Inka Engler und Peter Griepentrog berichten von der Lebens(t)raum-Gemeinschaft in Sachsen.
Vor gut zwei Jahren wurde die Lebens(t)raum-Gemeinschaft als generationenübergreifendes Projekt gegründet. Im Frühjahr 2002 zogen die ersten Bewohnerinnen und Bewohner auf das historische Rittergut Jahnishausen bei Riesa in Sachsen. Die ersten Renovierungsarbeiten laufen, und die Gemeinschaft hat ihre ersten gruppendynamischen Prozesse durchlebt. Mit großer Begeisterung streben die „Lebensträumer“ der Umsetzung ihrer Vision vom gemeinsamen Leben entgegen. Lässt sich noch jemand anstecken?
Mittlerweile gehören 18 „große“ und 5 „kleine“ Menschen zu uns, von denen bereits 10 aus den verschiedensten Regionen Deutschlands nach Jahnishausen übersiedelt sind und die „Pioniergruppe“ bilden. Für etwa 75 Menschen bietet das Anwesen Raum. Alle Altersgruppen können hier gemeinsam leben und ihre Erfahrungen teilen – ein „Platz fürs ganze Leben“ entsteht.
Zum Zeitpunkt des Kaufs bot das Gutsgelände den wild-romantischen Eindruck eines Dornröschenschlosses. Es bildet den nordöstlichen Teil des Dorfs Jahnishausen. Seine Historie reicht bis ins frühe Mittelalter zurück. Nach 150 Jahren im Eigentum des sächsischen Königshauses war es nach 1945 Volkseigentum geworden. Nach der Wende wurde das dazugehörige Ackerland verkauft, und die heruntergewirtschafteten Gebäude des Resthofgeländes wurden bis auf Ausnahmen nicht mehr genutzt. Sie waren buchstäblich zugewachsen und begannen zu verfallen.
Die Gründungsgruppe, die lange nach etwas Vergleichbarem gesucht hatte, erkannte die großartigen Möglichkeiten, die das Anwesen für die Bedürfnisse einer größeren Gemeinschaft bietet. Zudem war die schwer veräußerbare Immobilie günstig zu ersteigern. Da der Grund und Boden allen Mitgliedern gehören soll und damit alle dafür Verantwortung übernehmen – aus unserer Sicht eine der wesentlichen Grundlagen für einen vertrauensvollen Umgang miteinander – haben wir eine Genossenschaft gegründet.
Wir wollen mit dem historisch gewachsenen Gebäude-Ensemble und der umgebenden Natur behutsam umgehen und aus der alten Substanz und den zukünftigen Nutzungen eine optimale Verbindung entwickeln.
Obwohl das Gelände mit 3,7 Hektar nicht gerade riesig ist, bietet es durch die platzsparende Bebauung mit 20 Gebäuden Wohnraum für viele Menschen und Platz für wohnungsnahe Arbeitsbereiche. Leben und Arbeiten als Einheit erfahrbar zu machen, ist eines unserer Anliegen.
Wir sind davon überzeugt, dass durch die Bündelung individueller Ideen innerhalb einer gemeinsamen Zielsetzung etwas möglich wird, wovon wir als Einzelne nur träumen können. Unser Name „Lebens(t)raum-Gemeinschaft“ meint, dass es in einer Gemeinschaft sich gegenseitig unterstützender Menschen leichter wird, seine tiefsten Wünsche ans Leben zu verwirklichen – statt alleine weiterzuträumen.
Wir verfügen über ein Gelände mit ungeahnten Möglichkeiten, das die Phantasie beflügelt. Aber wie verwandelt man ein zerfallendes Dornröschenschloss in ein blühendes Lebensgemeinschaftsprojekt mit einer soliden ökonomischen Basis – trotz seiner Lage in einer wirtschaftlich schwachen Region? Angesichts des absehbaren Geld- und Arbeitsaufwands ist verständlich, wenn Skepiker uns als „Träumer“ abtun. So werden uns immer wieder die folgenden Fragen gestellt:
Wie wollt ihr das alles als „Normalverdiener“ bezahlen?
Unter uns müssen keine Millionäre sein, da wir ein derartig umfangreiches Projekt nicht in einem Guss aus dem Boden stampfen wollen. Innerhalb unserer Rahmenplanung entwickelt sich schrittweise das sich dabei modifizierende Gesamtprojekt. Indem für die einzelnen Gebäude Nutzungskonzepte entstehen, die sich wirtschaftlich „rechnen“ und Menschen zu uns finden, die sich mit diesen Teilprojekten ihren Lebenstraum erfüllen, wächst die Gemeinschaft organisch und die Gebäude füllen sich mit Leben.
Wird überhaupt etwas fertig, wenn alle mit entscheiden?
Selbstverständlich diskutieren nicht ständig alle über alles. Wir delegieren die Verantwortlichkeit für verschiedene -Arbeitsbereiche an die Menschen mit den entsprechenden Kompetenzen. Weit reichende Entscheidungen treffen wir gemeinsam im Konsensverfahren, da es die Gleichwertigkeit der Mitglieder betont und langfristig eine höhere Tragfähigkeit ermöglicht. Wenn Zweifel nicht überstimmt werden, verringert sich erfahrungsgemäß zeitraubendes Neuverhandeln.
Womit wollt ihr eure Existenz sichern?
Für den Lebensunterhalt ist bei uns jede/r selbst verantwortlich. Eine Wirtschaftsgemeinschaft aller Mitlieder ist nicht angestrebt. Kleinere Wirtschaftsgemeinschaften innerhalb von Wahlfamilien können wir uns gut vorstellen, existieren bisher aber noch nicht.
Einkommensmäßig ist bei uns alles vertreten: Selbständige und unselbständige Tätigkeiten und Rentenbezug unserer älteren Mitglieder. Nach und nach werden innerhalb der Gemeinschaft Arbeitsplätze entstehen (bisher sind es zwei). Ein Teil der zukünftigen Mitglieder wird voraussichtlich Arbeit in der Region finden, innovativen Menschen bietet das Projekt gute Möglichkeiten für eigene Firmen.
Was verbindet euch? Wonach richtet ihr euch aus?
Uns verbindet der Wille, unser Leben in Achtung für alles Lebende und im Respekt für die Vielfältigkeit und Andersartigkeit des Einzelnen zu gestalten.
Gegenseitige Unterstützung, Wahrhaftigkeit, Transparenz, Mitgefühl, Selbstbestimmung, Selbstverwirklichung, Selbstverantwortung und Verantwortungsbewusstsein für das Wohl der Gemeinschaft sollen immer mehr erlebbar werden. Gemeinschaft fördert den persönlichen Wachstums- und Heilungsprozess.
!Wie wollt ihr vermeiden, dass das Projekt im Streit -auseinanderbricht ?
Verschiedenheit, die nicht in Konkurrenz zueinander steht, sondern sich ergänzt, ist in unseren Augen Reichtum! Damit lebendige Vielfältigkeit dauerhaft existieren kann, braucht es von Seiten der Beteiligten immer Selbstverantwortlichkeit, Authentizität, Offenheit und Bereitschaft zum aktiven Lösen von Konflikten. Man muss dies alles nicht bereits beherrschen. Entscheidend ist die Bereitschaft, sich auf diesen permanenten Lern- und Wachstumsprozess einzulassen.
Auch bei uns stoßen verschiedene Meinungen aufeinander. Aber je öfter wir erfahren, dass sich ein Konflikt auflösen lässt, desto gelassener kommen wir mit schwierigen Situationen umgehen. Dabei helfen uns die verschiedenen Kommunikations-Werkzeuge, die in den letzten Jahrzehnten in der internationalen Gemeinschaftsbewegung entwickelt wurden. Inzwischen können wir aus Erfahrung sagen: Nichts stabilisiert die Basis unserer gemeinsamen Unternehmung mehr als erfolgreich zurückgelegte, schwierige Wegstrecken und das daraus entstandene gegenseitige Vertrauen.
Wo steht ihr jetzt?
Nach zwei intensiven Jahren der Planung, der Öffentlichkeitsarbeit und der Gruppenprozesse, beginnt unser Vorhaben sichtbare Formen anzunehmen.
Anfang Februar haben wir mit der Sanierung der mehr als 200-jährigen Torhäuser begonnen. Sie werden Wohnungen für rund 20 Menschen bieten. Diese Baumaßnahmen sind in ein umfassendes Energie- und Abwasserkonzept eingebettet, das ein Modell für andere Projekte in der Region werden könnte. Es werden eine zentrale Holzhackschnitzel-Heizanlage kombiniert mit Sonnenkollektoren für die Warmwasserbereitung und Abwasserrecycling zur Anwendung kommen.
Von unserer Gärtnerin wird ein biologisch wirtschaftendes Gartenbauprojekt zur Selbstversorgung umgesetzt.
Eine Kindertagsstätte für Kinder aus der Gemeinschaft und aus der Umgebung, die sich an den Richtlinien der Waldkindergärten ausrichtet, ist behördlich genehmigt. Die Planungen für den Umbau sind abgeschlossen, so dass wir von einer Inbetriebnahme in diesem Jahr ausgehen.
Ein Gesundheitshof mit mehreren ganzheitlich ausgerichteten Praxen und Therapieangeboten befindet sich in Planung. In unserem alten Falknereigebäude wird ein Versammlungs- und Seminarraum entstehen,
Wir haben uns in der Tat viel vorgenommen. Deshalb erfüllt uns mit Freude und Stolz, was wir bisher an inneren und äußeren Ergebnissen erreichen konnten.
Wir laden Menschen, die sich auf einen solchen Weg der Selbsterfahrung und Selbstverwirklichung begeben wollen, herzlich ein, unsere Gemeinschaft kennenzulernen. Die Besonderheiten und Qualitäten des Gemeinschaftslebens sind am besten im gemeinsamen Leben und Schaffen zu erfahren. Ihr könnt Euch an einer Kennenlern- und Bauwoche beteiligt oder wir vereinbaren einen individuellen Termin miteinander. Weitere Infos dazu findet ihr auf unserer Homepage.
Auch wenn ihr unser Projekt tatkräftig oder finanziell unterstützen wollt, freuen wir uns sehr über Eure Nachricht.
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