Das Holon-Netzknotentreffem im Tessin. Ein Bericht von Willi Maurer.
Das Holon-Netzwerk reicht bis nach Italien. Willi Maurer, Initiator des italienischen Netzwerks, berichtet aus der Innenwelt der Initiative und zeigt Wege für die praktische Arbeit an der Basis auf. Dabei haben sich die so genannten Holon-Cafés besonders bewährt, offene Foren, in denen Austausch gepflegt wird und neue Kooperationen entstehen.
Alles oder Nichts? Das scheint die Sinnfrage zu sein, an der sich die Gemüter der Mitwirkenden in unserem Netzwerk sowohl diesseits als auch jenseits der Alpen immer wieder erhitzen. Alles scheint uns am Haben orientierten Menschen weit genehmer zu sein als Nichts, das offenbar an die Angst vor dem Nichtsein rührt.
Diese Angst bekommen wir Netzwerker im italienischen Sprachgebiet immer dann zu spüren, wenn Interessierte merken, dass wir keine Vereinsstrukturen zu bieten haben. Wir haben sie abgeschafft, da sich ein Mitgliedsbeitrag für ein so vage scheinendes Gebilde wie Holon, das auch noch deutschsprachige Wurzeln hat, in Italien als eine allzu hohe Hemmschwelle erwiesen hatte. Es wäre jedoch verfehlt, anzunehmen, dass es genügen würde, die Tore weit offen zu halten.
Unser verbaler Versuch, Interessierten zu vermitteln, was Holon zu bieten hat, scheitert oft daran, dass ihnen der Erfahrungshintergrund fehlt, um unsere Worte einordnen. Wer jedoch an unserem zweimonatlichen Holon-Café teilgenommen hat, beginnt zu begreifen. Erst im persönlichen Kontakt und durch das Schildern der eigenen Befindlichkeit, Wünsche, Träume oder realen Projekte bekommen wir dann Worte zu hören wie: "Das ist ja genau das, was mir schon lange Zeit vorschwebte!" Nicole, Laura und Luca, die Initiatoren der Netzknoten Lugano und Luino, können sich dann ein Schmunzeln kaum verkneifen.
"Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!" ist inzwischen zu unserem Leitsatz geworden. Der erste Schritt ist, anwesend zu sein, und zwar unabhängig von den anderen. Das ist vielen Menschen, die im alten Wunsch nach Führern und Autoritäten verhaftet sind, zu wenig. Doch das neue Denken, auf dem das italienischsprachige Holon aufbaut, wird erst durch einen Paradigmenwechsel möglich: Es reicht, wenn ich da bin.
Mit dieser Entscheidung beginnt sich eine Art Wundertüte zu öffnen, aus der allen Anwesenden ein eigenes Geschenk zufallen wird.
Luca, der als Physiotherapeut in einem Altersheim arbeitet, fand über Holon befruchtende Zusammenarbeit auf dem Gebiet des Obertongesangs, verbunden mit Schwingungsbehandlungen auf der Monochordliege. Für ihn öffneten sich Türen zur Friedensarbeit in Schulen und Seminarhäusern wie dem Monte Veritá in Ascona.
Jetzt weilt er zusammen mit Silvana für einen Monat in Ecuador, wo sich eine Möglichkeit für ökosoziale Zusammenarbeit bietet. Kurz vor seiner Abreise hat er die richtigen Leute getroffen, die seine Idee für ein regionales Verbindungsnetz zwischen Konsumenten und Produzenten von Lebensmitteln aufgenommen haben und nun ein entsprechendes Projekt verwirklichen.
Auch Luca hatte Bedenken, dass er mit Holon seine Zeit verschwenden könnte. Doch er hat, wie auch Nicole, Laura, ich und viele andere Teilnehmer, erfahren, dass der ÚGewinn‡ durch Holon bei weitem den Einsatz übertrifft.
Fragen und Antworten
Die Leere, das Nichts, hat sich als das richtige Gefäß für die Realisierung von Projekten erwiesen, die eine Person alleine gar nicht erst ins Auge gefasst hätte. Dank diesem Nichts machen wir nebenbei die Erfahrung, dass in jeder und jedem von uns ein ÚAlphatier‡ steckt. Doch ohne das Nichts hätte es kaum einer gewagt, sein wahres Wesen zu entfalten, wie es auch unmöglich ist, in ein volles Glas Wasser einzuschenken.
Neulich wurde ich gefragt, wieviele Holon-Mitglieder wir denn im italienischen Sprachraum hätten. Vielen von uns scheint es ein wichtiges Bedürfnis zu sein, in Zahlen Halt zu finden. Doch bei dieser Frage musste ich zunächst passen. Durch intensives Nachdenken konnte ich die exakte Zahl der Teilnehmenden doch noch ermitteln: Es sind so viele, wie anwesend sind ÷ Damit ist auch die nächste Frage, nämlich wer denn überhaupt Holon-Mitglied sei, beantwortet.
Ein Nebeneffekt macht sich angenehm bemerkbar: Wir sind kein Dienstleistungsbetrieb mehr, der passive Mitglieder mit Informationen versorgt, die ähnlich einem vollen Glas mit sich selber beschäftigt sind. Wir selber schwingen als InformationsträgerInnen, so wie die ganze Weisheit der Schöpfung in jeder Zelle schwingt.
Dieses Prinzip könnte sich als Keimzelle des neuen Holon erweisen. Wolfgang Jäger, einer der Mitbegründer des Netzwerks, hat vor einigen Jahren den Wunsch nach mehr Leichtigkeit und Abschaffung der Teilnehmerbeiträge geäußert und ist damit auf viele Einwände in der Koordinationsgruppe gestoßen, zu der auch ich gehörte. Es dauerte ein gutes Jahr, bis ich begriffen hatte, was er meinte.
Das Holon-Café
Das Holon-Café hat sich im Lauf der Jahre neben der Jahrestagung als das Herzstück des Netzwerks erwiesen. Ein Holon-Café kann jederzeit von dir und Ihnen, liebe Leserin, lieber Leser, am jeweiligen Wohnort ins Leben gerufen werden. Um Fehler zu vermeiden, die uns anfangs zu schaffen machten, kann es von Vorteil sein, bewährte Erfahrungen zu beherzigen:
Wir beginnen mit einem etwa zehnminütigen, unstrukturierten Schnupperkontakt. So verpassen Nachzügler nicht die wichtige Vorstellungsrunde.
In jedem Holon-Café wird zunächst geklärt, wer von den Anwesenden ein kleines Protokoll erstellt. Es kann auch sinnvoll sein, dass jemand auf den zeitlichen und thematischen Ablauf achtet. Jedes Holon-Café in Lugano und in Luino beginnt mit einer Vorstellungsrunde, in der alle Anwesenden zu Wort kommen und über ihr Befinden sprechen wie auch über ihren Alltag, ihre konkreten Projekte, ihre Bedürfnisse, Wünsche, Visionen, Träume und über ihre Lust, sich an etwas zu beteiligen, das alleine nicht realisierbar erscheint.
Die Vorstellungsrunde beschränken wir auf etwa anderthalb Stunden. Erfahrungsgemäß lässt danach die Aufmerksamkeit nach. Daraus ergibt sich die ungefähre Redezeit pro Person, die wir gleich zu Beginn bekanntgeben. Die sprechende Person genießt die volle Aufmerksamkeit aller. Diskussionen vermeiden wir, sie würden nur den Raum einnehmen, den wir auch schüchternen Teilnehmenden zugestehen wollen. Bei ihnen kann das Nachfragen Lebendigkeit und Öffnung bringen.
Die Reihenfolge kann sowohl im Kreis herum sein als auch in der Form, dass das Wort an eine Person nach Wahl des oder der gegenwärtig Sprechenden weitergegeben wird. Das kann von der Weitergabe eines Gegenstands begleitet sein, der die Berechtigung zum Sprechen symbolisch unterstreicht. Es kommt auch vor, dass jemand schweigen möchte, was akzeptiert wird. Im Holon-Café in Luino gibt es auch einen Úleeren Stuhl‡, an den das Wort übergeben werden kann. Dann herscht einen Moment lang Stille, um in sich gehen oder jemandem geistige Energie zu senden.
Häufig wird auch auf persönliche Angebote wie Veranstaltungen und Gruppenangebote hingewiesen, und es werden Dokumentationen und Prospekte ausgetauscht. Dies sollte jedoch erst nach Vollendung der Vorstellungsrunde im kleineren Kreis der am Thema Interessierten stattfinden.
Dann können auch Unterschriftenbögen zu Iniativen herumgereicht werden und sich Gruppierungen bilden, die sich unabhängig von "Mama" Holon mit Themen wie geistiges und spirituelles Wachstum, Meditation, Therapie, Währungssysteme, Tauschkreise, Friedensarbeit in Schulen, holistische Erwachsenenbildung, künstlerischem Ausdruck, Theater usw. beschäftigen.
Wenn Teilnehmende dieser verschiedenen Gruppierungen im Holon-Café von ihren Erfahrungen erzählen, entstehen fortlaufend Querverbindungen und die Lust auf Zusammenarbeit.
Wir haben oft ein Absinken der Aufmerksamkeit oder gar Unruhe beobachtet, wenn in der Vorstellungsrunde philosophische oder theoretische Auslegungen Raum einnahmen. Deshalb legen wir Wert darauf, über persönliche Erfahrungen und die eigene Befindlichkeit zu sprechen.
Wenn dies nicht geschieht, sollte die moderierende Person intervenieren. Das braucht Mut und kommunikatives Geschick. Wir lernen dabei auch, mit Emotionen kreativ umzugehen und unsere Wünsche so einzubringen, dass wir am Schluss sagen können: "Es hat sich gelohnt, da zu sein." Dies ist vielleicht das Geheimnis des Erfolgs, der sich daran ablesen lässt, wieviele beim nächsten Treffen wieder dabei sind.
In Lugano sind wir regelmäßig 12 bis 20 Teilnehmende, in Luino 20 bis 30 (bei dieser Personenzahl lässt selbst nach drei Stunden der Aufmerksamkeitspegel kaum nach). Es ist sehr interessant, Holon-Cafés an verschiedenen Orten zu besuchen. So entstehen auch Synergieeffekte über Regionen und Landes- und Sprachgrenzen hinweg.
Im Anschluss an die Vorstellungsrunde können eingeladene Gäste eine NGO, ein soziales oder kulturelles Projekt vorstellen.
Während des Holon-Cafés lassen wir eine Adressliste herumgehen, in die sich alle eintragen können. Die Person, die das Protokoll mit den Veranstaltungsangeboten und den Wünschen der Suchenden erstellt hat, versendet es zusammen mit der Adressenliste per E-Mail an die Teilnehmenden. Wer über keine Mailadresse verfügt, kann einen adressierten und frankierten Briefumschlag hinterlassen und bekommt dann einen Ausdruck per Post zugestellt.
Besucher vergangener Holon-Cafés, die nur sporadisch teilnahmen, erhalten ein reduziertes Protokoll, das nur auf konkrete Angebote bezogene Adressen, aber keine vertraulichen Angaben enthält, vorausgesetzt, sie haben ihre Mailadresse hinterlassen.
Wo, wie, wann?
Der Versammlungsort sollte zentral gelegen und mit dem öffentlichen Verkehr gut erreichbar sein.
Wir in Lugano haben es lange Zeit vorgezogen, das Treffen in einem ruhigen, rauchfreien Restaurant abzuhalten. Das hatte auch den Vorteil, dass keine Raummiete anfiel und man sich auch schon eine Stunde vor Beginn zu einem gemeinsamen Imbiss einfinden konnte.
So hatten wir jeweils am letzten Montag der ungeraden Monate einen runden Tisch reserviert.
Neuerdings haben wir gegen ein bescheidenes Entgelt im gleichen Restaurant einen Raum zu Verfügung, der es uns erlaubt, auch mal einen Kreistanz oder eine Meditation durchzuführen oder zu singen, ohne andere zu stören.
Der zeitliche Abstand von zwei Monaten hat sich bewährt, um die Dinge reifen und wirken zu lassen.
Mitwirkendes Gestalten fördert den Zusammenhalt. Deshalb ist es wünschenswert, die Rollen (Moderation, Protokollerstellung und -versand) im Kreis einiger engagierter Personen weiterzugeben.
Im Anschluss an die Holon-Zusammenkünfte wurden Luca (aus Luino), Bruno (aus Padova) und Willi (aus Lugano) von Silvana nach Bozen eingeladen, um in ihrer Gruppe, die sich mit holistischem Wachstum beschäftigt, Vorträge und Workshops zu halten.
Silvana hat mit ihrer Open-Space-Anleitung zum vollen Erfolg des ersten italienischsprachigen Holon-Treffens (vergleichbar mit der Zukunftswerkstatt im deutschsprachigen Raum) im vergangenen September in Montespertoli bei Florenz beigetragen. Dabei bildete sich eine Arbeitsgruppe mit Nives (einem langjährigen Holon-Mitglied aus Umbrien), Daniela (von Sinergie aus La Spezia), Maurizio (von Le reti di Kilim in Firenze) und Luca (aus Luino), die nun das italienischsprachige Holon-Grundlagenpapier gemäß den Ergebnissen des Treffens von Montespertoli überarbeiten.
Zudem berufen wir uns auch weiterhin auf die Gedanken der Beaulieu-Bewegung, die in die frühen Holon-Grundlagen einflossen.
Holon-Netzknoten-Tage
In den vergangenen Jahren haben sowohl im Tessin als auch in Italien mehrere Netzknoten-Tage stattgefunden. Sie erlauben uns, das Interesse an den Aktivitäten der TeilnehmerInnen des Holon-Cafés mit einer konkreten Erfahrung zu erweitern. Die Vertrautheit wurde durch das gemeinsame Erleben während mehrerer zweistündiger Workshops, die von Cafè-TeilnehmerInnen angeleitet wurden, intensiviert.
Im Netzwerk Holon ist die Bandbreite von Ansichten so weit gefächert wie in unserem gesellschaftlichen Umfeld. Dies ruft unweigerlich Spannungen hervor. Das Teilen unseres Erlebens trägt dazu bei, diese zu überwinden. Das kann nur geschehen, wenn wir einander Zeit und Aufmerksamkeit schenken und indem wir ganz anwesend sind.
Die Workshops sind unentgeltlich. Nur wenn wir Räumlichkeiten mieten oder übernachten, ist eine finanzielle Beteiligung erforderlich. Wenn wir uns in privaten Räumen treffen, bringen alle etwas zum gemeinsamen Essen mit.
Mitgliedsbeiträge
Die leidige Kostenfrage der Vergangenheit hat sich in Nichts aufgelöst.
Da wir im italienischen Holon-Netzwerk keinen Vereinsstrukturen unterliegen, haben wir überlegt, in welcher Form wir unseren Beitrag leisten könnten und sind auf eine verblüffend einfache Lösung gestoßen. Wir schenken uns einander. Alle sind frei, von dem zu geben, was sie haben, sei es Zeit, Geld, Gesang, Musik, Kunst, Workshopangebote, technisches oder spirituelles Know-How, Hände zum Anpacken oder Heilen, Rituale, Gebete, ein offenes Haus oder liebevoll zubereitete Speisen.
Literatur: Willi Maurer: „Zugehörigkeit. Der verpasste Augenblick – ist er nachholbar?“, 2000, Selbstverlag.
Willi Maurer: „Mère et bébé l’un contre l’autre. Du processus d’attachement à l’appartenance sociale», 2004, Edition Le Souffle d’Or.
Silvana Martuscell, Arno Teutsch: „Die Kreativen Felder – Das Abenteuer der Veränderung“.
Info dazu: www.ecolnet.org, sic.ines.org.
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