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Impressum
Lernen braucht Freiheit
erschienen in Ausgabe 135
Lernen ist die natürlichste Sache der Welt. Steven Harrison ermutigt dazu, diesen natürlichen Lernraum zu schaffen.

In den USA ist das Recht auf eine selbstbestimmte Bildung mittlerweile garantiertes und praktiziertes Bürgerrecht. So konnte sich ein vielfältiges Bildungsspektrum von der Bildung zu Hause bis zu basisdemokratischen Schulen jenseits von Staatsschule entfalten. Universitäten und Wirtschaft fragen zunehmend nach diesen „Schülern“, ihnen werden Qualitäten wie Kreativität, Kooperations- und Lernfähigkeit und eine hohe Bereitschaft zu Selbstverantwortung und Mitverantwortung nachgesagt. Vor diesem Hintergrund reflektiert Steven Harrison die Grundlagen und die Praxis von staatlicher Schule in ihrem gesellschaftlichen Zusammenhang. In seinem neuesten Buch fordert er zu einer grundsätzlichen Neubesinnung heraus und skizziert aus den Erfahrungen mit seiner eigenen „Schul“-Gründung eine Welt, in der Kinder und Erwachsene in Gemeinschaft erfüllt miteinander leben und lernen können.

Die Zeitalter werden kürzer und dichter. Während das Industriezeitalter mehrere hundert Jahre dauerte, wird sich das Informationszeitalter in Jahrzehnten messen lassen. Maschinen sind zum Kernelement der Industrie geworden, und die Maschinen sind eindeutig besser darin, Informationen zu speichern und zu ordnen. Nun stecken wir in einer schmalen Zeitspanne, in der die schöpferische Intelligenz noch immer ein Vorrecht des Menschen darstellt. Doch es ist bloß eine Frage der Zeit, bis sich die Maschinen vielschichtiges Wissen und Antworten aneignen werden, die den unseren überlegen sind. Chips sind schneller, Synapsen arbeiten langsam. Wie will unser Bildungssystem auf die Herausforderung reagieren, dass es auf die menschliche Intelligenz bald nicht mehr ankommt? Wir fahren fort, Informationen zu vermitteln, obgleich dieses Spiel für uns bereits gelaufen ist. Unser Bildungswesen ist überholt. Es weiß dies nur noch nicht. Darüber müsste es unterrichtet werden. Unterdessen werden die Kreativität und die Entdeckerlust unserer Kinder vom Machtapparat unserer Gesellschaft – bildlich gesprochen – dafür hingerichtet, dass sie zu viele Fragen stellen. Sokrates ging es nicht anders.

Spiritualität und Lernen
Wir haben akzeptiert, es als Bildung hinzunehmen, wenn kulturelle Konstrukte vermittelt werden; mehr noch, wir fürchten, unseren Kindern stehe ein elendes Leben bevor, sollten sie es verpassen, auf diese Weise in die herrschende Kultur eingeführt zu werden. Ein spezifischer Lehrplan gibt vor, was aus der auszubildenden Person werden soll und, wichtiger noch, welche Funktion dieser Mensch in der Gesellschaft dereinst wahrnehmen wird.
Die Eltern sorgen sich um ihr Kind und überantworten es den Kräften der Gleichmacherei und des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Der Preis dafür ist, dass der kreative und leidenschaftliche Ausdruck des Kindes verloren geht, da er vom Kind im Verlauf der Ausbildung verlernt wird. Dafür erwirbt man sich Sicherheit. Wir fürchten, unseren Kindern stünden Not und Versagen bevor, wenn wir sie nicht auf dieses Programm der Verhaltensveränderung einfuchsen. Sie würden unangenehm auffallen, und sie wären nicht ausreichend befähigt oder diszipliniert, um sich einzufügen, um produktiv zu sein, eine Stelle zu finden und so weiter. Wenn Kinder versagen, heißt das, dass wir versagt haben. Davor haben sich schon unsere Eltern gefürchtet. Und deren Eltern.
Indem wir unser eigenes Leben – an dem Kinder einen wesentlichen Anteil haben – leidenschaftlich leben, begegnen wir unseren Ängsten, anstatt sie an die nächste Generation weiterzureichen. Wir beginnen, gesellschaftliche Formen zu bilden, die ein Leben der Liebe und des Entdeckens spiegeln: bewusste Lebensgemeinschaften; von Schülern bestimmte Schulen; genossenschaftlich organisierte, sich selbst regulierende, nachhaltig wirtschaftende Unternehmen; biologische Herstellung von Nahrungsmitteln; soziale Hilfe, die auf Beziehungen aufbaut; künstlerische und mediale Ausdrucksformen, die mehr als nur den herrschenden Materialismus darstellen. In einem solchen Leben gibt es selbstverständlich viele Bücher und Computer, Pinsel und Musikinstrumente, Mystiker und Visionäre, und das alles geht einher mit Unternehmern, Künstlern, Wissenschaftlern und Gelehrten. Wie sollte ein Kind in einer Familie, in einer Gemeinschaft, in der das Leben in seiner umfassenden Fülle gelebt wird, es versäumen zu lernen?
Die Gemeinschaft der Lernenden dehnt unsere persönlichen Mittel aus auf die gesamte Gemeinschaft, so dass jedem Kind jene Form von Ausbildung offen steht, für die es sich interessiert. Im Mittelpunkt einer Gemeinschaft der Lernenden befindet sich ein Bildungszentrum, denn unsere Gemeinschaften sind noch nicht imstande, ein natürliches, frei fließendes, ganzheitliches Lernen zu gewährleisten, welches in den Alltag eingebunden ist und ohne Schule auskommt. Vielleicht war das ja die Grundidee unseres öffentlichen Bildungswesens, doch davon sind wir heute Welten entfernt.
Die geistige Erkenntnis, dass alle Formen des Lebens untereinander verbunden sind, drückt sich auf der praktischen Ebene in dem aus, was wir erschaffen, in den Werken, die aus diesem Verständnis erwachsen. Selbst ein Bildungszentrum, das auf Freiheit und Verantwortung beruht, ist nicht vollständig, bevor es nicht nahtlos in der Gemeinschaft von Familien, Unternehmen und Institutionen aufgeht, die es umgeben, genauso wie in der Welt als Ganzem. Vielleicht wird Lernen dereinst gar gänzlich ohne institutionelle Gefäße auskommen und zu seiner natürlichen Verfassung zurückkehren: von Neugierde angetrieben, lebenslang und sämtliche Dimensionen des menschlichen Seins umfassend. Ein Leben, das der unablässigen Nachforschung und dem offenen Lernen gewidmet ist, verlangt danach, alles zu erforschen und mit allem in Verbindung zu treten, gerade so, wie es ist.
Wir alle haben die Fähigkeit, inmitten der zehntausend Dinge dieser Welt still zu sein, einfach deshalb, weil sämtliche Dinge tatsächlich miteinander verbunden sind – nicht durch die unzähligen Erscheinungen an sich, sondern durch das Bewusstsein, das wir teilen. Wer wagt es, die künstliche Welt der gefahrlosen Spiritualität zu verlassen und ein Leben des leidenschaftlichen Forschens und des pragmatischen Anwendens der Ergebnisse aus diesen Nachforschungen zu führen? Das ist die große Herausforderung, vor der wir stehen, nicht bloß für unsere Kinder, sondern für uns alle und für die Gesamtheit des Lebens.

Das Herz des Lernens fördern
Erwachsene haben zu oft ihre Kreativität verloren und es aufgegeben, ihre Weisheit zu leben. Lernen erfolgt wechselweise in alle Richtungen und in sämtlichen Dimensionen unseres Seins, im Intellekt, im Gemüt, im Körper und im Geist. Es ist ja nicht so, dass ein Kind von Erwachsenen nichts zu lernen hätte, aber es ist entscheidend, wie dieser Lernprozess geschieht. Es reicht, wenn Erwachsene Kinder nicht zerstören, die Entdeckungen können wir getrost dem Kind überlassen. Wenn der Lernprozess erzwungen wird, lernt es bloß noch etwas über das Funktionieren der Macht, und die Zerstörung nimmt ihren Lauf.
Wir können keinen Menschen vor den Schwierigkeiten bewahren, ein Mensch zu sein. Damit hat sich jeder auseinanderzusetzen, und jeder steht vor der existenziellen Frage, worum es in seinem Leben und im Leben an sich geht. Geht es grundsätzlich um Materie? Geht es bloß darum, sämtliche Besitztümer zu erwerben, die man erwerben kann? Kein anderer kann die Frage deines Lebens für dich beantworten. Jeder Mensch, jedes Kind – und vergessen wir nicht, dass Kinder Menschen sind! – muss diese Frage für sich beantworten, muss seiner Antwort gemäß leben und seine Antwort wieder in Frage stellen. Unter allen Lebensumständen wird es Kinder geben, welche diese Frage beantworten werden mit „Ja, ich will so viele Sachen haben, wie ich nur kriegen kann“. Das ist ihre Form der Entdeckungsreise, genauso gültig, wie wenn jemand sein Leben nach anderen Werten ausrichtet.
Eine innere Intelligenz macht sich bemerkbar, wenn Kinder lernen, Entscheidungen selber zu treffen, wenn sie versagen oder erfolgreich sind. Wenn sie die Freiheit haben, steht es ihnen dann nicht auch frei, andere da um Hilfe zu bitten, wo sie auf ihren Erkundungsgängen Hilfe brauchen? Werden sie sich dann nicht an jene wenden, die Experten sind, weil sie ein bestimmtes Wissensgebiet gemeistert haben?
Ein Mentor, ein Handwerksmeister, ein Künstler oder ein Forscher können etwas auf völlig neue Weise vermitteln. Die leidenschaftliche Fachfrau lehrt, indem sie Freude und Hingabe ausstrahlt an das, was sie gerne tut. Ein Lernender kann dann sagen: „Ich interessiere mich für diese bestimmte Technik, jene Kunstfertigkeit oder dieses Gebiet, und du besitzt einige Schlüssel dazu. Das möchte ich gerne lernen; wie gehe ich am besten vor, um diese Fertigkeit zu erwerben?“
So beginnt ein wechselweiser Austausch von Wissen, ein Prozess, der beiläufig Weisheit mit sich bringt. Schließlich gehört es zu den wesentlichen Aspekten einer Ausbildung, zum Träger des Wissens eine Beziehung herzustellen, diesem mitzuteilen, dass man etwas erfahren will, eine gegenseitige Übereinkunft auszuhandeln und die Vereinbarungen und Anforderungen zu erfüllen.
Die Beteiligten legen die Bedingungen fest, unter denen Wissen vermittelt wird. So sage ich vielleicht: „Ich möchte jeden Montagnachmittag hierherkommen und lernen, Geige zu spielen.“ Worauf du sagst: „In Ordnung, das kannst du tun, aber du musst jede Woche mindestens fünf Stunden üben. Wenn du nicht übst, habe ich keine Lust, mir Zeit für deinen Unterricht zu nehmen.“ Womit wir eine Vereinbarung haben. Nun lerne ich von dir, bis ich herausgefunden habe, was ich von dieser Erfahrung zu lernen brauche. Das ist für Lehrer und Schüler eine wesentlich andere Erfahrung als „es ist Zeit, dass du Geige spielen lernst. Ich habe auch Geige spielen gelernt, als ich sieben war, außerdem wird es dir gut tun und deine rechnerischen Fähigkeiten verbessern.“
Wenn man einem Menschen begegnet, der auf seinem Gebiet ein Meister ist, und ist man an diesem Gebiet interessiert, wird man sich ganz selbstverständlich diesem Meister anvertrauen, weil man einsieht, dass er oder sie etwas kann und weiß. Ob es sich um ein Handwerk, eine intellektuelle Tätigkeit oder um ein Fach handelt, spielt keine Rolle. Es stellt sich ein bestimmtes Einverständnis ein, wenn die Beziehung zum Mentor und zum Lernprozess entsteht und wir Verantwortung fürs Lernen übernehmen. Das zeigt sich äußerlich als Disziplin, doch diese Haltung beruht auf einem inneren Antrieb und dem Verständnis, dass ich das erreichen will, was diese Person verkörpert.
Wie lässt sich das übertragen auf die Disziplin, die es braucht, um eine Sportart, ein Musikinstrument oder ein Handwerk zu erlernen? In diesem Fall erwächst die Disziplin aus der Beziehung zwischen Lehrling und Meister. Das tief empfundene Interesse des Lernenden und die Liebe des Meisters zu seiner Kunst verbinden sich, und daraus entsteht die nötige Disziplin. Wenn diese Komponenten da sind, ergibt sich Disziplin naturgemäß als Folge einer Vereinbarung. Es handelt sich also nicht um eine Beziehung der Macht, sondern um eine Beziehung der Übermittlung, in der menschliches Wissen, menschliche Fähigkeiten und Weisheit wie eine stete Flamme von einer Generation an die nächste weitergereicht wird. Diese Flamme gehört niemandem, niemand hat sie erzeugt, und niemand hat sie unter Kontrolle.
Übermittlung kann durch einen Menschen, durch ein Buch oder durch eine Erfahrung geschehen. Es mag Musik sein oder ein Sonnenuntergang – irgendetwas Beliebiges, da es damit zu tun hat, dass Innen und Außen verschmelzen und dieser Prozess auf einer Art von Elektrizität beruht, die durch mich strömt und mich von dem, was ich war, verwandelt in das, was ich bin. Nun bin ich der Hüter dieser Flamme, jederzeit bereit, sie weiterzureichen, wenn sich eine entsprechende Konstellation ergibt. Wenn wir in der Freude des Lernens leben, sind wir alle Meister und Schüler, Zauberer und Lehrlinge.

Lernen statt Indoktrination
Wo das Feuer der Leidenschaft brennt, etwas zu lernen, wo wir fähig sind, uns die erforderlichen Lehrmittel ohne Verzug zu beschaffen, was wollte uns dann noch aufhalten, den entsprechenden Meister oder Mentor zu finden? Wenn dieser Mensch den Unterschied kennt zwischen Indoktrination und Lernen, werden wir lernen. Das ist es, was wahre Meister tun: Sie bringen uns bei, was sie wissen, und dann setzen sie den Schüler vor die Tür: „Das war’s. Nun hast du alles erhalten, was ich zu geben habe – geh jetzt!“ Sie erlauben uns nicht, in der eingespielten Beziehung zu ihnen zu verharren.
Ein Lernfeld hat uns Zugang zum Wissen zu bieten und dann den Weg zur Tür zu weisen. Eine der grundlegenden Schwächen der meisten Schulen liegt darin, dass sie Informationen zugänglich machen, Informationen zugänglich machen und Informationen zugänglich machen, aber uns im übertragenen Sinne den Ausgang oder die Tür nicht weisen. Kinder mögen zwar lernen, doch selten bekommen sie die Gelegenheit, mit den Kenntnissen, die sie sich angeeignet haben, zu experimentieren und sie in Wissen und Weisheit umzuwandeln.
Die Anleitung eines Mentors vermittelt Grundlagen, und zugleich ermöglicht sie den Durchbruch. Durchbrüche gelingen jenen Menschen, die es wagen, die bekannten Bahnen zu verlassen. Zu häufig beschränkt sich Bildung darauf, Informationen zu übermitteln, statt den Funken der Kreativität zu entfachen, welcher Informationen als Werkzeug verwendet. Der Mentor vermittelt, was bereits bekannt ist, muss aber auch offen sein für das, was sich daraus ergibt und für das Mysterium, das damit einhergeht. Die Grundlagen sind schnell gelernt, wenn das Interesse dafür vorhanden ist, und jedes Lernfeld lässt sich so gestalten, dass die Grundlagen jederzeit zugänglich sind, sobald Lernende ihrer bedürfen.
Wo ein Mentor fehlt, schlüpft ein Lernender, der auf sich selbst gestellt ist, automatisch in die Rolle eines Forschers, und er experimentiert so lange, bis er es auf seinem Gebiet zur Meisterschaft bringt. Er forscht in Büchern, was andere auf dem Gebiet herausgefunden haben, und er tauscht sich mit anderen Schülern aus, die seine Begeisterung teilen. Andere Schüler haben vielleicht eine Leidenschaft für Schach, Trigonometrie oder chinesische Lyrik.
Eine Gemeinschaft des Lernens verschafft Zugang zu einer breiten Auswahl an Mentoren. Wenn ich Schlagzeuger, Schriftsteller, Ingenieur oder Maurer werden will, gibt es einen Mentor, der bereit ist, mit einer Gruppe von motivierten Schülern zu arbeiten, und es gibt Schüler, die kundtun, dass sie etwas lernen wollen, und die bereit sind, auch die anstrengenden Seiten des Lernprozesses auf sich zu nehmen. Will ich auf eigene Faust lernen, wie man mauert, steht es mir natürlich frei, mit einem Haufen Backsteinen und Mörtel zu experimentieren. Vielleicht entsteht dabei eine schiefe Mauer, aber ich werde lernen, wie man experimentiert und wie man lernt.
Jene, die das interessiert, können in gemeinsamer Anstrengung Unterrichtsstunden auf die Beine stellen. Vielleicht gestalten sie den Unterricht ja auf althergebrachte Art und Weise, indem sie einen Lehrer finden, einen Dozenten – wer weiß, womöglich einen unversöhnlich fordernden Pauker. Mit ihrer Leidenschaft werden sie die Ansprüche dieses Lehrers zufrieden stellen, und das wird dazu führen, dass gelernt wird. Es wird dieses Interesse sein, welches die scheinbar konventionelle Art von Unterricht in etwas Lebendiges, ja Magisches verwandeln wird.
Der Mentor braucht kein Zauberer zu sein, er muss bloß das Interesse am Lernen verstehen. Die Befähigung des Mentors liegt darin, dass er es Lernenden ermöglicht, diese Leidenschaft und das Lernen als steten Umstand des Lebens für sich zu entdecken.

Die lebendige Schule
Statt es hinzunehmen, dass Bildungsinstitutionen zunehmend zentralisiert werden und sich der Staat und profitorientierte Unternehmen immer mehr ins Bildungswesen einmischen, wie es heute geschieht, könnten wir auch darauf beharren, nicht nur die Schulen, sondern auch unsere Kinder in der unmittelbaren Umgebung zu belassen. Damit sie lernen können, brauchen sich Kinder nicht unbedingt an einen bestimmten Ort zu begeben. Kinder lernen, wo immer sie sind, sei es zu Hause oder in einer Gemeinschaft außerhalb. Das Zuhause und die Gemeinschaft – die Ansammlung aller Haushalte, Arbeitsplätze, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen – könnten zusammen die Schule ausmachen.
Was dazu noch fehlt, ist, dass die Eltern und die weiteren Mitglieder einer Gemeinschaft ihr Zuhause in etwas verwandeln, das mehr ist als bloß ein Ort, an dem gegessen und geschlafen wird, und dass sie die Gemeinschaft, in der sie leben, als Ausdrucksform von Beziehungen statt als Feld von Tätigkeiten gestalten. Mit anderen Worten gesagt, braucht es eine einfache Sache: den vollständigen Umbau unserer Gesellschaft, ihrer Werte und ihrer Struktur.
Eigentlich sollte das kein Problem sein. Wir sind motiviert. Wir lieben unsere Kinder, und wir wollen das Beste für sie. Und die meisten von uns hätten nichts dagegen, selber ebenfalls ein erfülltes Leben zu führen.
Wollen wir unseren Kindern beibringen, wie sich Neues einführen lässt, wie sie etwas gestalten und verwirklichen können, müssen wir genau das selber tun. Wir können jeden Aspekt unseres Lebens daraufhin untersuchen, ob in ihm das gesamte menschliche Potenzial zum Ausdruck kommt oder bloß gewohnheitsmäßiges Sicherheitsdenken. Wir können Lerngemeinschaften aufbauen, die nicht nur unseren Kindern, sondern auch uns selber offenstehen: lebendige Schulen, die den Herausforderungen unseres Lebens entsprechen und sich diesen Vorgaben fortwährend anpassen. Wir können begreifen, dass unsere Gesellschaft eines erhöhten Grads der Vernetzung bedarf, nicht nur hinsichtlich Rasse, Geschlecht oder Gesellschaftsschicht, sondern auch zwischen den verschiedenen Altersgruppen, vom Kleinkind bis zum Betagten, so dass die vollständige menschliche Erfahrung geteilt werden kann. So lässt sich die Wahrnehmung des Lebens ausdehnen, um darin mehr als nur Ich und Meins zu berücksichtigen, um Dich und Deins zu berühren, um die Facetten eines jeden Lebens zum Juwel all unserer Leben zusammenzufügen. ´

Dieser Beitrag basiert auf Auszügen aus Steven Harrisons Buch „Das glückliche Kind – Erziehung durch Freiheit“, Edition Spuren, CH-Winterthur 2004, ISBN 3-033-00036-3. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
Steven Harrison hat als spiritueller Sucher jahrzehntelang die Welt bereist. Eine Bilanz dieser Bemühungen zog er in dem radikalen Essay „Nichts tun – Am Ende der spirituellen Suche“ (Edition Spuren, Winterthur 2000). In Boulder, CA, gründetete er „The Living School“, die sich als eine Gemeinschaft von Lernenden versteht, in der sich Jung und Alt gleichermaßen der Erforschung des Lebens und der Welt verschrieben haben.

  Autoren

Harrison, Steve

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