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Zukunftsstadt Auroville
erschienen in Ausgabe 137  PDF-Version (176.37 KB)
Ein Bericht von Wolfram Nolte

Auroville ist eine wachsende Stadt an der Coromandel Coast in Südindinen, nahe Pondicherry. Sie ist für 50000 Menschen aus aller Welt geplant. Zur Zeit leben dort ca. 1700 Menschen aus etwa 30 Nationen in ca. 100 gemeinschaftlichen Siedlungen unterschiedlicher Größe und Art, umgeben von tamilischen Dörfern, in denen 35000 Menschen leben. Ihre Aktivitäten sind Aufforstung, organische Landwirtschaft, Entwicklung angemessener Technologien und Architektur, Verbesserung des Erziehungs- und Bildungswesens, Aufbau kleinerer und mittlerer Unternehmen, eine eigenständige Stadtplanung samt Wasser- und Energieversorgung, selbstbestimmte Verwaltung sowie Kultur- und Gemeinschaftsaktivitäten.

Auroville wurde 1968 aufgrund einer Vision von Sri Aurobindo als kollektives Experiment ins Leben gerufen, das der menschlichen Einheit und dem gegenseitigen Verstehen der Völker dienen soll. Die „Stadt der Morgendämmerung“ sollte ein Ort für Menschen aus aller Welt werden, wo ihre Beziehungen untereinander, die gewöhnlich von Wettbewerb und Kampf bestimmt sind, sich in Beziehungen der Unterstützung, der Zusammenarbeit und realer Geschwisterlichkeit verwandeln. Dieses Experiment wurde bereits von der indischen Regierung, von der UNESCO und von zahlreichen Organisationen in aller Welt unterstützt.
Die Flutkatastrophe ist auch für Auroville eine große Chance, die Verbindungen untereinander und besonders zu den Betroffenen und Benachteiligten zu vertiefen und den Reichtum des Lebens miteinander zu teilen.
Die Menschen von Auroville waren ab dem 26. Dezember sofort im Einsatz, um Obdachlose und Verletzte zu versorgen. Auroville liegt weiter im Landesinnern und ist selbst nicht von der Flutkatastrophe betroffen – außer ein paar kleinen „Ablegern“ an der Küste, die verwüstet wurden.

Erste Hilfe

Die erste Welle des Tsunami brandete am 26. Dezmber um 8 Uhr morgens gegen Pondicherry, die nächstgrößere Küstenstadt. Schon um 9.30 Uhr bildete sich in Auroville ein Team, das sofort handelte. In der Nähe wurde ein Camp aus Zelten und Planen aufgebaut, die die Jugendlichen von Auroville gestiftet hatten. Zwei Wassertanks mit jeweils 5000 Liter wurden installiert und eine Feldküche aufgebaut. Ein Ärzte-Team hielt sich bereit. Zusammen mit tamilischen Jugendlichen sorgten die Bewohner von Auroville dafür, dass alles funktionierte. Um 14 Uhr waren bereits 750 Menschen mit Essen versorgt und 350 Esspakete verteilt worden. Lastwagen, Traktoren und Busse wurden losgeschickt, um Flüchtlinge aufzusammeln. Den ganzen Nachmittag strömten immer mehr Menschen in das Lager. Am Abend wurden weitere 1200 Menschen mit Nahrung versorgt. Decken und Matratzen wurden für die Nacht ausgegeben, denn es war kalt und windig. Als es am nächsten Tag stärker regnete, wurden alle Flüchtlinge in Aurovilles Kuilapalayam Trust Schule umgesiedelt. Hier fanden alle Flüchtlinge in acht Gebäuden und zwei Zelten eine trockene und sichere Unterkunft.

Verwüstete Dörfer an der Küste

Bei einer Erkundung entlang der Küste wurde dem Auroville-Team das ganze Ausmaß der Verwüstung deutlich. Zwölf Dörfer und auch die vier Küstensiedlungen von Auroville waren schwer zerstört. Am schwersten hatte es das Fischerdorf Ganagachettikullam getroffen. Hier verloren 16 Menschen ihr Leben, meistens Alte und Kinder. Die Lehmhäuser am Strand waren völlig zerstört oder einfach weggeschwemmt. Zerbrochener Hausrat und Trümmer blockierten die Wege. Elektrische Kabel lagen umher und sogar die Stufen, die zu einem alten Tempel führten, waren weggebrochen. Hier begann das Auroville-Team sofort, bei den Aufräumarbeiten zu helfen. Es schaffte Werkzeuge herbei, um die Straße wieder frei zu machen und die Versorgung mit Wasser und Elektrizität zu ermöglichen. Die Helfer wurden von den Bewohnern freudig begrüßt, und gemeinsam machte man sich an die Arbeit.

Überleben und Sterben

Am Strand traf das Team Ranjani, ein 18-jähriges Mädchen. Es erzählte seine Geschichte: An jenem schicksalshaften Morgen des 26. Dezember gingen ihr Vater und ihre Mutter auf den Markt, um den Fisch zu verkaufen, den sie in der Frühe gefangen hatten. Sie blieb mit ihrer 3-jährigen Schwester Anusuya zu Hause. Sie machte gerade Frühstück, als ihre kleine Schwester herbeigelaufen kam und sich an ihr Hemd klammerte. Ranjani schaute auf und sah eine riesige Welle auf das Haus zukommen. „Ich kletterte auf einen Stuhl, und als das Wasser meine Schultern erreichte, klammerte ich mich mit einer Hand an einem Dachsparren fest, während ich meine schreiende Schwester mit der anderen festhielt. Nach wenigen Minuten hatte ich kein Gefühl mehr in den Händen und plötzlich sah ich, dass Anusuya verschwunden war.“ Ranjani schrie immer wieder um Hilfe, aber niemand kam. Anusuya wurde wenige Stunden später tot aufgefunden.
So knapp dem Tod entronnen wie Ranjani, empfinden viele ihr Überleben wie ein Wunder und sind gleichzeitig verzweifelt über die vielen Toten.

Wie es weitergeht

Am vierten Tag wurde dem Team bewusst, dass die unmittelbaren Hilfsmaßnahmen in langfristige Aufbauarbeit für die betroffenen Dörfer münden mussten. Zu diesem Zweck wurde ein 50-köpfiges Aufbauteam gebildet und auf die Ressorts Büroorganisation, Finanzmanagement, Einkauf und Beschaffung, Kommunikation, Koordination der Dörfer und Kontakt zu den Behörden aufgeteilt. Hunderte von freiwilligen Helfern standen bereit.
Die Bestandsaufnahme in neun Dörfern rund um Auroville ergab, dass ungefähr 500 Häuser völlig zerstört und mindestens 62 Tote zu beklagen waren. Außerdem waren die Lebensgrundlagen fast aller Familien vernichtet.
Da die Regierung inzwischen die unmittelbare Versorgung der Bevölkerung übernommen hat, will sich das Team um Hilfe beim Wiederaufbau der Häuser, der Haushalte und der Arbeitsmöglichkeiten kümmern. Benötigt werden Baumaterialien, Haushaltsgegenstände, Schulmaterial für die Kinder, Netze und Fischerboote.
Ein Mitarbeiter des Teams appelliert an uns alle: „Wir bitten die Weltgemeinschaft, ihre Unterstützung auf die Hilfe beim Wiederaufbau der durch die Naturgewalt zerstörten Existenzen auszudehnen. Wenn wir mehr Spenden bekommen als wir für den Wiederaufbau der 12 zerstörten Küstendörfer benötigen, die wir in unsere Obhut genommen haben, werden wir die Hilfe auf weitere Dörfer bis nach Marakannam 40 km nördlich von Pondicherry ausdehnen.“ ´


  Autoren

Nolte, Wolfram

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