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Mit dem Körper begreifen
erschienen in Ausgabe 136  PDF-Version (187.97 KB)
Monika Gödecke porträtiert die Reittherapeutin und energetische Begleiterin Inge Pietrzak

Ein leuchtender aber kalter Herbstnachmittag in einer hohen Reithalle. Bedächtigen Schritts kommt ein großer Hund herbei, begrüßt die Zuschauer, lässt sich streicheln, nach einer Weile trottet er wieder in den Hof hinaus. Zwei Therapiepferde laufen mit Voltigierausrüstung an Longen und tragen „ihre“ Kinder in der Reitbahn im Kreis, mal in der einen, dann in der anderen Richtung, in wechselnden Gangarten. Mit ruhiger Stimme gibt die Therapeutin Unterstützung und Anweisungen. Aus dem Dachgebälk tschilpt der Rabatz von einem guten Dutzend Spatzen, einige trauen sich auf den Boden der Reitbahn hinunter, wo soeben ein paar frische Pferdeäpfel gelandet sind.
Inge Pietrzak, Therapeutin für heilpädagogisches Reiten und Voltigieren, hat mich eingeladen, bei einer Unterrichtsstunde zuzusehen – ein Angebot, das ich gern angenommen habe, denn ihr Buch Kinder mit Pferden stark machen hat mich begeistert und meine Neugier geweckt.
Kurz nach mir sind drei Mädchen und ein Junge eingetroffen, alle um die elf oder zwölf Jahre alt, sie stehen im Eingang der Reithalle, unterhalten sich, albern ein bisschen herum, alle offenbar noch sehr unter dem Eindruck all der Dinge, die sie in den letzten Tagen erlebt haben. Sie sind die nächste Gruppe im heilpädagogischen Reiten und Voltigieren. Inge Pietrzak ruft, ohne das Longieren zu unterbrechen: „Sandra, komm doch mal eben rein und sammel die Bollen auf!“ Geradezu stolz greift die größte der vier Kinder nach dem „Bollenbesteck“, einer langstieligen Kehrschaufel und einer Art Gabel, betritt die Reitbahn und sammelt Bollen auf – enttäuscht beziehen die Spatzen wieder ihre Logenplätze unterm Dach

Verantwortung und Vertrauen

Ghasra, eine weiße Araberstute, und Blicka, eine temperamentvolle Fuchsstute, sind zwei der Therapiepferde, die Inge Pietrzak zum heilpädagogischen Reiten und Voltigieren einsetzt. Ihre Gelassenheit überträgt sich schon nach kurzer Zeit auf die Kinder, von denen zwei mit den Pferden arbeiten, während die beiden anderen auf einem hölzernen Übungspferd miteinander eine Voltigierübung planen und ausprobieren. Bewegungen und Mimik der beiden Pferde vermitteln den deutlichen Eindruck, dass es bei diesem Reiten um eine ganz besondere Art der Zusammenarbeit geht, zwischen den Pferden, den Kindern und der Therapeutin.
Ein lang aufgeschossenes schlaksiges Mädchen zieht auf dem Pferd ihre Runden und unterhält sich dabei mit der Trainerin. „Ist Dir schon aufgefallen, dass Du fast nie mehr krank bist?“, fragt Inge Pietrzak. „Allerdings! Wie oft habe ich früher nicht kommen können.“ – „Ja, im ersten Jahr hast Du immer wieder Stunden ausfallen lassen müssen, weil Du krank warst.“ Inzwischen hat Sandra solche Fortschritte gemacht, dass sie Kindern, die später mit den Stunden angefangen haben, Tipps und Unterstützung geben kann.
Das Gleichgewicht auf einem schaukelnden Sitz halten, aufgerichtet bleiben, dem Pferd nicht in den Rücken plumpsen, die Haltegriffe mal loslassen, die Arme in die Höhe oder weit zur Seite strecken oder sich sogar rückwärts hinsetzen, dem Pferd die richtig dosierte Unterstützung geben und daran denken, es immer wieder lobend am Hals zu klopfen – das kann eine echte Anstrengung sein oder auch eine Herausforderung.
Mit geradezu bierernster Miene sitzt ein anderes Mädchen auf ihrem Pferd, augenscheinlich darum bemüht, alles perfekt zu machen. „Halloho, Sabine, locker lassen!! Du musst gar nicht alles selbst machen, gib dem Pferd doch die Möglichkeit, mit Dir zusammenzuarbeiten. Vertrau ihm, unterstütz es nur da, wo es nötig ist.“ Gespräche sind hier keine Ablenkung, wird mir jetzt klar, vielmehr helfen sie aus einer allzu verkniffenen Konzentration heraus zu kommen. „Was das Kind bewegt, kann ich mit der Bewegung des Pferdes verknüpfen und die augenblickliche Situation mit der Vergangenheit. Dies kann ich darauf anwenden, was das Pferd für das Kind tun kann.“
Kinder mit Pferden stark machen – seit 1997 bietet Inge Pietrzak ihre Kurse an. Bereits wenige Sätze machen klar, dass es hier nicht um Leistung geht – in welcher Hinsicht auch immer – sondern darum, eigene Fähigkeiten, eigene Wahrnehmung zu entdecken und zu entfalten. „Ich arbeite mit typischen Stadtkindern“, erläutert Inge Pietrzak, „sie sind motorisch eingeschränkt, unbeweglich, ängstlich, reizüberflutet, sie stehen unter hohen Anforderungen oder – etwa als ‚Scheidungskinder‘ – familiären Spannungen, was zu weiteren Ängsten führt.“
Viele dieser Kinder haben Wahrnehmungsstörungen, resultierend etwa aus Sauerstoffmangel während der Geburt oder einer schwierigen Schwangerschaft, bei der die Mutter viel liegen musste. Das Kind hatte dann zu wenig Gelegenheit, seinen Gleichgewichtssinn durch das Herumpurzeln und Schweben im Fruchtwasser zu schulen. Kommt dann noch eine überbehütende Erziehung hinzu, die einem Kind „alles abnimmt“, tritt genau das Gegenteil des Erwünschten ein: „Wer nicht im Gleichgewicht ist, erlebt die Welt als Chaos, da ihm der Boden unter den Füßen niemals als fest, sondern schwankend und unzuverlässig erscheint.“
Für ein Kind ist es dann außerordentlich schwer, Selbstvertrauen aufzubauen, aber auch Vertrauen zu anderen und zur Welt. Noch schwieriger wird es, wenn – wie es in Deutschland leider nur allzu oft der Fall ist – die Schule nicht hilft, eigene Potenziale zu erkennen und zu entfalten, sondern frühzeitige Selektion betreibt und gnadenlos diejenigen aussortiert, die im Konkurrenzkampf nicht mithalten. Der stark normierte Schulsport kann da nur wenig ausgleichen, allerdings arbeiten manche Sportlehrer ihrer Reitkinder mit Inge Pietrzak zusammen.
Erinnert sie sich an Sternstunden? „Jeder Tag ist eine Sternstunde. Ich plane den Unterricht nicht, es läuft prozessorientiert und situationsbezogen.“ Inge Pietrzak erinnert sich an einen autistischen Jungen, der sich zu Hause damit beschäftigte, Kataloge zu zerreißen. „Irgendwann ging er zu dem Pferd hin und sagte: ‚Eileen, ich liebe dich‘. Diese verschlossenen Kinder finden eher zu einem Pferd Kontakt als zu einem Menschen. Ein Pferd kritisiert nicht und fordert nichts. Aber es bewegt. Wenn die Kinder auf dem Pferd zu lächeln anfangen, das ist eine Sternstunde. Wenn ich ein trauriges Kind mit einer traurigen Geschichte auf ein Pferd lege und es lächelt.“
Ob die Eltern einen solchen Entwicklungsprozess mittragen, ist kaum zu überschätzen. Manchmal wird ein erfolgreicher Abschluss der Therapie dadruch vereitelt, dass Eltern unter irgend einem Vorwand den Vertrag gerade dann kündigen, wenn ihr Kind deutliche Fortschritte macht und die zunächst gewünschte Verhaltensänderung eintritt. „Kinder stehen ihren Eltern meist mit so großer Loyalität zur Seite, dass sie selbst auf eine positive Entwicklung verzichten, wenn sie befürchten, ihre Eltern damit in Schwierigkeiten zu bringen.“ Manchmal müssen Eltern sich mit eigenen Ängsten und Befürchtungen auseinandersetzen und Veränderungen in ihrem Leben zulassen, wenn ihr Kind „plötzlich“ die eigenen Potenziale entdeckt und sie einsetzen will, und wenn es einen eigenen Standpunkt vertritt, der dem der Eltern womöglich diametral entgegengesetzt ist. Auch in solchen Situationen geht es um ein neu zu findendes Gleichgewicht.
In unserer Gesellschaft wird Kindern oft generell viel zu wenig zugetraut. Aber Kinder wollen „im richtigen Leben“ mit anfassen, etwas Gutes bewerkstelligen, ihre Kräfte bis an die Grenzen messen – wenn sie nicht gezwungen werden, sondern mitreden können. Konsequenterweise ist das Heilpädagogische Voltigieren keine Therapie, die dem Kind „zugefügt“ oder gar „angetan“ würde. Inge Pietrzak erläutert: „Gerade bei zögernden, misstrauischen und ängstlichen Kindern ist es wichtig, dass sie sich das Pferd selbst aussuchen können und den Wunsch, es zu berühren, zu putzen oder sich draufzusetzen, selbst äußern. Jeder Druck, jedes Erzwingen oder Verführen macht sie noch ängstlicher und misstrauischer.“
Bei Inge Pietrzak werden die Kinder auch in die Pflege der Pferde einbezogen, lernen sie zu putzen und die Hufe auszukratzen, und manchmal helfen sie auch die Ställe ausmisten. „Körperlos können Kinder nichts begreifen“, sagt Inge Pietrzak. Tastsinn, Geruchssinn, Hörsinn und Sehsinn sowie Grob- und Feinmotorik und Hand-Auge-Koordination können so gezielt weiterentwickelt werden – ohne dass permanent die jeweiligen Defizite thematisiert würden. Kinder können sich nur gesund entwickeln, wenn sie vielfältige Bwegungserfahrungen machen können und aktiv mit reichhaltigen Sinneseindrücken umzugehen lernen. „Im Putzen des Pferdes entsteht Nähe, ein nonverbaler Dialog zwischen zwei Geschöpfen unterschiedlicher Art durch das Berühren. Es entsteht Vertrautheit darüber, wie der andere reagiert, was er mag und was ihm nicht gefällt. Es entsteht das Prinzip von Anfang und Ende in der Arbeit. Indem eine Tätigkeit in ihrer Gesamtheit verstanden, überschaut und geleistet werden kann, ist das Prinzip der Verantwortlichkeit erst möglich.“
Der Kontrast zum fremdgesteuerten und fremden Rhythmen unterworfenen bröckchenweisen Lernen in der Misstrauenskultur unseres Schulwesens könnte kaum größer sein!
Im Lauf der Therapie können die Kinder die Erfahrung machen, von einem anderen Lebewesen so getragen zu werden, dass sie sich eins mit ihm fühlen. „Das ist das sprichwörtlich höchste Glück der Erde, das es auf dem Rücken der Pferde zu finden gibt“, fasst Inge Pietrzak zusammen.

Potenziale erwecken

In mehr als einer Hinsicht gibt sie an die Kinder weiter, was für die selbst als Kind und Jugendliche immer wieder Unterstützung und Hilfe war. Inge Pietrzak ist 1953 geboren, und ihre Kindheit – mit einer schwer kranken Mutter, zwei Schwestern, die so viel älter waren, dass es kaum Kontakt gab und einem Vater, der nach seiner Heimkehr aus dem Krieg vieles „im Suff erledigte“ – war von viel Gewalt und Ungerechtigkeit geprägt. Trost und Zuflucht fand die kleine Inge draußen im Garten und vor allem bei den Pferden in einem nahe gelegenen Reitstall. „Den Geruch von Pferden assoziiere ich mit Rettung, und das Reiten war für mich eine Befreiung.“ Für Reitstunden fehlte das Geld, also putzte Inge Pietrzak die Pferde anderer Leute, und ab und zu durfte sie auch voltigieren. „Ich ließ mich wie viele meiner Leidensgenossinnen von hochfahrenden Pferdebesitzern demütigen, von hagestolzen Reitlehrern herumkommandieren und von zahnlosen, fuseligen Stallburschen davonjagen.“ Die Familie von Inges erstem Freud hatte Pferde, und damals konnte sie täglich reiten.
Mit 16 Jahren nabelt Inge sich ab: Während ihre Familie nach Norddeutschland zieht, bleibt sie in ihrer Geburtsstadt Kassel,. Nach der Mittleren Reife besucht sie eine Fachoberschule für Wirtschaft und dann ein altsprachliches Kolleg, wo sie ihrem Interesse für griechische Sprache, Philosophie und Ethik nachgehen kann. Später studiert sie Sozialwesen. Ihre erste Stelle findet sie in einem Übergangswohnheim für psychisch Kranke, aber dort hält sie es – sie ist bereits von der Psychiatriereform beeinflusst und begeistert – nicht lange aus. Inge Pietrzaks Anliegen, Menschen in ihren eigenen Kompetenzen zu stärken, kommt eine andere Arbeit entgegen: Menschen, von denen viele wegen psychischer Erkrankungen aus dem Arbeitsleben ausgeschieden und vom Arbeitsamt in Übungsfirmen vermittelt worden sind, auf den Wiedereinstieg in den Beruf vorzubereiten. Bald kommt sie wieder in innere Konflikte, als sie nicht einzusehen vermag, warum Frauen aus Handwerksberufen praktisch ausgesperrt bleiben.
Inge Pietrzak heiratet und bekommt einen Sohn, aber das Dasein als Hausfrau und Mutter – „diese Unterforderung in der Überforderung hat mich irre gemacht“ – füllt sie nicht aus. Sie trennt sich von ihrem Mann und versucht ihren Sohn partnerschaftlich zu erziehen. „Antiautoritäre Erziehung mochte ich nie, und wenn man Summerhill kennt, weiß man, dass das nie mit diesem laissez-faire in den Kinderläden zu tun hatte.“ Ihr Sohn zeigt ihr jedoch auch ihre Grenzen. So muss sie sich über ihre tatsächlichen Gründe klar werden, warum er Klavier spielen lernen soll: Weil sie selbst es als Kind nicht gedurft hatte, meint sie, ihm solle es besser ergehen ...
Vor allem aus ökologischer Überzeugung schließt sie sich der Partei der „Grünen“ an und wird 1985 zur niedersächsischen Landesvorsitzenden gewählt. Ihre Hoffung, dort offenere Formen, mehr Demokratie und mehr soziales Denken anzutreffen als in anderen Parteien, erfüllt sich jedoch nur teilweise. „Es gab immer so einen Inneren Kreis, Seilschaften von Männern meist, die die Fäden gezogen haben.“ Inge Pietrzak engagiert sich für die Gleichstellung von Frauen in beruflichen und finanziellen Zusammenhängen und arbeitet am Anti-Diskriminierungs-Gesetz mit. „Aber Frauen zu den besseren Menschen zu erklären und Äußerungen von Männern von vorn herein für schlecht zu halten, ist mir fern.“
Ein Übermaß an Stress und vielleicht auch Selbstüberforderung führen schließlich zu einer lebensbedrohlichen Krankheit: Krebs. Heute sieht Inge Pietrzak darin den Anstoß zur Umkehr – prompt landete sie damals wieder in einem Reitstall: „Nach meiner Operation habe ich mich auf die Dinge zurückbesonnen, die mich körperlich, seelisch und geistig gestärkt hatten.“ Mit 32 Jahren beginnt sie wieder zu reiten, „umgehend stellte sich das Gefühl von Geborgenheit und tiefem Frieden ein, es war wie nach Hause kommen nach einer langen Reise.“
Die Zusammenhänge von Körper, Geist und Seele zu respektieren, bei sich selbst und bei anderen – so könnte man die neu (oder – diesmal bewusst – wieder) entdeckte Motivation umschreiben, mit der Inge Pietrzak seither arbeitet. Sie erwirbt die Zusatzqualifikation als Voltigierpädagogin am deutschen Kuratorium Therapeutisches Reiten, seit 1990 arbeitet sie in diesem Bereich, und 1997 eröffnet sie ihre heilpädagogische Praxis Centaury. Der Name spielt zum einen auf die innige Verbundenheit von Mensch und Pferd an, die die Sagengestalt des Zentauren verkörpert – und in der griechischen Sagen-Welt ist der Haupt-Zentaur Chiron vielleicht auch nicht ganz zufällig der „Heilpraktiker“ der Götter –, zum anderen verweist der Name aber auch auf Centaury als eine der Bach-Blüten, die Blüte der Selbstverwirklichung.
Inge Pietrzak entwickelt das Synergetische Reiten, das genau mit dieser Verbundenheit von Körper, Seele und Geist arbeitet – auf Seiten aller Beteiligten, auch der Pferde! „Da wir mit dem Pferd sowohl auf der körperlichen Ebene arbeiten als auch durch die Beziehungsarbeit mit ihm geistige und seelische Bereiche des Menschen ansprechen und darüber hinaus auch den sozialen und intellektuellen Bereich schulen können, wirkt diese Form heilpädagogischer Arbeit ganzheitlich.“ Hier kann Inge Pietrzak an sehr alte Erkenntnisse und Überlieferungen anknüpfen, etwa aus Mythologie und Schamanismus, wo Tiere als Mitgeschöpfe betrachtet werden, die die Menschen etwas lehren und zu ihrer Heilung, ihrem Ganz-Werden beitragen können. Das Pferd beispielsweise steht in der hawaiianischen Überlieferung für die Kraft der allumfassenden Liebe, die Maya ordnen ihm gleichermaßen die Energie physischer Kraft und überirdischer Macht zu, und als Archetyp ist das Pferd im kollektiven Unterbewusstsein der gesamten Menschheit verwurzelt. Kaum ein anderes Tier hat die Menschheit so in ihrer Entwicklung begleitet wie das Pferd.
Auch in Inge Pietrzaks Haus begegnen mir überall Pferde, auf Bildern: Pferde mit und ohne Flügel, Einhörner, zentaurische Pferdemenschen. Als Malerin ist sie Autodidaktin, die Bilder leuchten in inspirierenden Farben, Inge Pietrzak ist von der heilenden Kraft solcher Bilder überzeugt – wie auch von der heilenden Kraft im Malen selbst. Inhaltlich bezieht sie sich auf Gestalten aus der christlichen – hiesigen – Kultur, etwa den Erzengel Michael, aber sie sieht darin eher Metaphern für kulturübergreifende Wirklichkeiten. „Ich beschäftige mich auch mit dem Buddhismus, aber die Auseinandersetzung mit den Begrifflichkeiten unserer Kultur ist mir wichtig.“

Der eigene Weg im eigenen Rhythmus

Vieles von der spezifischen Energie, die sich in ihren Bildern ausdrückt, schreibt Inge Pietrzak dem Reiki zu, denn seit einigen Jahren ist sie ausgebildete Reiki-Meisterin und -Lehrerin. Heißt das, sie lässt sich – wie viele in diesem Bereich, oft gerade Frauen – nach einigen Wochenendseminaren als Meisterin verehren, baut immense Hierarchien auf, schwebt ständig drei Zentimeter über dem Boden und verdient Riesenhonorare?! Inge Pietrzak muss lachen: „Ja, solche Leute habe ich auch schon erlebt.“ Aber Reiki hat für sie nichts Abgehobenes, nichts Mysteriöses: „Es hat mit dem Transformieren und Verteilen von Energie zu tun, auf körperlicher, seelischer und geistiger Ebene, das baut auf einander auf und dauert seine Zeit. Reiki ist ein Weg, der die Hingabe und Liebe zum Leben und damit zu allem Lebendigen zum Ziel hat. Jeder geht diesen Weg auf seine ihm eigene Weise und in seinem eigenen Tempo. Wer behauptet, mit ein paar Wochenenden sei es getan, ist einfach unseriös und handelt verantwortungslos. Da werden Leute über den Tisch gezogen und Guru-Machtspielchen gespielt. Von solchen Leuten muss man sich trennen.“ Inge Pietrzak selbst macht keine Werbung und arbeitet nicht mit Laufkundschaft. „Niemand wird zu mir kommen, der nicht zu mir passt“, davon ist sie überzeugt.
Ihre Sensibilität als Reiki-Meisterin kann Inge Pietrzak immer wieder in die reittherapeutische Arbeit und ihre eigene Intuition einfließen lassen. Der ganzheitliche Ansatz verbindet beide Bereiche, und über die Änderung äußerer Haltung kann das Innere eines Menschen berührt, bewegt und dadurch seinerseits verändert werden. Das prozesshafte Vorgehen lässt jedem Kind die Zeit, die es braucht, denn es wird an keiner Norm gemessen. Es gibt keinen Anpassungsdruck wie etwa in der Schule, und erst so wird qualitative, individuelle Reifung möglich. „Meiner Kenntnis nach gibt es keine Therapie, die in einem solchen Maße ganzheitlich wirkt, wie die mit dem Pferd“, fasst Inge Pietrzak zusammen, „und meiner Erfahrung nach ist das sogar der kürzere Weg.“
Der Weg von der jungen Pferdenärrin bis zur erwachsenen Therapeutin war weit, er ist alles andere als gerade verlaufen, und Inge Pietrzaks Berufsbiographie mäanderte eher in Suchbewegungen umher als dass sie stromlinienförmig verlaufen wäre. In der Rückschau zeigt sich jedoch, dass aus praktisch allen früheren „Etappen“ etwas in ihre jetzige Arbeit einfließt.



Monika Gödecke ist Lektorin, Redakteurin und Übersetzerin aus dem Französischen. Künstlerisch arbeitet sie mit Fotografie und Installationen.

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Gödecke, Monika

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