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Für eine politisch aktive Spiritualität
erschienen in Ausgabe 136  PDF-Version (186.72 KB)
Ein Plädoyer von Starhawk

Unter dem Eindruck des Irak-Krieges und der kapitalistischen Globalisierung findet die bekannte amerikanische Umwelt- und Friedensaktivistin Starhawk in ihrem Plädoyer deutliche Worte und anschauliche- Beispiele für ihre Überzeugung: Verantwortliche Spiritualität und mitfühlende Politik brauchen einander mehr denn je.

Keine gesunde und lebendige Person möchte wirklich ein politischer Aktivist sein. Wenn politischer Aktivismus aufregend ist, beinhaltet er das Risiko, körperlich verletzt oder eingesperrt zu werden, und wenn er sicher ist, ist er oft langweilig, trocken und ermüdend. Politischer Aktivismus bringt dich oft in Kontakt mit unfreundlichen Leuten, ob es nun die Vertreter der Medien, Polizisten oder manchmal sogar deine eigenen politischen Kollegen sind. Auch bringt er zumeist starke Gefühle der Enttäuschung und Wut hervor, macht deine Stimme heiser vor lauter Geschrei und deine Füße wund.
Trotzdem sind wir aufgerufen zu handeln, wenn wir noch daran glauben, dass die Erde ein fühlendes Wesen ist, von dem wir ein Teil sind, dass Menschen miteinander verbundene und kostbare Wesen sind, dass alle sich gleichermaßen nach Freiheit und Gerechtigkeit sehnen.

Die spirituelle Politik von Reclaiming

Als wir „Reclaiming“ (ein politisch-spirituelles Frauennetzwerk) vor zwei Jahrzehnten gründeten, war es unsere Absicht, die Pole von Politik und Spiritualität zusammenzubringen. Wir wollten eine Praxis und eine Gemeinschaft schaffen, die diese Integration reflektierte und förderte. Jetzt, mit den kriegerischen Kräften um George Bush, mit schrecklichen ökologischen und sozialen Problemen, um die sich niemand kümmert, ist die Notwendigkeit von politischer Aktion stärker als je zuvor. Es steht mehr auf dem Spiel, und die Dringlichkeit ist größer denn je.
Mitglieder von Reclaiming waren bei den Demonstrationen und Protestmärschen von Seattle bis Washington D.C. dabei. Sie brachten magische Momente, Rituale und Kreistänze in Situationen ein, die manchmal eher an Schlachtgetümmel erinnerten. Und sie leisteten die Aufbauarbeit hinter dem Protest, halfen, die Gemeinschaften zu organisieren, Lebensmittel, Kinderbetreuung, medizinische und therapeutische Hilfe, Musik, Kunst und Ritualformen zur Verfügung zu stellen – all die Dinge, die eine andere, bessere Welt, für die wir leben, braucht. Die Verbindung von Magie und Aktion bedeutet manchmal, transpersonale Elemente direkt in eine Aktion zu integrieren, z.B. inmitten von Tränengas oder Polizeiketten einen Kreistanz zu tanzen. Manchmal kann es bedeuten, unsere strategischen Planungen mit Tarotkarten oder einer Meditation zu starten, oder den Geist des Wassers anzurufen, wenn wir gegen die Privatisierung der Wasserressourcen kämpfen. Aber diese Integration bedeutet auch, dass unsere Rituale von unserer politischen Aktion getragen und gespeist werden, von den wirklichen Anforderungen des Lebens, für die wir einstehen. Es meint ein anderes Konzept von Spiritualität, ein Verständnis, das nicht von der Welt abgewandt, sondern tief in ihr verwurzelt ist. Reclaiming ist auf eine erdverbundene Spiritualität begründet, die die Kluft zwischen Geist und Materie überwinden möchte. Für uns ist die physische, natürliche und materielle Welt ebenso heilig wie die spirituelle. Viele Menschen glauben vielleicht gar nicht ideologisch an eine Trennung von Geist und Materie und tendieren in der Praxis dennoch dazu, materielle, „reale Dinge“ als weniger „spirituell“ anzusehen. So dürfte z.B. eine Trance, welche uns zu Feenwelten führt, von den meisten sicherlich als „spirituell“ angesehen werden – im Gegensatz zu einer Trance als Hinführung zum Elend brasilianischer Slums. Wir können die Realität von Feen bezweifeln, aber die brasilianischen Favelas sind ohne Zweifel real. Wenn wir aber wirklich glauben, dass es bei unserer Spiritualität um tiefe gegenseitige Verbundenheit geht, dann ist es vielleicht wichtiger, sich innerlich mit der Realität der Favelas als mit tanzenden Feen zu verbinden. Tanzende Feen zu visualisieren, gibt uns natürlich meist ein gutes Gefühl – mit Slums, Kriegen und internationalen Handelsverträgen fühlen wir uns ungemütlich und vielleicht auch wütend oder traurig oder hoffnungslos oder schuldig?

Zufluchtsorte in einer harten Welt

Ein großer Teil unserer inneren und gemeinschaftlichen Arbeit besteht darin, Zufluchtsorte vor einer harten und oft feindlichen Welt zu schaffen, sichere Räume, in denen Menschen heilen und sich erholen, ihre Fähigkeiten erweitern und neue Energien tanken können. Mit dieser Arbeit versuchen wir Schuld, Wut und Enttäuschung aufzulösen und in positive Gefühle zu verwandeln. Sicherheit, Zuflucht und Heilung sind wichtige Aspekte einer spirituellen Gemeinschaft. Aber sie sind nicht die ganze Spiritualität. „Gute Gefühle“ sind nicht der Maßstab spiritueller Arbeit. Ritual ist mehr als eine selbstbezogene Aktivität.
Spiritualität ist auch Herausforderung und Unruhe. Es geht darum, unsere Grenzen zu erweitern und uns gegenseitig Unterstützung zu geben, um große Risiken einzugehen. Die „Göttin“ ist keine lichte, glückliche Maid oder eine behütende Mutter. Sie ist Geburt ebenso wie Tod, Schatten wie Licht, Wut wie Mitgefühl, und wenn wir vor ihrer festeren Umarmung zurückschrecken, dann unterbrechen wir ebenso ihre Kraft wie unser eigenes Wachstum.
Es gibt Zeiten, in denen es unangemessen ist, sich nur gut zu fühlen. Jetzt ist so eine Zeit. Wie es bei uns heißt: „Wenn Du nicht wütend bist, warst du nicht aufmerksam!“ Das heißt nicht, wir müssten jetzt ständig wütend oder verwirrt sein. Es bedeutet, dass wir unsere „magischen Werkzeuge“ benutzen müssen, um den überwältigenden Realitäten ins Auge sehen zu können, unsere Gefühle wahrzunehmen und in positive Handlungsenergien umzusetzen.
Vor einiger Zeit erhielten wir einen Brief, der starke Einwände gegen ein bestimmtes Wasserritual erhob. Wir hatten eine Anrufung und Heiligung des Wassers mit politisch inspirierten Gesängen begleitet: „No WTO, No privatizing, let the river flow!“. Der Brief wandte sich gegen die Umwandlung des Rituals in eine Art Stimmungsmache. Was mich an dem Brief störte, war seine unausgesprochene Annahme, dass eine Angelegenheit wie die Privatisierung des Wassers so etwas wie ein fremdes Element darstelle, das nicht zum eigentlichen Ritual gehöre und es in etwas anderes verwandle. Für diejenigen von uns aber, die dieses Ritual kreierten, war die Privatisierung des Wassers eine zutiefst spirituelle Angelegenheit. Denn das Wasser, das wir heiligen, ist keine abstrakte Phantasie von Wasser, sondern das reale Element, das wir brauchen, um zu trinken, uns zu waschen und unsere Gärten zu bewässern. Es bietet den Lebensraum für Fische und Pflanzen und tausende anderer Kreaturen und ist buchstäblich das Lebensblut der Erde. Wenn zwei Drittel der Menschheit keinen Zugang zu ihren Wasserressourcen mehr haben (wie es in ein bis zwei Jahrzehnten der Fall sein wird), dann ist das eine spirituelle wie auch physische und politische Krise. Und wenn ich mich in diesem Kon-flikt politisch und „metaphysisch“ engagiere (wie in vielen Aktionen gegen die Übernahme des Wassers durch internationale Konzerne), dann brauche ich auch Rituale, die diesen Kampf reflektieren und meine Arbeit stärken.

Sind Konflikte spirituell?

Eine andere unausgesprochene Annahme ist die, dass Spiritualität etwas mit Ruhe und Frieden zu tun hat und dass Konflikte „unspirituell“ sind. Diese Annahme macht es natürlich schwer, Spiritualität mit der Politik zu vereinen, denn dabei geht es nun einmal meistens um Konflikte. Vor allem in New-Age-Kreisen zirkuliert ein bedenklicher Slogan „What you resist, persists“ („Wogegen du Widerstand leistest, das bleibt bestehen“). Demnach würden „echte“ spirituelle Menschen niemals konfrontativ oder gegen etwas sein – das würde einen ungelösten „Ihr-wir“-Dualismus aufrechterhalten. Ich weiß nicht, aus welcher spirituellen Tradition der „Resist-Persist“-Slogan kommt, aber ich möchte diejenigen, die ihn so gerne wiederholen, fragen: Wie sieht eure Beweisführung aus?“ Es ist doch so offensichtlich: Wenn du keinen Widerstand leistest, breitet sich das Bestehende wie die Hölle aus und verbrennt alles. In der Tat ist guter, starker, fester Widerstand vielleicht das Einzige, was zwischen uns und der Hölle steht. Hitler stieg nicht auf, weil es Widerstand gab, sondern er überwältigte Deutschland und ermordete Millionen, weil ihm nicht genügend Menschen widerstanden haben.
Auf einem tiefen kosmischen Grund sind wir alle eins und existiert in jedem von uns das Potenzial für Gutes und Böses, für Hass und Mitgefühl. Auch wenn ich die ganze Bandbreite von Impulsen in mir kenne, verwischt das nicht die Unterschiede zwischen einer Person, deren Handlungen auf Liebe und Mitgefühl beruhen, und einer anderen, die aus Hass und Neid handelt. Und es nimmt mir nicht die Verantwortung dafür ab, ein System zu verändern, das Hass und Neid fördert. Wenn ich einem solchen System nicht widerstehe, bin ich an seinen Handlungen beteiligt und verbinde mich mit den Tätern in der Unterdrückung der Opfer.
Ich bin oft überrascht über wohlmeinende, spirituelle Menschen, die sich bemühen, heilende Lichtenergie zu Weltführern zu senden oder die Aktivisten beschimpfen, wenn sie Autoritäten oder Polizisten gegenüber ihre Wut ausdrücken oder die Mitgefühl vor allem als Feindesliebe definieren – und die dabei die Notwendigkeit aus der Sicht verlieren, unsere Freunde und unsere Verbündeten zu lieben und diejenigen, die unter den Händen der Täter leiden. Ich fühle wirklich keinen inneren Ruf, Liebe und Licht zu Bush oder Cheney zu schicken oder zum Direktor des Weltwährungsfonds. Ob sie unter Liebesmangel leiden oder nicht, interessiert mich nicht. Aus meiner Sicht leiden sie unter einem Übermaß an Macht – und davon möchte ich sie befreien. Weil ich das Kind im Irak liebe, die Frau in den Favelas, den achtzehnjährigen Rekruten der Marines, der sich niemals erträumt hatte, Bomben auf Zivilisten werfen zu müssen. Ich kann sie oder mich oder meine Gemeinschaft nicht wirklich lieben, ohne die realen Unterschiede in den Interessen und Handlungen zwischen „ihnen“ und „uns“ zu benennen – zwischen denen, die zu wenig soziale Macht haben, und denen, die zu viel davon haben.
Dieses Machtgefälle abzubauen, bedeutet, ein riesiges System zu verändern. Und Systeme lassen sich nicht leicht verändern. Systeme versuchen, sich selbst zu erhalten und suchen daher Stillstand. Um ein System zu verändern, musst du es schütteln, das Gleichgewicht unterbrechen. Das erfordert Konfliktbereitschaft. Für mich ist ein Konflikt ein tief spiritueller Raum. Es ist ein hochenergetischer Raum, in dem die eine Macht auf die andere Macht trifft, wo Wandel und Verwandlung stattfinden kann.
Ich gehe zu den Konfliktpunkten, weil ich glaube, dort nützlich sein zu können – durch bewusste De-Eskalation von Gewalt oder durch das Bewahren einer klaren Intention inmitten des Chaos oder manchmal auch nur als Zeuge.
Unsere transpersonalen Werkzeuge und Einsichten, unser Gewahrsein von Energien und Bündnispartnern auf vielen Ebenen, können unser politisches Handeln vertiefen und gestalten. Und unser politisches Handeln kann unsere Spiritualität und Magie vertiefen, indem es hilft, innere Räume zu schaffen, die auf die wirklichen Herausforderungen dieser Welt antworten, die uns Heilung und Erneuerung für die Fortsetzung unserer Arbeit bieten und eine Gemeinschaft entstehen lassen, für die Geist und Aktion eins sind. ´



Dieser Text erschien erstmalig im Herbst 2003 im Magazin Reclaiming Quaterly www.reclaimingquarterly.org. Aus dem Englischen von der eurotopia-Redaktion.
http://www.starhawk.org,
http://www.worldIQ.org.

Starhawk wurde 1951 in den USA als Miriam Simos geboren. Sie hat mehrere Bücher zur Göttinnenreligion und zu weiblicher Macht veröffentlicht (z.B. „Wilde Kräfte“ 1987; ihr erster utopischer Roman „Das fünfte Geheimnis“ erschien 1993). Als Ökofeministin und Friedensaktivistin bietet sie weltweit zusammen mit dem Reclaiming-Kollektiv Workshops und öffentliche Rituale an. Zeitweise lebt sie zurückgezogen in Sonoma County, wo sie auf einer 16 Hektar großen Ranch Permakultur betreibt.

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Starhawk, Starhawk

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