Unerwartetes aus einer Kommune. Berichtet von Günther Wieland.
Im Jahr 1919 erkannte der Anarchist und Lebenskünstler Erich Mühsam bei den damaligen Versuchen eines anderen Lebens: „Die Sache wird begriffen und für gut befunden, die Idee nimmt Gestalt an und soll Praxis werden – da steht der Mensch dem Menschen im Wege. Das Menschliche scheitert an den Menschlichkeiten.“ Heute sieht es leider nicht viel anders aus – mit dem feinen Unterschied, dass es heute mehr therapeutisches Wissen und erfahrene Begleiter von Gemeinschaftsprozessen wie Günther Wieland gibt. Und das kann zu neuen und unerwarteten Ergebnissen führen, wie der folgende Bericht zeigt.
Wir befinden uns irgendwo in Deutschland, bei einer kleinen Kommune auf dem Lande, es herrscht sommerliche Hitze und es ist gegen 23 Uhr. Sieben Frauen und fünf Männer hocken auf dem Teppichboden eines großen Gruppenraums. Seit Stunden tobt ein erbitterter Kampf der Geschlechter, ausgelöst durch irgendeinen geringfügigen Anlass. Wortgefechte steigern sich zu Hassausbrüchen. Türen knallen, einige stürzen hinaus, andere kommen trotz allem noch einmal zurück. Jemand schreit heraus, was deutlich in der Luft liegt: „Schluss mit diesem Theater! Am besten lösen wir uns auf!“ Nervös rutsche ich auf meinem Kissen hin und her: In was bin ich hier hineingeraten?
In den Wochen zuvor hatte ich ein rundes Dutzend schweizerischer und deutscher Landkommunen besucht. Einige von ihnen wollten, dass ich wiederkomme, um ihnen bei der Bewältigung ihrer Konflikte behilflich zu sein. Trotz einiger Erfahrung mit Familienkrächen, Generationskonflikten oder politischen Gegnern – so tobte es noch nie um mich herum wie hier in dieser Kommune. Was tun?
Kriegsgeschrei
Als ich mir trotz Kriegsgeschrei für einen Augenblick Gehör verschaffe, schlage ich vor: „Ab sofort spricht niemand mehr von seinem Platz aus. Wer etwas sagen will, kommt hierher. Der Platz rechts neben mir ist frei. Wer von euch macht den Anfang?“ Totenstille – für einen Augenblick. Als erste setzt sich neben mich eine junge Frau, 25, Mutter von zwei Kindern. Ihr Lebensgefährte sitzt ihr schräg gegenüber. Seit Wochen haben sie so gut wie nichts mehr miteinander gesprochen. Sie atmet heftig, ihr Körper zittert vor Aufregung. „Was soll ich jetzt sagen?“, fleht sie mich an. Ich antworte ihr: „Beginne jeden Satz, den du jetzt sagst, mit diesem einzigen Wort ‚Ich’, und nicht einmal ‚Wir’ – nur ‚Ich’!“ Sie stutzt. Wieder wird es unruhig im Raum. „Was für ein saublöder Vorschlag!“, meine ich aus irgend einer Ecke heraus zu hören.
Zwei Tage zuvor hatten wir dieses Gruppenexperiment miteinander begonnen. Kinder wurden zu den Großeltern oder zu Freunden gebracht. Einer, der nicht mitmachen wollte, übernahm die Küche. Zwei mal drei Stunden pro Tag waren für unseren Gruppenprozess vorgesehen. Heute Nachmittag hatte die Spannung in der Gruppe derartig zugenommen, dass ich eine Nachtsitzung vorschlug. Und hier nun platzten die Bomben. Wollte diese Kommune alles hinschmeißen oder mit nicht enden wollendem, alltäglichem Kleinkrieg weitermachen?
Schweigend sitzt die junge Frau neben mir. Ganz plötzlich, mit einem Strom von Tränen, bricht es aus ihr hervor: Keine Anklagen, keine Schuldzuweisungen mehr – nein, sie spricht nur noch von ihrem Schmerz, diesen vielen Verletzungen von hier, von früher, überhaupt. Sie ist weit nach vorn gebeugt, vorsichtig berühre ich ihre Schulter. Ich sage: „Halte jetzt nichts mehr zurück, lass alles kommen, wie es kommt, und nimm keine Rücksicht auf die anderen. Jetzt gilt nur noch eines – dein ‚heiliger Egoismus’!“ Es ist still im Raum, wir hören ihren langen, tiefen Atem. Dann, bevor sie das Kissen neben mir wieder verlässt, greift ihre Hand nach der meinigen. Sie sagt: „Ja, jetzt ist es gut so!“ Und dann kommt einer nach dem anderen, setzt sich neben mich auf das Kissen – und jedes Mal spricht ein verwundetes, meist einsames und oft sogar tief verzweifeltes Ich seine Wahrheit über sich selbst aus.
Ein ketzerischer Gedanke
Es ist lange nach Mitternacht. Ich bin als einziger im Gruppenraum zurückgeblieben. Als ich zu begreifen versuche, was hier geschah, kommt mir die Frage: Wieso spreche ich gegenüber dieser jungen Frau von einem „heiligen Egoismus“? Irgendwo habe ich dieses Wort einmal gehört, es hatte mich beeindruckt. Dann fällt es mir plötzlich wieder ein: Vor langer Zeit, als ich studierte, in einer Vorlesung über den italienischen Philosophen Giordano Bruno, fesselte mich dieses bestimmte Wort. Er huldigte diesem „Sacro Egoismo“, ebenso wie er die astronomischen Enthüllungen von Kepler und Kopernikus glühend bejahte. Anno 1600 wurde er von der katholischen Kirche in Rom auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Jahrzehntelang hatte ich nicht mehr an dieses Wort gedacht – jetzt, in dieser Nacht war es plötzlich wieder da.
Zu einem abschließenden Zusammensein trafen wir uns noch einmal am folgenden Morgen. Die Art, wie wir den Raum betraten, wie wir uns anschauten – war anders als tags zuvor. Sehr lange sagte niemand ein Wort. Jemand schluchzte. Und dann brach aus heiterem Himmel ein homerisches Lachen los.
Diese Kommune ging nicht in die Brüche. Nach einigen Monaten erreichte mich von dort ein Brief. Ich sollte wiederkommen. Unter den Themen, die ich für meine Seminare anbiete, wurde dies gewählt: „Zu mir, mit mir – über mich hinaus!“
|