Die Erzählung von Jean Giono, die viele Menschen ermutigt hat, ihre Vision zu leben.
Spuren einer neuen Kultur
Die „kulturell Kreativen“ sollen ein Viertel der westlichen Gesell-schaften ausmachen (www.kulturkreativ.net). Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die auf Nachhaltigkeit setzt. Vernunft und Selbstverantwortung finden darin zur Synthese mit Spiritualität und Gemeinschaftssinn. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe lade ich ein, über eine Welt nachzudenken, die von den kulturell Kreativen mitgeprägt wird.
In dieser Ausgabe bringe ich meine Beitragsfolge über alte und neue Gemeinschaftsgärten und erfolgreiche Wiederaufforstungs-projekte zu einem „grünen“ Abschluss. Dazu habe ich eine kraftvolle Geschichte ausgegraben, die viele Menschen nachhaltig bewegt hat – Eco-Fiction aus dem Jahr 1953.
Jochen Schilk
Damit der Charakter eines Menschen seine außergewöhnlichen Eigenschaften enthülle, bedarf es der glücklichen Fügung, dass seine Tätigkeit durch lange Jahre hindurch sichtbar wird. Wenn diese Tätigkeit frei ist von jeder Selbstsucht, wenn die Idee, die ihn leitet, von einer beispiellosen Großherzigkeit ist, wenn es durchaus sicher ist, dass sie von keiner Seite Belohnung gesucht und darüber hinaus der Welt sichtbare Zeichen hinterlassen hat, dann steht man ohne die Gefahr, in einen Irrtum zu verfallen, vor einem unvergesslichen Charakter.
Es sind vierzig Jahre her, dass ich eine lange Wanderung machte über Höhen, die den Touristen ganz unbekannt sind, in jenem sehr alten Teil der Alpen, darin die Provence hineinragt. Alles war Ödland, dürr und grau, und es wuchs nichts als wilder Lavendel. Ich durchquerte das Hochland, wo es am breitesten ist, und nach drei Tagesmärschen befand ich mich vor einer Verwüstung ohnegleichen.
Ich kampierte neben dem Skelett eines verlassenen Dorfes. Seit dem Vorabend hatte ich kein Wasser mehr, und ich musste welches finden. Obgleich die eng gedrängten Häuser Ruinen waren und wie ein altes Wespennest aussahen, sagte ich mir, dass es dereinst einen Brunnen oder Ziehbrunnen gegeben haben müsse. Es gab wohl einen Brunnen, doch er war versiegt. Die fünf oder sechs Häuser, ohne Dächer, von Wind und Regen zernagt, und das Kapellchen mit dem eingestürzten Glockenturm waren aufgereiht wie die Häuser und Kapellen in den lebenden Dörfern, doch jedes Leben war daraus verschwunden. Es war ein schöner Junitag in strahlendem Sonnenschein, aber über diesem Land, das schutzlos dalag and hoch in den Himmel ragte, blies der Wind mit unerträglicher Gewalt. Sein Grollen in den Gerippen der Häuser war wie das einer Bestie, die man bei ihrer Mahlzeit stört.
Ich musste das Feld räumen. Nach fünfstündigem Marsch hatte ich immer noch kein Wasser gefunden, und nichts konnte mir Hoffnung machen, welches zu finden. Überall dieselbe Dürre, dieselben verholzten Gräser. Da schien mir, als sähe ich in der Ferne eine kleine schwarze Silhouette stehen. Ich hielt sie für den Stumpf eines einsamen Baumes. Auf gut Glück ging ich darauf zu. Es war ein Hirte. Etwa dreißig Schafe ruhten neben ihm auf der brennenden Erde. Er gab mir aus seiner Kürbisflasche zu trinken, und ein wenig später führte er mich in seine Schäferei, die in einer Mulde des Plateaus lag. Er schöpfte das ausgezeichnete Wasser aus einem natürlichen, sehr tiefen Loch, über dem er eine primitive Winde angebracht hatte.
Der Mann sprach wenig. Das ist die Art der Einsamen, aber man empfand, dass er seiner selbst sicher war und auf seine Sicherheit vertraute. Das war überraschend in diesem Land, das von allem entblößt war. Er bewohnte keine Hütte, sondern ein riesiges Steinhaus, dem man sehr wohl ansah, dass er mit eigener Arbeit die vorgefundene Ruine wieder aufgebaut hatte. Das Dach war fest und wasserdicht. Der Wind, der darüber strich, lärmte über den Ziegeln wie die Brandung des Meeres. Sein Haushalt war in Ordnung, sein Geschirr abgewaschen, der Fußboden gekehrt, das Gewehr eingefettet, die Suppe kochte auf dem Feuer. Ich bemerkte, dass der Mann frisch rasiert war, dass die Knöpfe fest angenäht und die Kleider ausgebessert waren, mit so peinlicher Sorgfalt, dass die geflickten Stellen nicht zu sehen waren. Er teilte seine Suppe mit mir, und als ich ihm nachher meinen Tabaksbeutel anbot, sagte er, dass er nicht rauche. Sein Hund, schweigsam wie er, war zutraulich, ohne unterwürfig zu sein.
Wir waren sogleich übereingekommen, dass ich die Nacht dort verbringen würde, da das nächstgelegene Dorf mehr als eineinhalb Tagesmärsche entfernt war. Außerdem kannte ich nur zu gut den Charakter der seltenen Dörfer dieser Gegend. Es gab deren vier oder fünf, weit verstreut, an den Hängen der Höhen, in den kleinen Eichenwäldchen, am alleräußersten Ende der fahrbaren Wege. Sie sind bewohnt von Holzfällern, die Holzkohle brennen. Orte, wo man ein schweres Leben hat. Die Familien, die so eng zusammengedrängt leben, in diesem ungemein rauhen Klima, sommers wie winters, übersteigern ihren Egoismus auf so engem Raum. Der irrsinnige Wunsch wird maßlos in dem unaufhörlichen Verlangen, diesem Ort zu entfliehen. Die Männer bringen gewöhnlich die Kohle mit ihren Karren in die Stadt und kehren dann zurück.
Die Frauen bleiben zu Hause und pflegen ihren Groll. Alles gibt Anlass für Rivalität, vom Kohlenverkauf bis hin zur Kirchenbank, von den verschiedenen sich widerstreitenden Lastern bis hin zum allgemeinen Durcheinander der Laster und der Tugenden – ohne Rast und ohne Ruh. Dazu der Wind, der ebenso rastlos die Nerven zerrüttet. Es gibt Selbstmordepidemien und zahlreiche Fälle von Irrsinn, der beinahe immer zu Mord führt.
Der Hirte, der nicht rauchte, holte einen kleinen Sack und schüttete einen Haufen Eicheln auf den Tisch. Er machte sich daran, eine nach der anderen mit großer Aufmerksamkeit zu prüfen, um die guten von den schlechten zu scheiden. Ich rauchte meine Pfeife und bot mich an, ihm zu helfen. Er sagte, das wäre seine Sache. Da ich sah, mit welcher Sorgfalt er sich dieser Arbeit hingab, drang ich nicht weiter in ihn. Das war unsere ganze Unterhaltung. Als er auf der Seite der guten eine Menge ziemlich großer Eicheln beisammen hatte, machte er Haufen von je zehn Stück. Dabei schied er noch die kleinen Früchte aus oder die, welche leicht rissig waren, denn er prüfte sie genau. Als er auf so hundert Eicheln ausgesucht hatte, legten wir uns schlafen.
Die Gegenwart dieses Mannes schenkte Frieden. Am folgenden Tag bat ich ihn um Erlaubnis, mich den ganzen Tag bei ihm auszuruhen. Er fand das ganz natürlich oder, besser gesagt, er machte den Eindruck, dass nichts ihn stören könne. Die Rast war nicht unbedingt nötig, aber ich war neugierig geworden, und ich wollte mehr von ihm wissen. Er ließ seine Herde hinaus und trieb sie auf die Weide. Vor dem Aufbruch tauchte er den kleinen Sack, in den er die sorgfältig gewählten Eicheln getan hatte, in ein Wasserschaff.
Ich bemerkte, dass er an Stelle den Stabes eine Eisenstange mitnahm, die etwa daumendick und eineinhalb Meter lang war. Ich tat wie einer, der geruhsam spazie-rengeht, und folgte einem Weg, der seinem parallel lief. Die Weide seiner Tiere lag im Grund einer Talsenke. Er überließ die kleine Herde der Obhut des Hundes und stieg zu dem Ort auf, wo ich mich befand. Ich fürchtete, er käme, mir meine Indiskretion vorzuwerfen. Aber nein, dies war sein Weg und er lud mich ein, ihn zu begleiten, wenn ich nichts Besseres vorhatte. Er stieg weitere zweihundert Meter hinauf bin zur Höhe.
Als er die gewünschte Stelle erreicht hatte, machte er sich daran, seine Eisenstange in die Erde zu bohren. Er machte ein Loch, in das er eine Eichel legte, dann füllte er es wieder auf. Ich fragte ihn, ob das Land ihm gehöre. Er sagte nein. Ob er wüsste, wem es gehöre. Er wusste es nicht. Er vermutete, dass es Gemeindeland sei, oder vielleicht das Eigentum von Leuten, die sich nicht darum kümmerten. Es war ihm gleichgültig, wem es gehörte. Er pflanzte so seine hundert Eicheln mit außerordentlicher Sorgfalt.
Nach dem Mittagsmahl begann er wieder, seine Saat auszulesen. Ich glaube, ich stellte meine Fragen sehr eindringlich, da er auf sie antwortete. Seit drei Jahren pflanzte er in dieser Einsamkeit Bäume. Er hatte deren hunderttausend gepflanzt. Von diesen hunderttausend waren zwanzigtausend aufgegangen. Von diesen zwanzigtausend wiederum glaubte er noch die Hälfte zu verlieren, durch Nagetiere und durch all das, was man unmöglich voraussehen könne von den Plänen der Vorsehung. Blieben also zehntausend Eichen, die hier wachsen würden, wo vorher nichts gewesen war.
Von diesem Augenblick an dachte ich über das Alter dieses Mannes nach. Sicherlich war er über fünfzig Jahre alt. Fünfundfünfzig, sagte er mir. Er hieß Elzéard Bouffier. Er hatte einen Bauernhof in der Ebene besessen. Dort hatte er sein Leben aufgebaut. Er hatte seinen einzigen Sohn verloren, dann seine Frau. Er hatte sich in die Einsamkeit zurückgezogen, wo er Freude fand, beschaulich zu leben mit seinen Schafen und dem Hund. Er hatte erkannt, dass dieses Land sterben würde aus Mangel an Bäumen. Da er keine andere wichtige Tätigkeit habe, hätte er sich entschlossen, diesen Zustand zu heilen.
Ich selbst führte damals ein einsames Leben, und trotz meiner Jugend verstand ich es, mit Zartgefühl mich einsamen Seelen zu nähern. Dennoch beging ich einen Fehler. Gerade meine Jugend war es, die mich zwang, mir meine Zukunft als Ergebnis meiner Tätigkeit und einer gewissen Suche nach dem Glück vorzustellen. Ich sagte ihm, dass in dreißig Jahren diese zehntausend Eichen herrlich sein würden. Er erwiderte schlicht, so Gott ihm das Leben ließe, hätte er in dreißig Jahren so viele gepflanzt, dass die zehntausend nur wie ein Tropfen im Meer wären.
Daneben erforschte er die Vermehrung von Buchen. Er hatte in der Nähe seines Hauses eine Baumschule, die er aus Bucheckern gezogen hatte. Die Schösslinge, die ein Zaun vor seinen Schafen schützte, waren wirklich sehr schön. Er dachte auch an Birken für die tieferen Lagen, wo, wie er mir sagte, eine gewisse Feuchtigkeit einige Meter unter der Erdoberfläche schliefe.
Am folgenden Tag trennten wir uns.
Ein Jahr darauf war der Krieg von 1914 ausgebrochen, der mich für fünf Jahre festhielt. Ein Infanterist konnte da kaum über Bäume nachdenken. Um die Wahrheit zu sagen, die Sache hatte mir so gar keinen Eindruck hinterlassen; ich hatte sie betrachtet wie eine Schrulle, wie eine Markensammlung, und vergessen.
Nach dem Krieg hatte ich ein winziges Entlassungsgeld, aber den großen Wunsch, ein wenig reine Luft zu atmen. Ohne irgendeinen Vorsatz schlug ich wieder den Weg in jene verlassenen Gegenden ein.
Das Land hatte sich nicht verändert. Jedoch oberhalb des toten Dorfes gewahrte ich in der Ferne eine Art grauen Nebels, der die Höhen wie ein Teppich bedeckte. Seit dem Abend vorher war mir der Gedanke an den Hirten, den Pflanzer der Bäume, wiedergekommen. „Zehntausend Eichen“, sagte ich mir, „brauchen wirklich einen sehr großen Platz.“ Zu viele Leute hatte ich während der fünf Jahre sterben sehen, um mir nicht leicht den Tod von Elzéard Bouffier vorstellen zu können. Um so mehr, als man, wenn man zwanzig Jahre alt ist, die Leute von fünfzig für Greise anschaut, denen nur zu sterben übrig bleibt. Er war nicht tot. Er war sogar sehr frisch. Er hatte seinen Beruf gewechselt.
Er besaß nur noch vier Schafe, aber dafür hatte er gegen hundert Bienenvölker. Die Schafe hatten seine Baumpflanzungen gefährdet. Denn, sagte er mir, und ich überzeugte mich davon, er hatte sich gar nicht um den Krieg gekümmert. Unerschütterlich hatte er fortgefahren, zu pflanzen. Die Eichen von 1910 waren nun zehn Jahre alt und höher als er und ich. Der Anblick war überwältigend. Ich war buchstäblich sprachlos, und da er auch nichts sagte, gingen wir den ganzen Tag schweigend durch den Wald. In drei Abschnitten umfasste er elf Kilometer der Länge nach und drei in seiner größten Breite.
Wenn man sich vergegenwärtigte, dass alles aus den Händen und der Seele dieses Mannes hervorgegangen war – ohne technische Hilfsmittel –, begriff man, dass die Menschen ebenso wirksam sein könnten wie Gott – da, wo keine Zerstörung herrscht.
Er hatte seinen Plan verfolgt, das bezeugten die Buchen, die mir bis zur Schulter gingen und sich weiter erstreckten als das Auge reichte. Die Eichen standen dicht und hatten das Alter hinter sich, wo sie den Nagern ausgeliefert waren; was die Pläne der Vorsehung betraf, so hätte es jetzt eines Wirbelsturms bedurft, um das geschaffene Werk zu zerstören. Er zeigte mir wunderbare Birkenwäldchen, die aus Pflanzungen von vor vier Jahren stammten, das heißt, von 1916, als ich vor Verdun kämpfte. Er hatte sie in den Gründen angelegt, wo er mit Recht vermutete, dass die Feuchtigkeit bis nahe an die Oberfläche reichte. Sie waren zart wie Jünglinge und sehr fest.
Das Werk schien übrigens eine Reihe von Folgen zu haben. Er kümmerte sich nicht darum: Er verfolgte hartnäckig seine sehr einfache Aufgabe.
Als ich aber zu den Dörfern hinabstieg, sah ich Wasserrinnen in den Bachbetten, die seit Menschengedenken trocken gewesen waren. Es war die erstaunlichste Wirkungsfolge, die mir je zu sehen geschenkt war. Diese trockenen Bachbetten hatten einstmals in sehr alten Zeiten Wasser geführt. Einige der traurigen Dörfer, von denen ich am Anfang meines Berichts erzählt habe, standen auf dem Grund von graeco-romanischen Dörfern; es gab noch Spuren davon, die die Archäologen durchforscht hatten. Sie hatten Angelhaken gefunden, dort, wo man im 20. Jahrhundert Zuflucht zu Zisternen nehmen musste, um ein wenig Wasser zu haben. Auch der Wind trug neue Samen herbei: kaum war das Wasser wieder da, erschienen auch die Weiden wieder, die Flechtweiden, die Wiesen, die Gärten, die Blumen und – ein gewisses Recht, zu leben.
Aber die Veränderung ging so langsam vor sich, dass sie in die Gewohnheit überging, ohne Erstaunen hervorzurufen. Die Jäger, die, um Hasen und Wildschweine zu verfolgen, in die Einsamkeit aufgestiegen waren, hatten wohl die starke Vermehrung der Bäumchen bemerkt, aber hatten sie den natürlichen Launen der Erde zugeschrieben. Deshalb rührte niemand an das Werk dieses Mannes. Hätte man Verdacht geschöpft, so hätte man es durchkreuzt. Er war unverdächtig. Wer in den Dörfern oder in den Verwaltungen hätte sich eine solche Beharrlichkeit in der herrlichsten Uneigennützigkeit vorstellen können?
Von 1920 an habe ich nie mehr als ein Jahr verstreichen lassen, ohne einen Besuch bei Elzéard Bouffier zu machen. Nie habe ich ihn wanken noch zweifeln sehen. Und dennoch – nur Gott weiß, ob Gott selbst hier half. Die Anzahl schwacher Stunden habe ich nicht gezählt. Man kann sich aber gut vorstellen, dass man, um solchen Erfolg zu haben, manches Missgeschick zu überwinden hatte; dass man, um eine solche Leidenschaft zum Sieg zu führen, mit der Verzweiflung kämpfen musste. Während eines Jahres hatte dieser Mann mehr als zehntausend Ahorne gepflanzt. Sie starben alle. Im darauffolgenden Jahr gab er die Ahorne auf, um wieder Buchen zu pflanzen, die noch besser als die Eichen gediehen.
Will man sich ein einigermaßen genaues Bild von diesem außergewöhnlichen Charakter machen, so darf man nicht vergessen, dass er in völliger Einsamkeit wirkte. So vollständig, dass er gegen Ende seines Lebens das Sprechen verlor. Oder vielleicht sah er keine Notwendigkeit mehr dazu.
Im Jahre 1933 bekam er den Besuch eines törichten Forstaufsehers. Dieser Beamte verbot ihm, im Freien Feuer zu machen, aus Angst, dass das Wachstum dieses „natürlichen Waldes“ gefährdet werden könnte. Es wäre das erste Mal, sagte ihm dieser naive Mensch, dass man einen Wald ganz von selbst wachsen sähe. Damals wanderte er zwölf Kilometer weit von seinem Haus, um Buchen zu pflanzen. Um sich das Hin und Zurück zu ersparen – er war jetzt 75 Jahre alt – erwog er den Bau einer steinernen Hütte am Ort seiner Pflanzungen. Das tat er dann im Jahr darauf.
1936 kam eine offizielle ministerielle Kommission, um den natürlichen Wald zu besichtigen. Sie bestand aus einer hohen Persönlichkeit der Forst- und Wasserverwaltung, aus einem Abgeordneten und aus Technikern. Man machte viel unnütze Worte. Man beschloss, etwas zu tun, und glücklicherweise tat man nichts außer dem einzig nützlichen Beschluss: den Wald unter Staatsschutz zu stellen und das Brennen von Holzkohle zu verbieten, denn es war unmöglich, nicht von der Schönheit dieser jungen, so gesunden Bäume überwältigt zu sein. Und selbst auf den Abgeordneten übte sie ihre Macht aus.
Ich hatte unter den Forstgewaltigen einen Freund, der mit bei der Abordnung war. Ich enthüllte ihm das Geheimnis. An einem Tag der folgenden Woche machten wir uns beide auf, Elzéard Bouffier zu suchen. Wir fanden ihn in voller Arbeit zwanzig Kilometer entfernt von dem Ort, wo die Inspektion stattgefunden hatte. Der hohe Forstbeamte war nicht umsonst mein Freund. Er kannte den Wert der Dinge. Er wusste zu schweigen. Ich bot die paar Eier an, die ich als Geschenk mitgebracht hatte. Wir teilten unseren Imbiss in drei Teile, und einige Stunden vergingen in schweigender Betrachtung der Landschaft.
Der Hang, von dem wir kamen, war mit sechs bis sieben Meter hohen Bäumen bedeckt. Ich erinnerte mich an den Anblick, den das Land im Jahre 1913 geboten hatte: eine Wüste. Die friedliche und regelmäßige Arbeit, die starke Luft der Höhen, die Bedürfnislosigkeit und vor allem die Heiterkeit der Seele hatten diesem Greis eine großartige Gesundheit gegeben. Er war ein Athlet Gottes. Ich fragte mich, wieviel Hektar er wohl noch mit Bäumen bedecken würde. Vor dem Abschied gab mein Freund nur eine kurze Anregung im Hinblick auf bestimmte Baumarten, für die das Terrain günstig zu sein schien. Er war nicht dringlich. „Aus dem guten Grund“, wie er mir später sagte, „weil dieser brave Mann mehr weiß als ich.“ Nach einer Stunde Wegs – die Idee hatte ihren Weg auch in ihm genommen – fügte er hinzu: „Er weiß mehr als alle anderen. Er hat ein großartiges Mittel gefunden, glücklich zu sein.“
Diesem leitenden Beamten ist es zu verdanken, dass nicht nur der Wald, sondern auch das Glück des Mannes beschützt wurde. Er ließ drei Forstaufseher für diesen Schutz anstellen und setzte sie so unter Druck, dass sie allen Weinkrügen gegenüber standhaft blieben, welche die Holzfäller ihnen anbieten konnten.
Nur während des Krieges 1939 war das Werk einer schweren Gefahr ausgesetzt. Die Kraftwagen wurden damals mit Holzgas betrieben. Nie hatte man genug Holz. Man begann den Schlag unter den Eichen von 1910, aber diese Gebiete sind so weit vom Verkehrsnetz entfernt, dass sich das Unternehmen vom finanziellen Standpunkt aus als sehr unrentabel erwies. Man gab es auf. Der Hirte hatte nichts gesehen. Er war dreißig Kilometer davon entfernt; friedlich seine Arbeit fortsetzend, ignorierte er den Krieg von 1939, wie er den Krieg von 1914 ignoriert hatte.
Ich habe Elzéard Bouffier das letzte Mal im Juni 1945 gesehen. Er war damals 87 Jahre alt. Ich hatte also wieder den Weg in die Wüste eingeschlagen. Jetzt aber gab es trotz der Zerrüttung, in der der Krieg das Land zurückgelassen hatte, einen Wagen, der zwischen dem Tal der Durance und dem Gebirge verkehrte. Ich setzte es auf Rechnung dieses verhältnismäßig schnellen Verkehrsmittels, dass ich die Orte meiner ersten Wanderung nicht mehr wiedererkannte. Es schien mir auch so, als ob die Route mich durch neue Gegenden brächte. Ich bedurfte erst eines Ortsnamens, um aus ihm zu schließen, dass ich wirklich in der Gegend war, die früher in Ruinen und Verlassenheit dalag. Der Wagen setzte mich in Vergons ab. 1913 hatte dieser Weiler von zehn oder zwölf Häusern drei Einwohner. Sie waren verwildert, hassten einander, lebten von Fallenjagd, beinahe in dem physischen und moralischen Zustand vorgeschichtlicher Menschen. Um sie herum überwucherten Brennnesseln die verlassenen Häuser. Ihr Zustand war hoffnungslos. Für sie handelte es sich nur noch darum, den Tod zu erwarten: eine Lebenslage, die durchaus nicht zur Tugend geeignet macht.
Alles war nun verändert: sogar die Luft. Statt der trockenen, jähen Stürme, die mich einstmals empfangen hatten, wehte ein sanfter, dufterfüllter Wind. Ein Laut wie Wasserrauschen kam von den Höhen. Es war der Ton des Windes in den Wäldern. Schließlich, das Erstaunlichste, hörte ich den Klang von wirklichem Wasser, das in ein Becken floss. Man hatte einen Brunnen gebaut, der überreichlich strömte, und, was mich am meisten rührte, man hatte neben ihn eine Linde gepflanzt, die bereits vier Jahre alt sein mochte, schon üppig, ein unbestreitbares Zeichen der Auferstehung.
Im übrigen zeigte Vergons die Spuren einer Arbeit, die zu unternehmen der Hoffnung bedurft hatte. Die Hoffnung war also wiedergekehrt. Man hatte die Ruinen weggeräumt, hatte die Teile der Mauern, die verfallen waren, niedergerissen und fünf Häuser wieder aufgebaut. Der Weiler zählte jetzt 28 Einwohner, darunter vier junge Paare. Die neuen, frisch verputzten Häuser waren von Gemüsegärten umgeben, in denen durcheinander, aber in Reihen Gemüse und Blumen sprossen, Krautköpfe und Rosenstöcke, Lauchstengel und Löwenmaul, Sellerie und Anemonen. Von jetzt an war dies ein Ort, wo man Lust bekam, zu wohnen. Von hier aus ging ich zu Fuß weiter. Der Krieg, dem wir kaum entronnen waren, hatte die völlige Entfaltung des Lebens noch nicht gestattet. Aber Lazarus war aus dem Grabe auferstanden. An den flacheren Hängen der Berge sah ich kleine Felder von Gerste und Roggen sprießen, im Grunde der engen Täler grünten einige Wiesen. Nur acht kurzer Jahre hatte es bedurft, das ganze Land in Gesundheit und Wohlstand erstrahlen zu lassen. Auf den Stellen der Ruinen, die ich 1913 gesehen hatte, erheben sich jetzt saubere, schön verputzte Bauernhöfe, die ein glückliches und behagliches Leben verraten. Die alten Quellen, gespeist von Regen und Schnee, den die Wälder zurückhalten, haben wieder zu fließen begonnen. Man hat das Wasser in Leitungen gefasst. Bei jedem Bauernhof, zwischen kleinen Ahorngruppen, fließen die Brunnenbecken über und netzen Teppiche von frischer Pfefferminze. Die Dörfer haben sich nach und nach wieder aufgebaut. Die Bevölkerung ist aus der Ebene gekommen, wo Grund und Boden teuer ist, und hat sich in diesem Land festgesetzt; Jugend, Bewegung und Abenteuerlust brachten sie mit. Auf den Wegen trifft man wohlgenährte Männer und Frauen, Knaben und Mädchen, die lachen können und wieder Lust zu ländlichen Festen haben. Wenn man die alte Einwohnerschaft, die nicht mehr zu erkennen ist, seitdem sie besser leben kann, und die Neugekommenen zählt, verdanken mehr als 10 000 Menschen ihr Glück dem Elzéard Bouffier.
Bedenke ich, dass ein einziger Mann mit seinen schlichten körperlichen und moralischen Kräften ausgereicht hat, um aus einer Wüste dieses Land von Kanaan auferstehen zu lassen, so glaube ich, dass trotz allem die Möglichkeiten menschlichen Wesens bewundernswert sind. Berechne ich aber, was an Ausdauer und Seelengröße notwendig war, an Hartnäckigkeit und Großmut, um dieses Ergebnis zu erzielen, dann ergreift mich eine unermessliche Hochachtung für diesen alten Landmann ohne Bildung, der ein Werk zu einem guten Ende geführt hat, das Gottes würdig ist.
Elzéard Bouffier starb friedlich im Jahre 1947 im Spital von Banon.
Die Geschichte der Geschichte
Der französische Schriftsteller Jean Giono (1895–1970) schrieb diese Geschichte im Jahr 1953 für das amerikanische Magazin Reader’s Digest, das ihn um einen Beitrag für seine Rubrik „Der erstaunlichste Mensch, dem ich je begegnet bin“ gebeten hatte. Nachdem er zunächst begeisterte Reaktionen von der Redaktion erhalten hatte, bekam er jedoch bald einen sehr ungehaltenen Brief. Das Magazin – berühmt für seine gut recherchierten Reportagen – hatte tatsächlich die Geschichte auf ihren Wahrheitsgehalt hin überprüft und herausgefunden, dass 1947 kein Elzéard Bouffier im Hospital von Banon gestorben war. Man könne seinen Beitrag deshalb nicht abdrucken. Jean Gionos Tochter Aline berichtet, dass in der Familie noch jahrelang über die Naivität gelacht wurde, einen Schriftsteller – also einen professionellen Geschichtenerfinder – um eine Geschichte zu bitten und sich dann zu wundern, dass die Hauptperson erfunden war.
Doch Gionos Erzählung war gut genug, um es in einem Dutzend verschiedener Sprachen und unter verschiedenen Titeln doch noch in Bücher und Magazine auf der ganzen Welt zu schaffen. Sie inspirierte viele Menschen dazu, ihrerseits Bäume zu pflanzen und somit ein Stück von Elzéard Bouffier in die Wirklichkeit zu holen. In einer deutschen Biographiensammlung erschien der Schäfer sogar unter lauter realen Persönlichkeiten. Jean Giono hatte dem Herausgeber auf dessen Nachfrage hin die vergilbte Photographie eines alten bäuerlichen Mannes im Sonntagsstaat geschickt.
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