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Tierhaltung mit Augenmaß? Ja!
erschienen in Ausgabe 131
In der Diskussion um Tierhaltung im Ökodorf Sieben Linden plädiert Eva Stützel für einen achtsamen und maßvollen Umgang mit Tieren


Auch wenn die gemeinsamen Mahlzeiten im Ökodorf Sieben Linden vegetarisch sind, essen doch -viele Bewohner Fleisch, das von Biohöfen stammt. Eva Stützel plädiert dafür, Tierhaltung an sich nicht zu verteufeln, sondern auch in diesem Bereich verantwortungsvoll Selbstversorgung zu praktizieren.


Es passt zu meinem Ideal vom achtsamen Umgang mit unserer Mitwelt, auch Tiere zu töten. Ich strebe allerdings nach einem Lebensstil, in dem viel weniger Tiere gehalten und getötet werden als zur Zeit. Auch nach Jahren der Konfrontation mit VeganerInnen setze ich mich immer noch dafür ein, im Ökodorf Sieben Linden in kleinem Stil Tiere zu halten und diese und ihre Produkte zu essen.
Wir Menschen sind ein Teil der großen Familie der Lebewesen, von denen jedes leben will, alle miteinander verbunden sind und keines mehr oder weniger Rechte hat als ein anderes. Ein Mensch ist für die Natur, für das Universum, Gott oder die Göttin nicht mehr wert als eine Fliege oder ein Grashalm.
Dass ich es in Ordnung finde, Tiere zu töten, bedeutet nicht, dass ich mich über die Tiere stelle, sondern eher, dass ich mich in den gleichen natürlichen Kreislauf einbetten will wie sie.
Ich will allen Mitwesen mit Achtung begegnen. Dies tut man in der Massentierhaltung oft nicht – und auch nicht auf jedem Biohof. Nach meiner Überzeugung kann man Tiere auch dann töten, wenn man sie achtet. Dazu gehört, so wenig Leid wie möglich zuzufügen – und das Bewusstsein, dass Leid zum Leben gehört und unvermeidbar ist. Heute sind die meisten natürlichen Feinde der Säugetiere ausgerottet, und es gehört auch zum achtungsvollen Umgang mit der Mitwelt, das Jagen der Wildtiere und das Töten des überzähligen Nachwuchses der Haustiere zu übernehmen.

Der Tod ist natürlich
Die Gleichsetzung „Töten = extremes Leid zufügen“ gilt für mich nur für Wesen, bei denen der Gedanke an den Tod für die Lebenden und der Tod für die Hinterbliebenen ein Problem ist. Daher unterscheide ich zwischen dem Töten von Menschen und dem von Tieren.
Ich halte es für eine sehr menschenzentrierte Sichtweise, den Tod von Tieren als größtes Leid darzustellen und von daher deren Tötung als das größte Tabu. Der Tod ist vom Universum her betrachtet ganz natürlich und an sich nichts Schlechtes. In spiritueller Hinsicht ist der Tod einfach ein Übergang. Der Tod gehört zum Leben. Alles in der Welt lebt nur, weil etwas anderes stirbt. Wenn ein Tier getötet wird, damit ich es essen kann, ist dies für mich nichts moralisch Verwerfliches, auch wenn ich den gleichen Nährwert vielleicht durch Tofu erhalten könnte. Warum sollte verwerflich sein, zu tun, was in der Natur zum Gedeihen gehört?
Ich sehe Menschen als Teil des Ökosystems Erde, und im Umgang mit allen Wesen gelten für mich als Handlungsmaxime neben „keinem Wesen unnötiges Leid zufügen“ die Handlungsmaximen, die zum Erhalt und zur Pflege dieses Ökosystems beitragen.

Ökologische Tierhaltung ist möglich
Ich wünsche mir, dass wir im Ökodorf Sieben Linden auch ein Modell dafür sind, wie Tierhaltung aussehen kann, in der mit Tieren achtungsvoll umgegangen wird. Dies führt zu einer Tierhaltung in sehr kleinem Stil und einem Bewusstsein für die Kostbarkeit tierischer Produkte als Nahrungsmittel.
Aber ich wehre mich gegen den moralischen Zeigefinger, der sagt: Tierhaltung oder der Konsum von tierischen Produkten sind an sich verwerflich und haben keinen Platz im Ökodorf.
Unsere Wiesen könnten von Schafen ökologischer „gemäht“ werden als von Rasenmähern und Traktoren – und als Nebenprodukt gibt es auch noch ein bisschen Milch und ab und zu etwas Fleisch und Schafsmist als Düngung. Ein paar Hasen könnten zwischen unseren Wohnhäusern herumlaufen und von Gras und Heu ernährt werden – und ab und zu einen leckeren Hasenbraten liefern. Hühner könnten in der Windschutzpflanzung scharren, Küchenabfälle fressen und Eier legen, die wir verspeisen könnten.
Zum Ökosystem Erde gehört für mich inzwischen auch die Kulturlandschaft, die die Menschen mit ihrer Tierhaltung seit Jahrtausenden geprägt haben. Ich will in Jahrtausenden gewachsene Kulturlandschaften wie Almwiesen und Heidelandschaften nicht wieder in Urwälder überführt sehen, sondern mithelfen, ein harmonisches Miteinander von Mensch und Natur zu schaffen, wie es sich z.B. an funktionierenden Kulturlandschaften zeigt. Deshalb kann ich die Forderung, dass wir alle Flächen, die wir für die Tierhaltung nutzen, ganz der Natur zurückgeben sollten, nicht teilen. Wiesen und Weiden sind wichtige Teile der Kulturlandschaft, die hier in der Altmark gewachsen ist, und um die zu erhalten, braucht man auch Weidetiere.

Warum Tiere halten – aber sie nicht nutzen?
Wäre es für die Haustiere besser, wenn sie gar nicht erst auf die Welt kämen, als wenn man ihnen ein angenehmes Leben bis zu ihrem (von Menschen gesetzten) Tod ermöglicht?
Wenn die Weltsicht, dass Tiere zu halten und zu töten grundsätzlich verurteilenswert ist, als Richtschnur für das Handeln aller Menschen gälte, würden viele Haustierrassen einfach aussterben. Bringt man so diesen Tieren mehr Achtung entgegen? Spricht diese Weltsicht nicht ganzen Rassen die Existenzberechtigung ab und verurteilt nicht nur einzelne Seelen, sondern ganze Rassen, ganze Familienseelen zu Tode?
Ich halte es für wünschenswert, dass alte Haustierrassen erhalten bleiben und ihren Platz in unserem Ökosystem, in dem sie in den letzten Jahrtausenden entstanden sind, weiter ausfüllen. Dafür soll das Ökodorf einen Raum bieten.
Und warum sollte man, wie von Silke Hagmaier in ihrem Artikel (nächste Seite) vorgeschlagen, Tiere halten, aber nicht nutzen? Was würde dann mit dem männlichen Nachwuchs, der sich gegenseitig bekämpft, passieren? Lassen wir ihn draußen jämmerlich verhungern? Ist es nachhaltiger, die Tiere nur zur Bereicherung des Lebens zu halten und den Eiweißbedarf über andere Nahrungsmittel zu decken? Dann würde noch mehr Fläche verbraucht, als wenn wir die Produkte dieser Tiere essen und diejenigen, die das Biotop nicht mehr verkraften kann, schlachten und essen.

Die Vielfalt pflegen und schätzen
Ich wünsche mir, dass wir in allen Glaubensfragen respektieren, dass es keine absolute Wahrheit gibt. Es gibt auf der Welt viele verschiedene Weltbilder. Ich wünsche mir, dass das Ökodorf Sieben Linden ein Platz ist, der sich nicht nur durch eine einzige (für unseren Kulturkreis extreme) Weltsicht auszeichnet, sondern dadurch, dass wir im dem Rahmen des Strebens nach Nachhaltigkeit und des achtungsvollen Umgangs mit allen Wesen die Vielfalt pflegen und schätzen und ein Beispiel dafür werden, wie man auch mit scheinbar unvereinbaren Weltsichten auf engem Raum miteinander leben kann. Das Ökodorf soll ein Platz sein, der beispielhaft dafür ist, wie Menschen mit unterschiedlichen Weltsichten in Achtung miteinander umgehen können. Und diese Modellhaftigkeit ist mir wichtiger als irgendeine „reine Lehre“.
Das Ökodorf soll ein Platz werden, an dem das Konsumieren tierischer Produkte nicht verteufelt wird, aber am konkreten Beispiel die Schwierigkeiten, die damit verbunden sind, erfahrbar gemacht werden. Das wichtigste am Konzept der Selbstversorgung ist für mich, dass man direkt mit den Konsequenzen des eigenen Konsums konfrontiert wird und dadurch ein anderes Bewusstsein und einen anderen Umgang damit entwickelt. Wenn in Sieben Linden von der Mehrzahl der Bewohnerinnen und Bewohner tierische Produkte konsumiert werden – und das werden sie – aber Selbstversorgung gerade in diesem Bereich ausgeklammert wird, fehlt genau diese Chance zum Lernen.
Wenn in Sieben Linden erfahrbar gemacht wird, wie eine nachhaltige und achtungsvolle Tierhaltung aussehen könnte, dann wird dabei auch deutlich, mit wie wenig tierischen Produkten wir auskommen müssen, wenn wir nachhaltig leben wollen. Das ist für mich die Vision von einem modellhaften Ökodorf – wo wir ohne moralisierenden Zeigefinger einfach über das Beispiel, wie eine nachhaltige Tierhaltung aussieht, aufzeigen, dass Tierhaltung nur in sehr kleinem Maße ökologisch verträglich sein kann – und dass der Konsum tierischer Produkte ein Luxus ist, den wir uns nur sehr selten leisten können. ´



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Stützel, Eva

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