Steven Harrison fragt sich, wie Kinder frei aufwachsen sollen, wenn die Erwachsenen unfrei sind.
Der Amerikaner Steven Harrison bewegt mit seinen Büchern viele Menschen. Ganz besonders geht es ihm um die Kinder, für deren unverbogenes Leben er leidenschaft-lich eintritt. Harrison schreibt aus der Perspektive eines Landes, in dem selbstbestimmte Bildung ein garantiertes Bürgerrecht ist. Er ermutigt dazu, diesen Freiraum ohne Furcht wahrzu-neh-men und auszufüllen.
In unserer Rolle, die wir gegenüber unseren Kindern spielen, sind wir sehr geübt. So ist es nicht verwunderlich, dass wir unsere Kinder jeden Tag von uns schicken, damit sie lernen, auf dieselbe Weise zu leben. Es würde ihnen mit Sicherheit nicht von alleine einfallen, ihre eigenen Wege zu gehen, und ebenso unwahrscheinlich ist es, dass wir sie wegschicken würden, wenn uns das nicht selber schon so beigebracht worden wäre.
Wir leben so, wie wir es eben tun, weil wir zu dieser Art von Leben angeleitet wurden. Von sich aus würden Kinder nicht darauf verfallen, ein Leben zu führen, in dem Gefühle und deren Ausdruck nicht zugelassen sind. Von Grund auf sind sie verbunden mit etwas, das lebendig, grenzenlos und angstfrei ist. Doch diese Energie des Kindes hat sehr wenig damit zu tun, Güter und Dienstleistungen und was in der Gesellschaft sonst noch als wichtig gilt zu produzieren. Wenn sich Fahrzeuge am Fließband produzieren lassen, können auch Schüler am Fließband unterrichtet werden. Unsere Gesellschaft verehrt die Effizienz des Fließbands, die Automatisierung und den unerbittlichen Zwang zur Produktion. Wir beten einen Gott an, der pausenlos beschwichtigt werden will, andernfalls wird er aufhören, für uns zu sorgen.
Gelegentlich kommt es vor, dass wir uns über unser Leben wundern: Mitten in der Nacht wachen wir auf und fragen uns nach Bedeutung und Erfüllung in unserem Leben. Es beunruhigt uns, dass Fließbänder, Großraumbüros und die moderne Form der Leibeigenschaft am Arbeitsplatz kein Glück mit sich bringen, wo doch bereits Zusatzleistungen wie der firmeneigene Pensions-plan und die Krankenversicherung inbegriffen sind. Arbeitsplätze sind dazu da, Produktivität zu erzeugen, nicht Wohlbefinden.
Wir hören unsere eigene Stimme, als käme sie aus einer anderen Dimension: „Es ist Zeit, die Kinder mit dem Schulbus wegzuschicken. Tschüs, Kinder! Wo sind wir stehen geblieben? Ach ja, ich gehe jetzt zur Arbeit, denn es ist Zeit, produktiv tätig zu werden. Die Frage, ob ich glücklich bin, ob meine Kinder oder wir alle glücklich sind, wird warten müssen. Ich habe jetzt zu tun.“
Unsere höchst produktive Gesellschaft wird geplagt von Gewalt in der Schule und am Arbeitsplatz, von Depressionen und Hyperaktivität, von Scheidungen, häuslicher Gewalt und Kindsmissbrauch in epidemischem Ausmaß. Heere von Beratern bieten Vorschläge an, wie sich zumindest der Schein erzeugen lässt, wir befänden uns trotz des Leistungsdrucks in unserer Gesellschaft in gesunden Beziehungen. Wir leben mit der Illusion eines Bezogenseins und der „Wirklichkeit“ des Fernsehens, wo wir Leuten zusehen, wie sie gegeneinander ums „Überleben“ kämpfen, während sie von Helikoptern umkreist und gefilmt werden. Millionen von Menschen sind der Meinung, dass es sich hierbei um Beziehung handle.
In der Arbeitswelt werden Berater beschäftigt, die den Leuten helfen, Kontakte untereinander zu knüpfen. Und falls das nicht klappt, gibt es immer noch bewusstseinsverändernde Substanzen, die uns glücklich machen, ob wir es sind oder nicht. Und sollten wir nicht glücklich sein, ist uns das egal, denn es ist gar nicht so leicht, die vielen Schichten von Chemikalien zu durchstoßen und herauszufinden, was wir sind. Doch das spielt ohnehin keine Rolle, denn es ist bereits wieder Zeit, zur Arbeit zu gehen, Zeit, unsere Kinder zum Schulbus zu bringen; wir sind beschäftigt. Das ist unsere Welt.
Einbruch in die Freiheit
Gibt es dazu eine Alternative? Oder ist es einfach so, wie die Dinge eben sind? Die Sonne geht im Osten auf und im Westen unter. Der Schulbus kommt, die Kinder steigen ein, wir gehen zur Arbeit. Gibt es irgendeinen anderen Weg? Wenn ich die Kinder nicht zum Schulbus bringe, habe ich ein Problem. Dann sind sie zu Hause, und ich muss zur Arbeit. Was, wenn ich nicht zur Arbeit gehe? Der Vermieter oder der Kreditgeber wird bei mir auf der Matte stehen. Ich werde obdachlos, mit Kindern – was soll ich bloß tun? Diese Folgen werden von der Angst an die Wand gemalt, sowie wir uns auf unbekanntes Gebiet vorwagen. Doch trifft die Angst zu?
Gibt es eine andere Grundlage, auf der wir funktionieren können? Könnten wir uns zusammentun und kooperieren? Könnten weniger von uns zur Arbeit gehen und einige sich um die Kinder kümmern? Oder könnten wir gemeinsam arbeiten? Könnten wir genossenschaftlich arbeiten? Könnten wir neue Unternehmen gründen und von dort aus führen, wo wir wohnen? Lässt sich eine Welt vorstellen, in der Menschen tatsächlich zusammen leben und arbeiten, und in der die Kinder mit ihnen leben, lernen, arbeiten?
Nehmen wir dabei nicht bloß Produktivität als Maßstab unseres Lebens. Schließen wir Integration, Hilfsbereitschaft und Glück in die Bewertung ein. Betrachten wir das gesamte System in seiner Nachhaltigkeit und tragen den kommenden Generationen Rechnung. Achten wir dabei auch auf die Kosten der Produktivität, der Wirtschaftlichkeit und des Gewinns zu Lasten der menschlichen Fähigkeit, glücklich zu sein. Ein Atomkraftwerk darf nicht allein als Anlage betrachtet werden, die günstigen Strom liefert. Wir müssen in die Rechnung einbeziehen, wieviel es kostet, ein Atomkraftwerk stillzulegen. Und was es kostet, wenn der Reaktor schmilzt! Sehen wir das Gesamtbild?
Was geschieht, wenn wir uns dem Leben auf neue Weise zuwenden? Vielleicht meldet sich Angst, weil wir so etwas noch nie zuvor getan haben. Herrscht in unserem Leben die Angst, oder ist es die Neugier? Ist unser Bedürfnis, Unbekanntes zu erforschen, größer als das Bedürfnis nach Sicherheit? Tag für Tag stehen wir neu vor dieser Frage. Wenn wir zur Arbeit gehen, wenn wir die Kinder zur Schule bringen, wenn wir ein Leben führen, von dem wir wissen, dass es uns und der Welt nicht gerecht wird. Es ist die Angst, die unsere Kreativität, den grundlegenden Ausdruck unseres Lebensglücks und des Glücks unserer Kinder in Schranken hält.
Das gesamte Leben ändern
Es lässt sich wohl kaum ein alternatives Lernfeld schaffen, ohne dass wir uns intensiv mit der Frage auseinandersetzen, was wir mit unserem Leben machen. Wenn unser Leben wie ein mechanischer Prozess abläuft, kann es daneben wohl kaum eine Schule geben, die anders ist. Wir können unsere Kinder nicht an einen Ort schicken, wo sie frei sind, während wir selber nicht frei sind. Offenbar muss sich alles zusammen verändern.
Wir können eine Schule gestalten, in der Kinder selber entscheiden, was sie lernen, eine Schule, die demokratisch statt hierarchisch geführt wird, in der innovativ und experimentell gelernt wird, ohne dass die Schüler künstlich nach ihren Fähigkeiten oder ihrem Alter getrennt werden. Doch die Frage der Bildung reicht tiefer, als dass der Aufbau neuer Schulen genügte. Haben sich solche Schulen nicht mit Menschen zu verbinden, welche diese Eigenschaften bereits verkörpern? Muss eine solche Schule nicht Eltern ansprechen, die willens sind, ihr Leben ganzheitlich zu führen? Muss sie nicht weitere Institutionen einbeziehen, die ebenso auf ganzheitliche Modelle von Familie, Gesellschaft, Wirtschaft hinarbeiten? Wenn wir diese Möglichkeiten im eigenen Leben nicht an den Tag legen, wie wollen wir dann von unseren Kindern erwarten, dass sie es tun?
Was macht es möglich, dass sich im menschlichen Bewusstsein ein vollständiger Wandel und eine Revolution vollzieht? Es ist unwahrscheinlich, dass sich innerhalb eines zersplitterten Raums ein ganzheitlicher Raum erschaffen lässt. Unser leidenschaftliches Interesse an unseren Kindern und unsere Liebe zu ihnen und allen Kindern überhaupt kann uns dazu bringen, Leben und Lernen auf neue und furchtlose Weise anzugehen. Wir können ein Lernfeld erschaffen, das nicht dazu da ist, eine bestimmte Art zu vermitteln, wie die Welt wahrgenommen werden soll, sondern die es Kindern erlaubt, in Freiheit zu erfahren, wie die Welt wirklich ist. Ein Kind, das auf diese Weise lernt, kann durchaus fähig sein, die Welt zu verändern. Zumindest aber wird es unberührt von unserer Angst aufwachsen.
Familie nach Wahl
Für manch ein gesellschaftliches Problem unserer Zeit wird der Kollaps der Familie verantwortlich gemacht. Tatsächlich sind heute viele Familien zerbrochen, die Hälfte der Ehen endet in einer Scheidung, und wenn sich Eltern wieder verheiraten, werden Teile früherer Familien zu neuen Familien zusammengefügt. Aufgrund der rasanten Veränderungen unserer Gesellschaft und der gesteigerten Mobilität wird die biologische Familie, die mehrere Generationen umfasst, bezüglich Geografie und Zeit oft dermaßen auseinandergerissen, dass sie nicht länger als tragende Kraft fungiert. Zweifellos belasten diese Umbrüche das Leben der Kinder. Unter Umständen beschert uns dies aber auch die Gelegenheit, neue Formen des Zusammenlebens zu entwickeln, die sich nicht auf die Biologie, sondern auf gegenseitige Verbundenheit und Vertrauen stützen.
Gewiss lohnt sich das Experiment, eine neue Art von Familie zu entwickeln, eine tragende Gruppe von Kindern und Erwachsenen, die in nächster, ja intimer Nachbarschaft zueinander leben und die ein Leben gestalten, das dieselbe Vertrautheit und denselben Nutzen wie die traditionelle Familie aufweist.
Warum sollte sich nicht ein Haushalt aus alleinerzie-henden Eltern bilden, die sich dazu verpflichten, ihre Kinder gemeinsam zu umsorgen. Es ließe sich z.B. eine Gemeinschaft aus den Bewohnern eines Hauses bilden, die sich im Alltag unterstützen. Oder ein Stück Land oder ein Gebäude könnte Platz bieten für eine Anzahl von Kindern und Erwachsenen, die – ob verwandt oder nicht – unter sich als Tanten und Onkel, Nichten und Neffen, Eltern, Großeltern und Kinder fungieren.
Ist der biologische Imperativ derart stark, dass wir keine Beziehungen wahrnehmen, in denen wir nicht die Gene teilen? Wir machen eine Ausnahme, um jemand zu heiraten, aber das tun wir vielleicht, um Kinder zu zeugen. Wir machen eine Ausnahme, um ein Kind zu adoptieren, aber oft geschieht das, weil es mit der Zeugung nicht klappen wollte. Verlangt die Biologie von uns, dass wir unser Leben um die Zwänge eines selbstsüchtigen Gens herum organisieren? Oder ist dieses selbstsüchtige Gen in seinen Anforderungen intelligenter? Wenn es eine biologische Familie nicht gibt, sind unsere Kinder in einer Familie unserer Wahl wohl besser aufgehoben. Und warum sollte man nicht eine herkömmliche Ehe um Wahlverwandtschaften erweitern? Wir sind wohl besser aufgehoben, wenn wir das Leben mit anderen teilen können, wenn wir in der Geborgenheit einer Gemeinsamkeit leben. In einer Wahlfamilie zu leben scheint bei uns mit einem starken Tabu belegt.
Die Art von Alternative zur Familie, die sich derzeit in unserer Kultur anbietet, brauchen wir nicht zu akzeptieren: Vereinzelung, Vereinsamung und virtuelle Beziehungen, in denen die Verbindung über Telefon, E-Mail und Stippvisiten mit dem Flugzeug aufrechterhalten wird. Es lassen sich andere Menschen finden, die unsere Vorstellung über das Leben teilen. Denen können wir darlegen, was wir und unsere Kinder brauchen, und wir hören gut zu, was diese Menschen uns antworten. Wahlfamilien lassen sich in jeder Größe, in jeder beliebigen Kombination von Erwachsenen und Kindern und über beliebig viele Generationen hinaus gestalten. So teilen wir miteinander das, was in unserem Leben am meisten zählt: unsere gegenseitige Fürsorge und Unterstützung und das Nähren von dem, was das Beste ist, das wir hervorbringen: der Ausdruck des menschlichen Potenzials.
In einer stabilen Familie, sei sie biologisch bestimmt, eine Familie der Wahl oder eine Kombination von beidem, werden unsere Kinder mit mehr Zeit, Aufmerksamkeit und Liebe belohnt. Indem wir unserem tiefsten Verlangen folgen und dieses Verlangen in unseren intimen Beziehungen zum Ausdruck bringen, schenken wir unseren Kindern eine Familie, die sorgfältig ausgewählt wurde und zu ihrem Wohlbefinden entstand. Eine Familie unserer Wahl bietet uns die Grundlage für ein bewusstes, selbstbestimmtes Leben, ein Leben, in dem Kreativität und Neugier blühen, und so ein Leben ist der unerlässliche Bestandteil einer Assoziation von Familien, die zusammen eine Lerngemeinschaft bilden. ´
Dieser Beitrag basiert auf Auszügen aus Steven Harrisons Buch „Das glückliche Kind – Erziehung durch Freiheit“, Edition Spuren, Winterthur 2004, ISBN 3-033-00036-3. Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung des Verlags.
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