Die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“. Vorgestellt von Gerhard Breidenstein
„Wir müssen die Veränderung sein, die wir in der Welt sehen wollen“ sagte Mahatma Gandhi. Die bundesweite Aufbruch-Initiative ist der Versuch einer heutigen Umsetzung dieser Worte. Alle Lebens-bereiche werden von ihr angesprochen, und persönliche Schritte werden vorgeschlagen – beim Konsum, beim Umgang mit Geld und Arbeit, in den sozialen Beziehungen, in den inneren Werten und der Sinnhaftigkeit des eigenen Alltags. Mitinitiator Gerhard Breidenstein berichtet von den Anfängen einer neuen und ganzheitlichen Basis-Bewegung.
Wie bisher weiter zu leben, wird für immer mehr Menschen fragwürdig. Der jetzige konsum-orientierte, materialistische Lebensstil ist für den Einzelnen auf die Dauer unbefriedigend, ja zerstöre-risch für Körper, Geist und Seele. Und für die -ganze Welt führt die Art und Weise, wie wir im „Norden“ leben, zu katastrophalen Verwerfungen. Denn unser materieller Wohlstand beruht nach wie vor auf der Ausbeutung der armen Länder, und die klimaschädlichen Gase kommen zu 80 Prozent aus unseren Kaminen, Triebwerken und Auspuffrohren, und unzählbaren Generationen nach uns hinterlassen wir radioaktiven Müll. Das Weitermachen wie bisher hat keine Zukunft.
So wird „anders leben“ zu einem vagen Wunschtraum für immer mehr Menschen. Zwar werden alternative Lebensformen seit über zwanzig Jahren von kleinen und großen Gemeinschaftsprojekten in aller Welt gelebt und demonstriert. Aber nur sehr wenige Menschen können oder wollen ganz aussteigen aus der übrigen Gesellschaft. Könnte es nicht auch ein anderes, besseres Leben mitten im Üblichen geben? Die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“ will genau dazu einladen und ermutigen. Da die jetzige Kultur nicht zukunftsfähig ist, muss es zu einem umfassenden Aufbruch in eine neue, weiterführende Kultur kommen.
Ein solcher Umbruch würde schließlich die ganze Gesellschaft erfassen wie beispielsweise beim Übergang vom Mittelalter zur Neuzeit. Aber er kann und darf nicht von oben verordnet werden. Er muss von Menschen begonnen werden, die zeigen, dass es möglich und besser ist, anders zu leben als bisher – und zwar im ganz gewöhnlichen Alltag von Familie und Beruf. Wie die Studie über die „Cultural Creatives“ in den USA zeigte, denken schon Millionen Menschen anders als Traditionalisten und Modernisten. Aber sie fühlen sich zugleich isoliert und frustriert und dadurch gelähmt.
Aufbruch-Gruppen als Orte der Vernetzung
Hier will die „Aufbruch“-Initiative ansetzen. Sie will die vielen Einzelnen, die bereits „anders“ leben oder „eigentlich“ zukunftsfähig leben wollen, erreichen, untereinander vernetzen und zu örtlichen oder regionalen Gruppen sammeln. Dies geschieht durch Artikel und Beilagen in zielgruppenspezifischen Zeitschriften, durch das Auslegen von Flugblättern z.B. in Naturkost- und Weltläden und durch das Sammeln und Weitergeben der Namen und Adressen derer, die sich mit Gleichgesinnten zusammenfinden wollen. Auf diese Weise entstanden bisher „Aufbruch“-Gruppen in Traunstein, München, Nürnberg, Würzburg, Murrhardt, Beilstein (bei Heilbronn), Stuttgart, Freiburg, Friedberg, Münster, Leipzig, Berlin und Augsburg. Initiatoren für einen Gruppenstart gibt es in Salzwedel, Regensburg, im Landkreis Kehlheim, in Köln, Lübeck und Rostock.
Zu solchen Gruppen wird durch Anschreiben bisheriger UnterzeichnerInnen in der Nähe und durch das Ansprechen von Bekannten der Initiatoren eingeladen. Die meisten dieser Gruppen bitten interessierte Personen nach etwa zwei probeweisen Teilnahmen, sich für ein halbes oder ganzes Jahr auf eine regelmäßige Anwesenheit bei den monatlichen Treffen einzulassen und bei Verhinderung Bescheid zu geben. Das mindert eine störende Fluktuation, und ein verlässlicher Zusammenhalt und eine vertrauensvolle Atmosphäre können entstehen. Auch ein Stuhlkreis mit einer schönen Mitte, eine gute Gesprächskultur (z.B. mit einem Redestein) und eine rotierende Moderation helfen, in einer solchen Gruppe über persönliche Erfahrungen zu sprechen.
Kürzlich fand für Süddeutschland ein Regionaltreffen speziell für solche Personen statt, die bereits eine Gruppe moderieren oder eine starten wollen. Bei einem regen Erfahrungsaustausch zwischen den 26 Teilnehmenden, ergänzt durch ganzheitliche Elemente wie Qigong-Übungen, Singen, Tanzen und Stillesein, ergaben sich sowohl im Schwierigen wie mit Gelungenem viele Gemeinsamkeiten. So wurde immer wieder erlebt, dass sich anfänglich Interessierte kritisch äußerten und nicht mehr teilnahmen, wenn die Gruppe nicht sofort eine bestimmte, nach außen gerichtete Aktion in Angriff nahm, sondern darauf bestand, dass der eigene, vermeintlich „private“ Lebensstil ihr eigentlicher Fokus sei. Dafür nahm das Interesse anderer zu, als klar wurde, dass man hier auch über Frustrationen, Widerstände und Ängste sprechen kann, die beim Umgestalten der Lebensweise – und die betrifft nicht nur den Konsum – auftreten. Eine Gruppe hatte ein besonders gutes Echo, als es ihr gelang, ausgesprochene Außenseiter zu tolerieren und zu integrieren.
Ein sehr intensiver Abend entstand, als darüber gesprochen wurde, in welcher Weise auch spirituelle Elemente in einen Aufbruch-Abend einbezogen werden können. Wir mussten uns zunächst selbst fragen: „Was versteht jede und jeder von uns unter Spiritualität?“ Dabei kam eine bewegende Vielfalt von Gedanken und Erfahrungen zutage. Nachdem ein Teilnehmer als letzter ein Gedicht von Rilke mit dem Titel „Nah ist das Land, das sie das Leben nennen“ rezitiert hatte, entstand eine tiefe Stille, bis wir den Abend mit einem dreifachen OM besiegelten. Mit Ausdrucksformen von Spiritualität sind die Gruppen verständlicherweise sehr vorsichtig, denn sie sind interreligiös und experimentell. Aber bereits eine in der Mitte brennende Kerze, ein meditativer Tanz, eine tiefenökologische Übung (nach Joanna Macy) oder wenn man am Ende einander schweigend im Kreis stehend bei den Händen fasst, das sind Elemente einer neuen, ganzheitlichen Kultur „für Körper, Geist und Seele“ (wie es im Basistext der Initiative heißt). Diese Form von Spiritualität wäre für eine Abkehr vom Materialismus eine wichtige Unterstützung.
Das Private ist auch politisch
Jeder der monatlichen Abende steht -üblicherweise unter einem vorher verabredeten Thema. Viele der Gruppen folgen dabei dem Themenkatalog, der im Handbuch „Genuss und Nachhaltigkeit“ (siehe Hinweise am Schluss) vorgeschlagen wird. Andere wählen Themen, die im Kreis der Teilnehmenden gewünscht oder angeboten werden. Mit Vorträgen von Experten wurden nicht nur gute Erfahrungen gemacht; bevorzugt werden kurze Einführungen, sofern es sich um Sachthemen handelt. Angehäufte Informationen helfen jedenfalls nicht, wenn es um ganz persönliche Fragen geht. Einige Gruppen achten auf einen Wechsel zwischen alltagsbezogenen, konkreten Themen einer zukunftsfähigen Lebensweise und den eher abstrakten oder persönlichen Fragen. Auf jeden Fall sollen der Austausch zwischen den Gruppenmitgliedern, ihr Wissen, ihre Erfahrungen und ihre Visionen im Vordergrund stehen.
Das schönste „Ergebnis“ eines Abends – so berichtete ein Gruppen-Moderator – sei es, wenn alle gestärkt und ermutigt nach Hause gehen können. Solche Gruppenerfahrungen sind eine wichtige Verstetigung jener inspirierenden Erlebnisse auf Wochenend-Workshops, die die Initiative für größere Regionen anbietet. Termine finden sich auf der unten angegebenen Webadresse.
Unser Konsum ist keineswegs so privat, wie wir meinen. Bereits beim Kaffee- oder Teetrinken, beim Kauf einer Unterhose oder von Turnschuhen nehmen wir am ungerechten Welthandel teil, bei jeder Autofahrt und jedem Flug wirken wir an der Umweltverschmutzung mit. In vielen Fällen ist die Verstrickung unentrinnbar, aber es gibt in mehr Fällen Alternativen, als wir meinen. Darüber wird in den „Aufbruch“-Gruppen gesprochen und auch über die Art und die Intensität unserer Bedürfnisse. Freilich gilt: „Wer nur sein persönliches Leben verändert, ohne politische Forderungen zu stellen, bleibt ein Träumer“, aber auch: „Wer politische Forderungen stellt, ohne sein eigenes Leben zu verändern, wird zum Heuchler“, so heißt es im Basistext der Initiative. Insofern versteht sich die „Aufbruch“-Initiative als Ergänzung weltweiter Protest-Bewegungen wie z.B. attac, die in immer neuen Wellen und in immer mehr Ländern von der Basis ausgehend gegen die herrschenden Strukturen mobilisieren.
Auch die vielen Nicht-Regierungs--Organisationen, die für Umweltthemen, weltweite Solidarität und Abrüstung politisch aktiv sind, sieht die Initiative als Verbündete an. Und sie bemüht sich darum, dass die großen Verbände ihre eigenen Mitglieder auf eine zukunftsfähige Lebensweise ansprechen. Dass die „Aufbruch“-Initiative in der offiziellen Nachhaltigkeitsdiskussion ernstgenommen wird, zeigte sich vor wenigen Wochen bei der Fachtagung „Basis für eine Kultur der Nachhaltigkeit“ in Berlin, die die Initiative -gemeinsam mit dem Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie und dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland organisierte. Dort wurde klar, dass nachhaltige Politik auch nachhaltige Konsumenten braucht und dass Ethik dabei eine Rolle spielen muss. Allerdings schreibt die Initiative „Aufbruch – anders besser leben“: „Uns geht es nicht um Verzicht, sondern um Befreiung aus einem überholten Kulturmuster, nicht um Verlust, sondern um Gewinn an Lebensqualität.“
Der Grundlagentext wurde von Menschen aus dem Netzwerk ökumenischer Basisgruppen und dem Ökodorf Sieben Linden gemeinsam erstellt und ist seit dem Frühjahr 2002 in Umlauf. Über tausend Menschen aus spirituellen, therapeutischen, ökologischen und politischen Bereichen sowie Prominente, u.a. Ministerin Brigitte Künast, haben den Aufruf bisher unterschrieben.
Wir denken, dass es ein noch viel größeres Potenzial für einen gesellschaftlichen Aufbruch gibt. Eine andere Welt ist möglich – wenn viele beginnen, anders zu leben. Man kann den Aufruf „anders besser leben“ unterschreiben und sich einer regionalen Gruppe anschließen. Der Aufruf, ein kurzes Flugblatt, eine Infomappe mit vielen Texten und Adressen oder das Buch „Genuss und Nachhaltigkeit“ können bei der im Kasten unten angegebenen Adresse bestellt werden.
Gruppenbildung für eine andere Welt
Eine Gruppe von Gleichgesinnten kann als Kraftquelle dienen, um gemeinsam eine neue Kultur zu kreieren. Alle Teile eines Ganzen sind in ständiger Bewegung und offene Systeme. Ständig durchströmen uns Licht und Sauerstoff, Nahrung und Wasser, Informationen erreichen uns durch sämtliche Sinnesorgane. Durch Interaktionen entstehen Beziehungen, die wiederum unsere Mitwelt formen. So entsteht ein vernetztes Bild der Wirklichkeit. Wir sind alle ein „individueller Edelstein“ in dieser „Kette des Lebens“. Wenn sich einer davon bewegt, hat das Einfluss auf das ganze Gewebe. Deshalb sollte man sich ganz einbringen und die Verantwortung für das eigene Tun übernehmen.
Die Aufbruch-Initiative hat als Symbol den Regenbogen gewählt. Jede Farbe steht und leuchtet für sich, aber nur zusammen ergeben sie das Bild des Regenbogens. So leuchtet jeder Mensch mit seinem Wissen und seiner Weisheit aus sich heraus, unterstützt von Menschen, die sich gegenseitig zuhören und sehen lernen und die einzelnen Lebensgeschichten nebeneinander stehen lassen. In Aufbruch-Gruppen versucht man nicht, sich gegenseitig zu überzeugen. Sie sollen ein geschützter Erfahrungsraum sein, in dem sich gleichwertige Persönlichkeiten begegnen und einander im persönlichen Wachstum unterstützen. Dadurch und durch die gemeinsame Zuwendung zu einem Thema entsteht ein Synergieeffekt.
Es kann sehr spannend sein, einander vom persönlichen Lebensstil zu erzählen und davon, wie die Einzelnen „anders besser leben“. Es geht nicht darum, sich gegenseitig an einem Bild des „besseren Menschen“ zu messen, sondern darum, gemeinsam herauszufinden, was für uns ein erfülltes und glückliches Leben ausmacht und wo wir Schwierigkeiten haben, unsere Visionen zu verwirklichen. Dies wird neben materiellen Veränderungen (z.B. weniger Konsum) auch die immateriellen Werte (z.B. Vertrauen und Freundschaft) fördern. Unsere Initiative sieht in der Qualität der zwischenmenschlichen Beziehungen und der inneren Werte der Einzelnen die Grundlage für eine andere Welt, die von immateriellen Werten geprägt ist.
Das Thema „anders besser leben“ kann in bestehende Gruppen oder in Seminare und Workshops eingebracht werden oder man initiiert eine neue, kontinuierliche Gruppe. Die Gruppenzusammensetzung trägt sehr zur Vielfalt der Information und Inspiration bei. Je unterschiedlicher die Lebensräume und -zusammenhänge, die Altersstufen, Weltanschauungen und kulturellen Hintergründe der Gruppenmitglieder, um so größer sind die Möglichkeiten, voneinander zu lernen. Die Themen einer Aufbruch-Gruppe können sowohl ganz persönliche Fragen des Konsums, der Arbeit und der Alltagsbewältigung sein als auch des globalen, politischen Horizonts der eigenen Handlungen und der inneren Suche der Einzelnen. Deshalb sind Aufbruch-Gruppen ganz unterschiedliche, selbstorganisierte und nach den Bedürfnissen und Interessen der Mitglieder gestaltete Foren auf Zeit, die immer den globalen Zusammenhang und die Arbeit für eine andere, bessere Welt im Blick haben.
Weitere Informationen:
„Aufbruch“, c/o Ökumenische Initiative Eine Welt,
Mittelstraße 4, D-34474 Diemelstadt-Wethen,
Telefon (05694) 1417, aufbruch@anders-besser-leben.de, www.anders-besser-leben.de
Spenden:
Die Initiative finanziert sich ausschließlich aus Spenden. Wir bitten um Ihre finanzielle Unterstützung auf das Konto Nr. 300915300 bei der Waldecker Bank, BLZ 52360059.
Kontakt:
PLZ–Bereich 0–31:
Heiko Lietz, Tel. (0173) 4694997, heiko.lietz@web.de
Gabi Bott, Ökodorf Siebenlinden, Tel. (039000) 90862,
gabibott@siebenlinden.de,
PLZ–Bereich 4–5:
Jürgen Holzheuer, Tel. (05641) 742564,
Martin Schuler (ÖIEW-Büro), Tel. (05694) 1417,
aufbruch@anders-besser-leben.de,
PLZ–Bereich 6-7:
Gerhard Breidenstein, Tel. (07192) 902726,
g.breidenstein@t-onlinde.de,
PLZ–Bereich 8–9:
Sepp Stahl, Tel. (09405) 2677
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