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Nummer Vier lebt!
erschienen in Ausgabe 138
Gibt es das, einen klassischen Wirtschaftswissenschaftler, der „kulturell kreativ“ ist? Eberhard Hierse hat ihn gefunden: Thomas Betz

Das Jugendstilhaus liegt in Kreuzberg am Landwehrkanal. Ich steige in den vierten Stock und betätige den Jugendstil-Klingelgriff an der Jugendstiltür. „Füße abtreten!“, grüßt Thomas Betz, 44.
Das ist für ihn ein besonderes Alter. 44, zweimal die Vier. Vieren allenthalben in der Wohnung. Fotos von Nummernschildern und Hausnummern voller Vieren, eine Billardkugel (natürlich die 4), ein Vier-Pfennig-Stück von 1932 hinter Glas („Bei finanzieller Not Scheibe einschlagen“), alles dreht sich um seine Glückszahl, die Vier. Ich störe ihn gerade beim Abspülen, das er sehr genau nimmt. Da fällt mir ein: Ich befinde mich in einem Haus mit der Nummer 4 im 4. Stock, und Thomas ergänzt: „Auch mein Keller ist natürlich der mit der Nummer 4, und die Nummer meiner Kreditkarte enthält die ‚4444‘, vier Mal hintereinander die Vier! Das ist nur noch feinstofflich zu erklären!“ Doch der Wirtschaftswissenschaftler verehrt nicht nur seine Zahl, sondern auch hingebungsvoll die Rolling Stones, den Regisseur Stanley Kubrick, den Physiker Albert Einstein und das tschechische (und nicht etwa das US-amerikanische) Budweiser-Bier: In der Küche ist eine Extra-Ecke für diesbezügliche Devotionalien eingerichtet.


Längst ist aus dem Schwaben ein echter Wahlberliner geworden; mit einem vollen Terminkalender, den der freiberufliche Publizist, Dozent und Consultant zu absolvieren hat, wozu jede Menge Aktivitäten in der geldsystemkritischen, aber auch in der etablierten wirtschaftswissenschaftlichen Szene sowie Club-, Konzert- und Veranstaltungsbesuche gehören. Sein Nachbar ist ein renommierter Techno-DJ, und Thomas steht regelmäßig auf der VIP-Liste des berühmten und nahegelegenen „Watergate“ am Schlesischen Tor direkt an den Wassern der Spree.
Er erzählt: „Mein Vater war Diplomhandelslehrer, und am Ende seiner Dienstzeit Direktor eines Wirtschaftsgymnasiums im ostwürttembergischen Aalen. Der Vater meines Vaters musste sich das Studium des einzigen Kindes in den 50er-Jahren vom Munde absparen.“ „Aufsteigen“ bedeutete im Familienalltag Anpassung, Verbot, strengen Katholizismus und Unterdrückung von Spontaneität. Fernsehen war verboten, bis die öffentlich-rechtlichen Sender Bildungsinhalte auf Volkshochschulniveau ausstrahlten. Autorennbahnen galten wie auch Comics als unpädagogisch, zu Weihnachten gab es statt dessen elektrische Eisenbahnen.

Einstein und die Vision in Indien

Mit zwölf entdeckte er eher zufällig Albert Einstein und seine Relativitätstheorie und stellte befriedigt fest, jedenfalls auf diesem Gebiet mehr zu wissen als die Eltern, die die Relativitätstheorie mit den irdischen Zeitzonen verwechselten. Die Relativität von Zeit und Raum und die Ineinander-Umwandelbarkeit von Materie und Energie, also die Überwindung der mechanistischen Newtonschen Physik, faszinieren ihn noch immer. Er schlussfolgert: „Die moderne Physik einschließlich der Relativitätstheorie könnte die modernen Naturwissenschaften mit dem Religiösen, dem Übernatürlichen, dem Okkulten, dem im esoterischen Sinn ‚Energetischen‘ versöhnen. Nicht von ungefähr spricht man ja auch davon, Einstein habe ‚Gott in die Karten geschaut‘. Telepathie, Telekinese, Prophezeiungen, (De-)Materialisierungen und ‚Zauberei‘ sind seit Einstein jedenfalls im Ansatz naturwissenschaftlich darstellbar.“
Gegen Ende der Schulzeit machte er dann Interviews mit Rockstars und organisierte Rockkonzerte, gründete zusammen mit Freunden einen „Dritte-Welt-Laden“, reiste mehrere Monate in die Türkei. Die dortige Gastfreundschaft, Offenheit, Wärme, Lebensfreude und Lebensqualität bei geringerem materiellem Wohlstand machten ihm deutlich, dass „Wohlstand“ keine „Glücksmaschine“ ist. Er fragte sich, ob „entwickelte“ Westler tatsächlich die moralische Pflicht haben, den Rest der Menschheit in unserem Sinne zu „entwickeln“, und nicht eher die, nie Gekanntes oder aber bereits wieder Verlerntes von den „Unterentwickelten“ zu lernen.
Danach absolvierte er den Zivildienst und ein Dreivierteljahr Indien. An der Uni Konstanz studierte er zunächst zwei Semester Physik, dann ertrug er die Kommilitonen nicht mehr, wie in einer Vision in Indien bereits vorausgesehen. Thomas Betz fragt: „Sind diese Menschen – fast ausnahmslos Männer – so gehemmt, weil sie Physik studieren, oder studieren sie Physik, weil sie so gehemmt sind? Sogar der Philanthrop Einstein hatte ein merkwürdiges Verhältnis zu seinen Mitmenschen. Er selbst sprach von einer Glaswand zwischen sich und den anderen, von ‚in Gleichgültigkeit erstarrter Hypersensibilität‘; Freunde attestierten ihm eine fehlende Beziehung zu seiner eigenen Körperlichkeit.“
Seit den Zeiten des „Dritte-Welt-Ladens“, in denen das Interesse an der Nord-Süd-Problematik wuchs, war klar, dass die Wirtschaftswissenschaft als „Ersatzmann“ hinter der Physik steht. Thomas Betz wird -Stipendiat der renommierten „Studienstiftung des deutschen Volkes“, trägt seitdem das Gütesiegel des Hochbegabten. Es folgen ein Studium an der University of Oregon und Auslandspraktika, unter anderem in Japan und am State Senate in Oregon.
Der Internationalist wird von der Treuhandanstalt eingestellt. So lernt er die deutsche Einigung von innen kennen, die „Verwertung“ und Abwicklung der DDR-Wirtschaft, die Exekutierung privater Besitzansprüche an gewachsenem Volkseigentum. Und die Zerstörung einer leidlich funktionierenden Volkswirtschaft durch die schlagartige Einführung der übermächtigen Deutschen Mark. Er erlebt das Business, den Dresscode der Schlipse und Anzüge, den elitären Korpsgeist der Manager und Wirtschaftsexperten, deren Zynismus, den er trotz seines humorigen Naturells nur schwer ertragen kann. Er, der kritisch Denkende, nutzt nach sieben Jahren die Gelegenheit zum Ausstieg und nimmt den „goldenen Handschlag“ entgegen.
Die berufliche Beschäftigung mit dem „Aufbau Ost“ sowie das sich bereits abzeichnende Scheitern des Projekts lenken seine Aufmerksamkeit einmal mehr auf grundsätzliche Fragen nach Wachstum und Entwicklung, auf Arm und Reich, auf Parallelen zwischen der Problematik „Ost-West“ und „Nord-Süd“. Was ist das eigentlich, Entwicklung? Wo, wann, warum und wie geht sie vonstatten? In wessen Namen und Interesse, mit wessen Geld? Und wie ist dieses Geld konstruiert?

Das unverstandende Kreditgeld

Als wachstumstreibende, aber auch als krisenträchtige und polarisierende Kraft erkennt er den Geldzins, der sich unabhängig von der realwirtschaftlichen Situation fast immer im positiven Bereich bewegt.
„Der Zins verteilt Einkommen und Vermögen von unten nach oben um und bewirkt auch in entwickelten Volkswirtschaften, wo die Geldvermögen schneller wachsen als die Realwirtschaft, langfristig Wirtschafts- und Währungskrisen. Wegen schwindender zinsträchtiger Investitionen zu Hause gelangt das Geld der ‚entwickelten‘ Länder in die ‚Unterentwickelten‘. So werden dort die berühmten neuen Märkte erschlossen, es wird investiert und ‚entwickelt‘. Das Resultat sind die hoffnungslose Überschuldung, Aufrüstung und technologische wie ökonomische Abhängigkeit der Dritten Welt. Dabei brauchen diese Länder nicht in erster Linie unsere Technologie, unsere Produkte und unser Geld, sondern vor allem stabile soziale und politische Verhältnisse als Voraussetzung für Investitionen aus eigener, binnenländischer Kraft und eine angepasste Entwicklung – und vor allem ein funktionierendes Rechtssystem, das die Erfüllung von Verträgen durchsetzt und Eigentum garantiert. Das ist die notwendige Voraussetzung für die Kreation eines stabilen, glaubwürdigen und werthaltigen Geldes, ohne das Entwicklung in einem ernsthaften Sinne gar nicht denkbar ist.“
Die Beschäftigung mit dem Geld- und Bankwesen eröffnet dem Freidenker weitere Einsichten: „Keineswegs vermitteln Banken Kredite zwischen Sparern und Schuldnern, wie es überall noch geglaubt und gelehrt wird und wie es sogar noch immer die offizielle Version des ökonomischen Mainstreams ist. Sparen ist keineswegs eine Voraussetzung für Kreditvergabe und Investitionen, sondern wo viel investiert wird, wird viel Nachfrage induziert, viel Produktion generiert und viel Einkommen geschaffen, was Ersparnis erst möglich macht. Das Geld für Investitionen muss eben nicht vorher gespart werden, und niemand muss dafür auf Konsum verzichten.“
Allerdings muss unser modernes Kreditgeld durch die Beleihung von Sicherheiten mit dem Kredit geschöpft werden. So kann der Schuldner sein beliehenes Eigentum auch ökonomisch weiter nutzen, und das per Kreditschöpfung entstandene Geld ermöglicht zusätzliche Investition ohne Sparen und Konsumverzicht und setzt zusätzliche Nachfrage frei, führt Betz aus. Ich lerne: Die Schöpfung von Kreditgeld ermöglicht erst die Dynamik und Prosperität einer modernen Volkswirtschaft und erklärt Wachstums- und Industrialisierungsprozesse.
„Das Tauschparadigma, demzufolge unser Geld eine gegebene Größe ist und neutral den wirtschaftlichen Tausch erleichtert und entweder konsumiert oder gespart wird, wobei die Ersparnis selbst investiert oder anderen als Kredit überlassen werden kann, prägt bewusst wie unbewusst das Denken der allermeisten Menschen einschließlich dem fast aller Monetaristen, Neoklassiker, Marxisten und auch dem der Zinskritiker.“ Dieses tauschparadigmatische Denken zu überwinden bedeutet für Thomas Betz aber nicht, dass von einer Zinskritik auch nur ein Jota zurückgenommen werden muss. Im Gegenteil: Gerade die Erkenntnis, dass Investition weder Ersparnis noch Konsumverzicht notwendig voraussetzt, gibt der Frage nach einer moralischen Legitimation eines positiven Zinssatzes erst einen wirklichen Sinn. Wenn niemand verzichten muss, warum soll es dann eine „Konsumverzichtsprämie“ namens Zins geben? Betz meint, erst die Überwindung des Tauschparadigmas mache die befreienden Möglichkeiten modernen Kreditgeldes erkennbar und nutzbar. Sie würde der zinskritischen Bewegung auch das Bündnis mit den „post-tauschparadigmatisch“ orientierten Ökonomen und die Erkenntnis ermöglichen, dass die Idee der Umlaufsicherungsgebühr (ein Therapievorschlag der Zinskritiker), die auf dem Tauschparadigma basiert, auf der Vorstellung einer von außen gesetzten Geldmenge, fußt und deshalb nochmals auf den Prüfstein muss.

Irrsinn „Lohnzurückhaltung“

Seine Vision schildert Thomas Betz so: „Die Moderne ist einst mit der Verheißung angetreten, dass die Maschinen den Menschen von der Arbeit befreien werden. Heute könnte es fast soweit sein. Und doch klammern wir uns im höchst produktiven Deutschland an das Bild der Arbeitsgesellschaft, deren höchster Wert Arbeitsplätze sind, weil Einkommen an die Beteiligung am Produktionsprozess gekoppelt werden, für den man aber menschliche Arbeit immer weniger braucht.“
Die Produktivität, das Verhältnis der erzeugten Güter und Dienstleistungen zur dafür eingesetzten Arbeitszeit, steigt in Deutschland immer weiter an, während die Reallöhne seit den 90er-Jahren stagnieren bzw. sogar fallen. Das ist das Ergebnis der immer wieder angemahnten „Lohnzurückhaltung im Interesse der Wettbewerbsfähigkeit des Standorts Deutschland“. Betz analysiert: „Weil ihre Einkommenszuwächse immer weiter hinter den Produktivitätszuwächsen zurückgeblieben sind, können die Deutschen die von ihnen selbst erzeugten, immer größeren Werte immer weniger nachfragen. Das ist die Ursache der deutschen Krankheit, der chronisch schwachen Binnennachfrage, der Wachstumsschwäche und der immer weiter ansteigenden Arbeitslosigkeit, die die Konkurrenz auf dem Arbeitsmarkt verschärft und die Löhne weiter unter Druck setzt. Ein Teufelskreis.“
Vor kurzem haben wir vernommen: Deutschland ist wieder Export-Weltmeister. Der Wirtschaftswissenschaftler setzt nach: „Und Deutschland ist gleich noch einmal Weltmeister, und zwar beim Exportüberschuss: Kein Land auf der Welt liefert an den Rest der Welt so viel mehr als es vom Rest der Welt einkauft. Irgendwann soll dann bei noch mehr Exporten und noch niedrigeren Löhnen auch der letzte deutschen Arbeitslose ‚beschäftigt‘ sein. Doch dummerweise wollen die Experten in anderen Ländern für ihr Land das Gleiche erreichen wie die deutschen Experten für Deutschland. Und so folgt jeder Steigerung der so genannten Wettbewerbsfähigkeit bald die Forderung nach weiterer Lohnsenkung. Dieser Trick wurde schon einmal probiert und ging schon einmal gründlich daneben. Man nannte das dann später Weltwirtschaftskrise. Die Konsequenzen sind bekannt.“
Thomas Betz wagt einen historischen Schluss: John Maynard Keynes, der wohl berühmteste Ökonom des 20. Jahrhunderts, hätte gemäß dem nach ihm benannten Plan (den er 1944 in Bretton Woods vorgestellt hat) Deutschland die Anhebung der Löhne empfohlen. Verrückt? Nein, im Gegenteil meint Betz: „Keynes wusste, dass ein Land, das Importüberschüsse verbucht, über seine Verhältnisse lebt, und eines mit Exportüberschüssen unter seinen Verhältnissen. Werden in diesem Fall die Binnenlöhne nicht angehoben, bringt man die Menschen, die diese Exportüberschüsse letztlich erarbeitet haben, nicht nur um die Früchte ihrer Arbeit, sondern man nimmt auch den Volkswirtschaften andernorts die Luft zum Atmen. Denn der solcherart dort erzwungene Importüberschuss verhindert den Aufbau einer gesunden Binnenwirtschaft und zwingt diese Länder dazu, den Importüberschuss durch Verschuldung bei den Export-Überschussländern zu finanzieren.“

Inneres Wachstum statt „Arbeit“

So leidenschaftlich habe ich mich schon lange nicht mehr über Geld unterhalten. Kulturkreatives Denken macht auch in diesen Gefilden Spaß. Auch wenn es schwerer Stoff ist, den Thomas Betz vorsetzt: „Die Steigerung der Produktivität kann die Menschen immer mehr von der Arbeit befreien – allerdings nur dann, wenn auch die Reallöhne proportional zur Produktivität ansteigen – auch in Form radikaler Verkürzung der Arbeitszeit bei gleichbleibenden Einkommen. Die Wirtschaft müsste irgendwann nicht mehr wachsen, und Ressourcenverbrauch und Umweltbelastung könnten durch technischen Fortschritt immer weiter abnehmen. Bereits Keynes träumte von dieser nicht mehr wachsenden, ‚reifen‘ Wirtschaft, und ich träume davon, dass es gelingt, diese Situation unblutig, also ohne abrupten Systemwechsel, zu erreichen. Als Menschen werden wir dennoch oder gerade dann weiter wachsen: In unserer Kultur, Kunst und Spiritualität und unserer Persönlichkeit, weil wir endlich Zeit haben werden, uns um die Heilung unserer seelischen Wunden zu kümmern, die wir wohl auch deshalb erlitten haben, um materiell dorthin zu kommen, wo wir heute sind.“
Zum Schluss habe ich noch eine Frage: Hat er ein Lebensmotto, einen Leit- und Wahlspruch? Thomas Betz, der 44-Jährige, hebt den Zeigefinger und spricht: „Besser ist es, sich lachend ernsthaften Dingen zu nähern, als ernsthaft lachhafte Dinge zu betreiben!“ ´

Texte von Thomas Betz: http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/betz/>

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Hierse, Eberhard

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