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| Eine andere Welt ist möglich |
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Erfahrungen und Vorschläge von dem Attac-Aktivisten Oliver Baiocco
Für Oliver Baiocco waren die zunehmenden Proteste gegen die neoliberale Wirtschaftspolitik weltweit (in Seattle, Genua etc.) und das Auftauchen von Attac die lang ersehnte Möglichkeit, der inneren politischen Emigration zu entrinnen und wieder politisch aktiv zu werden. Nach dem Zusammenbruch der sozialistischen Alternative und dem Ende der Friedensbewegung suchte er einen Weg aus dem Kreis aus Resignation, Wut und Zynismus. Die Erfahrung von Gemeinschaft gab ihm den Impuls zum Dialog.
Nach dem Ende der Friedensbewegung hatte ich mich aus persönlichen und beruflichen Gründen mehr mit dem Individuum als mit institutionalisierter Politik beschäftigt. Einige Jahre waren so der humanistischen Psychologie, der Persönlichkeitsentwicklung und der Frage nach Spiritualität gewidmet. Gleichzeitig lernte ich die Gemeinschaftsbewegung kennen. Meine Überraschung war groß, als ich feststellte, dass die Idee einer gelebten Alternative nicht in den Wirren der 68er-Bewegung steckengeblieben war, sondern wirklich gelebt und weiterentwickelt wurde. Für einen linksdogmatisch sozialisierten Menschen war der eine oder andere insbesondere spirituelle und radikal ökologische Versuch nicht einfach zu verdauen.
Teils aufgrund fehlender politischer Alternativen (mein Ausflug zu den Grünen währte nicht lange) aber dann auch aus Überzeugung nahm mein Interesse an der Gemeinschaftsbewegung zu. Nach langer theoretischer Auseinandersetzung lernte ich 1998 in einem Seminar die Kommune Niederkaufungen kennen. Danach startete ich mit einigen Freunden den Versuch, eine eigene Gemeinschaft zu gründen. Auch wenn dieser Versuch letztendlich scheiterte, so weiß ich heute, wie einschneidend meine Erlebnisse und mein aktives Handeln mit diesen Menschen gewesen sind. Ich lernte, dass die politische Forderung nach einer gesellschaftlichen Alternative nur eine Ebene des politischen Handelns war und dass es darüber hinaus konkreter Schritte der Umsetzung im Alltag bedarf.
Attac – Symbol einer neuen Kraft
Ende 2001 wurde Attac auch in Düsseldorf gegründet, und für mich war es Zeit, nach Selbsterfahrung, Spiritualität und Gemeinschaftsanstrengung wieder die politische Bühne zu betreten. Nach der konstituierenden ersten Sitzung wurde Attac zu meiner neuen politischen Heimat. Seitdem sind viele Monate des politischen Diskurses, der Aktion und der Aneignung von Wissen vergangen.
Es ist ein erhebendes Gefühl, die Geburt einer politischen Kraft mitzuerleben und sich als Teil davon zu fühlen. Mein Engagement bei Attac ist ein Höhepunkt meiner politischen Arbeit. Die globalisierungskritische Bewegung samt Attac hat der neoliberalen Politik Grenzen gesetzt. Für viele ist Attac Symbol einer neuen, hoffungsvollen Kraft. Attac war anfänglich hauptsächlich durch die Forderung einer Spekulationssteuer und die Teilnahme an globalisierungskritischen Aktionen und Demonstrationen bekannt geworden, doch das Themenfeld hat sich in den letzten Jahren erweitert. Auch Friedenspolitik, Sozialabbau und Ökologie sind jetzt Mittelpunkte von Aktionen und Kampagnen. Attac soll sich jedoch nicht zu einem politischen Gemischtwarenladen entwickeln. Der Schwerpunkt liegt immer noch auf der Kritik der neoliberalen Globalisierung und ihrer wirtschaftlichen Hintergründe, der Benennung der Akteure und der Erarbeitung möglicher Alternativen.
Reise in eine unerfüllte Zukunft
Zu Ostern 2004 fuhr ich für ein paar Tage ins Ökodorf Sieben Linden. Nachdem meine Gemeinschafts-Gründungsversuche gescheitert waren und mein Beruf und Attac mich voll beanspruchten, war es eine Reise in die Vergangenheit und zugleich in eine unerfüllte Zukunft. Doch auch während meiner Arbeit bei Attac habe ich mich gefragt: Wie bekomme ich diese Fragmente gesellschaftlichen Engagements zusammen? Ich suchte nach der Verbindung von Politik und Gemeinschaftsbewegung, Spiritualität und Gesellschafts-analyse, Selbsterfahrung und rationaler Reflexion.
Kommunikation und Austausch zwischen diesen beiden Gruppen gab es nur bedingt, manchmal sogar Gegnerschaft. Vereinfacht sahen die Argumentationslinien etwa so aus: Politischen Aktivisten war die Gemeinschaftsbewegung zu unpolitisch, zu individualistisch und zu sehr auf ein Projekt beschränkt. Die Beschäftigung vieler Gemeinschaften auch mit Fragen von Spiritualität, Persönlichkeits- und Gruppenentwicklung und anderen für „politische Aktivisten“ unpolitischen oder gar „reaktionären“ Themen verhinderte eine Kommunikation. Vertreter der Gemeinschaftsbewegung kritisierten die Theorielastigkeit der politischen Bewegung, da sie ihrer Meinung nach nur auf der deklamatorisch-symbolischen und institutionellen Ebene agierte, ohne sich um die reale Umsetzung in konkrete Projekte und eine Veränderung des Alltags zu bemühen. Dies galt auch für das Ausklammern von Fragen nach der Entwicklung neuer Kommunikationsformen und der Reflexion persönlicher Verhaltensmuster in der politischen Arbeit. Diese verstand sich zwar als links und emanzipatorisch, reproduzierte im Alltag jedoch gewohnte Macht- und Konsumstrukturen.
Eine schmerzhafte Spaltung
Dies empfand ich als schmerzhafte Spaltung einer Einheit von einander ergänzenden Aspekten. Ich kenne beide Seiten, eine Entscheidung für die eine oder andere wäre für mich nicht einsichtig, gar falsch. Den Versuch einer Verbindung und gegenseitigen Befruchtung halte ich für dringend geboten, doch er ist mühsam. Sprache, Erwartungen und die Kultur des Miteinanders sind unterschiedlich. Auch Intoleranz behinderte das gegenseitige Verständnis.
Attac lichtet den Nebel der Verdummung und Ignoranz und stellt fest: „Eine andere Welt ist möglich.“ Mittels politischer Aufklärung, Kampagnen und Aktionen ruft Attac zum Handeln auf. Doch es gibt Grenzen. Der Politikwissenschaftler Ulrich Brand schreibt: „Ich sehe die Gefahr, in der zweifellos wichtigen Diskussion um Alternativen, diese zu sehr von oben und als Bausteine zu denken. Hier soll die Welt vor allem dadurch verändert werden, dass die wichtigen politische Institutionen umgebaut werden. Dadurch werden Politisierungsprozesse erhofft. So wichtig Letzteres ist, so sehr unterschätzt es andere Aspekte.“ Der Wirtschaftswissenschaftler Zeller stellt fest: „Die entscheidende Voraussetzung ist die Selbsttätigkeit der Menschen, ihre kollektive Aneignung von Rechten, Fähigkeiten, Kreativität, Ressourcen und Macht.“
Herausforderung für eine ganzheitliche Politik
Wenn man feststellt, dass der gesellschaftliche Enteignungsprozess der Menschen durch Privatisierung gesellschaftlichen Eigentums, durch Kommerzialisierung natürlicher Ressourcen und durch die Entmachtung des Politischen zugunsten der Ökonomie weiter fortschreitet, dann sind Analyse, Forderungen und symbolische Aktionen die notwendige Bedingung eines politischen Kampfs, aber sie sind unzureichend. Hinreichend werden sie, wenn sich die Menschen Ökonomie, Politik und Kultur wieder aneignen. Soziale Aneignung darf nicht nur formuliert werden, es bedarf konkreter Beispiele, konkreter Schritte.
Porto Allegre in Brasilien ist auch als Ort des ersten Weltsozialforums bekannt und wurde zum Beispiel für erste Schritte einer lokalen Aneignung von Entscheidungsbefugnissen, d.h. die Bewohner entscheiden selbst über Investitionen oder Ausgaben; ebenso in Cochabamba in Bolivien, als nach heftigen Protesten die Privatisierung der Wasserversorgung rückgängig gemacht werden musste und nun die Bürger bei der Wasserversorgung mitbestimmen.
In einem Artikel über globale Abhängigkeit arbeitet die sozialökologische Aktivistin Helena Norberg-Hodge mögliche Alternativen einer „Relokalisierung“ wirtschaftlicher Tätigkeiten auf. Ich möchte sie zitieren, weil sie uns wieder nach Europa bringt und den Kreis schließt, da sie die Bewegung der Ökodörfer als positives Beispiel für eine „Ini-tiative von unten“ vorstellt: „Die Schaffung von Ökodörfern ist vielleicht das radikalste Mittel gegen die Abhängigkeit von der Weltwirtschaft. Auf der ganzen Welt bauen Menschen Gemeinschaften auf mit dem Ziel, dem Müll, der Luftverschmutzung, der Konkurrenz und Gewalt des heutigen Lebens zu entrinnen. Viele dieser Gemeinschaften verwenden erneuerbare Energien und versuchen kooperative lokale Wirtschaftssysteme zu entwickeln. Mehrere dieser Gemeinschaften aus verschiedenen Teilen der Welt sind im Global Ecovillage Network miteinander verbunden.“
Damit wird deutlich, dass eine radikale, globalisierungskritische, politische Bewegung einerseits und die vielen bestehenden Gemeinschaftsprojekte andererseits in einem konkreten Zusammenhang stehen. Neben den bestehenden inhaltlichen und kulturellen Unterschieden besteht hier das Potenzial der gegenseitigen Befruchtung und Kooperation. Vielleicht sollte man die kritisierte scheinbare Autarkie mancher Gemeinschaft auch als Experimentierfeld alternativer Ansätze betrachten. Anstatt das Trennende hervorzuheben, könnte ein kritisch-wohlwollender Kontakt beiden Gruppen nützen – ohne eigene Positionen aufgeben zu müssen.
Brückenschlag und Integration sind möglich
Aus eigener Erfahrung bei Attac weiß ich um die Schwierigkeit der Kommunikation und persönlichen Interaktion. Die Reibungsverluste bei Auseinandersetzungen, die schnell persönlich und emotional werden, sind immens. Zwar gibt es vereinzelt ein Bewusstsein hierfür und auch Versuche, dies zu thematisieren, doch generell mangelt es an einer offenen Diskussion darüber. Das Private ist hier nicht politisch.
Die Kultur und Kompetenz des Umgangs wird erst beim Versagen thematisiert, aber nicht als Gegenstand der politischen Agenda „der anderen Welt“ verstanden, sondern höchstens als „Technologie“. Viele Gemeinschaften verfügen über ein im Alltag erprobtes Erfahrungspotenzial, wenn es darum geht, die „andere mögliche Welt“ entstehen zu lassen. Die politische Bewegung könnte dieses Potenzial nutzen, um demokratische Teilhabe, gesellschaftliche Aneignung, Selbstorganisation und eine nachhaltige Lebensweise zu realisieren.
Andersherum dürfen Gemeinschaften nicht der Illusion verfallen, sie entkämen durch solitäre Lösungen dem Prozess der neoliberalen Globalisierung. Dem einen oder anderen mag es gelingen – es gibt auch Modernisierungs- und Globalisierungsgewinner – jedoch ist die Wahrscheinlichkeit, dazuzugehören, recht gering.
Und so kann z.B. Attac für die Gemeinschaftsbewegung eine gute Möglichkeit sein, am weltweiten Kampf für eine bessere Welt teilzunehmen. Neben der Wahrnehmung selbstbestimmter Möglichkeiten der Veränderung im Alltag braucht es politische Aktionen und Kampagnen sowie politische Aufklärung, um den politischen Druck auf die Verantwortlichen zu erhöhen. So könnte man die politische und die Gemeinschaftsbewegung als zwei Seelen in einer Brust verstehen.
Ohne die vorhandenen Unterschiede und Gegensätze zu negieren, gilt es, die Möglichkeit der Kooperation auszuloten und die Kräfte zu bündeln. Attac hat gezeigt, dass Pluralität und Flexibilität auch für eine linke Bewegung eine Bereicherung sein kann. Brückenschlag und Integration sind möglich – in mir habe ich es geschafft. ´
Zitate: Ulrich Brand: Stand und Perspektiven der globalisierungskritischen Bewegung, in „Sand im Getriebe“, int. deutschsprachiger Rundbrief der Attac-Bewegung Nr. 26, S. 29
Christian Zeller: Die Eigentumsfrage ernst nehmen!, in: „Sand im Getriebe Nr. 31, S. 12
Helena Norberg-Hodge: Richtungswechsel: Von globaler Abhängigkeit zu lokaler Interdependenz, in: Jerry Mander und Edward Goldsmith (Hrsg): Schwarzbuch der Globalisierung München 2004, S. 460
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Autoren |
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Baiocco, Oliver
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Partner
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