Veronika Bennholdt-Thomsen beschreibt eine matriarchale Gesellschaft in Zeiten der Globalisierung
Die indianische Volksgruppe der Isthmus-Zapoteken siedelt in Süd-Mexiko am Isthmus von Tehuantepec, auf der pazifischen Seite der Landenge zwischen dem atlantischen Golf von Mexiko und dem Pazifik. Auf rund 7500 Quadratkilometern spricht eine Viertelmillion Menschen die einheimische Sprache. Das Besondere: Sie sind weitgehend matrifokal organisiert. Die Ethnologin und Soziologin Veronika Bennholdt-Thomsen hat im Rahmen eines Forschungsprojekts ein Jahr in Juchitán gelebt, einer ländlichen Großstadt mit 100 000 Einwohnern, in der die Eigenheiten dieser Volksgruppe besonders deutlich zutage treten.
Die Landenge von Tehuantepec war schon in vorspanischer Zeit ein Durchgangsgebiet für den Handel zwischen dem Norden und dem mittelamerikanischen Süden, zwischen Azteken und Mayas. Die Funktion als Handelsumschlagplatz und internationaler Verkehrsverbindung hat sich durch die Kolonialzeit und durch das Eisenbahn bauende 19. Jahrhundert hindurch bis heute gehalten. Im Freihandelshafen von Salina Cruz entstanden große Erdölraffinerien, der Rohstoff wird im Atlantik gefördert. Im Zuge des gigantischen nord- und mittelamerikanischen Entwicklungsprojekts „Plan -Puebla-Panama“ werden mehrspurige Eisen- und Autobahntrassen geplant und gebaut, ebenso der Ausbau von Containerhäfen sowie von petrochemischer Industrie und manufakturellen Weltmarktfabriken.
In dieser geopolitischen Situation befindet sich die Stadt Juchitán, in der die Strukturen einer matriarchalen Gesellschaftsordnung bis heute lebendig sind. Freilich ist es ungewiss, ob sich diese andere, nicht-patriarchale Wirtschaft und Kultur angesichts der heutigen ökonomischen und politischen Situation wird halten können. Auf diese Problematik kann ich in diesem Artikel nicht sehr weit eingehen. Mein Beitrag ist, darüber zu berichten, welche Mechanismen denn überhaupt zu einem so erstaunlich langen Erhalt dieser ursprünglichen Strukturen beigetragen haben. In dieser Bemühung bin ich Teil eines Teams von vier weiteren Sozial-wissenschaftlerinnen, Cornelia Giebeler, Brigitte Holzer, Marina Meneses, Christa Müller, und der Sozialfotografin Cornelia Suhan.
Die Frauen von Juchitán bzw. vom Isthmus von Tehuantepec sind in der ganzen mexikanischen Repub-lik berühmt – wegen ihrer Schönheit und wegen ihrer wirtschaftlichen Stärke. Etwas von diesem Fluidum wehte vor kurzem durch unsere Kinos, durch den Film über die weltbekannte Malerin Frida Kahlo, die ihre mexikanischen Wurzeln in dieser Gegend hat. Dort in Juchitán herrscht das Matriarchat, hört man in dem sonst vom „Machismo“, dem latinischen Männlichkeitswahn geprägten Land oft sagen. „Teco“ (von Juchiteco) wird in Mexiko ein Mann gehänselt, der in der Geschlechterauseinandersetzung nicht das übliche Mackertum zeigt. Darin schwingt auch ein Vorwurf von vorgeblich unmännlicher Weichheit und auch von Homosexualität mit. Tatsächlich ist diese in Juchitán besonders sichtbar verbreitet und gesellschaftlich akzeptiert. „Teca“ wird eine Frau genannt, die stolz, energisch und in der Geschlechterkonstellation durchsetzungsfähig ist. Dies trifft den Charakter der Frauen von Juchitán recht gut.
Der Handel liegt in Frauenhand
Die Stadt Juchitán ist ein regionaler Marktknotenpunkt und durchaus vergleichbar mit europäischen Ackerbürgerstädten, denn hier wohnen auch Bauern und Fischer. Zwei fischreiche, riesige Salzwasserlagunen liegen in 5 bis 10 Kilometer Entfernung zwischen der Stadt und dem Meer. Die umgebende Küstenebene ist dem Ackerbau und der Viehzucht gewidmet.
Der juchitekische Handel liegt in Frauenhand, und zwar ausschließlich. Jede Frau versteht sich als Händlerin, diese Fähigkeit ist ihr qua Frau und qua Teca gleichsam angeboren. Selbst als Lehrerin oder Ärztin wird sie noch irgendeinen Handel betreiben, z.B. mit Goldschmuck oder medizinischen Geräten. Der Handel ist sowohl rein lokal als auch regional – die juchitekischen Händlerinnen haben Außenposten in den umliegenden Gebieten anderer Ethnien, und sie betreiben auch Fernhandel bis nach Mittelamerika und in die Südstaaten der USA. Hauptsächliches Fernhandelsgut sind einheimische Spezialitäten wie getrocknete Garnelen und Totopo genannte hartgebackene Maisfladen, Goldschmuck und reich bestickte Gewänder. Landwirtschaft und Fischerei sind Männerarbeit, und zwar ausschließlich. Die Frau eines Bauern versteht sich nicht als Bäuerin, sondern als Händlerin von landwirtschaftlichen Produkten. Ebenso die Gefährtin des Fischers. Die Männer liefern ihre Ernte und ihren Fang den Frauen ab, die das meiste davon verarbeiten, zu Maispasteten oder Käse, zu leckeren Hühnerspeisen oder geräuchertem Fisch, die sie dann selbst auf dem Markt verkaufen. Oder sie fungieren als „Brokerin“ und verkaufen die Rohprodukte an andere Frauen zur Weiterverarbeitung. Ebenso ist der Handel mit Handwerksprodukten Frauensache.
In Juchitán gibt es eine rigide geschlechtliche Arbeitsteilung entlang der Linie der Zweigeschlechtlichkeit. Man könnte fast auf die Idee kommen, dass diese Rigidität bezüglich dessen, was als Männer- und was als Frauenarbeit gilt, in erster Linie der Definition weiterer Geschlechtsidentitäten dient und weniger derjenigen von Mann und Frau. Denn die Musches, die meist homosexuellen, sich als Frau definierenden Männer, tun dies vermittelt darüber, dass sie typische Frauenarbeiten verrichten und sich weigern, Männerarbeit zu übernehmen. Ähnlich ist es bei den Marimachas, bei den Frauen, die mit einer Frau zusammenleben und sich als männlichen Part der Verbindung verstehen. Die unmittelbare sexuelle Praxis selbst aber ist hinsichtlich der sozialen Geschlechtszuordnung eher sekundär. So wird der Sexualpartner eines Musches weder als Musche noch als homosexuell angesehen, sondern schlicht als Mann. Entsprechendes gilt für die Partnerin der Marimacha. Ordnen sich gleichgeschlechtliche Sexualpartner nicht durch ihre Arbeit als – biologisch gegenläufiges – drittes oder viertes Geschlecht zu, dann sind die sexuellen Begegnungen eher sporadisch und werden gesellschaftlich nicht weiter thematisiert. Der Grad dessen, was bei uns Bisexualität genannt wird, ist in Juchitán hoch.
Aber zurück zum Markt. Unter der Bedingung der allenthalben in Mexiko und sonstwo vorzufindenden wirtschaftlichen Vorherrschaft des Mannes ist die rigide geschlechtliche Arbeitsteilung auch ein Schutz für die Frauen sozusagen vor feindlicher Übernahme. Ihre Position als Händlerin und Marktfrau ist damit unumstritten. Nach der Überzeugung von Männern wie Frauen können Frauen besser mit Kauf, Verkauf und Geld umgehen als Männer. Deshalb liefern Bauern und Fischer ihre Produkte lieber an die Frauen in der Stadt als an die große Aufkauforganisation, die die Rohstoffe aus der Region heraustransportieren würde. Somit findet die Verarbeitung in der Region statt und damit auch die In-Wert-Setzung. Auch der Lohnarbeiter, etwa in der nahe gelegenen Erdölraffinerie, gibt seinen gesamten Lohn der Frau, damit sie das Geld verwalte. Auf diese Weise entsteht hier eine eigenständige, frauenzentrierte Wirtschaftsweise besonderer Prägung.
Bevor ich das soziokulturelle Wirtschaftsgefüge näher beschreibe, will ich zur Orientierung ein paar Zahlen nennen, die sich auf die Forschung von 1990 beziehen. Die einheimische zapotekische Sprache wird von 73% der Bevölkerung gesprochen. Zum Vergleich: In ganz Mexiko sprechen 9% eine autochtone Sprache, von diesen wiederum können 71% auch Spanisch. In Juchitán sind es 85%. Die Stadt verfügt über 30 Grundschulen, 6 Sekundarschulen, 4 fortführende Schulen (unserer Oberstufe vergleichbar), eine Fachoberschule und eine technische Fachhochschule. Die schulische Bildung ist bei Mädchen und Jungen ungefähr ausgeglichen. Auch in den Berufen mit universitärem Abschluss finden wir annähernd genauso viele Frauen wie Männer. In der Landwirtschaft und in der Fischerei arbeiten ungefähr 40% bis 50% der männlichen Erwerbsbevölkerung von Juchtitán, meist in Kombination mit anderen Beschäftigungen. Wir können bei den Frauen von etwa ebensovielen Händlerinnen ausgehen, wobei der Grad der Bedeutung des Handels als Einkommensquelle variiert. Direkt auf dem Markt, dessen Gebäude sich im Zentrum der Stadt befindet und dessen Stände die anliegenden Straßen durchziehen, finden täglich 14% aller Frauen Juchitáns im Erwerbsalter ihr Einkommen, nämlich über 1700 Frauen, die in unterschiedlichen Wellen von morgens bis abends hier ihre Waren anbieten.
Eine wichtige Rolle spielt in Juchitán das Handwerk, angefangen vom Lebensmittelhandwerk und den Sticke-reiwerkstätten der Frauen über Schreinerei, Goldschmiede und Hängemattenweberei bei den Männern. Den Anteil im Handwerk schätze ich auf ein Viertel der Erwerbsbevölkerung. Die formale Lohnarbeit, jenseits von Schulen, Banken, Verwaltung und der geringen Fabrikarbeit, ist äußerst niedrig, da in Juchitán das Prinzip, „auf eigene Rechnung“ zu arbeiten, vorherrscht. Zu guter Letzt sei noch erwähnt, dass Juchitán seit 1919 über elektrisches Licht verfügt und seit den frühen 60er-Jahren über eine Kanalisation.
Gesunder Wohlstand
Die eigenständige und frauenzentrierte Wirtschaftsweise dieser Region hat dazu geführt, dass die Gegend auffallend wohlhabend ist, erst recht, wenn wir sie mit anderen indianischen Regionen vergleichen, die in der Regel von Unterernährung und Hunger geprägt sind. Besonders verletzlich durch schlechte Ernährung sind Kinder im Vorschulalter, denn dies beeinträchtigt ihre gesamte spätere Entwicklung. In Juchitán sind diese Kinder besser ernährt als im Durchschnitt in den USA.
Die juchitekische Ökonomie ist insofern frauenzentriert, als ihr Kern die Versorgungswirtschaft ist. Anders als bei uns ist die gesellschaftliche Arbeitsteilung zwischen den Frauen sehr hoch. Die eine verkauft die Salatsoße, die andere kauft sie, um ihrerseits zubereitete Salate zu verkaufen. Die eine näht Kleider, die andere bestickt sie, eine Dritte entwirft die Muster. Und die Händlerin, die auf den Markt geht, hat zuhause jemanden, der die Kinder hütet, ohne allerdings zugleich kochen zu müssen. Die Mahlzeit bringt die Händlerin vielmehr völlig oder zum Teil zubereitet vom Markt mit. Im Gegensatz dazu hat bei uns und auch sonst in Mexiko die gesellschaftliche Arbeitsteilung im Versorgungsbereich mit der Moderne enorm abgenommen. Es entstand, real und als Ideal, der Einfraubetrieb „Haushalt“. In Juchitán hingegen gibt es keine Hausfrauen. Die gesamte Wirtschaft der Stadt ist vielmehr ein großer, arbeitsteilig organisierter Haushalt. Auf diese Weise wird der Versorgungsaspekt zur Antriebskraft der lokalen und regionalen Ökonomie, und nicht der abstrakte Profitaspekt. Das heißt keineswegs, dass es in Juchitán nicht darum gehen würde, gewinnbringend zu wirtschaften, aber eben nur mit einer anderen Vorstellung von Gewinn, mit einem anderen Maßstab. Der Maßstab ist und bleibt die konkrete, nützliche, brauchbare, gute Ernährung, Kleidung, Behausung, Bewirtung, Betreuung usw. anstelle der nur abstrakten Gewinnsumme. Ziel ist das gute Leben und das Leben in Gemeinschaft statt der Fiktion, „je mehr umso besser“, und statt „Number One“ auf Kosten der anderen werden zu wollen.
Dem entspricht, dass es in Juchitán so wenig Lohnarbeit gibt. Es scheint eine kulturell eingebaute Bremse zu geben, bevor die Arbeit zur Ware wird. Arbeit bleibt eine Weise, wie sich ein Mensch in der Welt verwirklicht. Sie gehört zur Person, ist ein Aspekt der ganzen Person so wie ihre Geschlechtlichkeit und ihre Sexualität auch. Jede Händlerin ist stolz auf ihr Können; auch Handel ist ein Handwerk, das nicht einfach an eine Lohnarbeitskraft abgegeben werden kann. Deshalb spielt die Selbständigkeit in Juchitán eine größere Rolle als das Bestreben, ein Unternehmen mit Angestellten aufzuziehen. Entsprechend geringer hierarchisch und weit egalitärer ist die lokale Gesellschaft ausgerichtet.
Gemeinsames Feiern als Ziel des Wirtschaftens
Die Wirtschaft entspricht einer so genannten Prestigeökonomie. In ihr gilt mehr, nicht, wer viel hat, sondern wer viel gibt. Durch Gaben und den kollektiven Konsum von angehäuftem Reichtum wird Prestige gewonnen. Solchermaßen um die Gemeinschaft verdient macht man sich in Juchitán durch Feste. Angeführt wird die Reihe der Verdienstfeste durch die Velas, große Straßenfeste, von denen es 35 im Jahr gibt, die stets 4 Tage dauern und an denen sich jeweils weit über tausend Menschen beteiligen. Die Schirmherrschaft für solch ein Fest zu übernehmen, ist Ziel in der Lebenskarriere jeder Teca. Festliche Anlässe sind Figuren aus dem katholischen Heiligenhimmel, etwa San Isidro als Patron der Bauern, oder die Drei Kreuze, Schutzsymbol der Fischer, oder San Vicente als Namenspatron der Hauptkirche und der Stadt. Genauso aber gibt es die Vela des Lagarto, mit einem lebenden Krokodil als Emblem über dem Eingangstor, oder die Vela eines Stadtviertels oder die einer großen, verzweigten Familiensippe. Unschwer sind in den Velas Fruchtbarkeitszeremonien von verwandtschaftlich verbundenen, an bestimmten Wohnplätzen gemeinsam siedelnden Gruppen zu erkennen, die womöglich matrilineare Clans waren, die sich um ein Clan-Totem oder Nahual versammelten. So gehört zu jeder Vela ein Festumzug mit allegorischen Wagen, von denen aus junge Frauen Früchte, Blumen und andere Gaben verteilen.
Insgesamt werden in Juchitán 628 große Feste in den Straßen gefeiert – Geburtstage, Hochzeiten und das Initiationsfest der jungen Frau zu ihrem 15. Geburtstag oder auch manchmal des Musche. Für junge Männer gibt es sonst nichts Entsprechendes.
Zwar trägt stets eine Person, in der Regel eine Frau, die Hauptverantwortung und die Hauptausgaben, dennoch sind an jedem Fest auch mehrere Patinnen beteiligt, die sowohl einen Teil der Ausgaben als auch der Arbeit und Organisation mit tragen. Ebenso tragen die Gäste durch Spenden und Gaben bei, wie vor allem die Nachbarinnen tatkräftig von 4 Uhr morgens an zur Zubereitung der Speisen für die vielen hundert Gäste. All diese unzähligen Beiträge muss die Gastgeberin sich gut merken, denn von ihr wird strikte Gegenseitigkeit erwartet. Auf diese Weise sind die Feste nicht nur ein Bestandteil der Ökonomie, insofern sie die Zirkulation in Schwung halten – so auch die der kostbaren bestickten Gewänder, die die Frauen zu diesen Gelegenheiten tragen – sondern sie pflegen auch den Geist der Gegenseitigkeit, der die Austauschprozesse kennzeichnet. Waren, Gaben, Spenden, Hilfeleistungen, alles fließt gleichermaßen in das Gegenseitigkeitskonto der Tecas und Tecos ein, und das gilt auch für den Preis der Güter auf dem Markt. Dieselbe Ware kann für unterschiedliche Kundinnen unterschiedlich viel kosten, je nach dem Stand der sozialen Gegenseitigkeit. Mit anderen Worten: Die Menschen in Juchitán gehen anders mit dem Geld um, als in der kapitalistischen Marktwirtschaft üblich. Obwohl der Markt und die monetären Austauschprozesse die Wirtschaftsweise am Isthmus und die gesellschaftliche Arbeitsteilung organisieren, ja, obwohl hier derselbe Peso und derselbe Dollar benutzt werden, wie sonst in Mexiko und auf dem Weltmarkt auch, bleiben Kauf und Verkauf sowie der Wert des Geldes von eigenständigen sozialen und kulturellen Maßstäben bestimmt und nicht umgekehrt.
Der matriarchale Geist
Dieser andere Geist ist unserer Erklärung nach darauf zurückzuführen, dass hier nach wie vor matriarchale Prinzipien herrschen.
1.) Dazu gehört erstens der Stolz auf das Eigene, wovon die lokale und regionale Ökonomie getragen wird, was wesentlich mit der Genealogie zu tun hat, in der die Individuen sich verankert fühlen. Die Zapoteken des Isthmus, und speziell die Juchiteken, sind stolz auf ihre Herkunft, anders als die meisten anderen kolonisierten Völker Mexikos, die sich ihrer Geburt eher schämen. In Juchitán gilt nach wie vor die mütterliche Genealogie. Das gesellschaftliche Ansehen der Kinder wird wesentlich vom Ansehen der Mutter und Großmutter bestimmt, das sie im Rahmen der Prestigeökonomie erworben haben. Zum Beispiel ist Politik in Juchitán Männersache, und zum Ziel einer männlichen Lebenskarriere gehört es, einen Posten in diesem Rahmen auszufüllen, am liebsten den des Bürgermeisters. Ob ein Mann in der Politik reüssieren kann, hängt aber entscheidend vom Ansehen sowohl seiner Mutterfamilie, als auch vom Engagement seiner Schwestern und seiner Frau im sozialen Verdienstgefüge ab. Und es hängt vom Ort der über die Mutterlinie definierten territorialen Zugehörigkeit ab. Von zwei Bürgermeisterkandidaten konnte derjenige auftrumpfen, dessen Mutter Juchiteca und dessen Placenta in Juchitán begraben worden war, obwohl sein Vater aus dem Libanon stammte, während der andere zwar zapotekische Eltern hatte, aber nicht direkt in Juchitán geboren worden war.
Zwar können wir in Juchitán in Termini der ethnologischen Verwandtschafts- und Matriarchatsforschung nicht strikt von Matrilinearität sprechen, aber es sind Züge davon zu erkennen. So geschieht die offizielle Namensgebung, ganz nach nationalmexikanischer Art, in der Reihenfolge, dass erst der Vatername und dann der Muttername genannt wird, z.B. Maria Lopez Sanchez. Aber viele Väter werden auch gar nicht genannt, weil sie real und auch formal nicht als solche fungieren, und zum anderen kennen die Leute sich intern mit Hausnamen, die in der mütterlichen Linie weitergegeben werden, denn das Haus gehört der Mutter. Dennoch bemühen sich viele Mütter, bei den wechselnden Beziehungen, die durchaus üblich sind, darum, dass der Mann die Vaterschaft anerkennt und das Kind seinen Namen trägt. Züge von Matrilinearität sind ferner darin zu sehen, wie in der familienverwandtschaftlichen Prestigezuordnung das mütterliche und großmütterliche Ansehen eine entscheidende Rolle spielt, als auch in der Ahnenverehrung, wo in der mündlichen Überlieferung das Andenken an die Mütter besonders gepflegt wird.
2.) Ein weiteres matriarchales Prinzip ist das des Lokalismus, der Verbundenheit mit einem Ort, sozusagen eine Verwurzelung in der Muttererde, die im Gegensatz zur Beliebigkeit und Abstraktheit des globalisierten Marktes steht, der auf die Entwurzelung von allem und jedem zielt. Von größter Wichtigkeit für die territoriale Verbundenheit der Juchiteken ist die Tatsache, dass das Haus in der Regel der Frau gehört. Es gibt hier also kein Vaterhaus, sondern nur das Haus der Mutter. In dieses können die Söhne stets zurückkehren, wenn es „trouble“ in der Beziehung mit der Gefährtin gibt, der ja das Haus, in dem sie gemeinsam wohnen, gehört. Die zeitweilige oder vollständige Rückkehr der Söhne in das Haus der Mutter oder dort zu verweilen, bis eine neue Beziehung aufgebaut wurde, ist ein geläufiger Rekurs in den Geschlechterauseinandersetzungen in Juchitán. Die Mutter vererbt das Haus in der Regel an die jüngste Tochter, ebenso ihren Goldschmuck, weil sie ihr im Alter beisteht. Meist sorgt sie aber auch dafür, dass die neuen Häuser ihrer anderen Töchter auf ihrem Grundstück gebaut werden.
Das Ackerland, das Boot und männliches Handwerkszeug werden in der männlichen Linie vererbt. Erbe kann ein leiblicher Sohn sein, aber auch ein Sohn einer Schwester. Solange kommunaler Landbesitz vorherrschte, durch den jedem männlichen Mitglied der Gemeinschaft der Zugang zu Land ermöglicht wurde, sofern er nicht ein bestimmtes Landstück geerbt hatte, entschied die Vererbungslinie nicht grundlegend über Haben oder Nichthaben. Aber mit der Einführung von Bewässerungsland wurde der kommunal verwaltete Besitz in den 1960er-Jahren in staatlich verwalteten und Privatbesitz überführt. Dagegen gab es einen Volksaufstand, der einigemaßen erfolgreich war. Dennoch etabliert sich immer mehr der Privatbesitz, da in ganz Mexiko, im Zuge der neoliberalen NAFTA-Globalisierung (der gemeinsame Markt mit USA und Kanada) von 1994 alles Land in Privatbesitz überführt werden soll.
Aber die Tradition des mütterlichen Hauses, also die Matrilokalität, vermag der neoliberalen Intention, die juchitekische Agrarproduktion auf den Weltmarkt auszurichten, noch etwas entgegenzusetzen. Dass die Bauern wie auch die Fischer, Handwerker und Lohnarbeiter ihre Erträge und ihr Einkommen in die Hände der Frau legen, statt sie nach außen zu verkaufen, ist u.a. darauf zurückzuführen. Denn durch das Haus gehört die Stadt sozusagen den Frauen. Über die Gabe des Ertrags seiner Arbeit findet der Mann Zugang zur städtischen weiblichen Versorgungswirtschaft und zum städtischen Sozialgeflecht gleichermaßen. Er bettet sich auf diese Weise darin ein und konstruiert den Lokalismus mit.
3.) Der andere Geist, der in Juchitán lebt und der bewirkt, dass hier die Gegenseitigkeit überwiegt, dass die Ökonomie und auch das Geld in die sozialen Beziehungen eingebettet bleiben, diesen anderen Geist führen wir drittens auf das matriarchale Prinzip zurück, sich auf das Konkrete, Materielle, Stoffliche, Nützliche zu konzentrieren, auf das Diesseitige anstelle des Transzendenten. Dieses Denken nennen wir auch Subsistenz-orientierung. Dabei geht es um das gute Leben hier, jetzt und heute, um den Geist in den Dingen anstelle eines Geistes, der erhaben über allem alltäglich Notwendigen trohnt – jenseits von Handarbeit und schmutzigen Windeln.
So wie die alles verbindenden gesellschaftlichen Rituale der Verdienstfeste an unmittelbare Orte gebunden sind und an unmittelbar verbundene soziale Gruppen, genauso ist das, was von allen wertgeschätzt wird, an das konkret Nützliche, die konkrete Speise, den konkreten Genuss gebunden. Zu jeder festlichen Zeremonie gibt es ein bestimmtes Gericht, das, wohlgemerkt nicht die Hausfrau, sondern die Expertinnen für eben diese Spezialität zum Kauf anbieten. Zudem wissen alle, dass die Totopos aus Xadani dieses Jahr besonders haltbar, die Bohnen aus San Miguel stets die -besten und die Stickereientwürfe von Musche Sidral am einfallsreichsten sind. Nur danach zu gehen, wieviel ein Ding kostet, würde niemandem einfallen. Die alltäglichen Gebrauchsgegenstände werden nicht sinnentleert, nicht nur monetarisiert. Selbst Gegenstände haben eine Art von Genealogie, man weiß, woher sie kommen, von wem sie verarbeitet und verkauft wurden. Darin liegt ihr Wert.
Der Geist in den Dingen wird in jedem Haus mit Hilfe des Hausaltars gepflegt. Vor diesem wird alles gesegnet, auf diesem werden den Ahninnen und Ahnen die Opferspeisen angeboten, und hier werden die Heilungen vorgenommen. Diese diesseitige Spiritualität wird auch an jedem Feldrain mit kleinen Votivgaben gepflegt, und jede richtige Juchiteca schüttet den ersten Schluck Bier stets auf die Erde. In Juchitán wird nicht transzendiert. Als bei einem Scharmützel mit den Nachbarn von Tehuantepec die Heiligenfigur des San Vicente entführt worden war, wurde bald eine neue geschnitzt, denn sonst hätte man die Vela zu Ehren des Schutzpatrons nicht feiern können. Als der alte San Vicente nach Jahren zurückgegeben wurde, mussten ab dem Zeitpunkt zwei Velas San Vicente gefeiert werden – so ist es bis heute.
Eine matriarchale Gesellschaft?
Verschiedentlich ist die Frage erhoben worden, ob wir im Falle von Juchitán überhaupt von Matriarchat sprechen können. In der juchitekischen Gesellschaft, so wird argumentiert, seien zu viele patriarchale Elemente versammelt. Es gäbe Gewalt von Männern gegen Frauen, – und ich füge hinzu: auch von Frauen gegen Männer –, der Umgang mit den Tieren, zumal Hunden und dem lebendig auf den Markt gebrachten Kleinvieh sowie der Jagdbeute, sei alles andere als liebevoll. Außerdem würde die Umwelt missachtet, insbesondere der Fluss sei müllverseucht.
Ich wende mich klar gegen eine historisierende Idealisierung von Matriarchat, die solche Gesellschaften nur in historisch weit zurückliegenden Zeiten verwirklicht sieht. Zum einen, weil ich dem idealisierten Bild sowieso nicht glaube, auch für das Neolithikum nicht. Was nicht heißt, dass ich mich gegen die Methode der Formulierung eines Idealtypus an sich wenden würde, denn dabei handelt es sich ja gerade um eine verallgemeinerte, abstrahierte, ideale Zusammenstellung von Elementen, die in dieser Form in der Realität nicht vorkommt. Deshalb ist es hinsichtlich konkreter Gesellschaften notwendig, von Matriarchaten im Plural zu sprechen, statt nur von dem einen, einzig richtigen Matriarchat, das unwiederbringlich vom Patriarchat vernichtet worden sei.
Worin aber besteht der patriarchalistische, lebendige Zusammenhänge zerstörende strukturelle Mechanismus des globalisierten Kapitalismus? Die kapitalistische Wirtschaftsweise ist patriarchal, insofern sie das Sorgende aus der Ökonomie ausschließt. Nur jener Bereich wird hier als Ökonomie betrachtet, in dem unter Konkurrenzbedingungen mit Umsatz Profit gemacht und akkumuliert wird. Einziges Ziel des Wirtschaftens sei eine möglichst hohe Rendite; die Methoden sind dabei irrelevant. Diese skrupellose, kriegerische Ökonomie kann gesellschaftlich nur deshalb akzeptiert werden, weil die anderen Werte des Sorgens, Sich-Kümmerns, der Rücksicht und Gegenseitigkeit woanders gut aufgehoben geglaubt werden, nämlich bei den Frauen, den Müttern, in der Familie, dort, wo nicht Konkurrenz, sondern reine Liebe die Beziehungen präge. Was in diesem Bereich getan wird, gilt nicht als Beitrag zur Ökonomie. Diese Abspaltung des sorgenden, dem unmittelbar Nützlichen und Lebendigen dienenden Tuns macht unsere heutige globalisierte kapitalistische Ökonomie aus, und diese ist inzwischen durch international organisierte Missionstruppen bis in die letzten Winkel dieser Welt vorgedrungen. Damit einher geht die Kommerzialisierung der noch verbliebenen, tendenziell bislang abgespaltenen Subsistenzbereiche. Mit den GATS-Verhandlungen (internationales Dienstleistungsabkommen der Welthandelsorganisation) sollen alle Versorgungsdienstleistungen der Profitgier internationaler Konzerne zugänglich gemacht werden, die Kinderbetreuung und Schulerziehung genauso wie das Putzen und die Gesundheitspflege, die Wasserversorgung und die Müll-entsorgung. Aber auch durch Generationen von Gärtnerinnen und Gärtnern tradiertes Wissen über Saatgut und Heilkräuter wird patentiert und monopolistisch kommerzialisiert. Was immer möglich, wird als privates Dienstleistungsunternehmen verfasst und mit billigster Lohnarbeit in Profit verwandelt, und zwar nach dem Muster der flexiblen Frauenlohnarbeit, so wie es in den Weltmarktfabriken längst eingeübt worden ist. So billig und flexibel kann die Lohnarbeit in diesen Bereichen nur sein, weil sie als Aufgabe der Mütter sowie teilweise der Gemeinschaft als unökonomisch abgespalten worden ist. Und vieles davon wird auch weiterhin Aufgabe der unentgeltlichen Sorgearbeit der Frauen sein, das nämlich, was nicht in einen Lohnarbeitsbetrieb verwandelt Profit abwerfen kann. Folge ist zweifelsfrei die weitere Verelendung und Verwahrlosung der Versorgung.
Denn natürlich ist auch die abgespaltene, so genannte weibliche Seite der (Nicht-)Ökonomie zutiefst von der Abspaltung betroffen. Wieviele Mütter und Hausfrauen werden dafür, dass sie die Sorgearbeit übernehmen, auch noch geringgeschätzt? Wieviele Töchter sagen gerade deswegen: „Ich will niemals werden wie meine Mutter“? Womit sie teilweise ja auch Recht haben. Schließlich halten solche Frauen, die sich opfern, den Patriarchalismus der kapitalistischen Ökonomie selbst mit aufrecht. Tragisch aber wird es dann, wenn sie von den Töchtern dafür auch noch verachtet werden, denn die Töchter tragen damit zur Zerstörung einer weiblichen Genealogie bei (wobei der Mangel an Stolz auf ihre mütterliche Herkunft sie wieder selber treffen wird).
Der andere Weg des Wirtschaftens liegt deshalb dort, wo die Spaltung des Ökonomischen aufgehoben wird: Auf der Sorgeseite der Ökonomie muss man/frau darauf achten, etwas dafür im Sinne der Gegenseitigkeit zu bekommen. Wenn ich mir diese Haltung vorstelle, dann taucht vor mir nicht das Bild der sanften, mütterlichen Hausfrau auf, sondern das der stolzen, raumgreifenden, ihren Platz behauptenden juchitekischen Händlerin und Clanmutter. Als allgemeines Prinzip formuliert heißt das, für eine friedlichere, menschenfreundliche, geschlechtergerechte Ökonomie und Gesellschaft brauchen wir die Reökonomisierung der Fürsorge für das alltäglich Notwendige und die Resozialisierung der verwahrlosten Wettbewerbswirtschaft gleichermaßen. Ziel sollte es sein, das Sorgen wirtschaftlich zu machen und die Wirtschaft fürsorglich.
Dieses Prinzip kann Maßstab und Kriterium auf allen Ebenen der gesellschaftlichen Entscheidungsprozesse sein, wenn es darum geht, Auswege aus den Globalisierungszwängen zu finden. Vor allem kann es uns als Orientierung dienen, um zu erkennen, ob und inwiefern in den zivilgesellschaftlichen Prozessen des alltäglichen Handelns Anknüpfungspunkte für eine nicht-patriarchale, Versorgungs- und Marktwirtschaft verbindende Oikonomia vorhanden sind. Allein diese Sicht von unten und vom Alltag her wird dem grassierenden Ohnmachtsgefühl entgegenwirken und jeder und jedem die Verantwortung für die kleine, wie die große Welt zurückgeben können. ´
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Gekürzter Vorabdruck eines Beitrags aus der Dokumentation der Weltkonferenz für Matriarchatsforschung im September 2003 in Luxemburg, die 2004 im Kohlhammer-Verlag erscheinen wird.
Literatur:
Veronika Bennholdt-Thomsen (Hrsg.): Juchitán, Stadt der Frauen. Vom Leben im Matriarchat, Reinbek: Rowohlt, 1994, 2. Auflage 1997
Priv.-Doz. Veronika Bennholdt-Thosen ist Ethnologin und Soziologin. Sie hat die internationale Frauenforschung mitbegründet und lange in Mexiko gelebt und geforscht. Sie leitet das Institut für Theorie und Praxis der Subsistenz e.V., ist Honorarprofessorin an der Universität für Bodenkultur, Wien, und Gastprofessorin für rurale Frauenforschung an der Humboldt-Universität Berlin.
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