Die Zeichen des großen Wandels machen sich an Menschen fest,die ein neues Bewusstsein verkörpern.Ein Essay von Geseko von Lüpke
Statt uns zwischendurch einmal aufzuschwingen und wie aus der Vogelperspektive den großen Lauf der Dinge distanziert zu betrachten, starren wir wie das Kaninchen vor der Schlange hypnotisiert auf die Schatten der Gegenwart: Terror, Armut, Umweltzerstörung, Kriege, Verfall der Werte, Verlust an kultureller und biologischer Vielfalt, soziale Unsicherheit. Dabei wird vergessen, dass Schatten sich ohne das Licht nebenan gar nicht abzeichnen können. Fraglos: Wir leben in einer Wendezeit. Viel geht kaputt, scheint überholt, erweist sich als zu eng, nicht -zukunftsfähig. Das macht Angst, provoziert die Sehnsucht nach schnellen, einfachen Antworten, die der Komplexität der Welt jedoch noch nie entsprochen haben. Hilflosigkeit und Resignation sind immer die Folge. Man fühlt sich wie am Ende der Zeit. Doch was dabei stirbt, sind die alten Werte, Anschauungen und Sicherheiten, nicht wir. Die Systemtheorie spricht in solchen Phasen des Chaos von „positivem Zerfall“. Denn die Menschen sind nicht nur Sterbebegleiter einer alten Kultur und Gesellschaft, sondern zugleich Hebammen einer neuen Welt. Die Zukunft des gesellschaftlichen Organismus, der aus der Krise der Gegenwart entsteht, ist offen – wie bei einem neugeborenen Kind. Doch über die Anlagen, die diesem Organismus mitgegeben sind, ließe sich aus der Vogelperspektive schon einiges sagen.
Ein Blick aus der Vogelperspektive
Versuchen wir einmal einen Blick aus der Zukunft, hundert oder zweihundert Jahre von heute. Sollte es dann noch Menschen geben, dann muss in ihrer Vergangenheit einiges passiert sein. Deshalb kann man mit ziemlicher Sicherheit sagen, dass künftige Generationen dankbar von einer „Zeit des großen Wandels“ sprechen werden, von einem fundamentalen und kulturhistorischen Umbruch. Sie werden froh sein über das Engagement ihrer Vorfahren für saubere Flüsse, Luft und Böden, globale soziale Gerechtigkeit, Bewahrung der Natur und ihrer Ressourcen, die Vielfalt der Kulturen, Jahrhunderte des Friedens und mehr und ganz andere Demokratie. Science Fiction? Mitnichten! Die Samen dafür sind längst gesetzt.
Überall in der Welt haben Menschen in den letzten 30 Jahren ihre Stimme gegen die fortschreitende Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen erhoben, haben sich organisiert, neue Regeln eingefordert und durchgesetzt. Die Folge war zwar nicht die „große Wende“. Doch immerhin wurde so viel Zeit gewonnen, dass der vielfach prognostizierte Kollaps der ungebremsten Wachstumsgesellschaft hinausgeschoben wurde. Und die Menschen entwickelten sich, traten heraus aus alten Weltbildern, in denen sie nichts sein dürften als brave Zahnräder einer ressourcenfressenden Megamaschine. Sie forderten das Recht zurück, ihr Leben in die eigene Hand zu nehmen.
Weil das nicht ohne die Analyse des Alten geht, entstanden in den letzten Jahren überall auf dem Globus kleine Gruppen, die begreifen wollten, wie die Mechanismen eines Systems funktionieren, das sich offenbar zu Tode wächst. Sie studierten den Spätkapitalismus, die Geldströme, den globalen Markt und entwickelten Alternativen. Kleine, aber tief durchdachte Entwürfe einer anderen Welt: regionale Währungen, Tauschkreise, Kooperativen, Ökodörfer – sie knackten alte Rollen auf, erprobten neue Lebensformen, Weltbilder, Religionen. Da wird seit Jahren konsequent im Kleinen ausprobiert und vorgemacht, wovon die Mehrheit nichts weiß und die Nutznießer der Gegenwart auch gar nichts wissen wollen. Und so mancher jener heimlichen Pioniere des Übermorgen stellte sich zeitgleich auf inneren Reisen und in Therapien den prägenden Schatten der Vergangenheit, die nicht unbewusst in die Zukunft getragen werden sollten. Auch dies ist noch nicht genug für den „großen Wandel“, aber ein Keim für mögliche Zukünfte, eine Werkstatt des Möglichen. Es war ein Wandel, der in die Tiefe ging: Denn zeitgleich entdeckte die Wissenschaft allenthalben, dass die scheinbar leb- und geistlose Natur viel mehr einem komplexen, selbstorganisierenden, kreativen Organismus gleicht, einem Netz des Lebens, durch Vielfalt stabilisiert und bis in den letzten Winkel voneinander abhängig. Und viele stellten überrascht fest, dass die neuesten Erkenntnisse aus der wissenschaftlichen Grundlagenforschung überraschende Parallelen zum traditioneller Wissen „primitiver“ Kulturen zeigte.
All das führt uns heute zu dem erstaunlichen Fazit, dass die andere Welt, die da geboren wird, schon in den Presswehen liegt. Einer Phase, die – wie alle Übergänge – mit Druck, Schmerz, Angst und Unsicherheit verbunden ist. Einer Phase, die bedrohlich wirkt, aber voller Kreativität und Überraschungen stecken kann.
Manche Überraschungen übersehen wir schlicht: Zum Beispiel das exponentielle Wachstum von Bürger-initiativen, NGOs und basisdemokratischen Netzwerken weltweit. Noch vor gut 10 Jahren standen sie auf internationalen Konferenzen wie in Rio protestierend draußen vor der Tür. Zehn Jahre später in Kapstadt saßen sie mit den vermeintlichen Machern aus Staat und Wirtschaft gleichberechtigt am Tisch, weil nichts mehr ging ohne sie. Zigtausende von Organisationen sind es weltweit, engagierte Aktivisten ohne traditionelle „demokratische Legitimation“, aber mit zahllosen Sympathisanten. Menschen, die nur ihrem Herzen folgen und damit eigentlich das landläufige Verständnis repräsentativer Demokratie auf den Kopf stellen.
Eine neue Kultur entsteht
Andere Überraschungen zeigten sich erst bei gründlichem Fragen: Fragen, wie sie zum Beispiel der amerikanische Sozialwissenschaftler Paul Ray jahrelang seinen Landsleuten stellte. Dabei fand er heraus, dass fast zwanzig Prozent der Menschen im scheinbar so konservativen Amerika längst ganz anderen kulturellen Werten folgen, als die offizielle Politik sie vertritt: Menschen mit hohem ökologischem Bewusstsein, die die Erde als lebenden Organismus begreifen, kulturelle Vielfalt und Gerechtigkeit zwischen Nord und Süd wollen, Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern leben, alternative Lebensmodelle erproben und nicht nur wirtschaftlich, sondern auch innerlich wachsen wollen. „Kulturell Kreative“ nannte er diese noch weitgehend unsichtbare und meistens schweigende, aber stetig wachsende Gruppe. Zwanzig Prozent – dass sind nicht weniger als 50 Millionen Amerikaner. Bush Jr. wurde von weniger Menschen gewählt. Nun werden ähnliche Untersuchungen über Weltbild und Werte auch bei uns gemacht. Erste Ergebnisse verweisen darauf, dass es im alten Europa nicht weniger als 70 Millionen Menschen sind, die sich von den alten Werten des schrankenlosen Wachstums, der allgegenwärtigen Konkurrenz und der materialistischen Orientierung längst losgesagt haben und eine kooperative, dezentrale, nachhaltige Kultur wollen.
Sind wir bereits die, auf die wir immer gewartet haben? Sind wir viel mehr, als wir bislang dachten? Vollzieht sich da ein gesellschaftlicher und kultureller Wandel im Verborgenen, weil die Medien mit Scheuklappen immer nur auf die machtlosen Macher starren? Fraglos ist, dass an den Graswurzeln der Gesellschaft mehr passiert, als über der Grasnarbe zu sehen ist. Da formen sich Meinungsgruppen, die mit Leichtigkeit über jede 5-Prozent-Hürde springen könnten, sich aber politisch bislang kaum bemerkbar machen. Stattdessen formieren sie sich in Nachbarschaftsinitiativen, Food-Coops, Meditationsgruppen, Diskussionszirkeln. Und treten nur in die Öffentlichkeit, wenn es ihnen wirklich unter den Nägeln brennt. Als am 15. März vergangenen Jahres in 600 Städten der Welt 20 Millionen Menschen gegen den drohenden Irak-Krieg auf die Straßen gingen, rieben sich selbst die Kommentatoren der New York Times die Augen und sprachen von der Geburt einer neuen Weltmacht: der Zivilgesellschaft.
Ist es schon so weit? Jedenfalls sind wir Zeugen des Entstehens einer ganz neuen Form von Demokratie, ohne es zu bemerken. Einer basisdemokratischen Bewegung, die von unten kommt, voller Selbstbewusstsein und lokaler Identität, mit Menschen, die regionale Wirtschaftskreisläufe erneuern, per Volksbegehren gentechnikfreie Zonen durchsetzen und wie in Schönau den Multis die Energieversorgung abkaufen. Die sich weltweit in „Sozialforen“ organisieren, die politisch, aber wahlverdrossen Strukturen vorbereiten für eine Zeit, in der konventionelle Parteien immer weniger Wähler finden und auf dem Müllhaufen der Geschichte landen, weil es den Menschen um eine engagierte Politik des Herzens geht. Einer Zeit, in der Konzern-Lobbyisten nicht mehr wie Puppenspieler hinter den Politikern stehen. Wo engagierte Interessengruppen, NGOs, die internationale Politik gestalten und regionale Initiativen sie vor Ort umsetzen.
Die Neuerschaffung von Gemeinschaft
In einem sind sich alle diese Initiativen ähnlich: Sie bauen auf kleine Netzwerke, persönliche Beziehungen, zwischenmenschliche Kooperation. Sie erschaffen damit den Begriff der „Gemeinschaft“ neu – als Keimzelle jeden Wandels. Schon damit stellen sie das zeitgenössische Politikverständnis, das immer mehr von oben dirigistisch über Wähler und Märkte bestimmen will, auf den Kopf. Die Welt, die da geboren wird, ist eine Welt des Lokalen, der Dezentralisierung, der Ansätze, die als Graswurzeln beginnen, langfristig aber durch ihr stetes Wachstum ganze Ökosysteme umgestalten können. Denn langsam setzt sich die Erkenntnis durch, dass wir Menschen immer nur zu dem Platz, an dem wir leben, wirklich Beziehung aufnehmen können. Vor Ort kann eine Gemeinschaft erkennen, was zu tun ist und wie – viel besser als jeder noch so engagierte EU-Bürokrat oder Konzernmanager. Doch der Mut zum Wandel braucht Liebe, Stolz, Verbundenheit, Identität – -Liebe zum Fleck, auf dem wir leben; Stolz, ihn verändernd zu erhalten; Verbundenheit im Erkennen, dass wir nur ein Teil der Erde sind; Identität, die uns mit kulturellen Wurzeln verbindet und uns sagt, dass wir mehr sind, als Werbeträger von internationalen Logos und Konsumenten globalen Designer-Foods. Und schließlich braucht es eine Vision, die entsteht, wenn wir den Traum einer anderen Welt dem Reich des Schlafes entreißen.
Tewolde Ezhigabir, alternativer Nobelpreisträger aus Äthiopien, hat deshalb an die Vereinten Nationen appelliert, neben den Menschenrechten auch Gemeinschaftsrechte anzuerkennen: Das Recht auf die Bei-behaltung des eigenen Lebensstils und eigener Regeln und Normen, das Recht auf eigene Traditionen, eigene Experimente, eigene Produkte und eigenes Saatgut.
All das ist im Ansatz längst da. All das wird längst ausprobiert und – manchmal unter Schmerzen und Rückschlägen – gelebt. Der Wandel läuft und beschleunigt sich – trotz aller Widerstände. Und vielleicht fehlen in den nächsten Jahren nur noch ein Paar heftige Presswehen, bis diese andere Welt geboren ist. ´
Geseko von Lüpke lebt in München. Er organisiert als Netzwerker Konferenzen und Begegnungen, arbeitet als Journalist für den Rundfunk und die Zeitschrift natur&kosmos, schreibt Bücher und leitet Visionssuche-Seminare in der Wildnis der Berge Sloweniens.
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