Das Streben nach Balance
Neue Gemeinschaftsformen, die ohne Sentimentalität in unserer europäischen VorfahrInnen-Kultur wurzeln und ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen den Frauen und Männern der Gemeinschaft kennen, sind selten. Die Lebenswirklichkeit selbst kultur-kreativ „aufgeklärter“ Gemeinschaften ist häufig in vielen unreflektierten Details nach wie vor patriarchal geprägt – vor allem in ihrer Beziehung zur patriarchalen Umwelt. Im fünften Teil ihrer Beitragsreihe über aufgreifenswerte Impulse aus matriarchaler Spiritualität schildert Heide Göttner-Abendroth eine Politik der Einstimmigkeit, die auf der Kraft matriarchalen Strebens nach Balance gründet.
Politik ist in matriarchalen Gesellschaften kein abgehobener Bereich für sich, bei dem Parteien, Parlamente, Senate, Gremien und Regierungen sich in der Regel so verhalten, als gebe es die StaatsbürgerInnen nicht. Alle vier Jahre entdecken sie diese wieder, speisen sie mit Slogans ab und erwarten dann eine Entscheidung in Form eines Kreuzchens auf dem Wahlzettel – gerade als wären die StaatsbürgerInnen Analphabeten. Inhaltlich haben diese nichts zu sagen, womit sich die herrschende Demokratie als rein formal erweist. Die tatsächlichen Entscheidungen fallen woanders, jedoch nicht beim Volk.
Im Gegensatz dazu regelt in matriarchalen Gesellschaften die perfekte Basisdemokratie alle Entscheidungen, und Politik besteht darin, dass sie die Angelegenheit jeder Person ist. Denn sie beruht auf konsequenter Konsensbildung im Sinne von Einstimmigkeit aller Mitglieder bestimmter Gemeinschaften. Es kann dies die Clangemeinschaft in einem Clanhaus, die lokale Dorfgemeinschaft oder die Stammesgemeinschaft in der ganzen Region sein. Die Konsensbildung kennt dabei zwei Grundprinzipien: die Größenbegrenzung und die gegliederte Konsensbildung.
Die Größenbegrenzung bezieht sich insbesondere auf eine matriarchale Siedlung, welche die maximale Größe von dreitausend Personen nicht überschreitet. Denn jede Siedlung ist eine autonome Dorfrepublik. Jenseits der genannten Größenordnung geht die Transparenz verloren und Konsensbildung wird undurchführbar. Denn auch die Stammespolitik einer ganzen Region geht schließlich auf die Entscheidung in den Dörfern zurück. In den einzelnen Dörfern aber geht die Politik auf die Entscheidung in den einzelnen Clanhäusern zurück, und hier entscheidet jede Person mit. Auf diese Weise wird jede Person in die Konsensfindung einbezogen, sei es dass es um Entscheidungen auf Clanebene, auf Dorfebene oder auf Stammesebene geht.
Gegliederte Konsensbildung
Dieses System ist bemerkenswert, denn es ist die einzige funktionierende, vollkommene Basisdemokratie. Dass sie funktioniert, verdankt sie der Erfindung der gegliederten Konsensbildung, die ich jetzt beschreibe: Die Grundlage für jede matriarchale Politik ist der Clanrat als die Versammlung aller erwachsenen Mitglieder in einem Clanhaus. Die Jugendlichen gelten ab 13 Jahren als volle Mitglieder des Clanrats. In diesem Clanrat wird die Realpolitik gemacht, von hier geht jede Entscheidung aus und kommt hierher wieder zurück. Zuerst wird nach Geschlechtern getrennt beraten, die Frauen beraten sich untereinander und finden ihren Konsens zu einer bestimmten Frage, die Männer ebenso. Das heißt, Menschen gelten nicht als neutrale, quasi geschlechtslose „Individuen“ in diffus-gemischten Gruppen. Sondern matriarchale Gesellschaften handeln bewusst danach, dass die Menscheit aus Zweien besteht: Männern und Frauen. Durch diese erste getrennte Entscheidung im Clanhaus geht der Unterschied zwischen der Perspektive der Frauen und derjenigen der Männer niemals verloren, was im Patriarchat allgemein ist. Dort werden Entscheidungen „für alle Menschen“ getroffen, die in der Regel von Männern gefällt und für Männer gemeint sind, denn im Patriarchat ist der Mann der eigentliche Mensch, die Frau nur die Abweichung.
Nach der getrennten Beratung kommen die Frauen und Männer des Clanhauses zusammen und finden jetzt ihren gemeinsamen Konsens. Die Matriarchin leitet die Clanversammlung und hilft durch ihren Rat, den Konsens zu finden. Ihr Rat wird sehr respektiert, denn sie ist die vertrauenswürdigste Instanz, doch bei der Entscheidung hat sie nur eine Stimme wie jede andere Person auch. Geht es um eine Entscheidung, die nur den Clan betrifft, ist der Vorgang an dieser Stelle beendet, kein Dorfrat mischt sich in die Angelegenheiten des Clans ein. Geht es aber um eine Entscheidung auf Dorfebene, dann setzt sich der Vorgang fort.
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Lesen Sie den ganzen Artikel und auch die anderen fünf Beiträge von Heide Göttner-Abendroths Serie zu neuen matriarchalen Lebensentwürfen in ihrem neuen Buch „Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft – Prinzipien und Praxis der Matriarchatspolitik“ (Drachen Verlag Klein Jasedow 2008, ISBN 9783927369337, 112 Seiten, 12 Euro). Im Anschluss an die Beiträge ist hier auch die Diskussion über Göttner-Abendroths Vorschläge zwischen ihr und einer Reihe von LeserInnen wiedergegeben, unter anderem mit dem Verleger Johannes Heimrath, dem Philosophen Jochen Kirchhoff und der Matriarchatsforscherin Carola Meier-Seethaler.
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Aus dem Klappentext:
„Die Philosophin Heide Göttner-Abendroth ist als profunde und scharfsichtige Kritikerin des Patriarchats bekannt. Ihre mehr als dreißigjährige Forschungsarbeit und zahlreiche Publikationen machten sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie organisierte die ersten Weltkongresse für Matriarchatsforschung: 2003 ‚Gesellschaft in Balance‘ in Luxemburg und 2005 ‚Societies of Peace‘ in Texas, USA. Heide Göttner-Abendroth wurde im Rahmen der weltweiten Initiative ‚1000 Frauen für den Friedensnobelpreis 2005‘ nominiert.
‚Der Weg zu einer egalitären Gesellschaft‘ ist ein matriarchaler Lebensentwurf, der helfen will, das patriarchale Gesellschaftsmodell abzulösen.
‚Am Anfang die Mütter‘ – so übersetzt Heide Göttner-Abendroth den Terminus ‚Matriarchat‘. Aus dem mütterlichen Prinzip des Lebensschenkens, dem Frauen und Männer gleichermaßen dienen, entwickelt sie das Bild einer Kultur, die Kreisläufe an die Stelle linearen Fortschritts setzt, die eine Ökonomie des Schenkens statt Ausbeutung und Gewinnmaximierung anstrebt und die von Würde, gegenseitigem Respekt der Geschlechter und Lebensalter sowie der Heiligung allen Lebens getragen ist. Die Besinnung auf die Weisheit matriarchaler Kulturen der Welt, von denen einige bis heute in Frieden und ausgeglichenem Wohlstand existieren, führt zu einer Gesellschaft in Balance, die auf die Kraft und Intelligenz von Gemeinschaften baut. Viele Menschen suchen heute nach Möglichkeiten, lebensfördernd zu wirken. Heide Göttner-Abendroths Entwurf einer matriarchalen Politik ist dafür ein wichtiger Wegweiser.“
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