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Impressum
Gott, Göttin und die Welt
erschienen in Ausgabe 131
Lara Mallien und Johannes Heimrath porträtieren die Redakteurin und Übersetzerin Monika Gödecke

Mit fünf Jahren malte sie einer Jesusfigur auf dem christlichen Kinderlesebuch mit einem blauen Stift Hörner auf den Kopf: „Der liebe Gott und der Teufel, das gehört doch zusammen“, erklärte sie ihrer verblüfften Tagesmutter.
Monika Gödecke holt 1952 im katholischen Sauerland zum ersten Mal tief Luft. Als Teenager zieht sie mit ihrer Familie nach Bayern und studiert schließlich an der Reformuniversität Regensburg katholische Theologie und Romanistik. Das Theologiestudium ist jedoch nicht genau das, was sie sucht, sondern deutet nur die Richtung an: „Es ging mir um Gott, Göttin, und die Welt …“ Ihre Wunschkombination sind die Studienfächer Geschichte und Romanistik, aber das lässt sich nicht verwirklichen. So legt sie ihren Schwerpunkt auf Bibel und Kirchengeschichte – und dort besonders auf die Gruppen, die von der Kirche abgelehnt und verfolgt werden: Juden, Häretiker, Hexen – das werden ihre Themen. Ihre Dissertation verfasst sie über den Kirchenvater Eusebius von Caesarea, der im 4. Jahrhundert die erste Kirchengeschichte schrieb, die mehr war als eine reine Chronik. Darin bezeichnet er alle für das Christentum „nützlichen“ Gestalten des so genannten Alten Testaments als Hebräer, alle übrigen aber als Juden – und letztere Bezeichnung ist eindeutig negativ gemeint, zumal Eusebius in ihnen die „Gottesmörder“ sieht. Damit begründet er eine unheilvolle Tradition.
„Minderheiten – ich hatte schon damals das vage Gefühl, dass dieses Thema viel mit mir persönlich zu tun hat“, sagt Monika Gödecke im Rückblick. „Als Lesbe gehöre ich einer Minderheit an, die nicht immer so respektiert und geduldet wurde, wie heute hierzulande.“


Frau Dr. Haushälterin
Mit dem Studium ist zunächst kein Berufswunsch verknüpft. Überall herrscht Lehrermangel, und man rät ihr, diesen sicheren Berufsweg einzuschlagen. Das behagt ihr aber nicht: „Damit hat man mir implizit keine Selbständigkeit zugetraut“. Das Schulpraktikum gibt schließlich den Ausschlag, diesen Weg auf keinen Fall einzuschlagen: „Zensuren nach der Gaußschen Normalverteilung zu vergeben – was bedeutet, wenn ich eine Eins vergebe, müssen einige arme Schüler am unteren Ende der Leiter auch eine Fünf und eine Sechs bekommen –, das brachte ich nicht fertig.“ Mit dem Thema Schule setzt sie sich seitdem kritisch auseinander und begleitet die Diskussion um ein freies Bildungswesen in Deutschland bis heute.
Das Französisch-Studium befriedigt vor allem ihr Interesse für Zeitgeschichte: Die deutsche Besatzung in Frankreich, die Résistance, die gesamte Geschichte des zweiten Weltkriegs rührt etwas Tieferes in ihr an. Schon immer hatte sie eine besondere Verbindung zu Frankreich gespürt: „Wenn es irgendeine Gegend und eine Zeit gibt, wo ich das Gefühl habe, da gehöre ich hin, dann ist es das mittelalterliche Südfrankreich zur Zeit der Katharer.“
Nach dem Studium fühlt sie sich jedoch von einer ganz andersartigen Landschaft angezogen: der Nordsee. Sie versucht, sich in Ostfriesland durchzuschlagen und findet eine Anstellung, offiziell als „Pfarrhaushälterin“, bei einem katholischen Pfarrer auf einer Insel. Um Haushalten geht es hier allerdings weniger: Die frisch gebackene Doktorin der Theologie organisiert vor allem Kurse und Veranstaltungen. Die Schulkritiker Hans Pestalozzi und Bertrand Stern gehören zu den Eingeladenen. „Die 200 Personen fassende Kirche war manchmal bis auf den letzten Platz belegt, es hat richtig gebrummt“, erinnert sie sich. Was ihr besonders gefällt, sind die guten Verbindungen zwischen der katholischen und der evangelischen Kirche – sie selbst kommt aus einer Familie, die mütterlicherseits katholisch und väterlicherseits evangelisch war. „In der Kirche kam es vor, dass an bestimmten katholischen Feiertagen der evangelische Kirchenvorstand gastweise bei uns saß, und an evangelischen Feiertagen war es umgekehrt.“

Die Gedenkstätte Bergen-Belsen
Sich auf die Dauer im Norden als Übersetzerin für Französisch selbständig zu machen, gestaltet sich schwieriger als befürchtet. So bewirbt sich Monika Gödecke 1988 bei der KZ-Gedenkstätte Bergen-Belsen. 1990 wurde dort eine größere Einrichtung mit Besucherdienst geschaffen – bis dahin hatte es nur eine kleine Halle mit einer Fotoausstellung gegeben. Jetzt hatte man Schwierigkeiten, den Besucherstrom zu bewältigen und suchte händeringend nach zweisprachigen Mitarbeitern, die Gruppen führen konnten und über die geschichtlichen Zusammenhänge Bescheid wussten. Zunächst ist es für Monika Gödecke pragmatisch die gute Gelegenheit, ihre Französisch-Kenntnisse mit ihrem Interesse für Zeitgeschichte zu verbinden. Aber die Gedenkstättenarbeit ist kein „Job“. Wenn sie darüber spricht, spürt man ein Lebensthema an die Oberfläche drängen, mit dem sie sich schon von klein an konfrontiert fühlt: „Meine Tagesmutter war überzeugte Nationalsozialistin, sie hat es sich nach außen hin zwar nicht anmerken lassen, aber ich erinnere mich genau daran, wie sie sagte ‚die bösen Juden haben unseren lieben Heiland ans Kreuz genagelt.‘“ Mit wenigen Jahren Unterbrechung engagiert sie sich leidenschaftlich für die Gedenkstätte. Gegenwärtig betreut sie als Redakteurin und Lektorin die vielfältigen Publikationen und ist für die Inhalte der Internetseite www.bergenbelsen.de zuständig.
Monika Gödeckes besonderes Anliegen ist es jedoch, Ansprechpartnerin für die französischsprachigen Überlebenden zu sein. Zum besonderen Konzept der Gedenkstätte gehören Video-Interviews mit Überlebenden: „Wir führen lebensgeschichtliche Interviews, in denen wir die Menschen nicht auf eine Opfer-Rolle festschreiben. Wir fahren zu den Menschen nach Hause, damit wir in einem vertrauten Rahmen miteinander sprechen können. Wir überlassen ihnen die Dauer des Interviews und nehmen auch keinen Einfluss darauf, welche Themen sie ausführlich behandeln, und wie sie darüber sprechen. Die Zeit nach der Befreiung aus dem KZ interessiert uns genauso, wir fragen sie nach ihrem späteren Beruf, nach ihrer Familie, nach den Kindern oder danach, was sie fühlen, wenn sie heute Deutschland besuchen. Einige hatten das Thema für sich zunächst völlig abgeschlossen, aber als ihre eigenen Kinder in dem Alter waren, wie sie selbst bei der Deportation, kam es wieder an die Oberfläche. Alle meine Gesprächspartnerinnen und -partner haben spätestens im Rentenalter begonnen, sich in irgendeiner Hinsicht zu engagieren, sei es, dass sie sich als Zeitzeugen einbringen oder für amnesty international oder Greenpeace arbeiten.“

Was steht hinter dem Engagement?
Warum macht sie diese Arbeit? Auf diese Frage hat Monika Gödecke keine plakative Antwort parat. Sie erzählt von einer über 80-jährigen Frau, die lange kein Interview geben wollte, aber irgendwann von sich aus sagte, dass sie nun soweit sei. Obwohl ihr die Erinnerungen offensichtlich sehr nahegingen, betonte sie während des Interviews immer wieder, dass sie weitermachen wollte. Später schickte sie einen langen Brief, in dem sie erzählte, wie wichtig diese Aussprache für sie gewesen sei, sie habe nun weniger Alpträume, und etwas in ihrem Leben sei „rund“ geworden. In diesen Momenten ist Monika Gödecke der Sinn ihres Tuns klar.
Gehört der Aspekt „Befreiung von nationaler Schuld“ auch zu ihren Beweggründen? Nein, schuldig hat sie sich nie gefühlt, aber verantwortlich. Sie kann nicht hören, wenn jüngere Leute sagen, man müsse doch endlich von dieser Schuld wegkommen. „Ich bin Deutsche und stehe dadurch in einem gewissen Zusammenhang mit dieser Geschichte. Ich habe es im Ausland nie verheimlicht, Deutsche zu sein, und habe damit nur gute Erfahrungen gemacht. Im Ausland werde ich aus ehrlichem Interesse heraus gefragt, warum ich diese Arbeit mache. Von deutscher Seite höre ich eher: ‚Mein Gott, warum tust du dir das an?‘ Dann sage ich: ‚weil es viel zu wenige tun, und dann müssen einige eben mehr tun.‘“
Den tieferen persönlichen Beweggründen für ihre Arbeit ist sie nach wie vor auf der Spur. Sich selbst zu erforschen, bedeutet für sie auch ein Stück politische Arbeit: „Kürzlich habe ich ein Buch gelesen, das mich sehr berührt hat. Sigrid Chamberlain setzt sich darin mit zwei NS-Erziehungsbüchern auseinander. Eines davon, ‚Die deutsche Mutter und ihr erstes Kind‘ war unter dem Titel ‚Die Mutter und ihr erstes Kind‘ noch bis in den 80er-Jahren im Handel. Diese Bücher beschreiben von der Schwangerschaft an, wie man aus Kindern manipulierbare Untertanen macht. Ich habe ein Wochenende lang abwechselnd in dem Buch gelesen und meine Gedanken aufgeschrieben und dabei viel geheult, weil so viele bruchstückhafte Erinnerungen aus meiner eigenen Kinderzeit plötzlich einen Hintergrund bekamen. Da war die zensurierte Körperhaltung bei Tisch, oder da war der Spruch: ‚Spiel nicht mit den bösen Kindern auf der Straße!‘ Das ist diese typische Haltung, dass deine ganze Umwelt feindlich ist und du nur Schlechtes von der Welt zu erwarten hast – nur deine Familie ist gut. Ich glaube und sehe, dass solche Haltungen bis in die heutige Erziehungspraxis hineinwirken. Daher kommen Sätze wie ‚Ein Junge weint nicht‘ oder ‚du musst dein Kind schreien lassen, sonst ziehst du dir einen Haustyrannen heran‘. All das ist uns in Fleisch und Blut übergegangen.“ Die unbewussten Mechanismen, mit denen Gewalt von Generation zu Generation weitergegeben wird, hält sie für das eigentlich Gefährliche am Erbe der Vergangenheit.

Sich von Religionen inspirieren lassen
Manchmal hat Monika Gödecke den Eindruck, dass ihr Engagement für benachteiligte Minderheiten nicht allein ihrer aktuellen Biografie entspringt. Der Gedanke an eine zyklische Existenz ist ihr einerseits durchaus nahe. Wenn sie aber von gewissen Theoretikern hören muss, die KZ-Häftlinge hätten eben allesamt ein schlechtes Karma gehabt, wird sie ernsthaft zornig. Ideologien, auch spirituelle, die zu Lasten anderer gehen, lässt sie nicht gelten. Sympathischer sind ihr Weltmodelle, wie die Lehre der Apokatastasis des Origines von Alexandrien: „Er entwickelt ein Stufenmodell, in dem ganze Welten stetig wiedergeboren werden, so lange, bis alle Wesen erlöst sind, der Teufel inklusive. Am Schluss ist alles wieder Eins, und niemand muss weiter in der Hölle schmoren …“ Origines von Alexandrien sagte noch etwas, womit sie in Resonanz steht: „Der Funke der Weisheit kann dir von überall zukommen, entscheidend ist allein, dass er kommt. Er kann mitten unterm S-Bahn-Fahren kommen oder unter der Dusche. Es können auch viele kleine Fünkchen sein, eine Kette guter Ideen“. Ob sie danach strebt, dass der Funke kommen möge? Ja, aber nicht, indem sie etwas Bestimmtes übt oder einer bestimmten Lehre anhängt.
Die Theologin Monika Gödecke ist vor zehn Jahren aus der Kirche ausgetreten. Sie fühlt kein Bedürfnis, zu einer anderen Religion zu konvertieren, aber sie vertieft sich in alle religiösen Systeme und lässt sich von ihnen inspirieren. Das jüdische Yom Kippur hat sie für sich übernommen, die Zeit zu Beginn des neuen Jahres, wo man in sich geht und sein Gewissen erforscht: „Dabei geht es, anders als im Christentum, nicht nur darum, was man Gott oder anderen Menschen gegenüber falsch gemacht hat, sondern auch darum, was richtig war und ob man auch zu sich selbst gut gewesen ist.“ An manchen Richtungen des Buddhismus gefällt ihr die Zugewandtheit zur Natur, die ihr sehr wichtig ist, besonders die Hinwendung zu Tieren.
Ein wichtiger Ankerpunkt sind für Monika Gödecke die Forschungen der Archäologin Marija Gimbutas. Zwar wisse man über den Kult der großen Göttin nur wenig und sollte sich deshalb vor Projektionen hüten: „Trotzdem bin ich von den Zeugnissen, die dieser Kult hinterlassen hat, tief berührt. Als ich zum ersten Mal die Insel Malta besucht habe, überkam mich in den steinzeitlichen Tempeln ein nie zuvor derart stark empfundenes Heimatgefühl. Ich kannte viele Gegenden und Plätze in Malta aus Träumen, so dass ich mich oft bei dem Gedanken ertappte – ah, hier ist das also! Das ging so weit, dass ich mich in einer riesigen Katakombenanlage perfekt orientieren konnte.“ Seitdem spielt die Göttin in ihrer künstlerischen Arbeit eine bestimmende Rolle. Monika Gödecke schreibt und fotografiert: „Ich habe Puppen, die sehr androgyn aussehen, in den mesolithischen Farben schwarz, weiß oder rot lackiert, und jede bekam die Augen in den jeweils anderen beiden Farben. Mit diesen Puppen habe ich dann in Malta eine Serie von inszenierten Fotografien gemacht.“

Die BücherFrauen
Monika Gödecke bezeichnet sich als Feministin, doch in Frauen-Szenen bleibt sie eher eine Grenzgängerin: „Wenn ich mit religiös ausgerichteten Juden von der Göttin als großer Mutter spreche, dann stellt es denen die Nackenhaare auf, und wenn ich mit Leuten aus der Frauen- oder der linken Szene rede, werde ich mit der Ablehnung des Judentums als angeblich patriarchaler Religion konfrontiert. Es ist aber gut, dass die eine Seite die andere immer wieder kritisiert, so laufe ich nicht Gefahr, in das eine oder andere Extrem abzudriften.“
Sie ist bei den BücherFrauen, den „women in publishing“, aktiv, ein Netzwerk von Frauen, die in der Buchbranche arbeiten, von der Autorin über die Buchbinderin bis zur Übersetzerin oder Verlegerin. Ursprünglich in England gegründet, sind hierzulande inzwischen 900 BücherFrauen in Städtegruppen organisiert. Wenn sie bei ihren Recherchen Unterstützung braucht oder nach einer Übersetzerin für eine bestimmte Sprache sucht, greift sie auf dieses Netzwerk zurück: „In den Städtegruppen wird heiß diskutiert, ob die BücherFrauen eine feministische Gruppe sind. Es sind dort alle Generationen vertreten, und manche Jüngere meinen, dass die Frage nach der Gleichberechtigung von Frauen sich heute schon erübrigt hätte. Aber spätestens, wenn sie nach ein paar Jahren Berufsleben feststellen, dass es mit der Karriere doch nicht so einfach ist, ändern sie ihre Meinung. Gerade in der Buchbranche wird die Arbeit nicht sehr gut bezahlt, und in den Bereichen, wo die gute Bezahlung anfängt, sind Frauen nach wie vor sehr rar. Mir ist es wichtig, dass wir für Frauen arbeiten, aber nicht gegen Männer.“
Eine bessere Welt? Die stellt sich Monika Gödecke durchaus als Matriarchat vor – „aber nicht dasselbe wie heute, nur dass dann die Frauen das Sagen haben. Ich meine eine Kultur, in der keine Geschlechterhierarchie existiert, eine friedliche Kultur, in der Austauschwirtschaft statt Geldwirtschaft praktiziert wird. Vor allem meine ich eine Kultur, in der Kinder nicht gezwungen werden, Aspekte ihrer Persönlichkeit abzuspalten. Und ich meine eine Kultur der Kommunikation, in der bei regionaler Orientierung die Menschen auf der ganzen Welt miteinander im Austausch sind. ´


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Heimrath, Johannes


Mallien, Lara

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