Heide Göttner-Abendroth führt in die moderne Matriarchatsforschung ein
Mit dem Kongress „Gesellschaft in Balance“ im September 2003 hat die moderne Matriarchatsforschung einen entscheidenden Schritt in die Öffentlichkeit getan. KursKontakte möchte dies weiter begleiten und wird auf diesen Seiten Matriarchatsforscherinnen und -forscher zu Wort kommen lassen. Den Anfang bildet der Einführungsvortrag zum Kongress von Heide Götter-Abendroth.
Frauenfragen sind Menschheitsfragen und keine Randerscheinung. Die Höhe einer Gesellschaft und Kultur hängt davon ab, wie frei und kreativ sich Frauen darin bewegen können. Wir leben heute mit einer einseitig männlich bestimmten Geschichts- und Weltdeutung in Wissenschaft und Gesellschaft, die mit geistiger und struktureller Gewalt aufrecht erhalten wird. Es ist die Ideologie von der universellen männlichen Dominanz oder dem universellen Patriarchat.
Diesem Weltbild widerspricht die Matriarchatsforschung durch ihre Ergebnisse. Sie begann bereits vor rund 140 Jahren mit dem Pionierwerk „Das Mutterrecht“ von Johann Jakob Bachofen (1861), hat seither jedoch keineswegs eine angemessene Würdigung erfahren. In den letzten Jahrzehnten wurde sie erstmals auf eine wissenschaftliche Grundlage gestellt, so entstand die moderne Matriarchatsforschung. Sie unterscheidet sich von der älteren Matriarchatsforschung erstens durch eine genaue Definition, zweitens durch eine explizite Methodologie und drittens durch systematische Ideologiekritik an den herkömmlichen Sozial- und Kulturwissenschaften. Damit ist eine neue Wissenschaft entstanden, die ein neues geistiges Paradigma bedeutet. Dieses enthält als Kern die Erkenntnis, dass Frauen nicht nur in den längsten Epochen der Menschheitsgeschichte Gesellschafts- und Kulturschöpferinnen waren, sondern auch, dass die von ihnen geschaffene Kultur die Grundlage jeder späteren Kulturentwicklung ist.
Eine neue Wissenschaft entsteht
Ein neues Paradigma entsteht dann, wenn das alte seine Glaubwürdigkeit verloren hat, weil seine Gültigkeit brüchig geworden ist. Ihm gegenüber hat das neue Paradigma stets größere erklärende Kraft – und zugleich politische Brisanz. Denn es kann nicht nur auf die wissenschaftliche Ebene begrenzt werden, sondern reicht als neue Weltsicht in alle gesellschaftlichen und persönlichen Bereiche hinein. Es entsteht auch nicht durch eine Person allein, sondern die neuen Erkenntnisse brechen an vielen Orten und in vielen Formen durch, weil die Zeit dafür reif ist. Es entsteht aus geistiger und politischer Notwendigkeit, niemand hat es geplant, und niemand kann es verordnen. Mehrere voneinander unabhängige Forscherinnen und Forscher formulieren es erstmals, sie haben dabei unterschiedliche Schwerpunkte und verschiedene Perspektiven. Genau das ist das Spannende am Prozess der Entstehung eines neuen Paradigmas und bestätigt seine Kraft.
Im September 2003 haben sich auf dem Kongress „Gesellschaft in Balance“ erstmals eine große Anzahl Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zusammengefunden, um von sehr verschiedenen Ausgangspositio-nen aus die Grundzüge und die Reichweite des neuen Paradigmas der Matriarchatsforschung vorzustellen. Sie haben ihre Ergebnisse voneinander unabhängig gewonnen. Diese ergänzen sich jedoch weitgehend und sind damit die Bausteine für ein neues, nicht-patriarchales Weltbild. Das ist ein Beweis für die Fruchtbarkeit und Bedeutung dieser neuen Wissenschaft, die sich frei entwickelt und nicht durch die Bildung einer geistigen Schule eingeengt ist. Dazu gehören auch Widersprüche in den Perspektiven der Forschenden untereinander und in manchen ihrer Ergebnisse. Diese können jedoch das neue Paradigma nicht entkräften, sondern sie treiben wie bei jeder jungen Wissenschaft den Forschungsprozess voran. Die beteiligten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben nämlich eines gemeinsam: eine radikal andere Sichtweise, die das traditionelle Weltbild hinter sich lässt.
Wenn hier der Begriff „Matriarchatsforschung“ gebraucht wird, ist dabei vorausgesetzt, dass die matriarchale Gesellschaftsform nicht als die Umkehrung der patriarchalen missverstanden, sondern mit ihren eigenen Spielregeln erkannt wird. Diese Erkenntnis hat sich in den deutschsprachigen Ländern durchzusetzen begonnen, im anglo-amerikanischen Sprachraum hingegen weniger, was nicht zuletzt auf die falsche Übersetzung des Bachofenschen Begriffs „Gynaikokratie“, d.h. Frauenherrschaft, mit dem Begriff „Matriarchy“, d.h. Matriarchat zurückgeht. Dabei handelt es sich jedoch um zweierlei, das häufig unreflektiert vermischt wird: Denn Frauenherrschaft im patriarchalen Sinne hat es nie gegeben, Matriarchate hingegen oft und in vielfältigen Formen.
Nicht alle Forschenden an diesem Thema benennen diese Gesellschaftsform gleich, manche sprechen von „matrifokalen“, „matristischen“, „matrizentrischen“ oder „gylanischen“ Gesellschaften. Sie sind sich jedoch darin einig, dass sie damit dasselbe meinen, nämlich eine Gesellschaftsform, die keine patriarchalen Muster besitzt und ein hohes Maß an Ausgewogenheit zeigt, eben die Gesellschaft in Balance.
Die matriarchale Gesellschaftsform
In der bisherigen Forschung zum Thema Matriarchat hat es – trotz guter Einzelstudien und vielfältiger Materialsammlung – an einer klaren Definition und einer wissenschaftlichen Grundlegung gemangelt. Das öffnete Tür und Tor für Emotionen und Ideologien, mit denen diese Forschung von Anfang an beladen war. Dabei spielten gängige Klischees vom „Wesen der Frau“ eine Rolle und eine neurotische Angst vor ihrer angeblichen „Macht“, was lediglich zeigt, dass die patriarchatskritische Selbstreflexion beim Umgang mit diesem Thema nicht geleistet wurde.
Aus meiner kulturvergleichenden Forschung habe ich diese Definition entwickelt, und zwar anhand der weltweit noch lebenden matriarchalen Gesellschaften wie den Mosuo, Yao-, Miao- und Tan-Völkern in China, den Chiang-Völkern in Tibet, den Minangkabau in Sumatra, den Ainu in Japan, den Trobriandern in Melanesien im Pazifik, den Khasi, Garo und Nayar in Indien, den Bantu, Akan und Aschanti-Völkern in Afrika, den Berbern und Tuareg in Nordafrika, den Arawak-Völkern in Südamerika, den Cuna und Juchiteken in Zentralamerika, den Hopi und Pueblo-Völkern sowie den Irokesen-Stämmen in Nordamerika – um nur die wichtigsten zu nennen. Sie alle sind heute in Gefahr, ihre traditionelle Kultur zu verlieren oder haben sie zu einem großen Teil schon verloren. Ich habe sie im 2. und 3. Band meines Hauptwerks „Das Matriarchat“ in ihrem gesellschaftlichen und in ihrem geschichtlichen Zusammenhang dargestellt, soweit dieser ethnologisch erfasst ist.
Auf dieser Grundlage fasse ich hier die Charakteristika kurz zusammen, die ein stichwortartiges Bild der matriarchalen Gesellschaftsform ergeben. Dabei definiere ich „Matriarchat“ auf den Ebenen der ökonomischen, sozialen, politischen und religiös-kulturellen Muster, die zusammen gesehen werden müssen, um eine Gesellschaftsform insgesamt zu erfassen.
Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate meistens, aber nicht ausschließlich, Ackerbaugesellschaften. Es wird Subsistenzwirtschaft mit lokaler und regionaler Autarkie praktiziert. Land und Häuser sind Eigentum des Clans im Sinne von Nutzungsrecht. Privatbesitz und territoriale Ansprüche sind unbekannt.
Die Güter sind in lebhaftem Austausch, der den Verwandtschaftslinien und Heiratsregeln folgt. Dieses System des Austauschs verhindert, dass Güter bei einem Clan oder bei einer Person akkumuliert werden können. Das Ideal ist Verteilung und nicht Akkumulation. Vorteile und Nachteile beim Erwerb von Gütern werden durch soziale Regeln ausgeglichen, z.B. sind wohlhabende Clans bei den zahlreichen, gemeinschaftlichen Festen abwechselnd verpflichtet, das ganze Dorf einzuladen, was den Vorteil dieser Clans reihum vermindert und für einen ungefähr gleichen Wohlstand zwischen allen Mitgliedern der Gesellschaft sorgt. Dafür haben die gebenden Clans „Ehre“, d.h. soziales Ansehen gewonnen, was sie in Zeiten der Not schützt, weil sie dann Hilfe von den anderen Clans erhalten.
Auf der ökonomischen Ebene sind Matriarchate gekennzeichnet von perfekter Gegenseitigkeit, ich definiere sie daher ökonomisch als Ausgleichsgesellschaften.
Im Gegensatz dazu sind Patriarchate auf allen ihren geschichtlichen Stufen immer Akkumulationsgesellschaften, bei denen die Güter aller Menschen in die Hände von wenigen kommen.
Auf der sozialen Ebene beruhen matriarchale Gesellschaften auf dem Clan. Matriarchale Menschen leben in großen Sippen zusammen, die nach dem Prinzip der Matrilinearität, der Verwandtschaft in der Mutterlinie, aufgebaut sind. Der Clanname, die sozialen Würden und politischen Titel werden in der mütterlichen Linie vererbt. Ein solcher Matri-Clan besteht aus mindestens drei Generationen von Frauen: die Clanmutter und ihre Schwestern, deren Töchter und Enkelinnen und den direkt verwandten Männern: die Brüder der Clanmutter, die Söhne und Enkel. Ein Matri-Clan lebt im großen Clanhaus zusammen, das 10 bis 100 Personen je nach Größe und architektonischem Stil umfassen kann. Die Frauen leben permanent hier, denn Töchter und Enkelinnen verlassen das mütterliche Clanhaus in der Regel nicht. Ihre Gatten oder Geliebten kommen in „Besuchs-ehe“ aus deren Mutterhäusern nur über Nacht zu ihnen, die Kinder gehören immer zum Clan der Mutter. Man nennt diese Wohnform Matrilokalität.
Der Clan ist eine autarke Wirtschaftseinheit. Damit diese einzelnen autarken Clans ein gesellschaftliches Gefüge mit den anderen Clans des Dorfes oder der Stadt bilden, gibt es dafür eine Reihe von Heiratsregeln, z.B. die Regel der wechselseitigen Heirat zwischen je zwei Clans. Hinzu kommen Regeln der freien Wahl mit den anderen Clans, so dass alle Mitglieder des Dorfes oder der Stadt näher oder ferner miteinander verwandt sind. Auf diese Weise wird eine nicht-hierarchisch organisierte, horizontale und egalitäre Gesellschaft erzeugt, die sich als erweiterter Clan mit allen wechselseitigen Hilfsverpflichtungen versteht.
Matriarchate definiere ich daher auf der sozialen Ebene als matrilineare Verwandtschaftsgesellschaften. Dabei ist zu beachten, dass Matrilinearität weitaus mehr ist als nur „die Weitergabe von Namen und Titeln in der Mutterlinie“, wie Ethnologen es meistens formulieren. Matrilinearität ist die Grundregel, nach der die ganze Gesellschaft als Verwandtschaftgesellschaft aufgebaut wird. Wenn außerdem in Gesellschaften dieser Art Frauen die wichtigsten Lebensgüter wie Felder, Häuser, Nahrungsmittel verwalten und verteilen, dann sind sie erst recht mehr als „nur matrilinear“. Wenn dieses letztere Kriterium hinzu kommt, dann ist die Position der Frauen in ihrem Aktionsbereich gleich stark wie die der Männer in deren Aktionsbereich, weshalb ich sie als „matriarchal“ kennzeichne. „Nur matrilinear“ sind Gesellschaften hingegen dann, wenn die Frauen trotz Mutterlinie keine Kontrolle mehr über die Lebensgüter besitzen und ihre Position dadurch schwächer ist als die der Männer. Diese definitorische Unterscheidung zwischen „matrilinearen“ und „matriarchalen“ Gesellschaften wurde in der Ethnologie nie gemacht, was die Ursache für viel Verwirrung ist.
Auf der politischen Ebene sind in matriarchalen Gesellschaften die Prozesse der Entscheidungsfindung ebenfalls entlang den Verwandtschaftslinien organisiert. Basis jeder Entscheidungsfindung sind die einzelnen Clanhäuser. Angelegenheiten, die das Clanhaus betreffen, werden von den Frauen und Männern in einem Prozess der Konsensfindung, d.h. durch Einstimmigkeit, entschieden. Dasselbe gilt für Entscheidungen, die das ganze Dorf betreffen: Nach dem Rat im Clanhaus treffen sich Delegierte der einzelnen Clanhäuser im Dorfrat. Sie sind keine Entscheidungsträger, sondern nur Delegierte, die miteinander austauschen, was die einzelnen Clanhäuser beschlossen haben. Sie halten das Kommunikationssystem im Dorf aufrecht und gehen so lange zwischen Clanrat und Dorfrat hin und her, bis alle Clanhäuser auf Dorfebene den Konsens gefunden haben. Genauso wird das Konsensprinzip auf regionaler Ebene gehandhabt: Auch hier gehen die Delegierten zwischen Dorfrat und regionalem Rat solange hin und her, bis die Region durch alle Clanhäuser aller Dörfer ihre Entscheidung im Konsens gefunden hat. Es ist klar, dass sich in einer solchen Gesellschaft weder Hierarchien und Klassen noch ein Machtgefälle zwischen den Geschlechtern oder den Generationen bilden können. Auf der politischen Ebene definiere ich Matriarchate daher als egalitäre Konsensgesellschaften. Patriarchate sind demgegenüber grundsätzlich Herrschaftsgesellschaften, sogar noch in ihrer Spielart als formale Demokratien.
Auf der spirituell-kulturellen Ebene kennen matriarchale Gesellschaften keine religiöse Transzendenz mit einem unsichtbaren, ungreifbaren, unbegreifbaren, aber allmächtigen Gott (männlich), demgegenüber die Welt (weiblich) abgewertet wird. Der matriarchale Begriff von Göttlichkeit ist immanent, denn die gesamte Welt wird als göttlich betrachtet, und zwar als weiblich göttlich. Das belegen die alten Vorstellungen von der Göttin als Universum, die Schöpferin ist, und der Mutter Erde, die alles Lebendige hervorbringt. Deshalb besitzt alles Göttlichkeit, jede Frau und jeder Mann, der kleinste Stein und der größte Stern.
In einer solchen Kultur ist alles spirituell. In ihren Festen, die dem Jahreszeitenzyklus folgen, wird auch alles gefeiert: die Natur mit ihren Erscheinungen, die verschiedenen Geschlechter und die Generationen mit ihren je eigenen Fähigkeiten, die verschiedenen Clans mit ihren Aufgaben. Auch im alltäglichen Leben ist jede Handlung, wie z.B. Säen, Ernten, Kochen, Weben, zugleich ein bedeutungsvolles Ritual. Auf der spirituellen Ebene definiere ich Matriarchate daher als sakrale Gesellschaften und Göttinkulturen.
Reichweite der Matriarchatsforschung
Die Reichweite der modernen Matriarchatsforschung umfasst als deren Voraussetzung erstens die ideologiekritische Analyse der bisherigen Forschungsgeschichte zum Thema, ebenso die Klärung ihrer Begriffe und die ausdrückliche Darstellung ihrer Methoden. Die Methodik der Matriarchatsforschung erweist sich dabei als komplex und grundsätzlich interdisziplinär. Zweitens umfasst die moderne Matriarchatsforschung die eingehende Analyse und Darstellung der heute noch lebenden matriarchalen Gesellschaften in allen ihren Varianten weltweit. Dies geschieht sowohl durch ethnographische Arbeit vor Ort als auch durch interkulturell vergleichende Methoden. Der systematische Platz der ethnologischen Matriarchatsforschung ist dabei sehr wichtig, denn aus der Kulturgeschichte allein kann kein vollständiges Bild dieser Gesellschaftsform mehr gewonnen werden. Durch historische Forschung allein können wir nicht wissen, wie matriarchale Menschen gedacht und gefühlt haben, wie sie ihre sozialen Muster und politischen Vorgänge organisierten, d.h. wie ihre Gesellschaft insgesamt ausgesehen hat.
Ist dieses Wissen durch die ethnologische Matriarchatsforschung gesichert, dann geht es drittens um das möglichst weitgehende Erfassen der einzelnen matriarchalen Kulturen in der Geschichte und um die Aufzeichnung der gesamten Kulturgeschichte dieser Gesellschaftsform. Diese ist vergleichsweise lang – länger als die Geschichte des Patriarchats – und sie umfasst die Entwicklung der wesentlichen Kulturgüter wie Ackerbau, Hausbau, Schiffahrt, Genealogie, Clan- und Gesellschaftsbildung, Kunst und Religion, von denen jede spätere Gesellschaftsform noch zehrt. Die noch lebenden matriarchalen Gesellschaften sind die letzten Ausläufer der frühgeschichtlichen matriarchalen Kulturepoche.
Viertens gehört zur Reichweite der modernen Matriarchatsforschung die Lösung des Problems der Entstehung des Patriarchats. Zwei Fragen müssen hier beantwortet werden: 1.) Wie konnten patriarchale Muster entstehen? 2.) Wie konnten sie sich weltweit ausbreiten? Das letztere ist ja nicht selbstverständlich.
Hierbei braucht es auch eine kritische Analyse des Patriarchats und die Darstellung seiner Geschichte, und zwar anders als in den herkömmlichen Lehrbüchern, welche diese Gesellschaftsform ständig bewusst oder unbewusst legitimieren. Denn die Geschichte des Patriarchats wurde bisher nur als Herrschaftsgeschichte geschrieben, als „Geschichte von oben“. Aber es gibt auch die Perspektive der „Geschichte von unten“, die ein ganz anderes Bild zeigt: Die Geschichte der Frauen, der unteren Schichten, der Sub- und Randkulturen. Dabei wird deutlich werden, dass es dem Patriarchat nirgendwo gelungen ist, die sehr alten und sehr dauerhaften matriarchalen Traditionen vollends zu zerstören. Es versteht sich von selbst, dass die Einbeziehung der matriarchalen Kulturgeschichte in ihrer Umfassendheit unser gesamtes Geschichts- und Weltbild revolutionieren wird.
Die politische Aktualität
Aus dieser Skizze der modernen Matriarchatsforschung ist deutlich geworden, dass sie ein Wissen von nicht-patriarchalen, grundsätzlich egalitären gesellschaftlichen, politischen und kulturellen Mustern ans Licht bringt, das in dieser global destruktiven Phase des Spätpatriarchats dringend benötigt wird. Matriarchate waren in ihrer langen geschichtlichen Epoche und sind in ihren letzten, heute noch existenten Beispielen Gesellschaften, die ohne Herrschaft, ohne Hierarchie und ohne kriegerische Veranstaltungen als organisiertes Töten ausgekommen sind. Sie kennen insbesondere keine Gewalt gegen Frauen und Kinder, von der die patriarchalen Gesellschaften auf der ganzen Erde voll sind.
Das hat mich zunehmend dahin geführt, dem Wissen von matriarchalen Gesellschaftsmustern für die Gegenwart und für die Zukunft einen hohen Stellenwert beizumessen. Denn die matriarchale Gesellschaftsform ist, im Gegensatz zu rein philosophischen Gesellschaftsentwürfen, keine abstrakte Utopie. Solche Utopien haben sich in der menschlichen Geschichte niemals umsetzen lassen. Sondern die matriarchale Gesellschaftsform ist über die längsten Zeiträume der Kulturgeschichte gelebte, praktische Erfahrung und gehört damit zum kulturellen Wissen der Menschheit. Ihre Regeln zeigen, wie das Zusammenleben bedürfnisorientiert, friedlich, gewaltfrei, schlicht human, organisiert werden kann. Deshalb ist es wichtig, die politische Aktualität matriarchaler Muster als Anregungen für die Lösungen heutiger Probleme zu erkennen. Folgende Züge sind dabei wesentlich, die heute neu und kreativ umgesetzt werden könnten:
Auf der ökonomischen Ebene ist keine weitere Steigerung der Großindustrien und des so genannten Lebensstandards mehr möglich – wir laufen Gefahr, die Biosphäre der Erde vollends zu zerstören. Hier eröffnet sich als Alternative die Subsistenz als Wirtschaftsform der kleinen und regionalen Einheiten. Weltweit geht es darum, die Strukturen von Subsistenz-wirtschaft, die es noch gibt und in denen meistens Frauen die Wirtschaftsträgerinnen sind, zu stärken und zu erweitern, statt sie der Globalisierung der Großkonzerne zu opfern.
Auf der sozialen Ebene geht es darum, aus der weiteren Atomisierung der Gesellschaft herauszukommen, welche die Menschen immer tiefer in die Vereinsamung treibt und sie krank und destruktiv werden lässt. Es geht um die Bildung wahlverwandter Gemeinschaften, seien es nun Lebensgemeinschaften oder Nachbarschaftsgemeinschaften oder Netzwerke. Wahlverwandtschaft bildet sich nicht durch bloße Inter-essengemeinschaft, sondern entsteht auf dem Boden einer spirituell-geistigen Übereinstimmung. Durch sie wird ein symbolischer Clan gebildet, der mehr Verbindlichkeit hat als eine bloße Interessengruppe. Das matriarchale Prinzip daran ist, dass solche wahlverwandten Clans grundsätzlich von Frauen initiiert und getragen werden. Der Maßstab sind nämlich die Bedürfnisse von Frauen und Kindern, welche die Zukunft der Menschheit sind, und nicht die Macht- und Potenzwünsche von Männern. In die neuen Matri-Clans werden Männer vollgültig integriert, von den Frauen, aber gemäß einem anderen Wertesystem, nämlich der Orientierung an gegenseitiger Fürsorge und Liebe statt an der Macht. Darin leben auch Männer besser als im Patriarchat.
Auf der Ebene der politischen Entscheidungsfindung ist das matriarchale Konsens-Prinzip für eine egalitäre Gesellschaft unverzichtbar. Es ist das impulsgebende Prinzip für matriarchale Gemeinschaftsbildung überhaupt, zugleich verhindert es bei neuen symbolischen Clans verschiedenster Art jegliche Herrschaftsbildung. Es stellt ebenso die Balance zwischen Frauen und Männern her wie zwischen den Generationen. Zudem ist es das eigentlich demokratische Prinzip, denn es löst ein, was die formale Demokratie verspricht, aber nicht hält.
Gemäß diesem Prinzip sind die wohlgegliederten Gruppen der neuen Matri-Clans die tragende soziale Einheit und die tatsächlichen Entscheidungsträger, aber es ist nur bis zur Größe von Regionen ausweitbar. Blühende, autarke Regionen sind allerdings gemäß der Subsistenzperspektive das politische Ziel, nicht die immer größeren Einheiten wie Nationen, Staaten-Unionen und Supermächte. Diese Art von Regionalismus heißt aber nicht, sich auf die geistigen und kulturellen Verbindungen der jeweiligen Region zu beschränken. Es werden symbolische Verbindungen zwischen Regionen als „Schwester-Regionen“ geknüpft, die durch gemeinsame Feste mit kulturellem Austausch realisiert werden. Im Zeitalter der modernen Kommunikationstechnik können diese Verbindungen sogar die Kontinente verknüpfen. Warum soll z.B. eine matriarchale Region in Deutschland nicht eine „Schwester-Region“ in Indien, eine in Japan, eine in den USA und eine in Afrika haben?
Auf der spirituell-kulturellen Ebene kommt man nicht umhin, sich von allen hierarchischen Religionen mit absolutem Wahrheitsanspruch zu verabschieden, welche die Welt, die Erde, die Menschen, insbesondere die Frauen, tief herabgewürdigt haben. Stattdessen geht es um eine neue Heiligung der Welt gemäß der matriarchalen Vorstellung, dass die ganze Welt mit allem, was darin und darauf ist, göttlich ist. Das führt dazu, auch alles auf eine kreative, freie Weise wieder zu ehren und zu feiern: die Natur mit ihren Erscheinungen und Wesen, die Ordnung der menschlichen Gemeinschaften sowie jede Person mit ihren besonderen Fähigkeiten, die ihre „Würde“ sind. Auf diese Weise kann matriarchale Spiritualität alles und jedes durchdringen und wird wieder ein normaler Teil aller Tage werden.
Es ist klar, dass Naturzerstörung, Sexismus und Rassismus in einer solchen zukünftigen Kultur nicht mehr möglich sind, gemäß dem matriarchalen Prinzip, dass Vielfalt der wahre Reichtum der Erde, der Menschheit und der Kultur ist. Die Werte des „matriarchalen Ethos“: Ausgleich und Gegenseitigkeit auf sämtlichen gesellschaftlichen Ebenen und die liebevolle Verbundenheit mit allen lebenden Wesen und Erscheinungen der Natur, lassen dies nicht zu. Dabei ist die matriarchale Spiritualität die entscheidende Kraft. Matriarchale Gesellschaften waren sakrale Gesellschaften, ihre Muster wurden von dieser spirituellen Haltung getragen, ohne die sie nicht funktioniert hätten. Deshalb sind neue matriarchale Muster nicht zu erreichen, ohne dass das matriarchale Ethos alles durchdringt. Dies auch politisch zu bedenken, heißt nichts Geringeres, als den Weg in eine neue egalitäre Gesellschaft und in eine wahrhaft humane Zukunft zu beginnen.
Vorabdruck aus: Gesellschaft in Balance – Dokumentation des Weltkongresses für Matriarchatsforschung, September 2003 in Luxemburg, die vorraussichtlich Ende 2004 im Kohlhammer-Verlag erscheinen wird.
Literatur: Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat, Band I: Geschichte seiner Erforschung, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1988–1995; Das Matriarchat, Band II, 1: Stammesgesellschaften in Ostasien, Indonesien, Ozeanien, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1991, 1999; Das Matriarchat, Band II, 2: Stammesgesellschaften in Amerika, Indien, Afrika, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 2000; Matriarchat in Südchina. Eine Forschungsreise zu den Mosuo, Kohlhammer-Verlag, Stuttgart 1998.
Heide Göttner-Abendroth hat in Philosophie und Wissenschaftstheorie promoviert. In dreißigjähriger Forschungsarbeit wurde sie zur Begründerin der modernen Matriarchatsforschung. Sie leitet „Matriarchale Mysterienfeste“ im Rahmen der Akademie HAGIA.
|