Teil 1: Der People’s Park in Berkeley. Jochen Schilk schildert eine historische Bürgerinitiative
Die „Kulturell Kreativen“ sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen (http://www.kulturkreativ.net). Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die auf Nachhaltigkeit setzt. Vernunft und Selbstverantwortung finden darin zur Synthese mit Spiritualität und Gemeinschaftssinn. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe lade ich ein, über eine Welt nachzudenken, die von den Kulturell Kreativen mitgeprägt wird.
In dieser und der folgenden Ausgabe stelle ich die Idee gemein-schaftlich bewirtschafteter Gärten vor, die mir ein hervorragen-des „Werkzeug“ auf dem Weg zu einer nachhaltigen Welt zu sein scheinen. Bereits viele tausend zumeist städtische Menschen haben in Community-Gärten den Weg zu einem Leben (wieder-)gefunden, das von Gemeinschaft und einer dichten Beziehung zur Erde geprägt ist. Der People’s Park im kalifornischen Berkeley war eines der ersten derartigen Nachbarschaftsprojekte.
Kürzlich fiel mir ein Buch über die „Internationalen Gärten“ in die Hände, die 1996 in Göttingen ihren Anfang genommen haben. In diesem sehr erfolgreichen Integrationsprojekt arbeiten Flüchtlinge aus den unterschiedlichsten Kulturen gemeinsam mit Deutschen zur Selbstversorgung in mehreren biologisch bewirtschafteten Gärten. Die meist durch ihre Fluchtgeschichte traumatisierten Menschen erhalten so eine wertvolle Chance, über die Arbeit mit der Erde eine Brücke zwischen dem Gastgeber- und dem Heimatland zu schlagen und zudem der Sinnlosigkeit eines ausgegrenzten Asylbewerberdaseins zu entgehen, Neues zu lernen, ihre mitgebrachten Fähigkeiten einzubringen und ihr Selbstwertgefühl wieder aufzubauen.
Die Lektüre weckte meine Erinnerung an ein anderes Buch, welches ich vor vielen Jahren auf dem Flohmarkt erstanden hatte: „People’s Park – die Geschichte eines Parks“. Es erzählt in vielen eindrucksvollen Schwarzweißfotos und mit wenigen Worten ebenfalls von einem Projekt, in dem die Menschen in der Stadt über die gemeinsame Gartenarbeit eine Verbindung zueinander und zur Erde wiedererlangten. Die Rede ist von den dramatischen – und mittlerweile in der Geschichte der neuen sozialen Bewegungen fest verankerten – Geschehnissen in der kalifornischen Universitätsstadt Berkeley im Jahr 1969, die damit begannen, dass eine Gruppe von Studenten gemeinsam mit Anwohnern und Ladenbesitzern ein längere Zeit brachgelegenes Gelände mit eigenen Händen in einen öffentlichen „Volkspark“ umwandeln wollte. Obwohl diese Geschichte im Gegensatz zur Geschichte der Göttinger Gärten eher eine traurige ist, möchte ich sie hier zunächst nacherzählen, um dann in der Fortsetzung in der folgenden Ausgabe der KursKontakte ausführlich auf die hoffnungsvolle Arbeit in den „Internationalen Gärten“ einzugehen, deren Beispiel mittlerweile auch in anderen Städten Schule macht. Auf diese Weise hoffe ich, einen spannenden Bogen von einem der ersten Community-Garden-Projekte aus der Frühphase des kulturell-kreativen Bewusstseins- und Wertewandels hin zur wohl aktuellsten Variante dieser schönen Idee zu schlagen. Mögen manche Aspekte der Geschichte des Berkeleyer People’s Park dabei auch verstörend wirken (und vielleicht auf den ersten Blick kaum in das bewusst positive Konzept dieser Zeitschrift passen), so hoffe ich dennoch, dass Sie mir darin Recht geben, dass die damaligen Ereignisse als Teil der Geschichte der „wilden Sechziger“ es wert sind, ins Gedächtnis gerufen zu werden – war dies doch eine außergewöhnliche Zeit, aus der die heutigen sozialen Bewegungen im Guten wie im Schlechten noch immer einige Lehren ziehen können.
Die Auseinandersetzung um den People’s Park vereinigt exemplarisch die beiden so kontrastreichen Gesichter der „Roaring Sixties“: einerseits die vermeintlich naiven Motive der Blumenkindergeneration und auf der anderen Seite den allgemeinen Ausbruch von Gewalt, nicht unwesentlich mitverschuldet von Staatsvertretern, die nichts anderes gelernt hatten, als auf den aufkeimenden progressiven Wertewandel in einigen Teilen der Gesellschaft mit Panik zu reagieren.
Sag mir, wo die Blumen sind …
Das umstrittene Stückchen Land, um das in Berkeley schließlich sogar Blut vergossen wurde, war Teil des Campus der Universität, die es jedoch aus Geldmangel lange Zeit brachliegen und zu einem Park- und Müllabladeplatz verkommen ließ.
„Über ein Jahr lang warteten wir darauf, dass Universitätsausschüsse, kommunale Gruppen und andere das Anlegen eines Parks vorschlagen würden“, erzählt eine der damals beteiligten Parkgärtnerinnen. „Die Universität erklärte, es müssten erst Ausschüsse formiert und Geld für Bodenuntersuchungen bereitgestellt werden. Schließlich nahmen wir uns das Land schlicht und einfach. Wir pflegten und liebten es, pflanzten Bäume, Gras und Blumen und machten es zum People’s Park. Wir bebauten das Land, ohne die Bodenbeschaffenheit getestet und analysiert zu haben. Wir pflanzten, und es blühte. [...] Wir stellten keinen Finanzplan auf; in unserer Gemeinde fanden wir das Geld und Material, das wir brauchten. Wir hatten keine Organisation, keinen Führer, keinen Ausschuss. Der Park wurde von jedem und allen angelegt. Wir waren alle daran beteiligt. Uns wurde gesagt, wir hätten nicht die richtigen Formulare ausgefüllt, wären nicht den korrekten Weg gegangen, hätten weder Verantwortung noch Geduld gezeigt. Wir hatten die falschen Fragen gestellt – und einen wunderschönen Park geschaffen.“
Zunächst scheint es noch so, als ob die Universitätsleitung zur Kooperation bereit wäre und zumindest ein Teil des neu entstandenen Parks nicht dem Bau eines Sportplatzes weichen müsste. Dann jedoch, etwa drei Wochen, nachdem einige hundert Menschen begonnen hatten, das Gelände zu pflegen, lässt die Universitätsleitung es im Morgengrauen des als Bloody Thursday überlieferten 15. Mai 1969 von 250 schwer bewaffneten Polizisten besetzen. Unter deren Schutz wird sogleich ein übermannshoher Maschendrahtzaun errichtet, was seitens der Studentenschaft zu einer erwartbaren Reaktion führt: Im Anschluss an eine Vollversammlung zieht man in einem Protestmarsch singend zum Polizeikordon, der sich um den People’s Park geschlossen hat. Dort öffnet irgendjemand einen Wasserhydranten, was die Sicherheitskräfte zum Anlass nehmen, sogleich auf die Menge loszugehen. Im Handumdrehen entbrennt eine Straßenschlacht, die bis zum frühen Abend anhält. Als der Polizei die Gummigeschosse ausgehen, schießt sie mit scharfer Munition in die Menge und verletzt ein Dutzend Menschen schwer. Obwohl zu diesem Zeitpunkt bereits annähernd 800 Polizisten durch die Stadt patrouillieren, sieht sich der damalige kalifornische Gouverneur Ronald Reagan gezwungen, zur Niederschlagung der Proteste die Nationalgarde anzufordern.
In den nächsten Tagen kommt es nur mehr zu vereinzelten spontanen Kundgebungen. Dafür werden immer wieder symbolische Parkpflanzungen begonnen. Polizisten und Gardisten lösen jedoch die pflanzenden Menschengruppen immer wieder auf und reißen die frisch gepflanzen Bäumchen aus.
Am 20. Mai stimmt der Stadtrat dem Vorschlag des Bürgermeisters zu, von der Universität ein Stück Land zu pachten, um darauf einen Park anzulegen; außerdem sollen die Gewalttaten der Vortage gerichtlich untersucht werden. Am Abend desselben Tages halten auf dem Campusgelände an die viertausend Menschen eine Mahnwache für den Studenten James Rector, der seinen Schussverletzungen vom „blutigen Donnerstag“ erlegen war. Die Trauerversammlung wird jedoch plötzlich und ohne Vorwarnung von einem Hubschrauber mit Tränengas beschossen. Der ganze Campus ist eingekesselt. Das Gas breitet sich schnell auch in den angrenzenden Wohngebieten aus, wobei viele unbeteiligte Einwohner die Bekanntschaft mit CS-Gas machen. Der Giftstoff war ursprünglich von den US-Streitkräften für den Einsatz in Vietnam entwickelt, von der Genfer Konvention aber für den Kriegsgebrauch verboten worden …
Auf solche Weise radikalisiert, kommt die Stadt auch die folgenden zehn Tage nicht zur Ruhe. In dieser Zeit gibt es täglich Protestmärsche und Verhaftungen. Viele kleine Parks werden im Handumdrehen auf unbenützten Plätzen geschaffen, die größte People’s-Park-Anlage bekommt einen Rasen und einen Kinderspielplatz. Als die Universitätsleitung am 29. Mai schließlich bekanntgibt, dass sie der Stadt Berkeley einen Teil des Geländes verpachten will und die Stadt ihrerseits ankündigt, dieses Land den Benutzern zur Verfügung zu stellen, marschieren 30000 Menschen friedlich durch die Stadt, vorbei am immer noch umzäunten People’s Park auf dem Campus.
Hartnäckigkeit siegt
Mit diesem Ereignis endet die Fotodokumentation, die vor rund 25 Jahren als deutsche Übersetzung aus dem Amerikanischen im anarchistischen Winddruck-Verlag erschienen ist. Doch die Geschichte des People’s Park ist damit noch lange nicht zu Ende: Etwa zwei Jahre später, 1971, wird der Zaun während einer Großdemonstration gegen den Vietnamkrieg von den Massen eigenhändig abgerissen, der Park zum größten Teil zurückerobert und wiederaufgebaut. Das westliche Drittel des Geländes bleibt noch einige Jahre ein wilder Parkplatz. Nachdem die Universität jedoch in den späten 70er-Jahren ihr anfängliches Versprechen, diesen Zustand nicht zu verändern, bricht, indem sie den Platz planieren und teeren lässt, kommen die Leute abermals mit Schaufeln, Kreuzhacken und Baumschösslingen und reißen in einer Gemeinschaftsaktion die Teerdecke wieder auf. Diesmal beschließt der amtierende Uni-Kanzler allerdings, dass es das Beste sei, nicht einzugreifen. Die CommunityGärtner stapeln die Teerstücke längs der Straßenseiten zu kleinen bepflanzten Wällen auf, wodurch dem Park nochmals etwas Fläche einverleibt wird.
Heute, nachdem Bäume, Büsche, Wein- und Rosenranken fast drei Jahrzehnte Zeit zum Gedeihen hatten, ist der Park in den Worten einer freiwilligen Mitarbeiterin „schöner als je zuvor“; auch sei die Stimmung an diesem Ort noch immer eine ganz besondere. Neben den alljährlichen Feiern zum Geburtstag des People’s Park finden hier zu Zeiten spürbar gestiegener Obdachlosigkeit insbesondere selbstorganisierte soziale Aktivitäten statt, wie etwa eine tägliche kostenlose Essens- und Kleiderausgabe. 1991 hatte es noch einmal Aufregung gegeben, als die Universitätsleitung abermals versuchte, Sportplätze auf dem Parkgelände zu bauen. Die sich in den so genannten Volleyball Riots niederschlagenden Proteste einer neuen Studentengeneration konnten jedoch auch dieses Ansinnen verhindern.
So nimmt die stellenweise dramatische Geschichte des People’s Park schließlich doch noch ein gutes Ende. Mehr noch: Die Idee der Community Gardens als ganzheitliches Mittel, das soziale und ökologische Leben der Stadt nachhaltig aufzuwerten, hat bis heute allein in den USA in vielen hundert Gemeinden Fuß gefasst.
Das Erbe von Berkeley
Und noch etwas hat überlebt. Es ist der Gedanke, dass der zunehmenden Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums wenigstens symbolisch, und sei es auch temporär, etwas entgegengesetzt werden muss. Zu diesem Zweck hat die städtische Jugend des Westens seit einigen Jahren die subversive Taktik des Reclaim the Streets! entwickelt (sinngemäß: „Holen wir uns die Straße zurück!“): über Mundpropaganda, Flyer, Internet oder Handys* wird ein geheimer Treffpunkt an einem zumeist relativ zentralen Platz verabredet. Sobald sich die Menge – quasi aus dem Nichts – dort einfindet, wird auf einem bereitgestellten LKW eine Musikanlage angeworfen und die Straße in eine freie Partyzone verwandelt. Dieses friedliche Protestfest dauert dann so lange an, bis es der Polizei gelingt, die öffentliche Ordnung wieder herzustellen – was zumeist mit der Konfiszierung des Musikequipments einhergeht.
Eine andere, direktere Variante des Berkeleyer Beispiels ist das so genannte Revolutionary Gardening. Wie bei der Hausbesetzung werden hier verwilderte und unbebaute Parzellen in Wohngebieten von politisch motivierten Gärtnerinnen und Gärtnern in Beschlag genommen und im Verbund mit Anliegern so lange wie möglich kultiviert.
Andere behaupten, dass in der heutigen Zeit bereits jede noch so kleine Form der biologischen Landbearbeitung eine revolutionäre Tat darstellt. Dies gilt natürlich insbesondere in den oftmals weitflächig denaturierten Städten; aus diesem Grund experimentieren nicht wenige Permakultur-Enthusiasten heute auf kleinstem Raum – auf Hinterhöfen, Balkonen, Dachflächen und leerstehenden Brachen. Manchmal schaffen sie dabei inmitten der Betonwüsten vielbestaunte Oasen, die nicht ganz unwesentlich zur Selbstversorgung mit Obst, Gemüse und Kräutern beitragen.
Lassen wir zum Schluss und überleitend zum Folgeartikel über die Internationalen Gärten in Göttingen noch einmal einen der Parkbauer aus Berkeley sprechen:
„Es war ein unglaublich gutes Gefühl, den Park anzulegen. In diesem Land der Beton- und Stahlstädte, die mehr zu Maschinen als zu Menschen passen, schufen wir einen Ort für Menschen. In einer Zeit, in der es qualifizierten und diplomierten Experten und Ausschüssen vorbehalten ist, bestimmte Dinge zu tun, taten wir selbst etwas und machten es gut. Für uns alle war der Park etwas Greifbares, etwas, das wir getan hatten und das uns nun zusammenhielt.“
Let a thousand parks bloom – lasst tausend Gärten blühen! ´
* Die Technik der spontanen Mobilisierung größerer Menschenmengen (so genannten Smart Mobs oder auch Flash Mobs) zu künstlerischen oder politischen Aktionen über Mobiltelefone hat sich in den letzten Jahren weltweit verbreitet: So fand sich beispielsweise in einem deutschen Kaufhaus sekundengenau eine Menschenmenge ein, stellte sich vor ein Sofa, sagte im Chor: „Das ist aber ein schönes Sofa“ und löste sich genauso schnell wieder auf, wie sie sich gebildet hatte – reine Dada-Kunst. Im New Yorker Hauptbahnhof brandete für die Dauer von 15 Sekunden ohne Anlass frenetischer Applaus auf, weil eine Handynachricht dazu aufgerufen hatte, und auf den Philippinen organisierten Oppositionelle über eine SMS-Botschaft die spontanen Massendemonstrationen, die schließlich zum Sturz des Regimes von Joseph Estrada führten.
Weitere Informationen:
Unter http://www.peoplespark.org finden Sie weitere Fotos und Dokumente über die Geschichte des Parks bis in die späten 90er-Jahre. Lesenswert ist insbesondere das erste Flugblatt der Parkschöpfer, das die berechtigte Frage stellt, wem das offizielle Universitätsgelände tatsächlich gehört, ja, ob Land überhaupt besessen werden kann: Schließlich waren die ursprünglichen Nutzer der Region um Berkeley die Costanoan-Indianer, bevor diese nacheinander durch christliche Missionare, mexikanische und amerikanische Regierungen und schließlich durch private Spekulanten um Land und Leben gebracht wurden.
Community Gardens:
http://www.communitygarden.org
Revolutionary Gardening:
http://monkeyfist.com/articles/416
http://csf.colorado.edu/mail/pfvs/2000/msg06357.html
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