Ein Zentrum für Begegnung, Wachstum und Lernen im Aufbau.Martina Schwald berichtet über Geschichte und Pläne.
Das ehemalige Waldorf-Internat Schloss Glarisegg liegt auf der schweizerischen Seite des Bodensees auf einem fünf Hektar großen Gelände mit vier weiteren geräumigen Gebäuden und einem eigenem Strand. Lange Zeit stand es leer. Am 24. Oktober 2003 konnte das Anwesen von einer Gruppe unternehmungsfreudiger Menschen mit Visionen und Tatkraft gekauft werden, die als Gemeinschaft dort zusammenleben und gemeinsam ein besonderes Zentrum aufbauen wollen.
Als hätte sie der Weihnachtsstern zusammengeführt, traf am 4. Januar 2003 aus allen Himmelsrichtungen die Gründungsgruppe der neu entstehenden Lebens- und Arbeitsgemeinschaft auf Schloss Glarisegg ein. Die meisten der etwa fünfundzwanzig Personen kannten sich noch nicht. Sie fühlten sich angesprochen von einem Rundschreiben von Reinhold Wacker, das sie zu diesem Treffen einlud. Es handelte von der Vision einer „Lebens- und Liebesschule“ auf Schloss Glarisegg mit integrierter Indigoschule und spiegelte nicht nur die Vision eines Einzelnen wider, sondern vereinte die durchaus ähnlichen Vorstellungen aller Anwesenden, ohne dass diese vorher voneinander wussten. Der frühere Stiftungsvorsitzende des ehemaligen Waldorfinternats öffnete bei den Behörden für dieses Projekt die Türen. Zehn Menschen des Treffens vom 4. Januar zogen am 15. Januar ins Schloss Glarisegg, ohne dass sie zwei Wochen vorher von dieser Möglichkeit gewusst hatten.
„Seither ist so viel geschehen an innerer Entwicklung und äußerem Aufbau, dass das eine Jahr mir vorkommt wie zwei oder drei“, meint der Schwede Johan Niklasson, der von Anfang an zu der ansonsten vor allem schweizerischen und deutschen Gruppe gehört.
Organisatorischer Kraftakt
Die Gruppe musste bis zum 15. April 2003 ein Konzept ihrer Ideen und Visionen entwickeln, um das Konkursamt mit einem Finanzierungsvorschlag davon zu überzeugen, dass die Liegenschaft von der Gemeinschaft gekauft werden konnte. Im Inneren fand sich bei den Beteiligten von Anfang an eine Haltung von Aufrichtigkeit und Authentizität, ein großes Engagement, sich hundertprozentig für die Sache einzusetzen, und die Bereitschaft, an den Herausforderungen zu wachsen und Konflikten nicht auszuweichen, sondern sich daran kennenzulernen.
„Die Vertrautheit und der große Zusammenhalt unter den Gemeinschaftsmitgliedern nach kurzer Zeit und die vielen Fügungen und scheinbaren Zufälle, mit denen das Projekt unterstützt scheint, geben uns das Gefühl, uns schon seit langem zu kennen, obwohl dies nicht der Fall ist“, so Ilona Rothfuchs, Verwaltungsrätin der Schloss Glarisegg AG, Studienrätin für Kunstgeschichte, Montessoripädagogin und eine der GemeinschaftsgründerInnen. Mit tiefem Vertrauen und einem organisatorischen Kraftakt haben die Beteiligten rasch ein klug strukturiertes Konzept ihrer Vision und einen kreativen Finanzierungsvorschlag entwickelt.
Um den Kauf zu realisieren, gründete die Gemeinschaft den Verein „Projekt Schloss Glarisegg“ und folgte dem Finanzierungsmodell, das einst zur Gründung der Alternativen Bank Schweiz (ABS) geführt hatte. Schlüsselfigur ist hierbei der Projekberater Christian Heyner, jetzt einer der fünf VerwaltungsrätInnen der Schloss Glarisegg AG, der bei der Gründung der ABS maßgeblich beteiligt war.
Auf die Frage, warum für ein Projekt dieser Art eine AG und nicht eine Genossenschaft oder eine Stiftung gewählt wurde, sagt Jost Gross, Nationalrat und Rechtsanwalt: „Die Rechtsform der Aktiengesellschaft bietet eine gute Grundlage, mit der finanziellen Beteiligung durch andere Menschen so ein großes Projekt zu realisieren, während das schweizerische Genossenschaftsrecht mehr und mehr veraltet und die Stiftung sich bei Entwicklung und Veränderungen des Projekts als sehr unflexibel erweisen kann. Die Rechtsstruktur der AG ist nur ein Gewand, und wir füllen es mit dem Inhalt und der Substanz, wie es unserem Projekt entspricht. So werden unsere Aktien zum Beispiel nicht an der Börse verkauft, und der Hauptzweck der AG ist auch nicht die Gewinnoptimierung.“
Es gibt auch ein besonderes Statut, das u.a. den Aktio-närInnen nur maximal 10% des Stimmanteils einräumt, auch wenn ihr Kapitaleinsatz höher ist. Die Schloss Glarisegg AG verwaltet die Liegenschaft und die Immobilien und renoviert sie. Für das Aufbringen der Renovierungs- und Investitionskosten werden noch weitere AktionärInnen gesucht, die Aktien mit dem originalen Gründungs-Zertifikat erwerben können. Über 120 AktionärInnen haben bereits zum Gelingen des Projekts beigetragen, indem sie Aktien im Wert von 3700 Euro bzw. 5000 Franken erworben haben. Viele AktionärInnen nehmen gerne aktiv als HelferInnen oder passiv als GenießerInnen teil an Veranstaltungen wie zum Beispiel dem diesjährigen großen Silvester-Fest, das über 150 Menschen angelockt hatte. Die AktionärInnen erhalten Vergünstigungen auf Seminare und Angebote des Zentrums sowie auf Urlaubsaufenthalte auf Schloss Glarisegg. Sie erhalten bevorzugte Bedingungen für Miete und Nutzung der Räumlichkeiten des Geländes, inklusive dem angrenzenden Strand, oder genießen Rabatte bei großen Festen und Veranstaltungen.
Der Aufbau des Zentrums
In diesem Jahr wird die baubiologische Renovierung der Gebäude und der allmähliche Aufbau eines funktionierenden Gästebetriebs im Vordergrund stehen. Im Schloss selbst wird ein Therapeutikum eingerichtet, in dem Schul- und alternative Medizin einander ergänzen sollen. Eine Modellschule ist geplant, die sich an der Pädagogik von Rebecca Wild und der „ressourciven Pädagogik“ von Dr. Grasser orientiert. Ein Seminarzentrum sowie ein Kunst- und Kulturlabor sind ebenfalls geplant. Daneben soll es die Möglichkeit geben, nach der Renovierung der 20 Zimmer des Gästezentrums auch als Gast einfach dort zu sein, an den verschiedensten Veranstaltungen teilzunehmen, sich am Strand zu erholen, sich auf dem Tennisplatz fit zu machen oder an Ruderkursen teilzunehmen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die vegetarische und biologische Ernährung sowie ein achtsamer Umgang mit der Natur und eine geomantische Gestaltung des Geländes.
Das Wachsen der Gemeinschaft
Mittlerweile leben auf Schloss Glarisegg 20 Erwachsene und 10 Kinder, die Leben, Arbeiten und persönliches Wachstum in Einklang bringen wollen. Gemeinsames Ziel ist das authentische Sein im Miteinander als Schlüssel zu Erfüllung und Kraft und das Aufzeigen von Wegen zu einem bewussten ökologischen und friedlichen Zusammenleben. Menschen, die zur Gemeinschaft hinzukommen wollen, verbringen zuerst eine Zeit als arbeitender Gast auf Schloss Glarisegg. Das ist insbesondere jetzt wichtig, wo viele Hände für die Renovierungsarbeiten gefragt sind. Die Gäste können an den Gästekreisen und den Gemeinschaftsaktivitäten wie Meditationen verschiedener Art, Qigong-Kurs, Tanz- und Musikimprovisationen usw. teilnehmen. Wer der Gemeinschaft als Gast nähergekommen ist, kann GemeinschaftsanwärterIn werden. Regelmäßiges Feedback und Aussprache über die gemeinsamen Erfahrungen können nach einer Zeit von einem halben bis ganzen Jahr dazu führen, als neues Gemeinschaftsmitglied hinzuzukommen. Wichtig ist neben dem Menschlichen auch die Frage, inwiefern der Beruf oder die Berufung der Einzelnen von der Gemeinschaft gesucht wird. Ansonsten sind viele Modelle denkbar, wie der Kontakt zur Gemeinschaft gepflegt werden kann. So haben sich Mitglieder der Arbeits- und Lebensgemeinschaft zum Beispiel ein Haus in Steckborn gekauft, von dem aus sie am Aufbau auf Schloss Glarisegg mitarbeiten. ´
Informationen
Jeden Freitag um 15 Uhr findet regelmäßig das Info-Café statt, bei dem Interessierte das Projekt und Schloss Glarisegg kennenlernen können. Anmeldung und Infos sowie Unterlagen zur Zeichnung von Aktien bei Ilona Rothfuchs oder Martina Schwald, Tel. (0041) (52) 7702188, oder unter info@Schloss-Glarisegg.ch, www.schloss-glarisegg.ch.
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