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Alle wachen auf
erschienen in Ausgabe 137  PDF-Version (94.41 KB)
Eine Projektvorstellung von Gabi Bott

Die Bewegung der Sarvodaya wurde 1958 von A.T. Ariyaratne – manche nennen ihn auch den „Gandhi von Sri Lanka“ – gegründet. Sie will „das Erwachen aller“ zu einer anderen, geistigen, sozialen und nachhaltigen Entwicklung durch Eigeninitiative und Selbsthilfe fördern.

Sarvodaya bedeutet „Die Erwachen aller“. Ihr Gründer Ariyaratne sagt über dieses Selbsthilfe-Projekt, das in einem kleinen Dorf in Sri Lanka als Bildungsprogramm für Menschen, die „Hilfe zur Selbsthilfe“ leisten wollten, begann, und bald über 15000 Dörfer zu neuem Leben erweckte: „Entwicklung ist nicht die Nachahmung des Westens.“ Entwicklung ist nicht gleichzusetzen mit Industriekomplexen oder Kunstdünger, mit Staudämmen und Wasserkraftwerken. Auch nicht damit, die Seele für entbehrliche Konsumgüter und schnelles Geld zu verkaufen. Entwicklung bedeutet „Aufwachen“, die Augen öffnen für den wahren Reichtum, das wahre Potential des Einzelnen und der Gesellschaft.
Ariyaratne weiter: „Euer Dorf mag stolz darauf sein, dass es ein Postamt, Telefon und Elektrizität hat, aber das genügt nicht, wenn man sich als entwickelt betrachten möchte. Entwicklung ist in eurem Kopf, eurem Bewusstsein. Nur da findet ihr, was ihr selbst werden könnt. Lasst eure alten Streitigkeiten, Ängste und Trägheit hinter euch, und entdeckt eure wirklichen Kräfte, eure Einheit. Es genügt nicht, die Sarvodaya-Philosophie nachzuplappern, wir müssen sie leben. Es muss eine spirituelle Revolution sein, und mit bloßen Tricks kommen wir da nicht hin.“
Wenn hier vom „Erwachen aller“ die Rede sind, dann sind das die grundbesitzlosen Arbeiter ebenso wie die Bauern, die vorzeitigen Schulabgänger ebenso wie die Universitätsabsolventen, die Frauen, die Kinder, die Alten ebenso wie die Kaufleute, Manager und Staatsbediensteten. Von Anfang an waren buddhistische Mönche und Nonnen einbezogen, denn das Erwachen ist ebenso spiritueller wie ökonomischer Art.
Das „Aufwachen“ geschieht, wenn sie alle durch die Initiative von Sarvodaya-OrganisatorInnen zusammen kommen und kommunale Projekte planen und durchführen. Sie werden wach für ihre wahren Bedürfnisse, für ihre Befähigung zur Zusammenarbeit und für ihre Kraft, sich zu ändern und Veränderung zu bewirken.
Das persönliche Erwachen ist von entscheidender Bedeutung für das Erwachen des ganzen Dorfes, und beide wiederum sind unverzichtbar für das Erwachen des Landes und der ganzen Welt.

Selbsthilfe durch Dorfentwicklung

Ariyaratne: „Ihr sagt, ihr wartet schon seit Jahren darauf, dass die Regierung den Kanal freilegt. Ihr könnt natürlich weiter warten, während eure Felder in der Sonne geröstet werden. Aber wo ist eure Kraft? Die findet ihr nicht, während ihr herumsitzt und darauf wartet, dass die Regierung etwas tut. Eure Kraft ist nicht in Colombo (Regierungssitz). Sie ist in euch, in euren Köpfen und Händen.“
Die zahllosen, übers ganze Land verteilten regionalen Schulungszentren von Sarvodaya bieten Programme zu Gesundheit, Erziehung, Landwirtschaft, Heimarbeit, Dorftechnik u.a. an. Die OrganisatorInnen von Sarvodaya geben den Dorfbewohnern Anstöße, als ganzer Mensch aufzuwachen, die eigene Kraft zu entdecken und die Verantwortung für das eigene Leben zu übernehmen.
Auch während des blutigen Bürgerkrieges und der Konflikte zwischen den beiden ethnischen Hauptgruppen, den Singhalesen und den Tamilen, setzte die Bewegung ihr Dorfprogramm fort. Sie hatte sich von Anfang an genauso an Nicht-Buddhisten wie an Buddhisten gewandt. Ein großer Teil ihrer Arbeitskraft diente der Unterstützung und Wiedereingliederung von Flüchtlingen, Tamilen wie Singhalesen.
Zur Zeit sind rund 13000 Dörfer an die Bewegung angeschlossen. Es wird großer Wert auf lokale Selbstversorgung gelegt; es laufen u.a. Experimente mit selbstgebauten Windmühlen, Biogasgeneratoren und Bewässerungssystemen, die sich unabhängig von Elektrizität die Schwerkraft zunutze machen.
Sarvodaya ist aber immer noch von ausländischer Hilfe abhängig. Auf die Frage, wie ernst es der Bewegung mit dem Vertrauen auf die eigenen Mittel ist, antwortet Ariyaratne: „Angesichts der strukturellen Ungleichheiten in unserer heutigen Welt und angesichts der materiellen und psychologischen Abhängigkeit der armen Länder ist Selbstversorgung ein relativer Begriff und nicht mit finanzieller Unabhängigkeit gleichzusetzen. Solange es keine gerechte ökonomische Ordnung gibt, bleibt solche Unabhängigkeit ein Hirngespinst, und die Reichen machen es sich leicht, wenn sie den Armen sagen, sie sollten sich auf ihre eigenen Mittel besinnen.“

Joanna Macy bei den Sarvodayas

Die Tiefenökologin Joanna Macy hatte schon immer ein starkes Interesse am Potenzial für soziale Veränderungen, das in den Religionen Asiens zu finden ist, speziell im Buddhismus. Deswegen führte sie ihr Weg immer wieder nach Sri Lanka und zu den Sarvodayas. Die Sarvodaya-Bewegung überzeugte Joanna vom ersten Moment an. Hier wurde Tiefenökologie in die Praxis umgesetzt, Spritualität mit Ökonomie und Ökologie verbunden. 1978 verbrachte sie ein ganzes Jahr in Sri Lanka, um von der Bewegung und den Menschen dort zu lernen.

Die größte Friedensmeditation der Welt

Auf einer ihrer letzten Reisen machte sie eine ganz besondere Erfahrung: Nach dem seit 19 Jahren andauernden Bürgerkrieg zwischen den hinduistischen Tamilen und den buddhistischen Singhalesen, rief Ariyaratne 2001 zu Friedensmeditationen auf – unter dem Motto „Die Psycho-Sphäre ändern“. Das Ziel war, im Dezember desselben Jahres eine halbe Million Menschen für solch eine Friedensmeditation zusammenzubringen. Joanna war dabei und wurde Zeugin dieser größten Friedensmeditation, die es bis jetzt auf unserem Planeten gegeben hat: 650000 Menschen waren in Stille beisammen, alle in weiß gekleidet, alle ethnischen Gruppen Sri Lankas waren vertreten. „Diese Stille war der großartigste und köstlichste Klang, den ich je gehört habe“ sagt sie, „das ist der Klang von Bomben, die nicht explodieren, von Landminen, die nicht hochgehen, von Maschinengewehren, die nicht feuern. Es ist möglich!“
„Was mich am meisten berührt hat“, berichtet Joanna weiter, „war eine Zeremonie, bei der eine kleine Gruppe von Menschen nach vorne kam und feierlich das ‚Dorf-zu-Dorf-Partnerschafts-Programm‘ vorstellte, das die Sarvodayas organisierten. 1000 Dörfer aus dem Tamilengebiet sollten sich mit 1000 Dörfern aus dem Singhalesengebiet verbinden, jeweils eines mit einem anderen. Die Menschen aus dem weniger zerstörten Dorf sollten in ihr Partnerdorf gehen und helfen, es wieder aufzubauen. Nachdem alle Dörfer mit einem Partnerdorf verbunden waren, ertönte ein Gong, der gleichzeitig überall in Sri Lanka erklang. Dann kamen weiß gekleidete junge Menschen nach vorn, immer zu zweit, einer aus dem Tamilen-Dorf und ein anderer aus dem Singhalesen-Dorf, die zuvor eine Partnerschaft eingegangen sind. Sie trugen feierlich Platten mit speziell zubereiteter Speise und fingen an, sich gegenseitig zu füttern. Die Platten reichten sie danach weiter, und die Menschen machten es ihnen nach. Ich muss jedesmal wieder weinen, wenn ich an diesen Moment denke. Und ich bin mir sicher, dass es das ist, was wir am meisten wollen: Nicht einander umbringen, sondern einander nähren.“

Sarvodaya hilft – Hilfe für Sarvodaya

Sri Lankas Küste ist von der Flutwellenkatastrophe mit am härtesten betroffen. Im Osten, Nordosten und im Süden der Insel ist ein breiter Küstenstreifen total zerstört, meistens traf es Hütten der Ärmsten, die direkt am Strand wohnten. 30000 Menschen sind tot und 1,5 Millionen obdachlos.
Als die Nachricht von der Flutwelle am 26. Dezember den Hauptsitz der Sarvodaya-Bewegung erreichte, begann ein spezielles Katastrophenmanagement, von den Sarvodaya-Außenstellen Informationen aus den betroffenen Gebieten einzuholen. Die Bewegung hat Erfahrung mit Einsätzen nach Naturkatastrophen, auch wenn keine zuvor ein vergleichbares Ausmaß hatte.
Mit ihrer Struktur von Bezirks- und Unterbezirks-KoordinatorInnen ist Sarvodaya über die ganze Insel verteilt und mit den „Grass Roots“ gut vernetzt. So können in kürzester Zeit über 100000 Freiwillige mobilisiert werden – junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren, die im Dorf-zu-Dorf-Programm durch die Friedensbrigade „Shanti Shena“ trainiert worden sind, erste Hilfe zu leisten.
Schon eine Stunde, nachdem die Flutwelle den Küstenstreifen verwüstet hatte, machten sich die spezielle Trupps in die jeweiligen Gebiete auf. Wichtig war und ist ihnen, dass von Anfang an auch eine psychologische bzw. spirituelle Unterstützung für die Überlebenden dabei ist.



Weiterführende Informationen:
www.sarvodaya.org, www.joannamacy.net

Literatur:
Joanna Macy: Die Wiederentdeckung der sinnlichen Erde, Zürich/München 1994

Spenden:
Spendenkonto: Fluthilfeprojekt Sarvodaya,
Konto-Nr.: 8000379600, GLS-Bank, BLZ: 43060967
Für Überweisungen aus dem Ausland nach Deutschland sind zusätzlich folgende Angaben notwendig:
IBAN: DE12430609678000379600
BIC: GENODEM1GLS

  Autoren

Bott, Gabi

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