecht wird. Zugleich braucht es eine Rückkoppelung durch mehrere Lesungen in den Parlamenten, so dass sich die jetzige „materialistische“ Wirtschaftsdominanz nicht in einen unrealistischen „Idealismus“ umkehrt. Im Konfliktfall wirkt aber die rechtliche Rahmenkompetenz von oben nach unten. Die ganze Frage des ökologischen und sozialen Wirtschaftens zum Beispiel kann man als eine Verbindung von Grundwerte-Ebene und Wirtschafts-Ebene betrachten. Es geht darum, alle diese Ebenen in geordneter und transparenter Weise aufeinander zu beziehen – wovon in unserem jetzigen System einer „Vierteldemokratie“ keine Rede sein kann.
Was bringt uns diese reflexiv gestufte Vierheit in unseren Ökodörfern und Gemeinschaften?
Alle Gemeinschaften enthalten latent diese vier Ebenen. Nach der Dominanz einer dieser Ebenen können wir sprechen von: Wirtschaftsgemeinschaft, wo nämlich der wirtschaftliche Aspekt im Vordergrund steht – denken wir an Genossenschaften, politischen Gemeinschaften, wie es die früheren Dörfer und heute noch die Kommunen sind –, und Kulturgemeinschaften, das sind kommunikative Gemeinschaften, die durch zwischenmenschliche Werte verbunden sind. F. Tönnies unterscheidet Gesellschaft und Gemeinschaft ungefähr so: Gesellschaft ist Verbundenheit zu Zwecken, Gemeinschaft Verbundenheit in Werten als Selbstzweck. Die vierte Ebene ist die tiefste Vergemeinschaftung durch weltanschauliche, ethische, religiöse oder spirituelle Werte. Diese Sinnschicht ist auch bei der kulturellen Lebensgemeinschaft latent vorhanden. Aber bei einer spirituellen Gruppe lässt sich diese meta-kommunikative Gemeinschaftsebene von der „bloß“ kommunikativen oder kulturellen Gemeinschaft deutlich unterscheiden.
In unseren Gemeinschaften wird häufig über gemeinsame Spiritualität und gemeinsame ethische Standards diskutiert. Können wir darauf noch etwas eingehen?
Ja, gerne. Es drängt mich selbst, hier nochmals zu unterscheiden. Spirituelle Gemeinsamkeit kann auch bei Unterschieden im religiösen Bekenntnis bestehen, sofern man innerhalb dieser „metakommunikativen“ Ebene eine Ebene höher steigt: auf eine Ebene, wo sich die gemeinsamen spirituellen Grundwerte zeigen, auch bei Verschiedenheit der religiösen Formen und Riten. Das ist heute innerhalb der großen, nationalen Gemeinschaft eine Grundwerte-Philosophie (z.B. ausgedrückt in den Menschenrechten und der Erd-Charta), die zwar von den traditionellen Religionen geschichtlich gespeist wurde, genauso aber von den vorchristlichen und nachchristlichen Humanismen und naturreligiösen Anschauungen. Kurz, ich will darauf hinaus, dass die „Metakommunikation“ im Spirituellen einen Pluralismus der Lehren und Riten einschließen und übersteigen kann.
Du hältst aber spirituelle Verbundenheit für eine Lebens-gemeinschaft wie ein Ökodorf für notwendig?
Ja, zumindest für äußerst wünschenswert. Ich selbst würde mich auch niemals in eine enge Lebensgemeinschaft begeben, wenn diese spirituelle Meta-Gemeinsamkeit nicht gewährleistet wäre. Ich persönlich würde mir sogar eine Gemeinschaft wünschen, in der zwar eine große Offenheit für einzelne Bekenntnisse und Riten herrscht, in der jedoch die Gemeinsamkeit in Grundwerten im Vordergrund steht und ihren regelmäßigen Ausdruck findet. Ich glaube, dass mit spiritueller (Meta-)Gemeinsamkeit eine Lebensgemeinschaft mehr Stabilität und mehr Sinn zu geben hat.
Genügt nicht die Basis des fairen und liebevollen Miteinanders, die Verbundenheit als Menschen und die Anerkennung der Menschenwürde?
„Die Menschenwürde“ hat bereits spirituelle Fundamente: die Unendlichkeit, den gewissermaßen absoluten Charakter und Wert jedes Einzelnen. Die Kommunikationswerte, das Nett- und Liebsein miteinander, Zusammengehörigkeit und Verantwortung füreinander, tragen alleine zuwenig. Sie haben, genauer gesagt, ihre ethischen und spirituellen Voraussetzungen, und die müssen ausgedrückt werden. Sonst sinkt die Lebensgemeinschaft eines Ökodorfs auf eine bloß rechtlich-politische oder eine ökologische Wirtschaftsgemeinschaft herab.
Glaubst du, dass eine gemeinsame spirituelle Haltung für ein weniger egoistisches Verhalten, gerade auch in der Ökonomie, eine große Rolle spielt?
Selbst wenn man nicht bis zu einer völligen Gütergemeinschaft geht, wie in den alten Ordensgemeinschaften, fällt mit spirituellen Motiven ein vernünftiges (will sagen: die Leistung der Einzelnen nicht ganz ignorierendes) materielles Miteinander-Teilen leichter, weil die anderen dann nicht mehr als grundsätzlich getrennt von einem selbst und als Konkurrenten erlebt werden, sondern als notwendige und ergänzende Teilnehmerinnen und Teilnehmer eines gemeinsamen sinnvollen Lebenszusammenhangs.
Diese Betonung spiritueller Gemeinsamkeit und gemeinsamer Ausdrucksformen als Bedingung für lebendiges Gemeinschaftsleben wird manchen durchaus Engagierten nicht schmecken.
Wir müssen aber diesen anthropologischen Grundtatsachen, z.B. dem Bedürfnis nach Sinn und Verbundenheit, auf moderne, reflektierte Weise Rechnung tragen. Das ist eine Botschaft, die von neuen Gemeinschaften ausgehen sollte. Das ist ebenso wichtig wie die Erprobung ökologischer Wirtschafts- und Eigentumsformen und neuer Formen kulturellen Lernens.
A propos Botschaft: Können wir zum Schluss noch darüber sprechen, welche Bedeutung du den neuen Gemeinschafts-Dörfern für das demokratische Gemeinwesen insgesamt zutraust?
Eine große Bedeutung. Ich habe fast ein schlechtes Gewissen, Strukturen einer kommunikativen Gesellschaft für unsere staatliche Demokratie zu verkünden, ohne selbst einer solchen exemplarischen Gemeinschaft anzugehören. Nachdem unsere Kommunen nur noch selten Gemeinschafts-charakter tragen und zu möglichst anonymen Verwaltungsverbänden zusammengezwungen wurden, nachdem auch das ökologische Wirtschaften weithin in phrasenhaften Lippenbekenntnissen von „Umweltschutz“ und dergleichen stecken bleibt, wäre die Vorbild-Funktion der Ökodörfer ganz enorm.
Warum sagst du „wären“?
Weil ich bei der neuen Gemeinschaftsbewegung bisher zuwenig Hinordnung auf und Engagement für die Probleme der Gesamtgesellschaft auf nationaler Ebene wahrnehme. Verständlicherweise einerseits, weil die Regelung der internen Angelegenheiten schon viel Kraft kostet. Wir sollten aber nicht vergessen, dass es in der Weimarer Republik schon einmal eine große Blüte alternativer Lebensformen (die „Lebensreform“ usw.) gegeben hat – und sich all diese schönen Initiativen als Gesellschafts- bzw. Gemeinschaftsspiele auf der Titanic herausgestellt haben, weil die schwankende Demokratie von diesen Gruppen kaum Stärkung erfahren hat. Alternative Gemeinschaften dürfen keine bloßen Rückzugsreservate aus der schrecklichen großen Gesellschaft sein, sondern müssen sich ausdrücklich als Experimentier- und Schulungsfelder für eine im Ganzen „kommunikative Gesellschaft“ verstehen.
Meinst du damit auch, dass die Ökodorf-Gemeinschaften über eine Viergliederungs-Struktur von „Parlamenten“ und ausführenden Organen, also über getrennte Gremien für die Bereiche Wirtschaft, Rechtsordnung, Kultur sowie Regelung der spirituellen Lebens verfügen sollten?
Im Prinzip halte ich diese weiterentwickelte „Gewaltenteilung“ durch unterschiedliche Organe auch in den Gemeinschaften für sehr wünschenswert. Deren sinnvolle Durchführbarkeit und Effektivität hängt aber von der Größe und sonstigen Arbeitsteiligkeit der Gemeinschaften ab. Die Viergliederung darf aber nicht zu krampfhaften Trennungen führen, sondern muss im Gegenteil als Erleichterung und als Klärung der latent vorhandenen Gemeinschaftsstrukturen empfunden werden. Dies ist der Maßstab, der bei jeder einzelnen Gemeinschaft jeweils angelegt werden müsste. Ich selbst oder meine Freunde würden dabei gern beratend zu Diensten sein.
Vielen Dank, Johannes Heinrichs. Wie du dir Demokratie im Ganzen als kommunikative Gesellschaft denkst, kann man ausführlich in deinem Buch nachlesen. ´
Johannes Heinrichs, geboren 1942 in Rheinhausen. Er lehrte von 1998 bis 2002 als Stiftungsprofessor für Sozialökologie an der Humboldt-Universität zu Berlin als Nachfolger Rudolf Bahros.
Infos: www.viergliederung.de,
www.johannesheinrichs.de, www. netzkraftbewegung.de, www.reform-portal.de.
Zur Internet-Diskussion unter
http://de.groups.yahoo.com/group/DemokratieForum/
ist jeder Interessierte herzlich eingeladen.
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Nolte, Wolfram
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