Jochen Schilk stellt die Projekte des Visionärs Jakob von Uexküll vor
SPUREN EINER NEUEN KULTUR
Die „kulturell Kreativen“ sollen ein Viertel der westlichen Gesellschaften ausmachen (http://www.kulturkreativ.net). Ihr aktiver Kern schafft die Bausteine einer neuen, „integralen“ Kultur, die auf Nachhaltigkeit setzt. Vernunft und Selbstverantwortung finden darin zur Synthese mit Spiritualität und Gemeinschaftssinn. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest.
Mit der Artikelreihe „Andere Welten“, die mit dieser Folge bereits in ihr viertes Jahr des Bestehens geht, lade ich ein, über eine Welt nachzudenken, die von den kulturell Kreativen mitgeprägt wird. Das kleine Jubiläum nehme ich dieses Mal zum Anlass, die Arbeit des Begründers des Alternativen Nobelpreises und Parade-kulturell-Kreativen, Jakob von Uexküll, vorzustellen, dessen Hauptanliegen – das Bekanntmachen der vielen kleinen und großen hoffnungsvollen Ansätze – dem Anliegen meiner Andere-Welten-Reihe sehr verwandt ist.
„Es gibt zu viele Möglichkeiten, als dass man Pessimist sein kann. Es gibt natürlich auch allzu viele Krisen, als dass man einfach Optimist sein kann. Ich sage immer, ich bin Possibilist – ich sehe die Möglichkeiten.“
(Jakob von Uexküll)
Als der kenianischen Umweltministerin und Aktivistin des Greenbelt-Movement Wangari Maathai (siehe Seite 38) vor wenigen Wochen der diesjährige Friedensnobelpreis zugesprochen wurde, dürfte mindestens noch ein weiterer Mensch diese Auszeichnung als persönliche Genugtuung empfunden haben: Jakob von Uexküll, der Begründer des als „Alternativer Nobelpreis“ bekannt gewordenen Right Livelihood Awards. Bereits vor zwei Jahrzehnten nämlich, 1984, hatte dessen Jury Wangari Maathai den Award für ihr Engagement bei der Wiederaufforstung von Kenias Wäldern (siehe Beitrag „Andere Welten“ in Kurskontakte Nr. 134) zugesprochen. Die Auszeichnung war damals im fünften Jahr als Gegengewicht zum altehrwürdigen Preis der schwedischen Nobel-Stiftung verliehen worden. Denn obwohl auch der „echte“ Nobelpreis offiziell solche Persönlichkeiten ehrt, die mit ihrem Werk „der ganzen Menschheit dienen“, trägt er doch insbesondere in den natur- und wirtschaftswissenschaftlichen Kategorien noch eindeutig dem alten Paradigma Rechnung, das die Welt bloß materialistisch und in Teilaspekte aufgeteilt betrachtet. Doch auch hier scheint ein Umdenken in eher systemische, ganzheitliche Richtung stattzufinden: Mit der Vergabe des diesjährigen Friedensnobelpreises an eine afrikanische Umweltaktivistin wurde der Friedensbegriff offiziell „erweitert“: Frieden ohne intakte Umwelt könne nicht funktionieren, so die Begründung der Nobel-Stiftung.
Die Right-Livelihood-Stiftung entsteht
Geseko von Lüpke beschreibt in seinem Buch „Die Alternative – Wege und Weltbild des Alternativen Nobelpreises“ die Entstehungsgeschichte des Gegen-Nobelpreises: „Die Right-Livelihood-Stiftung wurde von Jakob von Uexküll Ende der 70er-Jahre ins Leben gerufen. Er hatte an verschiedenen internationalen Konferenzen teilgenommen und mit Erstaunen festgestellt, dass die Kosten der Organisation solcher Begegnungen oft höher waren als die Summe, die für die Bewältigung der besprochenen Probleme bereitstand. Doch am Rande dieser Veranstaltungen begegnete er immer wieder Menschen, die – zumeist von der Öffentlichkeit unbeachtet – an Projekten arbeiteten, die sehr vielversprechende und praktische Lösungen für den Umgang mit der Umweltzerstörung, dem Verlust an fruchtbaren Böden, sozialen Ungerechtigkeiten, dem Mangel an Menschenrechten oder der Zerstörung indigener Kulturen erprobten. Er schrieb an die schwedische Nobel-Stiftung und bot sein persönliches Vermögen an, um zwei neue Nobelpreise für die Umwelt sowie für die Verbesserung der Lebensbedingungen der armen Bevölkerungsmehrheit der Erde zu ermöglichen. Doch der konservative Vorstand der Nobel-Stiftung winkte ab, obwohl erst wenige Jahre zuvor der neue Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften eingeführt worden war: Es bestehe kein Interesse an einem solchen Preis. Jakob von Uexküll, der von seiner Idee überzeugt war, entschied sich daraufhin, mit einer eigenen Stiftung einen eigenen Preis für die richtige Lebensweise auf den Gebieten der Arbeit für den Frieden, der nachhaltigen Entwicklung, der Erhaltung der Umwelt, der Verbesserung der sozialen Gerechtigkeit und der Förderung der Menschenrechte auszuschreiben. Als finanzielle Grundlage der Stiftung diente zunächst der Erlös aus dem Verkauf einer wertvollen Briefmarkensammlung.
1980, im Jahr der ersten Preisverleihung, suchte von Uexküll die Preisträger noch selbst aus, die improvisierte Zeremonie fand in einer kleinen, angemieteten Halle vor 35 geladenen Gästen statt. Schon im nächsten Jahr kürte eine gut besetzte internationale Jury die Hoffnungsträger aus aller Welt. 1985 war der Preis schon so berühmt, dass das schwedische Parlament seine Hallen für die Preisvergabe anbot, die jeweils eine Woche vor der Vergabe der Nobelpreise stattfand. Heute ist der Right Livelihood Award weltweit als Alternativer Nobelpreis anerkannt. Medien in aller Welt berichteten auch dieses Jahr wieder ausführlich über die Preisträger und ihre Projekte, und als bekannt wurde, dass mit Wangari Maathai erstmals ein Mensch sowohl den alternativen als auch den offiziellen Nobelpreis bekommen hatte, verstärkte sich die Berichterstattung über die Hintergründe des alternativen Nobelpreises noch einmal.
Längst schon ist der Alternative Nobelpreis mehr als die Summe der ausgezeichneten Projekte. Die Visionen und Ideen der Preisträger aus einem Vierteljahrhundert stehen für einen kulturellen Aufbruch in eine ganz andere, nachhaltige Welt. Gemeinsam weisen sie einen Weg aus der Sackgasse, in der die globale industrielle Wachstumsgesellschaft steckt. Sie spiegeln – wie die vielen Flächen eines Kristalls – die längst vorhandene Vielfalt der praktischen und erprobten Möglichkeiten, die schwer geschädigte natürliche Umwelt zu retten und Millionen von Menschen aus Armut, Rechtlosigkeit, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung zu befreien. Sie folgen keiner festen Ideologie – das wäre nach dem Zusammenbruch des Kommunismus und eines sich zu Tode siegenden Kapitalismus auch keine wirkliche Alternative. Ihre -Stärke liegt in der Vielfalt.“
Die Alternative existiert bereits
Das Buch „Die Alternative“ ist schon mehrfach in KursKontakte zitiert worden, und es ist in der Tat kein Wunder, dass das Werk bei vielen AutorInnen von KursKontakte auf Begeisterung stößt, denn wie die Zeitschrift selbst, so versucht auch das Buch mittels zahlreicher handfester Beispiele die oft gehörte Behauptung zu untermauern, eine andere Welt sei möglich.
Der Münchener Autor und Radiojournalist Geseko von Lüpke hat mit „Die Alternative“ ein ebenso informatives wie unterhaltsames Sachbuch über den seit langem zumeist unbemerkt voranschreitenden Wandel geschrieben, das seine Leser wohl zugleich in ihrer Weltsicht bestärken wird und ihren Hoffnungen auf Abwendung der großen Katastrophe neue Nahrung gibt. Schade nur, dass diese Art Literatur letztlich fast ausschließlich von solchen Menschen rezipiert wird, die eigentlich keiner Überzeugungsarbeit mehr bedürfen.
Das Buch benennt immer wieder in knapper Form die verschiedenen Aspekte und Symptome der globalen Krise und hält dem für die Krise verantwortlichen reduktionistischen Weltbild sogleich das aufkommende systemisch-ökologische Weltbild entgegen, das sich in den letzten Jahrzehnten gleichzeitig in verschiedenen Gebieten der Wissenschaft entwickelt hat und das sich nun anschickt, das alte Paradigma abzulösen. Der Großvater Jakob von Uexkülls, auch er hieß Jakob (1864–1944), gehörte zu den Vordenkern dieser heutigen ganzheitlichen Ansätze in der Ökologie. Der bekannte Biologe, der 1926 in Hamburg das „Institut für Umweltforschung“ gründete, gilt als einer der Mitbegründer der Verhaltensbiologie. Er formulierte als einer der ersten, dass man Lebewesen nicht als einzelne Objekte untersuchen kann, sondern auch die subjektiv von dem jeweiligen Wesen wahrgenommene Umwelt als Teil dieses Wesens verstehen müsse. In seinem vielschichtigen Umweltbegriff geht es um die Beziehung verschiedener Lebenswelten untereinander. Die heutige Umweltpsychologie, Ökophilosophie und Tiefenökologie knüpfen an diesem Umweltverständnis wieder an.
Der Paradigmenwechsel kündigt sich selbstverständlich nicht nur im Bereich der Wissenschaften an, er findet auch seine Entsprechung in den Widerstands- und Projektformen jener weltweiten Gegenkultur, die seit den 60er-Jahren nach neuen Ufern strebt. Das lässt sich hervorragend an den jeweiligen Hintergründen der Preisträgerinnen und Preisträger des Right Livelihood Awards feststellen. Zwar folgen diese keiner festen gemeinsamen Ideologie, doch an ihren Worten wie an ihren Taten kann man erkennen, dass sie ohne Ausnahme bereits jenes neue Weltbild verinnerlicht haben: Pioniere einer Kulturwende, die jede und jeder für sich beweisen, dass aus einem ganzheitlich-ökologischen Weltbild auch eine neue politische, soziale und kulturelle Realität entstehen kann. Das Denken der Preisträger ist kooperativ statt konkurrenzbetont, ökologisch statt technologie- und profitorientiert, ganzheitlich-vernetzt statt einseitig materialistisch und rational, egalitär oder dezentral statt hierarchisch und zentralistisch. Nicht zuletzt schöpfen sie ihre Kraft durchwegs aus ihrer Liebe zur Natur und einer eng mit der Natur verknüpften ökologischen Spiritualität.
In der historischen Betrachtung lässt sich der Alternative Nobelpreis somit als eine Auszeichnung interpretieren, mit der die seit den 60er-Jahren weltweit wachsende Bevölkerungsschicht mit kulturell-kreativen Werten ihre Pioniere und Helden auszeichnet, um sich auf ihrem langen Weg in eine andere Kultur Mut zu machen.
Ein Rat der Weisen für die Anleitung zur Umkehr
Dass auch Jakob von Uexkülls eigene Vision einer besseren Welt stark genug ist, um ihm die nötige Ausdauer bei der Verwirklichung einer weiteren, womöglich noch folgenschwereren Herausforderung zu geben, lässt sein neuestes Kind – die Einsetzung eines Welt-Zukunftsrats – hoffen.
Uexküll verbreitete Ende der 90er-Jahre einen Aufruf, in dem er die Notwendigkeit einer solchen Institution darzulegen versuchte: In Zeiten raschen technologischen Wandels und ausufernder wirtschaftlicher Globalisierung seien sorgsame politische Entscheidungen als Antwort auf die um sich greifenden Unsicherheiten notwendiger denn je. Das Problem sei jedoch, dass die Regierungen weltweit das „Primat der Politik“ und das Streben nach wirtschaftlicher Demokratie verlassen hätten und ihre Macht oftmals faktisch an die „Planwirtschaft gigantischer Kapitalgesellschaften“ abgegeben hätten – mit der Folge, dass Bürger von der Politik nur mehr als Konsumenten betrachtet und politische Entscheidungen zumeist im Interesse kurzfristiger Ausschüttungen an Aktionäre getroffen würden. Als Antwort auf diese verheerende Fehlentwicklung schlägt Uexküll die Etablierung eines globalen Rates der Weisen vor: „Um die Machtbalance in unseren Gesellschaften wiederherzustellen, ist es notwendig, Institutionen zu schaffen, die Bürgerwerte auf allen Ebenen repräsentieren. In Zukunft könnten solche Institutionen national gewählt werden; – in der Schweiz gibt es bereits eine Kampagne für einen ‚Zukunftsrat‘ als dritte Gesetzeskammer. “
Jakob von Uexküll glaubt, dass es ohne allzugroße Schwierigkeiten möglich wäre, sich auf globaler Ebene über die menschlichen Werte als Basis einer gerechten Politik zu einigen: „Das Problem, dem wir gegenüberstehen, ist kein ‚Wertevakuum‘, sondern ein Nichthandeln nach geltenden Werten. Viele Studien belegen eine bemerkenswerte globale Annäherung an Werte und Prioritäten. Das Institut für globale Ethik, das Personen unterschiedlichen sozialen Hintergrunds und Glaubens in mehr als 20 Ländern auf allen Kontinenten befragte, fand als gemeinsame Werte (nach Präferenzen geordnet): Vertrauen/Aufrichtigkeit, Liebe/Mitgefühl, Freiheit, Fairness, Gemeinschaft, Toleranz, Verantwortung. [...] Es fehlt also eine Instanz, die an gemeinsame Wertvorstellungen als Weltbürger appelliert und unsere innere moralische Stimme anspricht, die kaum noch gehört wird im Missklang der rund um die Uhr ertönenden gewerbsmäßigen Reden. “
Es gibt bereits konkrete Vorstellungen darüber, wie der Rat agieren würde: „So ein ‚Welt-Zukunftsrat‘ (oder ‚Welt-Ethikrat‘) würde aus angesehenen und aufgeschlossenen Persönlichkeiten unterschiedlicher Länder, Herkunft und Glaubensrichtungen bestehen. Er würde sich regelmäßig treffen, Anhörungen leiten und seine Beschlüsse und Empfehlungen zur Umsetzung veröffentlichen. Seine Macht wäre eine moralische – die allerdings nicht unterschätzt werden sollte.“ Uexküll stellt sich z.B. vor, dass der Rat wichtige politische Entscheidungen einer Ethikprüfung unterziehen könnte.
„Es gibt historische Vorbilder des von uns vorgeschlagenen Rates: den Rat der Ältesten der Ureinwohner Nordamerikas, der den Einfluss von Stammes-Entscheidungen auf die nächsten sieben Generationen reiflich überlegte; in den tamilischen Königsreichen in Indien hatte der ‚Rat der Seher in die Zukunft‘ ein Vetorecht.“
In den vergangenen Jahren wurden bereits ähnliche Modelle für einen globalen Rat vorgeschlagen. Michail Gorbatschow plädierte 1987 für einen „Rat der intellektuellen Weltelite“, auf dem State of the World Forum 1998 entstand der Ruf nach einem „Rat der Ältesten und Erneuerer“, die Stiftung Entwicklung und Frieden wollte 1999 einen Rat der Weltkulturen gründen, und der World Ethics Summit wollte1999 einen „Rat der weisen Frauen und Männer“ ins Leben rufen. Aber noch hat sich keine Organisation dieser Art zu einer festen und unüberhörbaren Größe im weltpolitischen Geschehen emporgeschwungen. Wenn Jakob von Uexküll dies schaffen will, steht ihm harte Arbeit bevor, aber das ist ihm wohl bewusst.
„Wir unterschätzen die selbstgestellte Aufgabe nicht, wir beginnen aber auch nicht bei Null. Viel unschätzbare Arbeit wurde in den vergangenen Jahrzehnten beim Festlegen unserer Rechte und Pflichten als Weltenbürger bereits geleistet. Die Arbeit der Global UN Commis-sions in den 1980ern und den 1990ern ist unbezahlbar, ebenso wie die Initiativen vieler ziviler Institutionen. Durch sie wissen wir viel mehr. Sehr viel mehr. Aber noch arbeiten wir nicht nahe genug an dem, was wir wissen. Der ‚politische Realismus‘ der kleinen Schritte in den vergangenen 25 Jahren ist so weit entfernt von dem erreichbaren Minimum, dass es Zeit zum Umdenken ist. Um den Kurs zu ändern, bevor es zu spät ist, brauchen wir nun ‚problembewusste‘ große Schritte, die weltweit inspirieren und motivieren können.
Die Auswirkungen globaler Entscheidungen sind am entferntesten Ort spürbar. Es gibt kein Entrinnen. Der Rat würde ein permanentes, anerkanntes Forum garantieren, um solche Entscheidungen durchschaubar zu machen und die Perspektive höchster Werte zu berücksichtigen. Das beinhaltet das Recht aller Völker und Gemeinschaften, ihren Grad an globaler Integration selbst zu wählen und ihre Wahl respektiert zu sehen.“
Seit Februar dieses Jahres ist nun bekannt, dass das Generalsekretariat des zu gründenden Welt-Zukunftsrates seinen Sitz in Hamburg haben wird. Die Bürgerschaft der Stadt, in der von Uexküll einst die Internationale Schule besucht hatte, war sogar bereit, die Ansiedelung des Büros dieser „zukunftsträchtigen“ Organisation finanziell zu unterstützen, und auch das deutsche Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat die aktive Mitwirkung bei der inhaltlichen Arbeit des Welt-Zukunftsrats und bei der Ansiedlung des Rats in Deutschland zugesagt. Darüber hinaus existiert ein Netz aus über einhundert Nichtregierungsorganisationen, die das Projekt unterstützen; als zivilgesellschaftliche Partner hat Jakob von Uexküll unter anderem die Organisationen EarthAction, Earth Emergency, die Schumacher Society, den Bundesdeutschen Arbeitskreis Umweltorientiertes Management B.A.U.M. e.V. und selbstverständlich die Right Livelihood Foundation gewonnen. Namhafte Unternehmen mit grünem Ruf (aber auch einige konventionelle, wie z.B. die Deutsche Bank) helfen bei der Finanzierung der materiellen Voraussetzungen des Welt-Zukunftsrats.
Auch formal hat die angestrebte Welt-Ethik-Institution mittlerweile weitere Konturen entwickelt. Neben seiner ursprünglich angedachten Aufgabe als eine Art weiser Beirat der internationalen Organisationen soll der Zukunftsrat nun auch Informationen über die besten Lösungen und Hoffnungsprojekte weltweit sammeln. Er wird Anhörungen abhalten und Forschungsprojekte in Auftrag geben, Lösungen erarbeiten und Empfehlungen aussprechen. Dem Rat werden voraussichtlich 50 bis 100 angesehene und aufgeschlossene Frauen und Männer aus verschiedenen Ländern, Lebensbereichen und Glaubensrichtungen angehören. Der Initiatorenkreis ist bemüht, anerkannte politische und religiöse Führungspersönlichkeiten, sowie Vertreter der Zivilgesellschaft, der Wirtschaft, der Wissenschaften etc. zu gewinnen, die ein Bewusstsein und ein Verständnis für globale Werte und zukunftsorientiertes Denken gezeigt haben. Selbstverständlich bedingt ein solches globales Bewusstsein, dass die Mitglieder im Rat als Privatpersonen mitwirken und ausdrücklich nicht als Vertreter ihrer Länder oder Organisationen. Unterschieden werden lediglich drei Auswahlkategorien für potenzielle Räte: das sind zum einen so genannte „Wise Planetary Elders“, beispielsweise Politiker wie Nelson Mandela, zweitens „Pioniere“, also Menschen, die eine Vorreiterrolle spielen, und drittens Vertreter der Jugend. Derzeit werden diese Menschen gesucht: Mehr als 7000 Nichtregierungsorganisationen sind gebeten worden, ihren Favoriten für einen Sitz im Welt-Zukunftsrat zu nennen. Die Personen, deren Namen am häufigsten vertreten sind, sollen als Mitglieder berufen werden. Es ist geplant, 24 Kommissionen für die verschiedenen Arbeits- und Lebensbereiche zu bilden, die ebenfalls im Zukunftsrat vertreten sein werden. Zu den Kommissionen, die die ständige Hauptarbeit des Welt-Zukunftsrats erledigen sollen, gehören beispielsweise diejenigen zur „Währungs-, Steuer- und Finanzreform“, „Nachhaltige und lebenswerte Städte“ und „Friedenserziehung und Konfliktheilung“. Diese Kommissionen erarbeiten Vorschläge für Gesetze und Abkommen – in Kooperation mit den Intergroups, Netzwerken von Parlamentariern aus aller Welt. Um Geld zu sparen, wird diese Zusammenarbeit vor allem elektronisch erledigt werden – im e-Parliament. Derzeit wird eine Datenbank von weltweit 25000 demokratisch gewählten Parlamentariern zusammengestellt. Über Initiativen wie das elektronische Parlament hofft der Welt-Zukunftsrat, direkten Einfluss auf die politische Entscheidungsfindung nehmen zu können.
Den Hebel sowohl Oben als auch Unten ansetzen
Natürlich ist dem Welt-Zukunftsrat bei seiner -Mission alles nur erdenklich Beste zu wünschen – dennoch hege ich Zweifel, ob eine solche „Institution des neuen Denkens“ sich so stark auf alte Institutionen, wie die regulären nationalen (und transnationalen) Parlamente, stützen sollte, in denen dieses Denken nur zu einem verschwindend geringen Prozentsatz repräsentiert ist. Schließlich ging von Uexküll ja gerade von der Beobachtung aus, dass die Parlamente der Völker ihre demokratisch legitimierte Macht heute in vielen Fällen faktisch Konzerninteressen unterstellt haben (bzw. durch deren zum Teil regelrecht erpresserische Politik gezwungen waren, ihre Entscheidungsbefugnisse an diese abzugeben). Lässt sich eine solche Entwicklung durch bloße Überzeugungsarbeit und ethische Appelle rückgängig machen? Im politischen System des globalisierten Kapitalismus ist die Macht zu sehr an Eigentumsverhältnisse gebunden: Wer das Geld hat, hat die Macht! Scheint es also angesichts dieser betonierten realpolitischen Verhältnisse in den Parlamenten nicht sinnvoller, auf die wachsende Kraft zivilgesellschaftlicher Graswurzel-Initiativen zu setzen?
Jakob von Uexküll hat mit seinem Alternativen Nobelpreis 25 Jahre lang die Arbeit der hoffnungsvollsten Graswurzelinitiativen studiert, prämiert und bekannt gemacht. Man sollte meinen, dass er in ausreichendem Maße von der Idee der Veränderung der Welt „von unten“ durchdrungen ist, um diese vielversprechende politische Alternative auch mit dem Welt-Zukunftsrat nicht aus den Augen zu verlieren. Der Versuch, den Hebel auch „oben“ anzusetzen, stellt nicht notwendigerweise einen Widerspruch dar, solange der Welt-Zukunftsrat nicht die Bodenhaftung verliert.
„Entweder-oder“ war einmal – besser wäre ein „Sowohl-als-auch“. Im kulturkreativen Verständnis geht es noch weiter: Die Beziehung zwischen den Gegensätzen steht im Mittelpunkt. Wir sollten alle nachdenken, wie wir die vielfältigen Beziehungen in unserer gegensätzlichen Welt im Sinne Jakob von Uexkülls zu Ressourcen unserer Zukunft machen können. ´
Alternativer Nobelpreis 2004:
Die Preisträgerinnen und Preisträger
Swami Agnivesh und Asghar Ali Engineer
(Indien, Ehrenpreis)
„… für ihr starkes Engagement und ihre langjährige Zusammenarbeit im Kampf für Werte wie friedliche Koexistenz, Toleranz und gegenseitiges Verständnis in Indien und im gesamten südasiatischen Raum.“ Der Hindu Agnivesh gründete 1974 eine sozialistische Partei, die auf vedischen Prinzipien aufbaute. Heute gilt sein Engagement, ebenso wie das des liberalen Moslems Ali Engineer, insbesondere der Vorbeugung religiöser Konflikte.
„Memorial“
(Russland)
„… dafür, dass sie unter schwierigsten Bedingungen und mit hohem persönlichen Einsatz gezeigt haben, dass die Geschichte erinnert und verstanden werden muss und Menschenrechte überall respektiert werden müssen, bevor nachhaltige Lösungen für das Vermächtnis der Vergangenheit greifen können.“ Memorial ist die Dachorganisation von heute 87 Initiativen, die seit Ende der 80er-Jahre als erste russische Nichtregierungsorganisationen entstanden sind. Ihr Hauptanliegen ist das Aufarbeiten der totalitären Vergangenheit, Hilfeleistungen für die Opfer kommunistischer Verfolgung, der Aufbau einer echten demokratischen Zivilgesellschaft sowie Menschenrechtsarbeit in den ehemaligen Ostblockstaaten.
Bianca Jagger
(Nicaragua)
„… für ihr langjähriges Engagement und ihre unnachgiebigen Kampagnen in den verschiedensten Themenbereichen, wie Menschenrechte, soziale Gerechtigkeit und Umweltschutz, insbesondere ihr Kampf für die Abschaffung der Todesstrafe, für die Verhinderung von Kindesmissbrauch, für das Recht indigener Völker auf diejenige Umwelt, die sie für ihre Art zu leben brauchen, sowie für ihre Bemühungen bei der Prävention und Heilung von bewaffneten Konflikten.“
Raúl Montenegro
(Argentinien)
„… für seine herausragende und äußerst vielseitige Arbeit mit lokalen Gemeinschaften und indigenen Völkern im Umweltschutz und bei der Erhaltung der natürlichen Ressourcen in Lateinamerika und anderswo.“ Die Arbeit des Wissenschaftlers und Anti-Atom-Aktivisten zeigt, dass auch ein Einzelner wesentlich zum ökologischen Bewusstsein eines Landes beitragen kann.
Weitere Informationen
Ausführliche Informationen zu den ausgezeichneten Projekten finden Sie unter http://www.rightlivelyhood.org/recip.html.
Vorschläge für zukünftige Nominierungen zum Alternativen Nobelpreis nimmt die Right Livelihood Foundation entgegen. Die formellen Bedingungen finden sich auf:
http://www.rightlivelihood.org
Zur Initiative Welt-Zukunftsrat: http://www.weltzukunftsrat.de
Literatur:
Geseko von Lüpke: Die Alternative, Riemann Verlag, München, 2003, ISBN 3-570-50031-4
Jakob von Uexküll, Bernd Dost (Hg.): Projekte der Hoffnung, Raben Verlag, München, 1990, ISBN 3-922-69658-9
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