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Das Recht,da zu sein
erschienen in Ausgabe 137  PDF-Version (177.25 KB)
Jutta Gruber porträtiert den Tänzer und Choreographen Royston Maldoom

Wenn ich ihn nur ansehe, könnte ich heulen“, flüstert mir die Tischnachbarin ins Ohr. Sie ist eine von einem guten Dutzend Frauen, die auch die Chance nutzten, den Tänzer und Choreographen Royston Maldoom im Anschluss an einen Vortrag in eine Kneipe mitten in Berlin-Kreuzberg zu begleiten. Dabei ist er überhaupt nicht einer dieser unverschämt schönen Männer. Und jung ist er mit seinen 61 Jahren auch nicht mehr. Doch die Frauen lieben ihn, die alten und die jungen. Selbst die Männer rührt er an. Was macht diesen Mann so besonders? Ich denke, es ist sein unerschütterlicher Glaube, dass in wirklich jedem Menschen ungeahnte Fähigkeiten schlummern – und sein Talent, diese Potenziale auch erfahrbar zu machen.

Mit seinen außergewöhnlichen Tanzprojekten, die er seit drei Jahrzehnten in der ganzen Welt durchführt, hat er ungezählte Beispiele geliefert, dass wirklich jede und jeder aus ihrem und seinem Leben etwas machen kann. Eine Dokumentation seiner Arbeit läuft zur Zeit in den deutschen Kinos. Der Film „Rhythm is it!“ zeigt in beeindruckender Bildsprache, wie es Maldoom in sechs Wochen Tanztraining gelingt, ein multikulturelles Gewusel von Schülerinnen und Schülern aus sozial schwachen Berliner Bezirken in ein professionelles Ballettensemble zu verwandeln. Von den Berliner Philharmonikern begleitet, tanzen sie zu „Le Sacre du Printemps“ was das Zeug hält. Der kernige Kommentar von Sir Simon -Rattle, Dirigent der Philharmoniker: „It’s fucking unbelievable“, drückt vielleicht am besten aus, was die jugendlichen Tänzerinnen und Tänzer hier geleistet haben. Für das Gelingen der Aufführung hatten sie ihre Null-Bock-Mentalität hinter sich gelassen, Antriebslosigkeit, Ängste und innere Grenzen überwunden und die Leidenschaft zu kreativem Selbstausdruck entdeckt.
Ein „schwieriges Kind“ sei er gewesen, sagte er mir bei unserem morgendlichen Treffen in seinem Berliner Hotelzimmer. Die Mutter, seit seiner Geburt behindert, starb, als er vier Jahre alt war. Seinen Vater, der damals bei der Air Force im Zweiten Weltkrieg diente, hat er erst spät kennengelernt und dann eigentlich auch nicht richtig. Aufgewachsen ist er zuerst bei der Großmutter, zwischendurch im Heim und später – allerdings nie so ganz integriert – in der neuen Familie des Vaters. Damals hat er vor allem gelernt, dass es besser ist, niemandem zu trauen. Insbesondere keinem Erwachsenen.
Auch die Schule bot ihm keinen Halt. Die meisten Lehrer wussten schlichtweg nichts mit diesem rebellischen Jugendlichen anzufangen. „In dieser Zeit fühlte ich mich sehr isoliert. Und gleichzeitig war ich geradezu besessen von der Frage, was ich aus meinem Leben machen könnte. Ich hatte schon eine gewisse Vorstellung von verschiedenen Berufsmöglichkeiten, aber irgendwie wusste ich, dass es all das nicht war. Ich wusste aber, dass ich es bemerken würde, wenn es mir begegnet.“
Bereits – beziehungsweise erst – mit 22 Jahren fand Royston Maldoom zu seiner Berufung. „Bereits“, weil, wer kann schon von sich behaupten, mit 22 Jahren die eigene Berufung erkannt zu haben? „Erst“, weil es die Leidenschaft für klassischen Tanz war, die sich in ihm entzündete, und in seinem Alter – in den 60er-Jahren mehr noch als heute – die Weichen für klassische Tänzer eigentlich schon mehr als gestellt waren.
An jenem Tag ließ er sich von Freunden zu einem Kinobesuch überreden, weil er sonst den Abend sowieso nur wieder alleine zu Hause verbracht hätte. Mit diesem Film – ein Tanzfilm mit Margot Fonteyn und Rudolf Nurejew – begann sein neues Leben. Wie er immer vermutet hatte, war ihm schlagartig klar geworden, dass es das war, was er zu tun hatte: Tanzen. Sein altes Leben löste er innerhalb von zwei Tagen auf: „Ich war wie ausgewechselt“, und meldete sich für einen Ballettkurs an. Obwohl man es für schier unmöglich hielt, dass er es wegen seines ungewöhnlichen Alters und seines für eine Tänzerkarriere keineswegs perfekten Körperbaus zu einer gewissen Meisterschaft in diesem Bereich bringen könnte, gaben ihm alle Ausbilder angesichts seiner Leidenschaft, diesen Weg zu gehen, und der Bereitschaft, wirklich hart für sein Ziel zu arbeiten, eine Chance. Seine enthusiastische Hingabe öffnete dem untypischen Schüler die Türen in die Ballettausbildungen und führte ihn schließlich auf die Bretter, die die Welt bedeuten.

Eine nur kurze „Pause …“

Nach vielen Jahren erfolgreicher professioneller Arbeit als Tänzer und schließlich auch als Choreograph machte sich eine Frustration in ihm breit, die erneut eine unerwartete Wende brachte. Nicht, dass ihm das Tanzen keine Freude mehr bereitet hätte, aber er spürte zunehmend, dass es ihn nicht mehr ausreichend erfüllte, nur als Künstler zu arbeiten und sein gesellschaftspolitisches Engagement darüber zu vernachlässigen, weil es sich dort nicht einbringen ließ. So kehrte er der Bühne den Rücken und zog sich nach Schottland zurück, um – wie bereits vor seiner Tänzerkarriere – als Landwirt zu arbeiten. Doch es sprach sich rasch herum, was dieser neue Nachbar früher so gemacht hatte. Anfragen folgten, ob er nicht, wo er doch … So begann er erstmals Laien zu unterrichten – und merkte ziemlich schnell, dass er dafür seine bisherigen Trainingsmethoden komplett verändern musste. Dass er sich überhaupt für neue Wege öffnen konnte, lag an seinem späten Berufseinstieg und der hart erworbenen eigenen Erfahrung, Tänzer mit einem nicht perfekten Körper zu sein. Er war weniger gefangen in festen Annahmen über den Sinn von Tanz und Tanztechniken als seine Kolleginnen und Kollegen, die einen typischen Ausbildungsweg von Kind an hinter sich hatten: „Ich hatte schon ein Leben, bevor ich Tänzer war, und dadurch war meine Vision von Tanz, mein ganzer Kontext viel weiter als üblich, und das war in dieser neuen Herausforderung sehr viel wert.“
Es dauerte nicht lange, und Maldoom bekam das überraschende Angebot, drei Jahre lang aus öffentlichen Geldern finanziert zu werden, um den Menschen in der Region Tanzunterricht zu geben. Er nahm das Angebot an, und dies war der Anfang einer ganz neuen Begegnung mit Tanz. Es war klar, dass es hier nicht darum gehen würde, die Schüler zu technischer Perfektion zu führen. Dennoch gelang es Maldoom, die Menschen zu Tänzerinnen und Tänzern werden zu lassen, sich als solche zu erfahren, sich der Kunst, dem Tanz vollständig hinzugeben. Damals sah er zum ersten Mal, dass sich die Menschen durch diese Erfahrung veränderten, und so hatte er endlich einen Weg gefunden, künstlerisches und gesellschaftliches Engagement zu verbinden, denn: „Allein schon das bessere Körpergefühl kann verhindern, sich weiterhin – in welcher Art auch immer – instrumentalisieren oder missbrauchen zu lassen.“ Dreißig Jahre Tanzprojekte folgten, unter anderem in Äthiopien, Südafrika, Peru, Bosnien und Kroatien.

Der Fokus

Der überwiegende Teil Royston Maldooms Arbeit in den Tanzklassen besteht darin, den Menschen zu helfen, einen Fokus zu finden und zu halten: „Fokus meint die Gewissheit, das Recht zu haben, auf dieser Welt zu sein. einen eigenen Platz in der Welt zu haben, der uns von niemandem streitig gemacht werden kann. Meine Arbeit mit den Menschen beginnt damit, sie eine aufrechte Haltung einnehmen zu lassen, um sich darüber klar zu werden, dass sie, wie jeder andere Mensch auch – völlig unabhängig von ihrer aktuellen Lebenssituation und von dem, was sie tun oder getan haben – das Recht auf einen eigenen Platz in der Welt haben. Einen Platz, der nur ihnen gehört und von dem niemand sie vertreiben darf. Wenn sie mit diesem Wissen den Boden unter ihren Füßen wahrnehmen, ihren sicheren Platz in der Welt fühlen, bitte ich sie, durch die Wände des Übungsraums hindurchzuschauen, ihre Aufmerksamkeit über die Stadt und das Land hinaus in die Welt zu richten und sich mit jeder Erinnerung, mit allen Orten und Menschen zu verbinden, die für sie ganz persönlich besonders wichtig sind. Es entsteht sehr viel innere Kraft, wenn es den Teilnehmerinnen und Teilnehmern gelingt, sich die Berechtigung und die Sicherheit ihres Platzes in der Welt zu vergegenwärtigen und ihre ganz persönliche Verbundenheit mit dem, was ihnen wichtig ist, zu spüren und zu halten. Sie beginnen dann auch, eine Art Stolz zu fühlen, einfach dafür, dass sie da sind. Wenn wir diesen Punkt erreicht haben, sind wir nur noch wenige Stunden von der Aufführung entfernt.“
Diese Fokusarbeit ist in dem kultverdächtigen Film „Rhythm is it!“ wunderbar dokumentiert. In eindrucksvollen Bildern kann man den essenziellen Prozess der Verwandlung mitverfolgen: die Verwandlung schnodderiger Schülerinnen und Schüler, die ihre Unsicherheit kichernd zu verbergen suchen und gar nicht richtig bei der Sache sind, in präsente, aufmerksame, aufrechte Wesen, die sich ihrer inneren Stärke und Klarheit bewusst werden, ein Gefühl für ihren Körper entwickeln. Die das Recht auf ihren Platz in der Welt zu finden beginnen. In denen vielleicht zum ersten Mal die Ahnung und die Lust entsteht, dass sie – wie jeder andere Mensch auch – die Möglichkeit haben, ihren eigenen Weg zu gehen.

Authentische Kunst statt Therapie

In der Tat ist die Resonanz auf die Arbeit Maldooms, insbesondere bei Künstlerinnen und Künstlern, die mit Kindern arbeiten, bei Lehrern und Therapeuten, eigentlich allen, die sich mit neuen Wegen der Erziehung beschäftigen, besonders groß. Dennoch versteht sich Royston Maldoom in keiner Weise als eine Art Sozial-arbeiter oder gar Therapeut, sondern schlicht als Choreograph. Vielleicht liegt in dieser Einstellung gerade ein wesentlicher Aspekt für den transformativen Aspekt seiner Arbeit. Es befremdet ihn, wenn Kolleginnen und Kollegen lediglich seine Arbeit mit professionellen Künstlern im üblichen Stil kritisieren und bezüglich der Aufführungen von Nicht-Professionellen, wie z.B. von Jugendlichen mit Lernschwierigkeiten oder körperlich Gehandicapten, plötzlich Sätze sagen wie: „Oh, das war eine gute therapeutische Erfahrung für sie“.
„Dabei haben sie doch genauso wie die anderen eine Aufführung gemacht!“ Ihm ist die Psychotherapie insgesamt nicht geheuer: „Therapie arbeitet mit dem Unwohlsein der Menschen und vergisst, sie als Menschen zu behandeln. Ich richte mich auf das Wohlgefühl der Menschen aus. Bei meinen Tanzklassen im Gefängnis arbeite ich bewusst mit jungen Männern und nicht jungen Gefangenen. In Äthiopien arbeite ich mit Kindern und nicht Straßenkindern. Meine Aufgabe besteht darin, den Menschen zu zeigen, wie sie Künstler werden können. Denn das Ziel der Tanzklasse ist immer die Aufführung. Ich habe den Eindruck, dass für sie die Möglichkeit, mit jemandem eine Beziehung aufzubauen, der ihnen ohne Vorurteile begegnet und sich nicht auf negative Aspekte konzentriert, sehr befreiend wirkt. Es wäre falsch zu sagen, dass ich Kunst benutze, um Menschen zu erziehen. Ich gehe mit dem Selbstverständnis, dass Kunst aus sich selbst heraus erzieht, in meine Tanzklassen. Erziehung ist geradezu der tiefere Sinn von Kunst. Durch die Kunst, z.B. durch das Tanzen, kommen die Menschen in ihre Wahrheit, und diese Erfahrung wirkt sich auf alle ihre Lebensbereiche aus. So kritisiere ich auch zum Beispiel niemals technische Fehler, wie zum Beispiel einen falschen Schritt. Ich kritisiere, wenn sich die Tänzerinnen und Tänzer nicht vollständig dem Experiment hingeben, nicht alle ihre Potenziale einbringen und ihr Ausdruck deshalb unglaubwürdig ist. Natürlich werden professionelle Tänzerinnen und Tänzer auch darin geschult, auf der Bühne glaubwürdig zu erscheinen, obwohl sie sich eigentlich fragen, wo sie ihren nächsten Urlaub verbringen wollen oder wann sie endlich dazu kommen werden, ihre nasse Wäsche aufzuhängen. Doch um diese Art von Training geht es in meiner Arbeit nicht.
In all den Jahren habe ich erfahren, dass meine Art der Arbeit die Menschen wirklich auf neue Wege bringen kann. Manche von ihnen werden sogar nach kürzester Zeit international gelistete Profitänzer. Viele kommen noch Jahre nach unserer gemeinsamen Arbeit zu mir – ob sie nun eine Tanzkarriere begonnen haben oder nicht – und sagen, dass diese Erfahrung ihr Leben verändert hat. ‚Ich bin diesen Weg mit dir gegangen, weil du mir das Gefühl gegeben hast, jemand zu sein, und an mich geglaubt hast. So habe ich auch angefangen an mich zu glauben, mich als jemand zu fühlen. Und das hat mir geholfen, Wege zu finden.‘ So oder so ähnlich sind die meisten der Feedbacks, die ich bekomme.“
Auf meine Frage, warum um alles in der Welt er ausgerechnet so halsbrecherisch schwierige Stücke wie „Le Sacre du Printemps“ von Igor Strawinsky für die Arbeit mit Menschen, die keinerlei Vorerfahrung haben, auswählt, antwortete er mir: „Weil ich von diesem Stück begeistert bin, und das ist so ungefähr das Notwendigste, um auch in anderen Menschen eine Leidenschaft zu wecken. Ich mag Stücke mit solch universeller Botschaft von totaler Hingabe (sacrifice) und Neuerschaffung (regeneration). Sie haben eine Energie, die in allen Kulturen verstanden werden kann und den Menschen damit auch erfahrbar macht, dass sie nicht nur Teil ihrer eigenen Kultur sind, sondern sich auch mit den anderen Kulturen verbunden fühlen können. In der Überwindung kultureller Begrenztheit durch den Tanz zu einer zunächst ganz fremden Musik kann sich auch die Vorstellung von der Festgelegtheit des persönlichen Schicksals, wie zum Beispiel ‚ein Straßenkind‘ oder ‚ein chancenloser Versager‘ zu sein, relativieren. “
Die erste Reaktion auf meine Frage nach einem spirituellen oder religiösen Hintergrund ist ein hörbar genervtes Schnaufen: „Ja, ich hatte eine religiöse Phase von 12 bis 14 Jahren, da ging ich dreimal am Tag in die Kirche, wollte mich konfirmieren lassen. Ich mochte diese Rituale. Ich mochte den Priester. Aber es hielt nicht an. Ich weiß jetzt, dass das Tanzen mich spirituell mehr erfüllt als irgendeine Religion mit ihren festgelegten Abläufen. Gott verstehe ich als etwas, das wir alle zusammen sind. Gott ist wir. Menschen in ihrer Wahrheit zu sehen, wenn Körper, Seele und Geist für kurze Momente ganz in Harmonie sind – das kann beim Tanzen geschehen oder beim Schreiben, beim Bergsteigen, bei was auch immer –, das ist für mich eine wunderbare, spirituelle Erfahrung. Man kann es sehen, an ihrer körperlichen Erscheinung. Für mich liegt der große Vorteil, Agnostiker zu sein, darin, dass ich für alle Religionen und ihre Schriften offen sein und mir aus allen das nehmen kann, was sich für mich wahr anfühlt. Ein weiser Zulu sagte mir einmal, das einzig Wichtige in allen Kulturen sei das, was man mit allen Kulturen teilen könne. Jede Kultur ist als ein Versuch des Menschen zu verstehen, letztlich dieselbe Wahrheit zu finden.“
Die internationale Begeisterung über den Film „Rhythm is it!“ macht Royston Maldoom mehr als glücklich: „Offensichtlich vertrauen viele Menschen in dasselbe, in das auch ich vertraue. Das ist ein großartiges Gefühl.“ ´



Infos über den Film „Rhythm is it“: www.rhythmisit.de

  Autoren

Gruber, Jutta

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