Die Friedensnobelpreisträgerin Wangari Maathai. Von Dieter Halbach
Wangari Maathai ist die erste Frau aus Afrika, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Bekannt wurde die heutige Vize-Umweltministerin Kenias als „Mama Miti“ (Mutter der Bäume), die vor fast 30 Jahren das Greenbelt Movement gegründet hat.
Wangari Maathai ist die erste Frau aus Afrika, die mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Bekannt wurde die heutige Vize-Umweltministerin Kenias als „Mama Miti“ (Mutter der Bäume), die vor fast 30 Jahren das Greenbelt Movement gegründet hat.
Nur wenige Kilometer entfernt vom Mount Kenia, für dessen Schutz sie seit Jahren kämpft, erfuhr Wangari Maathai, dass sie mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. In diesem Moment habe sie den Berg angeschaut und geweint. „Ich danke Gott und meinen Vorfahren … Das ist eine große Ehre für mich und die anderen Umweltschützer, die wir über die Jahre zusammen gelitten haben.“ Zugleich seien ihr Geschichten ihrer Eltern eingefallen, die erzählen, wie die Vorfahren Menschen belohnen, die für einen „echten Weg“ ehrlich arbeiten.
Diese spontanen Reaktionen wurzeln tief in einer afrikanischen Tradition, in der die Ahnen eine große Rolle spielen. Sie sind nicht tot, sie leben in den Geistern innerhalb der Gemeinschaft weiter. Sie werden in den Bäumen, Bergen, Flüssen und Steinen wiedergeboren und sind weit mehr als die persönlichen Vorfahren. Sobonfu Somé aus Burkina Faso beschreibt in ihrem Buch „Die Gabe des Glücks“ die Bedeutung der Ahnen: „Die Ahnen werden auch als spirituelle Wesen bezeichnet. Der ‚Geist‘ eines Ahnen hat nicht nur die Fähigkeit, in die unsichtbare spirituelle Welt zu sehen, sondern auch in unsere. Er öffnet uns den Blick in beide Richtungen. Diese Gabe der Ahnen hilft uns, unserem Leben eine Richtung zu geben und nicht in tiefe Gräben zu fallen. Die ‚Geister‘ der Ahnen können in die Zukunft, die Vergangenheit und die Gegenwart blicken … Es kann sein, dass dein Ururgroßvater, der vor vielen Generationen starb, irgendwo im großen Ensemble der Ahnen dabei ist, aber du erkennst ihn nicht wieder. Wahrscheinlich ist er der Bach, der dort hinunterfließt.“ (S. 22–23)
Bäume sind ein Friedensaspekt
An diese traditionelle Verbundenheit knüpft Wangari- Maathai mit ihren Baumpflanzaktionen an: „Wir wissen, dass Kenia von der Austrocknung bedroht ist und das Wachstum der Wüsten die Folge einer falschen Landwirtschaft ist, die durch Rodungen die Erosion der Böden fördert und zu Dürren, Nahrungsmangel, Hungersnöten und Tod führt. Wir wollen unser Land durch Pflanzungen, überall wo es möglich ist, retten. Indem wir dies erklären, verpflichtet sich jeder von uns dazu, unser Land vor Handlungen und Einflüssen zu bewahren, die für heutige und künftige Generationen die Fülle der Natur zerstören, die unser Eigentum und Lebensrecht ist.“ (Die Alternative, S. 133)
Mit jedem der mittlerweile 30 Millionen gepflanzten Bäume wurde an die Rechte künftiger Generationen und an das Vermächtnis der Vorfahren erinnert. „Wir alle bringen etwas Entscheidendes aus der Vergangenheit mit. Darin liegen unsere Identität und Sicherheit, die wir brauchen, um unseren Platz in der Menschheit einzunehmen. Um uns zu vertrauen, müssen wir wissen, wer wir sind, und uns selbst wertschätzen. Und wenn wir uns selbst wertschätzen, geben wir auch der Natur und künftigen Generationen einen Wert.“ Und an das westliche Entwicklungsmodell mit seiner Geringschätzung traditioneller Werte richtet sich ihre lakonische Bemerkung: „Was viele heute noch ‚primitive Kulturen‘ nennen, ist nichts anderes als die gemeinsame kulturelle Vergangenheit aller Menschen auf dem Planeten.“
Der Erfolg gründet so auch in der Einbeziehung der Strukturen der afrikanischen Dorfgemeinschaft, vor allem der für das Land zuständigen Frauen. Auf die Frage, wie sie auf ihre so erfolgreiche Idee gekommen sei, erzählt Wangari Maathai in einem Interview der Zeitschrift Zenith: „Ich hatte keine Ahnung. Zuerst handelte ich mehr nach dem Instinkt. Wenn ich ein Problem erkenne, dann überlege ich nicht lange, was man tun kann. Als ich also von den Frauen vom Land gehört habe, dass sie kein Feuerholz, kein Futter für die Tiere und kein sauberes Trinkwasser hatten, kam mir die Idee, Bäume zu pflanzen. Dadurch würden die Frauen Feuerholz, Futter für die Tiere und Baumaterial bekommen. Gleichzeitig könnte die Bodenerosion verhindert werden.“ Aus Anlass der Verleihung des Friedensnobelpreises weist sie auf einen weiteren Zusammenhang hin: „Die Umwelt und unsere natürlichen Ressourcen sind ein sehr wichtiger Friedensaspekt. Wenn wir diese Ressourcen zerstören und sie knapp werden, kämpfen wir darum. Es werden in der Tat viele Kriege um knappe Ressourcen geführt. Mit dem Pflanzen von Bäumen säen wir auch eine Saat des Friedens. … Doch das Wundervollste an den Bäumen war ihre Lebendigkeit. … Je mehr sie wuchsen, desto tiefer traten die Menschen mit ihnen in Beziehung, freuten sich an ihnen, pflegten sie. Aus einer Aktion gegen die pure Not war eine Sache des Herzens geworden.“(Die Alternative, S. 133)
Der Einsatz von Wangari Maathai für die Ökologie und für die Stärkung der afrikanischen Dorfkultur ergibt zusammengenommen ihr Plädoyer für eine vielfältige Weltkultur: „Wir müssen die Vielfalt akzeptieren. Überall in der Natur finden wir eine enorme Vielfalt. Deshalb sagen wir Nein zu Monokulturen bei Pflanzen, bei Tieren und unter Menschen. Wir können nicht eine globalisierte Menschheit mit einer Kultur werden. Wir müssen lokales Selbstvertrauen entwickeln, müssen wissen, wer wir sind, und uns selber wertschätzen … Tun wir das nicht, dann reduzieren wir uns zu reinen Konsumenten, abgetrennten Individuen, die ihre Identität im Kaufen finden und nur für den Moment leben.“ (Die Alternative, S.184)
Ein überwältigendes Votum
Seit dem historischen Machtwechsel 2002 ist diese pragmatische Visionärin nun mit einem überwältigenden Votum von 98% ihres Heimatwahlkreises auch Regierungsmitglied. Als Vize-Umweltministerin sitzt sie allerdings nur in der zweiten Reihe und kann keine eigenen Entscheidungen treffen. Auf die Frage, ob eine Frau als Präsidentin Kenias mehr an die Zukunft denken würde, antwortet sie selbstbewusst: „Ich würde es auf jeden Fall besser machen als die Männer.“ (Zenith-Interview) Ihr vorläufiges Resümee der Regierungsarbeit ist entsprechend zwiespältig: „Wir können die Dinge nicht so schnell verändern, wie viele es erwarten … Wir haben Arbeitsplätze versprochen und bislang keine geschaffen. Aufgrund der Konflikte in unseren Nachbarländern sind auch bei uns viele Waffen auf den Straßen. Frust-rierte Jugendliche machen das Land unsicher, Investoren wollen aber Sicherheit. Doch wir haben auch schon wunderbare Dinge erreicht: Wir haben die kostenlose Grundschule für alle Kinder eingeführt. Wir haben uns auch des Problems der Straßenkinder angenommen. Wir versuchen, unsere Landwirtschaft voranzubringen. Wir haben ein Programm zur Reduzierung der tödlichen Verkehrsunfälle in die Wege geleitet. Vor allem aber haben wir eine Umgebung geschaffen, in der die Leute sich nicht mehr betrogen fühlen. Wir bekämpfen die Korruption, die in unserem Land ein Riesenproblem war.“
Über die eigene Lebensspanne hinaus
Die Ehrung (nach dem alternativen Nobelpreis 1984 und dem Petra-Kelly-Preis 2004) geht an eine Frau, deren Engagement weit über die Tagespolitik und ihre persönliche Lebensspanne hinausgeht: „Ich weiß wo ich hin will. Aber ich weiß genauso, dass ich nie dort ankommen werde. Deshalb fühle ich mich oft wie Martin Luther King jr., als er zu seinem Volk sagte: ‚Ich sehe das gelobte Land, auch wenn ich es wohl mit euch nicht erreichen werde.‘ Ich bin mir sicher, dass ich selbst es mit meinen Leuten nicht erreichen werde. Aber ich weiß, dass wir auf der Reise dorthin sind. Und ich bin froh, eine von denen zu sein, die unterwegs sind … Nur wer den ganzen Weg sieht, wird nicht müde. Das ist meine Energiequelle. Ich werde nicht müde, weil ich gar keine Zeit dazu habe.“ (Die Alternative, S. 377) ´
Weitere Informationen: www. greenbeltmovement.org;
Zitate nach: Geseko von Luepke, „Die Alternative“,
ZENITH-Zeitschrift: www.zenithonline.de, www.derstandard.at.
Wangari Maathai wurde 1940 in Kenia geboren. Die Tierärztin war die erste promovierte Frau und die erste Dekanin eines Universitäts-Fachbereichs in Ostafrika. 1977 gründete sie das Greenbelt Movement und 1986 das Greenbelt-Netzwerk. Die Mutter dreier Kinder ist Mitglied des UN-Abrüstungsrates und anderer internationaler Organisationen.
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