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Impressum
Das Schuldgeld-Syndrom
erschienen in Ausgabe 138
Ein Abfall vom Glauben. Von Eberhard Hierse

Geld ist knapp und wertvoll, denn die meisten haben zu wenig davon und arbeiten hart dafür – so sie glückliche Besitzer eines Arbeitsplatzes sind. Den ersten Teil dieser Aussage sollen wir, die wir für wertvolles Geld arbeiten müssen, glauben. Der zweite Teil ist eine Tatsache. Eberhard Hierse zeigt, wer das Geld wie macht und warum die „Geldmacher“ zu viel davon haben und die allermeisten zu wenig. Er überlegt, wie Geld beschaffen sein müsste, von dem alle genug haben, und das dennoch wertvoll ist.


Geldfälscher sind Dummköpfe“, erzählt der Netzwerktechniker. „Wer Geld machen will, sollte Hacker und Systemadministrator bei einer Bank sein. Dann kann er alle Sicherheitsmaßnahmen umgehen, die er selber eingerichtet hat. Er kann ein virtuelles Konto einrichten, jeden Tag an den Kontostand eine Null anhängen und sich selbst den „Gewinn“ überweisen. Elektronisches Geld hat keine Sicherheitsmerkmale. Und er kann die Spuren verwischen, indem er den Alptraum einer jeden Bank, einen Crash der Festplatten, wahr werden lässt. Vielleicht lässt man diese Leute deshalb einfach machen …“

„Echtes" Geld aus dem Nichts

Szenenwechsel. Olaf K. hat im Oktober 1998 seine Internetaktien im Wert von 20000 Mark beliehen. Seine Bank gab ihm 12000 Mark, die im Akt der Kreditgewährung geschöpft wurden. Dafür kaufte er Aktien. Immer wieder belieh er die zusätzlichen Aktien, und kaufte weitere Aktien – bis zu einem Depotwert von etwa 60000 Mark, je nach Beleihungsquote der Aktien. Dann legte er sich ein Jahr lang schlafen. Als er erwachte, hatte sich sein Depotwert auf 300000 Mark aufgebläht. Er verkaufte die Papiere, tilgte die 40000 Mark Kredit plus 5,9% Zinsen und strich eine Viertelmillion ein, wofür Null Euro Steuern und Abgaben fällig waren, denn er hatte die Papiere länger als die gesetzliche Spekulationsfrist von einem Jahr gehalten. Woher kam der Gewinn? Auch von anderen Spekulanten, die seine Aktien mit Geld bezahlten, das aus der Beleihung ihrer Aktien stammte.
Es kommt noch toller. Finanzminister Eichel fährt ein Rekorddefizit ein und bekennt: „Wir leben auf Kosten unserer Kinder und Kindeskinder. Die Konsolidierung der öffentlichen Haushalte ist ein Beitrag zur Nachhaltigkeit“. Ein paar Seiten weiter verlautet der Börsenbericht: „Der Rentenmarkt schloss fester. Die Umlaufrendite fiel um 0,03% auf 3,67%. Die Bundesbank kaufte zum Marktausgleich Anleihen im Wert von 64,3 Millionen Euro.“ Was passiert, wenn der Staat frische Schulden, also Geld macht? Er gibt Schuldpapiere heraus, die von seinem juristischen Geschöpf, der Notenbank, im Rahmen ihrer Offenmarktpolitik jederzeit mit frisch geschöpftem Geld aufgekauft werden, falls sich nicht genug andere Käufer finden. Kann das Geschöpf seinen Schöpfer pfänden und vollstrecken? Wohl kaum. Staatsschulden wurden langfristig noch nie getilgt, sondern immer samt Zinsen hochgebucht. Kein Staat ist jemals wegen Geldmangel abgetreten.
Der Gipfel der Eleganz sind die Interbankkredite: Bank A gibt Bank B einen Kredit und überweist an Bank B die gewünschten X Millionen Euro, die vorher nirgends existierten, sondern bei der Kreditgewährung aus dem Nichts entstehen. Bei sich selbst bucht die kredit-gebende Bank A buchhalterisch korrekt den Anspruch auf Tilgung plus Zins gegenüber Bank B auf der Habenseite ein. Im Gegenzug gewährt Bank B Bank A einen Kredit in gleicher Höhe zu denselben Konditionen.
Durch Kreditvergabe der Geschäftsbanken entstehen Schuldtitel und Wertpapiere, die von der Zentralbank beliehen oder angekauft werden können, wenn sie die Anforderungen an „notenbankfähige Sicherheiten“ erfüllen. So entsteht Zentralbankgeld. Die auch hinter dem Zentralbankgeld stehenden Schulden können von den Geschäftsbanken erzeugt werden – notfalls durch gegenseitige Kreditvergabe. Somit können die Geschäftsbanken im Verein mit der Zentralbank nicht nur Giralgeld, sondern bei Bedarf auch Notenbankgeld (das eigentliche Zahlungsmittel) erzeugen.
Scheinbar begrenzt wird die Kreditvergabe und Giralgeldschöpfung der Geschäftsbanken durch den Solvabilitätsquotienten und Mindestreserven bei der Zentralbank, d.h. für jeden geschöpften Euro Kredit müssen die Banken 8 bzw. 2% Eigenkapital bei der Zentralbank nachweisen bzw. hinterlegen. Doch: Je mehr Giralgeldschöpfung, desto höher steigen auch die Bankgewinne, das Eigenkapital und die Mindestreserven.
Mangelt es den Geldmachern Staat, Zentralbank und Geschäftsbanken etwa am Selbstgemachten? Warum quälen sie uns mit Steuern, Abgaben, Tilgung, Zinsen, Pfändung und Vollstreckung, uns, die wir dem von ihnen aus dem Nichts geschöpften Computergeld überhaupt erst einen Wert verleihen, indem wir dafür echte Waren und Leistungen verkaufen?
Wir sollen glauben, Schuldgeld aus dem Nichts sei knapp, wie einst das Geld aus Edelmetall. Angeblich glaubt eine Mehrheit immer noch, Geld sei durch Goldreserven gedeckt. Doch schon seit 1971 gibt es endgültig keinerlei juristische Bindung des gesetzlichen Zahlungsmittels ans Gold mehr. Was bekommt man, wenn man das Geld, das Staat und Banken machen, einlösen will? Beliebig produzierbare Geld-Scheine!
Das Bezahlen mit Goldgeld war das Erbringen einer tatsächlichen Gegenleistung in Form der im Gold „geronnenen“ Arbeit (Förderung, Raffinierung, Prägung). Insofern mussten die Banken auf Verlangen für Papiergeld in Gold leisten, das sie nicht wie Giralgeld selber produzieren konnten.
Wir glauben immer noch, Geld müsse verliehen und samt Zinsen zurückgezahlt werden, da der Kreditgeber auf das verliehene Geld verzichte und ein Verlustrisiko eingehe, falls der Schuldner nicht zahlen kann. Das stimmte solange wie Geld gleich knappes Gold war, und es stimmt auch heute noch, wenn man von jemandem Geld leiht, der kein Geld erzeugen kann.

Der entscheidende Unterschied

Es stimmt aber nicht mehr, wenn man von einer modernen Bank Kredit bekommt, denn sie verzichtet dabei auf nichts, weil sie das ausgereichte Schuldgeld schlicht aus dem Nichts erschafft. Ist die Schuld getilgt, ist auch das Geld wieder verschwunden und muss durch neues Schuldgeld ersetzt werden. Ohne Schulden kein Geld, und ohne leistende Schuldner kein Geldwert.
Und doch treibt die Bank die Tilgung ein und kassiert auch noch Zinsen, die der Schuldner erwirtschaften muss – plus Steuern und Abgaben für Vater Staat. Dieser finanzielle Druck erhöht das Bankrottrisiko des Schuldners und auch das Kreditausfallrisiko der Bank, womit der Zins als Risikoprämie gerechtfertigt wird.
Und da tatsächlich viele Schuldner pleitegehen (und bankrotte Unternehmer Arbeitslose produzieren), brauchen wir den Sozialstaat, der via Notenbank ebenfalls beliebig Geld machen kann und dennoch Steuern und Abgaben eintreibt. Das wiederum erhöht das Existenzrisiko seiner Steuerbürger und sorgt für einen stetigen Nachschub an Sozialfällen, wodurch der Sozialstaat immer unentbehrlicher wird.
Wir glauben und sollen auch glauben, dass Wirtschaft, Staat und Geldwesen sehr komplizierte Sachverhalte sind, die nur von Experten verstanden und gemanagt werden können, die uns damit eine scheinbar anspruchsvolle Arbeit abnehmen, worüber wir ganz froh sind, und weil wir vor Titeln, Bankentürmen, Polizei und Sicherheitspersonal, Nadelstreifenanzügen, dunklen Limousinen etc. pp. auf die Knie gehen.
Wir glauben, Geld sei knapp, begrenzt und wertvoll, weil unsere Reallöhne seit über 20 Jahren fallen, die Arbeitslosigkeit zunimmt und Sozialleistungen gekürzt werden. Unsere Arbeitskraft wird dank der auch von Banken getätigten Investitionen in Maschinen und Technologie immer weniger gebraucht, und wir werden von den Produkten dieser Maschinen, von Autos, Supermärkten und Geldautomaten immer abhängiger.
Trauen die Geldmacher dem Wert des Geldes aus dem Nichts selber nicht mehr? Ihr Geld sucht nämlich neue Anlagemöglichkeiten in Realwerten, das sind letztlich Rohstoffe, die nicht beliebig und ohne Arbeitsaufwand vermehrt werden können wie „Wert-Papiere“, die nur im Computer existieren.
Das Resultat sind seit der Jahrtausendwende massiv steigende Rohstoffpreise. Sie steigen nicht, weil Rohstoffe tatsächlich knapp sind, sondern weil ihre Preise an den Rohstoffbörsen mit dem von den Wertpapierbörsen überschwappenden Geldmassen der Geldmacher nach oben spekuliert werden. Jeder Autofahrer spürt das an der Zapfsäule.
Um sozialen Aufruhr und den Zusammenbruch von Massenkaufkraft und Konjunktur zu verzögern, wird der Staat immer mehr Bedürftigen steigende Sozialleistungen zahlen müssen, die er natürlich wiederum via Geldschöpfung der Notenbank (siehe oben) finanziert und so die Inflation weiter anheizt.
Der wahrscheinliche Abgang von Finanzminister Eichel dürfte das offizielle Ende der „Operation Sparschwein" der Bundesregierung bedeuten. Zudem wird der Euro-Stabilitätspakt aufgeweicht. Würde der Staat tatsächlich sparen, wäre dies der kalte, deflationäre Entzug der Schuldenwirtschaft, und zu allen Zeiten haben sich Staaten am Ende den inflationären goldenen Schuss gegönnt, den sie zudem selber machen können.

Das Ende der Freigeldillusion

Liegt der Ausweg in freiwirtschaftichen Geldexperimenten, die das Problem im Zins, in Geldhortung und Deflation sehen, weil sie immer noch von einer knappen, begrenzten Geldmenge ausgehen, die zum Zirkulieren getrieben werden muss – was in der Zeit des Goldstandards, in der die freiwirtschaftliche Idee entstand, auch gut und richtig war?
Was ist der Zins, der bestenfalls ein paar Prozent im Jahr bringt, im Vergleich zum beliebigen Geldmachen aus dem Nichts plus inflationären Kursgewinnen von mehrstelligen Prozenten im Jahr? Ist der Zins nicht vielmehr eine herrschaftliche Zumutung fürs Volk zur Wahrung des Gold-Geld-Scheins?
Wenn es Geldhortung gibt, wer hortet denn da? Die Geldmacher doch wohl nicht, sie machen es im Überfluss und lassen es an den sich aufblähenden Finanzmärkten spekulativ zirkulieren. Und wer möchte die Erschütterung dieses labilen Hochgebirges aus kollektiv halluzinierten Werten verantworten?
Oder horten etwa die Geldbedürftigen? Gibt die große Mehrheit nicht alles Geld umgehend wieder für den Konsum aus? Und die von ihnen gehorteten Geldmassen sollen durch eine Strafgebühr fürs Geldhalten freiwirtschaftlich enthortet werden?
Den Geldmachern wären ein paar Prozent Umlaufsicherungsgebühr im Jahr nur recht. Dann würde sich das spekulative Horten von lagerfähigen Waren und Rohstoffen erst richtig lohnen. Deren Preise steigen umso stärker, je hortungsunfreundlicher, sprich weicher das Zahlungsmittel ist.
Banken, Medien und Politiker loben die „umlaufgesicherten“ Regionalwährungen. Da tauscht das Volk seine knappen Euros in umlaufgesicherte, erweichte Regios, für die es nur in besonderen Läden teurer einkaufen kann – um Gutes zu tun und die Region zu fördern. So konsumiert das Volk vielleicht doch noch etwas schneller und arbeitet härter und schenkt Staat und Banken ein kostenloses Konjunkturprogramm. Zinsen, Steuern und Abgaben flössen wieder reichlicher. Staat und Banken können weiter wuchern – bis zur nächsten Belastungsgrenze der Realwirtschaft.

Das Tor zur Fülle: Geld ohne Schuld

Besseres Geld wird ein Geld sein müssen, dessen Schöpfung basisdemokratisch kontrolliert ist, das für die Befriedigung von realem Bedarf verausgabt wird. So wird Demokratie erst möglich. Ein Geld, das nach der Schöpfung für reale Investitionen im Umlauf bleibt, statt plus Zinsen getilgt und durch noch höhere Schulden ersetzt zu werden. (Auch das zusätzliche Geld für die Zinsen entsteht durch zusätzliche Schulden.)
Brauchen wir noch anonyme Riesenstaaten, Banken und Kapitalmärkte, die im Kampf um knappe Ressourcen, wie Gold, entstanden? Sollten wir nicht die befreienden Möglichkeiten des nach Bedarf schöpfbaren Kreditgeldes nutzen, indem es endlich von denen gemacht würde, für die Wohlstand mehr bedeutet, als aus viel Geld noch mehr Geld zu machen?
Wenn es an irgendwelchen Waren/Leistungen fehlt, würde denen, die diesen Bedarf befriedigen können, mit zins- und tilgungsfreiem Kredit zur Anschubfinanzierung eben dies ermöglicht. Spekulation und Preissteigerungen würden in Investitionen für zusätzliches Angebot gleichsam ertränkt.
Auch „weiche Standortfaktoren“, wie ein reiches kulturelles Leben, ein harmonisches soziales Klima und eine gesunde Umwelt, sogar die überfällige Arbeitszeitverkürzung, könnten so finanziert werden, was wiederum das demokratische Geld attraktiver machte.
Nie wieder müsste man fragen: „Wofür geben uns die Geldmacher Geld? Rentiert es sich, damit sie noch viel mehr vom Selbstgemachten bekommen?“ Die Frage wäre vielmehr: „Was wollen/brauchen wir? Wofür wollen wir etwas leisten?“
Heutzutage könnte man jeden Geldmangel ohne Enthortung durch gezielte, zweckgebundene, demokratisch legitimierte und rein investive Kreditgeldschöpfung durch eine Bank im Besitz der Geldnutzer beheben – kein wahllos abgeworfenes „Hubschraubergeld“, sondern zinsloser Investitionskredit, der tilgungsfrei bleibt, solange damit erfolgreich gewirtschaftet wird. Die Angst vor Geldmangel, die die Menschen zum Angstsparen treibt, erübrigte sich ebenso, wie auch Geschäftsbanken, Kapitalmärkte, Steuern und Abgaben, die die real Wirtschaftenden strangulieren.
Das wäre die befreiende, unerkannte Chance des modernen, ganz nach Bedarf schöpfbaren Kreditgeldes – wenn man es vom geistigen Schatten des Goldes und der Simulationsshow zu dessen Aufrechterhaltung befreite. Und das Ende des herrschaftlich gewollten Gold-Geld-Schuld-Mangelbewusstseins beim Volk. ´

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Hierse, Eberhard

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