Ein Widerspruch zum Kapitalismus mit Perspektive? Erfahrungen und Gedanken von Uli Barth
Bekannt geworden ist die Kommune Niederkaufungen durch ihre ganz andere Art zu wirtschaften. Über 50 Erwachsene teilen ihren Besitz, verteilen das gemeinsame Einkommen nach den Bedürfnissen der Einzelnen, achten darauf, dass Arbeit, Produkte und Dienstleistungen sozial- und umweltverträglich sind – und das mittlerweile seit 18 Jahren.
Die Idee, in einem Projekt wie unserem keine individuelle Ökonomie zu betreiben, sondern in einer wie auch immer gearteten gemeinsamen Form zu wirtschaften, entstand aus einer Kritik an den kapitalistischen Verhältnissen in unserer Gesellschaft.
Die Kommune hatte nie den Anspruch, eine autonome Insel zu werden. Wir wollten immer mit der „Restgesellschaft“ im Austausch bleiben, was gerade auch wirtschaftliche Beziehungen umfassen sollte. Insofern agieren unsere Arbeitsbereiche in der Regel nach innen und außen, und neben der Selbstversorgung produzieren wir auch für den regionalen Markt. Gemeinsame Ökonomie umfasst für uns deswegen folgende Aspekte:
Gemeinsam solidarisch arbeiten
-Unsere Arbeitsbereiche sind kollektiv strukturiert, es gibt keine Chefs. In der Praxis zeigt sich, dass dieses Ideal immer wieder neu zu erarbeiten ist und nicht einfach durch eine einmalige Willensbekundung umgesetzt werden kann. Es gibt Hierarchien, aber es gibt keine Macht im Sinne von Max Weber, dessen Machtdefinition besagt, dass jemand andere gegen ihren Willen zu etwas zwingen kann. Aus einer bestimmten Stellung im Sozialgefüge der Gruppe können keine Sonderrechte abgeleitet werden. Es gibt keine Herrschaftsmacht, wohl aber unterschiedliche Kompetenzen, die nicht negiert werden können. Es gibt Gestaltungsmacht: Wer etwas tut, hat die Möglichkeit zu gestalten, wobei hier die Grenzen immer wieder neu gefunden werden müssen. Einerseits kann nicht jeder Spatenstich von der gesamten Gruppe beschlossen werden, andererseits sollte niemand in die Freiheiten anderer hinein gestalten – ein anstrengender, permanenter Prozess.
-Strukturell ist die Trennung der Geschlechter im Produktions- und Reproduktionsbereich aufgehoben. Damit ist unsere geschlechtsspezifische Sozialisation aber noch nicht überwunden. Zum Beispiel kümmern sich im Durchschnitt die Männer mehr um die Technik, Frauen haben höhere Ansprüche im sozialen und häuslichen Bereich.
-Bei uns hat die Wirtschaftlichkeit nicht die absolute Priorität. Soziale Beziehungen sind wichtig, alle sollen sich persönlich und fachlich weiterentwickeln können, auch wenn es sich nicht „rechnet“. Betriebliche Notwendigkeiten stehen zum Beispiel mit der Kindererziehung in Konkurrenz, unsere Handwerker gehen erst in die Werkstatt, wenn die Kinder versorgt sind. Viele Reproduktionsarbeiten wie z.B. Spül- und Putzdienste sind auf alle verteilt und müssen nicht von denen erledigt werden, die sowieso nichts „Besseres“ zu tun haben. Andere Reproduktionsarbeiten, z.B. Kochen und Vorratshaltung, sind ebenso anerkannte Arbeitsbereiche wie die Produktionsarbeit.
-Die wahre Macht in unseren Arbeitsbereichen hat die Gruppendynamik, mit ihr steht und fällt alles. Dabei versuchen wir, uns diesbezüglich nicht als Opfer zu begreifen, sondern den Prozess zu gestalten, z.B. durch Supervision, Klausurtage und ausführliche Arbeitsbesprechungen.
Gemeinsamer Besitz
Ein Aspekt der gemeinsamen Ökonomie ist der Wunsch nach gemeinsamem Besitz an Grund und Boden, Gebäuden und Produktionsmitteln. Die Trennung von Kapital und Arbeit soll überwunden werden. Damit wird der Herrschaftsaus-übung und Ausbeutung durch das Eigentum, wie sie in der Gesellschaft üblich ist, begegnet. Die Verfügungsgewalt über die materielle Basis des Projekts liegt beim Kollektiv und nicht mehr bei Einzelnen. Beim Eintritt in die Kommune wird das private Vermögen (Sparguthaben, Aktien, Immobilien – keine Gebrauchsgegenstände) kollektiviert. Dabei ist das Vermögen kein Einstiegskriterium, es werden auch Menschen ohne Einstiegskapital aufgenommen. Für den Ausstieg machen die einzelnen KommunardInnen Verträge mit der Gruppe über die Höhe der Geldsumme, die sie beim Ausstieg mitnehmen wollen. Wir versuchen dabei, uns an den Bedürfnissen zu orientieren.
Gemeinsame Kasse
Ein weiterer Aspekt der gemeinsamen Ökonomie liegt im Umgang mit den laufenden Einnahmen. Die in der Gesellschaft erzielbaren Einnahmen folgen Prinzipien, die nicht akzeptabel sind. Arbeit wird nach Kriterien belohnt, die ungerecht und nicht nachvollziehbar sind, bis hin zur Nichtbezahlung riesiger Bereiche (Reproduktion, Haushalt, Erziehung, Pflege ...). Gemeinsame Ökonomie versucht diesen Missstand innerhalb des Projekts auszugleichen.
In der Kommune Niederkaufungen geht jegliches Einkommen in die gemeinsame Kasse. Wir versuchen, das Ideal „JedeR arbeitet nach seinen/ihren Fähigkeiten, -jedeR bekommt nach ihren/seinen Bedürfnissen“ zu leben. Die Bindung der Konsummöglichkeiten an die individuelle Leistung ist aufgehoben. Die Kopplung zwischen Konsumrecht und Leistung hat zwar auch in der Gesellschaft nichts mit der Realität zu tun und ist lediglich eine ideologische Verkleisterung der Verhältnisse. Wir lehnen eine normative Verbindung von Konsum und Leistung ab. Wir erkennen die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse an und wollen keine Gleichmacherei, wie etwa gleiches Taschengeld für alle. Wir sind uns bewusst, dass die individuelle Leistung nicht nach objektiven Kriterien zu messen ist, dass Konsummöglichkeiten nicht der zentrale Angelpunkt des Glücks sind und dass unbefriedigende Arbeits- oder Lebensverhältnisse eventuell mit Konsum kompensiert werden, auch in der Kommune. Wir wissen, dass befriedigende Arbeits- und Lebensverhältnisse bestimmte Konsumbedürfnisse gar nicht erst aufkommen lassen. In der Kommune Niederkaufungen geben die „Ausgiebigsten“ vielleicht zehnmal mehr aus als die Sparsamsten. Die Frage, unter welchen Bedingungen das dauerhaft funktionieren kann, müsste ausführlich untersucht werden. Funktioniert das nur, wenn ein Mindestmaß an finanzieller Ausstattung vorhanden ist? Wie unterschiedlich dürfen die KommunardInnen in ihrem Ausgabe-, Einnahme- und Arbeitsverhalten sein, gibt es Grenzen des Erträglichen, und wovon hängen sie ab? Bislang steht nur fest: Die Abschaffung dieser Prinzipien steht auch nach 18 Jahren Praxis nicht an! Diese ist nicht immer konfliktfrei, und gewiss stellt sich für Einzelne heraus, dass sie persönlich diese Prinzipien nicht dauerhaft leben können bzw. wollen. Dies kann dann ein Grund für einen Ausstieg werden, weil in der Kommune nur Menschen wohnen können, die an der gemeinsamen Ökonomie teilnehmen. Insofern ist diese Art der gemeinsamen Ökonomie für Einzelne auch schon gescheitert, als System lebt sie bei uns weiter.
Ein schwieriger Aspekt der gemeinsamen Ökonomie ist weniger offensichtlich. Zur Ökonomie gehört nicht nur das Geld, das hinein- und herausfließt, sondern auch der Aufwand, der betrieben wird, um den Geldfluss zu erzeugen. Abgesehen von der gesellschaftlich üblichen ungerechten Bewertung, liegt eine weitere Ungleichheit auch darin, wieviel Aufwand das Individuum leisten muss, um einen bestimmten Erfolg zu erzielen. Wenn eine Person mit drei Stunden Aufwand das gleiche Ergebnis erzielt wie eine andere Person mit 20 Stunden, muss dazu eine Umgangsweise gefunden werden, die solidarischen Ansprüchen genügt.
Ein wesentliches Strukturmerkmal einer gemeinsamen Ökonomie ist deswegen die Bereitschaft zur Auseinandersetzung über das ökonomische Verhalten. Um diese Aus-einandersetzungen sinnvoll führen zu können, ist die Transparenz der Vorgänge eine wichtige Voraussetzung.
Die Grenzen
-In der Kommune ist der Widerspruch zwischen Kapitalakkumulation und Konsumbedürfnis, der in der kapitalistischen Gesellschaft zwischen unterschiedlichen Akteuren ausgehandelt werden muss, ein Problem, das zwischen gleichberechtigten Individuen auszuhandeln ist. Die notwendige Ansammlung von Kapital ist in einer basisdemokratischen Gruppe von Gleichberechtigten schwierig. Ökonomischer Sachverstand ist kein Allgemeingut, und doch müssen Investitionsentscheidungen bzw. Entscheidungen zum Ansparen im Konsens entschieden werden, weil wir kein Privateigentum an Vermögen haben wollen - wohingegen Konsumausgaben individuell entschieden werden.
-Die Kapitalbasis von Projekten ist immer (sehr) dünn, die Ausgangsbedingungen sind daher in aller Regel schlecht. Dies hat auch zur Konsequenz, dass die solidarische Ökonomie keine Zugangsmöglichkeiten zu kapitalintensiven -Sektoren hat. Gesellschaftlich nimmt die Kapitalintensität in allen Bereichen zu, insofern ist der Trend nicht unbedingt günstig für die solidarische Ökonomie.
-In personalintensiven Bereichen hat die solidarische Ökonomie bessere Chancen, allerdings bekommt sie auch da zusätzliche Probleme, wenn das Lohndumping weiter verschärft wird. Auch hier zeigt sich, dass solidarische oder regionale Ökonomie nicht losgelöst von den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen gesehen werden kann.
-Die solidarische Ökonomie existiert vielfach in Nischen, dieser Zustand birgt Gefahren, weil Nischenexistenzen immer bedroht sind. Große, diversifizierte Projekte, wie die Kommune Niederkaufungen haben bessere Chancen als kleine, weil nicht alle Nischen gleichzeitig bedroht sind.
-Die Ökonomie vieler Gruppen basiert auf äußerem Geldzufluss aus Vermögen, Staatsgeldern (in Form von Sozialhilfe oder Arbeitsamtsgeldern, Renten), Spenden (von reichen Eltern oder einem solidarischen Umfeld) und Arbeitsverhältnissen in der kapitalistischen Ökonomie.
-Im Kapitalismus unterliegen alle den Rahmenbedingungen, die das Kapital vorgibt. Erfolgreiche Betriebe einer solidarischen Ökonomie sind nicht per se davor geschützt, aufgekauft oder zu Tode konkurriert zu werden.
-Die „Erfolgreichen“ in der Kommune steigen leichter und eher aus, als die weniger „Erfolgreichen“.
-Es gibt häufig Projekte der solidarischen Ökonomie, bei denen der Überlebenskampf so kräftezehrend ist, dass für gesellschaftliche Wirkung keine Energie mehr frei ist.
Die Möglichkeiten
-In gesellschaftlichen Krisensituationen überlebt man in einer solidarischen Gemeinschaft einfacher als alleine.
-Die Kommune reduziert Konsumnotwendigkeiten durch befriedigendere Arbeitssituationen, mehr soziale Kontakte und weniger sozialen Konsumzwang.
-Die Kommune macht den Konsum effektiver. Gemeinsame Nutzung statt einsamem Besitzen hat neben ökonomischen auch ökologische Vorteile.
Eine solidarische Ökonomie kann den Kapitalismus nicht überwinden, sie kann aber Potenzial freisetzen für den politischen Kampf. Aspekte dieses Potenzials könnten sein:
-das individuelle, bessere Leben der Mitglieder,
-ökologisch und sozial sinnvolle Produkte/Leistungen,
-das praktische Aufzeigen von Alternativen zur individualistischen und kapitaldurchdrungenen Lebensweise,
-die Unterstützung neuer, gleichartiger Projekte, politischer Aktionen und Kämpfe
Die solidarische Ökonomie ist für die Beteiligten und auch das nähere Umfeld von unschätzbarem Wert und kann die Prozesse für eine Systemveränderung fördern. ´
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