Der Schweizer Ökonom Hans-Peter Studer zeigt Perspektiven einer humanen, solidarischen und nachhaltigen Ökonomie
Das Maß eines erfüllten Lebens zu finden ist eine der größten Herausforderungen des neuen Jahrtausends. Wenn wir Werte ins Zentrum unseres Denkens und Handels stellen, die der Gemeinschaft und dem Leben dienen, werden wir eine nachhaltige Zukunft erleben.
Die Attentate vom 11. September haben nicht nur die Türme des World Trade Centers zum Einsturz gebracht, sondern auch die blinde Fortschritts-euphorie der westlichen Welt. Auch die Flutkatastrophe im indischen Ozean hat uns unsere bleibende Abhängigkeit von der Natur drastisch vor Augen geführt.
Selbst in den Hochburgen der globalisierten Wachstumswirtschaft sind viele nachdenklich geworden und beginnen wieder, nach dem Sinn ihres Tuns und nach dem Wohin einer Entwicklung zu fragen, die die Menschheit vor laufenden Fernsehkameras an nie für möglich gehaltene Abgründe geführt hat. Und während die egozentrische Reaktion des amerikanischen Präsidenten auf den 11. September mit seinem Kampf gegen den Terror leider nur noch mehr Terror, Hass und Gewalt hervorbrachte, hat die Flutwelle in Südostasien zu einer nie gekannten Welle der Hilfsbereitschaft geführt. Sie hat das Bewusstsein gefördert, dass wir als Menschheit eine Schicksalsgemeinschaft bilden, in der wir uns als Einzelne wieder auf das besinnen müssen, was uns im Leben wirklich wichtig ist.
Gier und Eigennutz als Antrieb?
Jeder soll möglichst ungehindert seinen eigenen Nutzen verfolgen können, dann kommt das allen zugute – so lautet das Credo der freien Marktwirtschaft seit mehr als 200 Jahren. Es ist längst zum nicht mehr hinterfragten Dogma geworden, das mit der Deregulierung und Globalisierung neue Urstände feiert. Vor rund 70 Jahren hat der berühmteste Ökonom des vergangenen Jahrhunderts, John Maynard Keynes, die menschliche Selbstsucht eine der abstoßendsten Eigenschaften genannt und es als widerliche Krankheit bezeichnet, dass wir sie als Antriebskraft für die wirtschaftliche Entwicklung in den Rang einer der höchsten Tugenden erhoben haben. Allerdings war er der Meinung, wir müssten uns und allen anderen noch mindestens weitere hundert Jahre täuschen, „denn hässlich ist nützlich und schön unnütz. Geiz, Wucher und Misstrauen müssen noch für eine kleine Weile unsere Götter sein.“
Es scheint mir heute an der Zeit, nicht nochmals dreißig Jahre abzuwarten, um das zu ändern. Wir -sollten uns eingestehen, dass ausgerechnet wir im sich christlich nennenden Abendland Werte ins Zentrum unserer Wirtschaft und Gesellschaft gestellt haben, die dem diametral widersprechen, was uns der Begründer unserer Religion seinerzeit gelehrt hat. Wir sammeln die Schätze nur noch dort, wo sie Motten und Rost – und neuerdings auch die Börsenkurse – zerfressen. Wir haben unser ganzes Trachten und Tun fast ausschließlich auf die materielle Bedürfnisbefriedigung ausgerichtet und uns damit ein System geschaffen, das zwingend darauf angewiesen ist, dass wir immer noch mehr konsumieren und nie genug haben – weil es sonst nämlich zusammenbrechen würde. Wir haben den Stärkeren in sein Recht gesetzt und die Schwächeren ihrem eigenen Schicksal überlassen – bei uns und vor allem in der Dritten und Vierten Welt. Wir haben die Natur als unsere Mitwelt und Lebensgrundlage zum beliebig benutzbaren Material degradiert, das erst durch die wirtschaftliche „Veredelung“ einen Wert erhält.
Vom Haben zum Sein und zum Sinn
Am Beginn des dritten Jahrtausends nach Christus stehen wir vor der großen Herausforderung, diese grundlegenden Fehler überhaupt zu erkennen und unsere Wirtschaft und Gesellschaft auf eine neue, zukunftsfähige Basis zu stellen. So ungewohnt das heute klingen mag, auch unseren wirtschaftlichen Tätigkeiten sollten wir für die Zukunft jene Werte zugrunde legen, die dem Leben dienen: das Miteinander, das Maß, die Bescheidenheit, die Rücksichtnahme, die Gerechtigkeit, die Liebe und die Freude am eigenen Tätigsein.
Mit anderen Worten, wir dürfen unser Wirtschaften nicht mehr länger auf Trieben wie Eigennutz, Neid, Konkurrenz, Hass und Gier aufbauen – mit der zwangsläufigen Folge, dass sie in und um uns immer größeren Raum einnehmen. Vielmehr sind wir herausgefordert, jene Werte ins Zentrum auch unseres wirtschaftlichen Handelns zu stellen, die von allen Hochreligionen seit jeher als die positiven und Gott zugewandten bezeichnet werden – mit dem Ziel, wieder in Harmonie mit uns selbst und mit der übrigen Schöpfung zu leben.
Dieser Entwicklungsprozess beginnt bei jeder und jedem Einzelnen von uns. Der Schlüssel dazu liegt in der alten Volksweisheit: „Reich ist, wer viel hat. Reicher ist, wer wenig braucht. Am reichsten ist, wer viel gibt.“ Je mehr wir lernen, zwischen unseren tatsächlichen Bedürfnissen und unseren Begierden zu -unterscheiden, desto freier, unabhängiger und reicher werden wir. Die Begierden haben ihren Ursprung im Haben und im Noch-mehr-haben-Wollen, und sie werden von der Werbung und dem Besitz der anderen ständig geweckt und genährt. Unsere Bedürfnisse jedoch sind im Sein begründet und übersteigen die materiellen Grundlagen unserer Existenz. Sie führen zur Frage nach dem Sinn unseres Lebens. Warum lebe ich überhaupt hier auf dieser Welt? Was will ich in diesem Leben erfahren und bewirken, für was und für wen will ich mich einsetzen?
Sich für das Wichtige einsetzen
Wer sich diese Grundsatzfragen stellt, der erkennt leicht, dass dieser Sinn nicht im Ausleben des eigenen Egoismus und der eigenen Geltungssucht liegen kann. Wir werden den Sinn und damit das Glück in unserem Leben weit eher finden, wenn wir bewusst nach Wegen suchen, wie wir Dinge, die uns wichtig erscheinen, nicht gegen, sondern mit und für andere gestalten können. Nicht der finanzielle Profit, sondern Kreativität, zwischenmenschliche Beziehung und Liebe werden dabei im Zentrum stehen – die Liebe zu uns selbst, zu unseren Mitmenschen und zu unserer Mitschöpfung.
„Das klingt wohl wunderschön“, mögen Sie vielleicht einwenden, „aber es ist doch in unserer egoistischen Konkurrenzwelt höchstens im Rahmen eines ehrenamtlichen Engagements möglich.“ Stimmt das wirklich? Es gibt heute schon viele Menschen, die sich im Rahmen einer bezahlten Tätigkeit für etwas engagieren, das ihnen wichtig ist und ihrem Leben Sinn und Befriedigung gibt. Vielleicht verdienen sie damit weniger als andere, aber sie haben wahrscheinlich auch gelernt, weniger zur brauchen und viel zu geben. Sie sind damit reicher als die, die nur viel haben. Je mehr die Zahl der Menschen wächst, die den Mut gefunden haben, über den Schatten ihrer Begierden und Emotionen zu springen und ihre Bedürfnisse eines sinnerfüllten Lebens ins Zentrum ihres Denkens und Handelns zu stellen, desto rascher wird sich auch die heutige Wirtschaft wandeln – von der Konkurrenz zur Kooperation, vom Wachstumszwang zu einer Entwicklung mit Maß, vom Gigantismus zur Überschaubarkeit und vom Selbstzweck zum Mittel der Befriedigung grundlegender Lebensbedürfnisse. Gerade der Markt ist eigentlich ein optimaler Ort der Begegnung, des Dienens, des Miteinanders und des Übens von Gerechtigkeit. Die falschen Motive und Ziele unseres wirtschaftlichen Handelns haben ihn zu einem Abgrund des Übervorteilens, der Machtausübung und der Gier verkommen lassen. Es steht uns frei, dies zu verändern – als Einzelne und als Organisationen.
Neue Institutionen und Regeln
Auf der Basis des persönlichen Beispiels und Vorbilds kann dieser Transformationsprozess hin zu einer Maßwirtschaft der Lebensfülle dadurch gefördert und verstärkt werden, dass wir auch unsere gesellschaftlichen Institutionen und Regelungen überdenken und gegebenenfalls ändern.
Diese Institutionen und Regeln bestimmen und prägen die Wirtschaft und stehen in enger Wechselwirkung zum Verhalten der einzelnen Mitglieder einer Gesellschaft. Ähnlich wie Spielregeln beim Sport schaffen sie einen Rahmen für die individuellen -Strategien und Verhaltensweisen und bestimmen darüber hinaus den Charakter des Spiels. Ein banales Beispiel: Wenn der Ball nur mit den Händen gespielt werden darf, ergibt sich ein ganz anderes Spiel, als wenn die Grundregel lautet, dass der Ball mit allen Körperpartien außer den Händen gespielt werden darf.
Wichtig ist natürlich auch, die Spielregeln so festzulegen, dass sie die gewünschte Wirkung entfalten und auch auf allgemeine Akzeptanz stoßen. Dies ist umso wichtiger, wenn bestehende Regeln verändert werden. In einer kleinen Gruppe erfolgt eine solche Veränderung am besten nach dem Konsensprinzip und in einer größeren gesellschaftlichen Gruppe nach dem Demokratieprinzip, welches die Einsicht und das Einverständnis zumindest der Mehrheit voraussetzt.
Nicht außer Acht lassen dürfen wir zudem, dass eine substanzielle Veränderung der gesellschaftlichen Grundregeln Zeit und Geduld benötigt und dass sich in einer Zeit des Wandels gerade jene Kräfte, deren Zeit eigentlich abgelaufen ist, nochmals vehement zu Wort melden und ihre Machtmittel einsetzen.
Die Stimme der Natur und der Ungeborenen
Gefördert wird der Prozess des kollektiven Bewusstseinswandels, indem wir geeignete Instrumente und Institutionen dafür schaffen. Die Schweiz basiert auf einer langen Tradition der direkten Demokratie. -Diese hat sich bewährt und findet international zusehends Beachtung und vereinzelte Nachahmung. Sie muss vor den zunehmenden Einflüssen geldbestimmter Interessen geschützt und weiter ausgebaut werden.
Eine wichtige und attraktive Möglichkeit dafür stellen Zukunftsräte dar. Sie können auf regionaler, natio-naler und internationaler Ebene institutionalisiert werden. Ihre gewählten Mitglieder haben die Hauptaufgabe, die Bedürfnisse unserer natürlichen Mitwelt und diejenigen kommender Generationen mit in Rechnung zu stellen und der Zielsetzung einer lebenswerten, nachhaltigen Zukunft jenseits kurzfristiger wirtschaftlicher Interessen eine politische Stimme zu geben.
Eine zentrale Grundvoraussetzung einer zukunftsfähigen Wirtschaft und Gesellschaft besteht darin, der Natur als unserer Lebensgrundlage ihren Eigenwert zurückzugeben und ihre beliebige Nutzung bewusst zu beschränken. Zu diesem Zweck werden wir das heute noch vorherrschende Eigentumsrecht überdenken müssen. Es darf künftig nicht mehr einer grundsätzlich unbeschränkten und unbegrenzten Verfügungsgewalt über Sachen gleichkommen, sondern sollte entsprechend der allemannischen Tradition wieder im Sinn eines Nutzungsrechts ausgestaltet werden.
So ist auch der Preis entscheidend, den wir unserer natürlichen Mitwelt geben. Falls wir ihn nicht mehr allein dem Spiel von momentanem Angebot und momentaner Nachfrage überlassen, sondern ihn zum Beispiel mit einem Ökobonus ergänzen, können wir der willkürlichen und kurzsichtigen Übernutzung der Natur einen zusätzlichen Riegel vorschieben.
Neues Geld und neue Geldschöpfung
Vor allem aber werden wir gemeinsam Zukunftsakzente setzen müssen, die beim Geld selber ansetzen. Das Geld, wie wir es heute kennen, wird immer gegen eine Schuld in Umlauf gesetzt. Das heißt, es muss stets ein Zins darauf bezahlt werden, der umso höher ist, je weniger kreditwürdig ein Gläubiger ist. Dies führt einerseits zu einem Wachstumszwang, denn neben dem Kredit müssen auch der Zins und die Zinseszinsen zurückbezahlt werden, und andererseits zu einer Umverteilung.
Diese ist um so gigantischer, je mehr Güter und Dienstleistungen auf kapitalintensive Weise produziert werden. So bezahlen wir heute in den westlichen Ländern mit unseren Mieten und den Produkten, die wir täglich kaufen, im Durchschnitt schätzungsweise bereits 30 Prozent Zinsen an diejenigen, die Kapital zur Verfügung gestellt haben, um diese Produkte herzustellen, zu transportieren und zu lagern. Ein kleiner Teil der Bevölkerung, der sein Geld „arbeiten“ lassen kann, wird in der Folge – ohne einen Finger zu rühren – auf Kosten aller anderen ständig reicher.
Auch das werden wir überdenken müssen. Wir können es dadurch verändern, dass wir zunächst Komplementärwährungen einführen und fördern, die möglichst beim Tauschakt selber entstehen. Bei ihnen dient das Geld dem Tausch und nicht der Vermehrung. Aber auch unsere herkömmlichen Währungen werden wir so transformieren müssen, dass ihre Schöpfung aus dem Nichts erstens in vollem Umfang der Allgemeinheit und nicht privaten Banken zugutekommt und zweitens mit einem inneren Anreiz verbunden wird, dieses Geld nicht zu horten, sondern umlaufen zu lassen.
Schließlich werden wir auch mit geeigneten verfassungsrechtlichen Rahmenbedingungen dafür sorgen müssen, dass wirtschaftliche Leistungen nicht mehr beliebig mit Geld- und Gewinnstreben gekoppelt werden. Sonst verkommen sie zum blinden Eigennutz. Künftig sollte die Eigeninitiative im Zentrum unserer wirtschaftlichen Tätigkeiten stehen, die nur bedingt mit Geld und geldwerten Interessen zu tun hat.
Auch aus Gründen der Gerechtigkeit wird ein wichtiges Merkmal einer Maßwirtschaft der Lebensfülle darin bestehen, die Bandbreiten der Einkommen und Gewinne auf ein geeignetes, gesellschaftlich zu vereinbarendes Maß zu beschränken – verbunden mit der Möglichkeit, überschüssige Erträge an andere verschenken zu können. Auf diese Weise wird einerseits jedem Mitglied der Gesellschaft eine minimale Existenz garantiert. Andererseits wird die Möglichkeit klar begrenzt, außer über Zinsen auch über Kapitalerträge und Spekulations-gewinne, Monopolrenten und Patentgebühren oder mittels überhöhter Arbeitsentschädigungen leistungslose Einkommen und Gewinne zu erzielen.
Diese Bandbreiten zwischen garantiertem Grundeinkommen einerseits und Maximaleinkommen und gewinnen andererseits werden zweckmäßigerweise in der Verfassung des betreffenden Landes festgeschrieben. Sie werden zu einer wieder stärker regionalisierten und auf die tatsächlichen Bedürfnisse der Menschen ausgerichteten Wirtschaft führen und können zusätzlich mit Anpassungen des Erbrechts sowie einer konsequent progressiven Vermögensbesteuerung ergänzt und in ihrer Wirkung unterstützt werden.
Der Markt und die Gemeinschaft
Zu guter Letzt werden wir auch beachten müssen, dass sich nicht alle gesellschaftlich notwendigen und sinnvollen Leistungen über den Markt abdecken lassen. Das ist zum Beispiel dort der Fall, wo Leistungen im familiären und nachbarschaftlichen Bereich erbracht werden oder wo im ökologischen oder sozialen Bereich Abnehmer fehlen oder über zu wenig Kaufkraft verfügen.
Die Subsistenzwirtschaft im Sinn der Selbstversorgung wieder zuzulassen und zum Beispiel über steuerliche Anreize zu fördern, wird deshalb eine weitere Zielsetzung einer am Maß und an der Lebensfülle orientierten Wirtschaft der Zukunft sein. Zudem wird es darum gehen, einen Dienst an der Allgemeinheit sowohl auf freiwilliger als auch auf obligatorischer Basis einzuführen und auf geeignete Weise – zum Beispiel über Komplementärwährungen und ein garantiertes Grundeinkommen – zu entschädigen.
„Die Erde bietet genug, um die Bedürfnisse jedes Menschen zu befriedigen, nicht aber seine Gier“, hat Mahatma Gandhi einst gesagt. Vor dem Hintergrund der apokalyptischen Wahnsinnstaten in Amerika ist es an der Zeit, uns auf diese Erkenntnis zu besinnen. Wir sind herausgefordert, selber und als Gemeinschaft diejenigen Schritte zu wagen, die allen Menschen auf unserem Planeten ein sinnerfülltes, würdiges und kreatives Leben ermöglichen und uns wieder in Harmonie mit uns selbst und mit der übrigen Schöpfung bringen. ´
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