Fritz Bachmann berichtet über die Artabana-Gemeinschaften
Die Idee von Artabana ist ein Modell alternativer Gesundheitsfürsorge auf der Basis gegenseitiger Hilfe in kleinen Gruppen. Dass beträchtliche Mittel eines Familienbudgets für Krankenkassenprämien aufgewendet werden und im Krankheitsfall nur reglementierte Wege zur Gesundheit finanziert werden, hatte den Initiator Fritz Bachmann Mitte der 80er-Jahre bewogen, mit anderen Menschen eine selbstverantwortliche Alternative zu den herkömmlichen Versicherungen zu entwickeln. Daraus ist 1987 die erste Artabana-Gruppe in der Schweiz entstanden.
Wie funktionieren Artabana-Gemeinschaften? Indem sich eine Gruppe von Menschen in einem Verein (oder einer GbR) organisiert und sich den äußeren Rahmen für ihre Tätigkeit gibt. Jedes Mitglied bestimmt den finanziellen Betrag, den es mutmaßlich für seine eigenen gesundheitlichen Aufwendungen braucht. Darüber hinaus lässt er oder sie dem Solidarfonds der Gruppe einen Beitragsteil zukommen, um Menschen, die in Not geraten sind, finanziell zu unterstützen. Das Verhältnis der beiden Beitragsteile beträgt 60% (Eigenbudget) zu 40% (Solidarfonds). Die Beiträge werden auf ein gemeinsames Konto einbezahlt, und auch nicht gebrauchte Anteile der persönlichen Budgets fließen in den Solidarfonds.
Wer gesundheitliche Kosten, die die eigenen wirtschaftlichen Kräfte übersteigen, aufbringen muss, kann an die Gemeinschaft ein Nothilfegesuch stellen, die dann aus freiem Entschluss hilft. Um auch bei größeren Schicksalsschlägen ohne Überforderung helfen zu können, schließen sich die Gemeinschaften zu Verbänden zusammen und bilden so untereinander wiederum eine Solidargemeinschaft.
Das Leitbild von Artabana
Artabana-Gemeinschaften schaffen die rechtlichen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für eine individuelle und persönliche Gesundheitspflege sowie die freie Wahl einer individuellen Gesundung. Aus einer freien Entscheidung heraus finden sich mündige Menschen in einer Gemeinschaft zusammen. Diese Wahlgemeinschaft bildet einen sozialen Rahmen, in dem gemeinschaftliches Handeln aus einem individuellen Impuls heraus geübt und gelebt werden kann.
Die Gemeinschaft achtet die individuelle Andersartigkeit und Souveränität jedes Einzelnen und schützt seine Privatsphäre. Der Einzelne erkennt die Ziele der Gemeinschaft an und trägt mit einem wachen Interesse an seinen Mitmenschen zu deren Umsetzung bei. Die Gemeinschaft hilft dort, wo der Betroffene -Hilfe braucht, und gibt, was der Betroffene nicht selber zu leisten vermag. Die Gemeinschaften sind klein und regional, so dass jeder jeden kennt. Das gilt auch für Gemeinschaften, die überregional zusammengeschlossen sind. Es gelten folgende Prinzipien:!Die Anerkennung des Individuums und seiner Einzigartigkeit, d.h. jeder Mensch erkrankt individuell und benötigt seinen eigenen Weg zur Gesundung. Erkrankung ist Ausdruck der Schicksalsgestaltung im persönlichen Lebensweg. Die Gemeinschaft enthält sich ungebetener Ratschläge hierzu.!Freie Wahl der behandelnden Personen, therapeutischen Einrichtungen und der Behandlungsmethoden.!Freiwillige finanzielle Unterstützung ermöglicht den Zugang zu den gewählten Behandlungsmethoden.!Zwischen Patient und Therapeut (oder einer Einrichtung) können individuelle wirtschaftliche Vereinbarungen getroffen werden.
Die Mitgliedschaft in einer Artabana-Gemeinschaft setzt die Anerkennung dieses Leitbilds durch den oder die Beitrittswilligen voraus. Artabana-Gemeinschaften bilden sich auf lokaler Ebene. Diese bilden freiwillig mit anderen lokalen Gemeinschaften regionale Solidaritätsgemeinschaften oder treten einer bestehenden regionalen Gemeinschaft bei.
Die wirtschaftlichen Tätigkeiten haben zum Ziel, sozial heilsame Geldflüsse zu bilden. Die Grundkraft des Wirtschaftslebens von Artabana ist der Wille des Einzelnen, für andere zu schenken, die in Not sind. Artabana-Gemeinschaften sind Solidaritätsgemeinschaften für Menschen in allen möglichen Unglücks- oder Erkrankungssituationen. Das Ziel der Gemeinschaftshilfe ist immer die Linderung einer konkreten, individuellen Notsituation. Artabana-Gemeinschaften kennen keinen Leistungskatalog, der eine Leistungspflicht impliziert, keine Erstattungen, keine Rechnungen, keine Prämien. Notsituationen, welche die Möglichkeiten einer lokalen Gemeinschaft übersteigen, können auf Antrag durch die regionale Gemeinschaft und deren Solidaritätsfonds mitgetragen werden.
Was heißt „Artabana“?
Hernry van Dyke, ein nordamerikanischer Pfarrerssohn, der selbst auch Pfarrer wurde, hat in einer schweren gesundheitlichen Krise im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts die Geschichte „des anderen weisen Mannes“, des vierten Königs, geschrieben. Unter dem Titel „Der vierte Weise“ ist sie auf Deutsch im Verlag am Goetheanum erhältlich (ISBN 3-7235-0789-1). Der Name dieses vierten Weisen lautet Artaban.
Der persische Priester Artaban will zusammen mit Melchior, Balthasar und Kaspar dem neugeborenen König des Lichts der Perser, dem Messias der Juden, zu dessen Geburt seine Reverenz erweisen. Unterwegs wird er aber durch Schicksalsschläge anderer Menschen immer wieder von seiner inneren Stimme dazu gedrängt, Nothilfe zu leisten, soweit es in seinen Kräften steht. Dadurch kommt er zu spät zum Treffpunkt der vier Könige und reist allein nach Bethlehem. Auch dort kommt er zu spät, die heilige Familie ist schon in Richtung Ägypten unterwegs. Auf der Suche nach seinem König des Lichts trifft er immer wieder auf Menschen in Not, und er muss helfen. Er weiß von den Hebräern, dass der Messias die Armen und Unterdrückten erlösen will, und sucht ihn daher in diesen Kreisen. So wandert Artaban über 30 Jahre lang in Ägypten und Palästina auf den Spuren dieses Königs umher.
Am Karfreitag des Jahres 33 kommt er nach Jerusalem, hört von der geplanten Hinrichtung Jesu und spürt, dass dieser Messias sein gesuchter König ist. Auf dem Weg nach Golgatha wird er durch einen beim Erdbeben herunterfallenden Stein tödlich verletzt. Im Sterben hadert er mit dem Schicksal, weil er so kurz vor seinem Ziel, dem Christus zu begegnen, aufgeben muss. Er hört eine Stimme, die ihm sagt: „Wahrlich, ich sage dir, was du am geringsten meiner Brüder getan hast, hast du mir getan.“ In der Gewissheit, in seinen Brüdern und Schwestern dem Christus immer wieder begegnet zu sein, übertritt er die Schwelle des Todes.
Der Unterschied zu einer Versicherung
Artabana funktioniert grundsätzlich anders als eine Versicherung. Man zahlt Beiträge, damit Menschen, die in Not geraten, geholfen werden kann. Es besteht kein Leistungsanspruch, und es werden keine Kosten vergütet. Diese Nothilfe kann ich selbst vielleicht auch einmal in Anspruch nehmen, das ist aber nicht die primäre Motivation.
Wir haben in unserer Geschichte immer auch Menschen außerhalb unserer Gemeinschaft, die in Not geraten waren, geholfen – allerdings nur insoweit, dass es die Gruppe gegenüber den eigenen finanziellen Reserven verantworten konnte. In der Gruppe leben wir den Nothilfegedanken ohne Eigennutz.
Wir versuchen, durch dezentrale Strukturen und kleine Gruppen, in denen man sich gegenseitig kennt, den Verwaltungsaufwand zu minimieren, so dass er ehrenamtlich geleistet werden kann.
Mit den finanziellen Reserven, die wir anlegen konnten, haben wir Projekte im gesundheitlichen Bereich und Initiativen mit zinsfreien Darlehen unterstützt. Dabei wurden Bankdarlehen abgelöst, die im Notfall wieder belastet werden können, damit diese Einrichtungen oder Initiativen nicht in ihrer Existenz gefährdet sind, wenn wir die Reserven mobilisieren müssen. Somit wirkt auch das Geld, das wir im Moment nicht benötigen, sozial heilsam.
Wesentlich war die Erfahrung der Fülle, die durch das Geben für den Anderen entstand. Es gab nie ein Ereignis, das unsere Kräfte überstiegen hätte. Als einmal eine (kleinere) Gruppe überfordert war, konnte aus dem schweizerischen Verband geholfen werden. Unsere Reserven sind im Moment so groß, dass die meisten Menschen ihr Sicherheitsbedürfnis abgedeckt haben und wir beginnen können, neu entstehende finanzielle Fülle zu verschenken.
Schwierigkeiten
Es hat nichts Entwürdigendes an sich, andere um Hilfe zu bitten. Im Gegenteil, ich ermögliche den anderen, ihr Menschsein konkret zu leben. Einige der häufigsten Fragen, die uns begegnen, sind: „Was macht ihr, wenn …“, und in diesem „Wenn“ sind die schlimmsten Szenarien enthalten. So beginnt ein Versicherungsvertreter sein Verkaufsgespräch. Und wenn genügend Ängste geweckt sind, ist der Kunde zur Unterschrift bereit.
Wir wollen unsere Bewegung nicht auf die Grundlage von Angst stellen, sondern setzen auf das Vertrauen der Menschen ineinander. Und wir vertrauen auch auf das Schicksal. Schicksalsschläge sind immer so bemessen, dass ich sie bewältigen kann, wenn ich will. Und so haben wir auch das Vertrauen, dass in der Gruppe nur so viel auf uns zukommt, wie wir gemeinsam tragen können.
Freilich haben wir uns vor allem am Anfang, als unsere Gruppe noch die einzige war, gefragt, was wir tun sollen, wenn unsere Reserven nicht ausreichen, um große Not zu lindern. Doch wir hatten kreative Ideen, wie wir Geld mobilisieren könnten, legten diese Ideen beiseite und beschlossen, erst dann die nötigen Schritte zu überlegen, wenn eine solche Situation auf uns zu kommt. Wir wollen also nicht im Voraus alle möglichen Szenarien durchdenken, sondern in der konkreten Situation tätig werden, dabei lernen und die Ideen weiterentwickeln.
Anfangserfahrungen in Artabana-Gruppen
Die Sitzungen bei Artabana in der Schweiz beginnen immer mit Berichten aus den einzelnen Gruppen. So erzählte einmal ein Delegierter, dass sie in einem schweren Krankheitsfall Nothilfe leisten mussten. Zur Diskussion standen eine schulmedizinische und eine alternativmedizinische Behandlung. Die Gruppe signalisierte dem Hilfesuchenden, dass sie nur die Kosten der alternativmedizinischen Behandlung übernehmen würde. Voller Stolz erzählte der Delegierte weiter, dass sie so das Mitglied zu einer sinnvollen Behandlung bewegt hätten.
Wir mussten daraufhin das Prinzip der freien Therapie- und Therapeutenwahl wieder ins Bewusstsein rufen. Wenn ein Mitglied seinen Gesundungsweg mit Hilfe der Schulmedizin gehen will, so ist das seine freie Entscheidung als mündiger Mensch. Und diese Entscheidung müssen wir respektieren.
Die Unzufriedenheit mit dem üblichen Krankenkassenwesen ist enorm. Daher suchen viele Menschen eine alternative Versicherung. Artabana ist jedoch keine Versicherung. Bei den allermeisten ist die Vorstellung, dass man Beiträge bezahlt, damit einem im Krankheitsfall geholfen wird, mehr oder weniger präsent. Wir wollen den anderen Menschen aus unserer Kraft heraus helfen und nicht aus Bedürftigkeit an uns selber denken.
Die freie Therapie- und Therapeutenwahl ist im üblichen System sehr eingeschränkt. Daher kann für viele Therapieformen nur mit Hilfe von Artabana die Finanzierung geregelt werden. Allerdings sollte man deshalb nicht Mitglied bei Artabana werden. Die Mitglieder müssen auch die Verantwortung für die Finanzierung der Therapien selbst tragen. Nur wer dabei in Not gerät, wird von der Gruppe unterstützt.
So gilt es, trotz der vielen Vorteile von Artabana nicht in Egoismen abzugleiten, sondern ganz im Sinne von Artaban das Wohl der Mitmenschen im Auge zu behalten. In diesem Sinne ist Artabana auch ein großes Übungsfeld für neues, menschengemäßes, soziales Miteinander.
Stimmen aus regionalen Gruppen
zusammengestellt von Dieter Halbach
Stefan Althoff schreibt: „Meine Erfahrung in unserer Artabana-Gruppe ist, dass sehr schnell das gegenseitige Vertrauen wächst und die direkte Unterstützung anderer Menschen ein tiefes Bedürfnis von mir und vielen Menschen ist. Und fast nebenbei können wie in einem experimentellen Freiraum neue Umgangsformen aus den konkreten individuellen Fragestellungen heraus entwickelt werden. Dabei merken wir, dass der Umgang mit Geld und Gesundheit fast so ein intimer Vorgang ist wie der Austausch über Sexualität. Diesen drei Themen ist gemeinsam, dass sie alle Menschen existenziell betreffen, aber da sie in unserer Gesellschaft als privat gelten, fühlt sich jede und jeder damit alleingelassen. Das solidarische Prinzip der Artabana-Gruppen trifft auf eine tiefe Sehnsucht von mir und ist ein weiterer Schritt zu einer unterstützenden und offeneren Lebensweise.“
Oliver Aap meint: „Mir ist das Erleben der Gemeinschaft wichtig – einer Gemeinschaft, die auf etwas anderen Werten beruht als die normale europäische, deutsche Gesellschaftsordnung. Bei Artabana zählt der Mensch, hier ist es möglich, seine Schwächen zu zeigen, ohne Angst vor Verurteilung haben zu müssen oder davor, dass das Wissen um diese Schwächen irgendwann gegen einen gewendet wird. Die monatlichen Treffen sind mir wichtig, um mich immer wieder daran zu erinnern, dass dies möglich ist. Sie bilden einen Gegenpol zu meinem kopflastigen Studium, wo die Atmosphäre im Umgang miteinander doch deutlich von der Angst geprägt ist, nicht gut genug zu sein.“
Kontakt:
ARTABANA-Deutschland, Panoramastraße 11,
D-88147 Achberg, Tel./Fax +49 (0700) 27822262,
info@artabana.de
ARTABANA-Schweiz: Peter O. Ernst, Im Spühli,
CH-3437 Rüderswil, Tel. +41 (031) 7111633,
Fax. +41 (031) 7111968, info@artabana.ch
Fritz Bachmann: geomantie-fritz@bluewin.ch
Allgemeine Infos und zu Regionalgruppen unter:
www.artabana.org
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