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Leben und Lernen
erschienen in Ausgabe 138
Viele Eltern sind auf der Suche nach Alternativen zur Schule. Anke Caspar-Jürgens gibt den Erfahrungsbericht einer Mutter wieder, der zugleich ein Aufruf zur Vernetzung betroffener Eltern ist.

In unserer Zeit der Postmoderne sind besonders in Deutschland die modernen Formen des Lernens so gut wie unbekannt. Alternativschulen, die Vorläufer der gegenwärtig sich formierenden Bewegung für ein konsequent selbstverantwortliches Lernen im Leben, lassen bei der Mehrheit unserer MitbürgerInnen immer noch einen Schauder über den Rücken laufen: „Diese Kinder sind arm dran, sie werden im Leben nicht bestehen.“ Das Gegenteil ist der Fall, wie es internationale Studien zur Genüge belegen.


Doch während die natürliche Art, unbegrenzt und mitten im Leben lernen zu können, in allen Industrienationen der Erde eine Renaissance erlebt, steht ausgerechnet in Deutschland die legale Berechtigung dafür aus. Selbst international anerkannte und bewährte Formen demokratischer Schule, wie die Sudbury Schule (www.sudbury.de), werden bei uns bisher nicht anerkannt. Bis das Recht auf freie Bildung auch bei uns in Deutschland anerkannt ist, schlägt der „Bundesverband Natürlich Lernen!“ (BVNL) vor, mit dem Modell der Familienschule eine Brücke zu bauen.
Hier schließen sich Familien für die eigenverantwortliche Gestaltung des selbstbestimmten Lernens ihrer Kinder zusammen. Diese Art von freier Schule verbindet die Vorteile für Kinder, sich sowohl im vertrauten Rahmen, als auch in einer überschaubaren Gemeinschaft bilden zu können. (Erste Signale für eine mögliche Genehmigung kamen vom Kultusministerium in Mecklenburg-Vorpommern. Weitere Informationen über die Familienschule finden Sie auf der Internetseite www.bvnl.de oder direkt bei Simone Schäfer, einer der Initiatorinnen der Familienschule Pulow, schaefer@kraeutergarten-pommerland.de)

Eltern suchen nach Alternativen

Besonders Mütter, die bereits den problematischen Weg durch die Schule eines Kindes oder mehrerer Kinder begleitet haben, möchten mit dem nächsten Kind einen anderen Weg versuchen. Doch welche ernstzunehmende Alternativen gibt es? Jetzt ginge es darum, selbst kreativ zu sein und sich auf das Experiment eines ganz anderen Lernens einzulassen. Auf der Suche nach einer Lösung in ihrer aktuellen Lebenssituation wendete sich eine Mutter an den BVNL. Im Folgenden gebe ich ihren Bericht gekürzt wieder, weil er wohl die Situation vieler Mütter widerspiegelt und zugleich Mut machen kann, ausgetretene Pfade zu verlassen.
„Wir haben noch ein drittes Kind bekommen. Es ist gesund und fit für die Welt! Da drängt sich mir erneut und diesmal dringlicher die Frage auf, wie ich als seine liebevolle Mutter meiner Selbstverpflichtung gerecht werden und dieses Kind möglichst sinnvoll und ganzheitlich in seinem jetzigen Leben begleiten und auf sein künftiges vorbereiten kann. Auf welche Weise kann ich es dabei in seiner Persönlichkeit bestärken und in seinen Interessen und Fähigkeiten unterstützen? Ich habe Erfahrungen mit Schule, und die Frage bedrängt mich, ob der Besuch einer Schule, wo mein Kind bis zu sechs Stunden täglich verbringen wird und vorgegebene Lehrpläne abarbeiten muss, das ist, was ich mir für dieses Kind als Ausbildung wünsche und verantworten will?
Es geht mir dabei nicht vorrangig um das Infragestellen des Schulsystems, es geht mir darum, herauszufinden, was das Beste für unser Kind ist, das ja die Fähigkeit, aus sich selbst heraus mit Neugier zu lernen, noch nicht verloren hat. Es geht um eine individuelle Form, wie es lernen kann, der Mensch zu werden, der in ihm steckt, und sein größtmögliches Potenzial zu entwickeln. Kann mir da das Schulsystem wirklich eine Hilfe sein?
Auf der Suche nach einer Antwort möchte ich hier etwas von meiner eigenen Schulerfahrung mitteilen. Für mich selbst war Schule in erster Linie ein Tätigkeitsfeld außerhalb der realen Welt. Es war die Welt des Kopfes, wo rein theoretische und abstrakte Werte und Normen vermittelt wurden, die mit dem Leben, das ich bis dahin zu Hause kennengelernt hatte, so gut wie keine gemeinsamen Bezugspunkte hatten. Es war für mich auch eine Flucht vor diesem Zuhause, wo ich in den emotionalen Strudeln der Trennungsgeschichte meiner Eltern unterzugehen drohte. So nahm ich die Maßregelungen und zum Teil rüden Erziehungsmaßnahmen meiner Grundschullehrerin wie auch die wohlwollend und unterstützenden Aspekte der anderen Lehrer gerne an. Ich war eine gute Schülerin und stellte die Organisation Schule nicht in Frage.
Doch auf das, was nach der Schule kam, war ich in all den Jahren nicht vorbereitet worden! Welcher Beruf könnte der richtige für mich sein? Eine schier endlose Suche begann. Über 60 Berufe hatte ich auf eine Liste geschrieben und machte mir dazu Gedanken. Ich begann, mich hier und da für Ausbildungsplätze zu bewerben, machte zur weiteren Orientierung ein Berufsgrundschuljahr in Bautechnik und begann danach abermals mit der Suche. Denn Bauzeichnerin konnte auch nicht das Richtige sein, es schien mit mir nichts zu tun haben. Ein zweiter Versuch, die Schule fortzusetzen, machte mir klar, dass mich all die Theorie und auch ein weiterer Abschluss nicht wirklich interessierte. Schließlich suchte ich Praktikumstellen im biologisch-landwirtschaftlichen Bereich. Das praktische Arbeiten in der Berufsschule hatte mich am meisten begeistert, und auf den Höfen lernte ich auch ganz andere Modelle des Lebens und des Arbeitens kennen.

Die eigene Berufung finden

Eigentlich verfügte ich über viele Möglichkeiten und Fähigkeiten, aber wohin meine persönlichen Interessen tendierten, darüber gab es in mir nur eine blasse Ahnung. ‚Ich‘ als Wesen mit Körper, Seele und Geist war als Einheit verloren gegangen. Reduziert auf mein intellektuelles Wesen war ich offenbar in all den Jahren nur Befehlen von außen gefolgt, hatte gewissenhaft gelernt, was mir aufgetragen wurde, und hatte dabei völlig verlernt, meinen mir eigensten Bedürfnissen und Interessen zu folgen. Dazu hatte mir das Schulleben keine Zeit gelassen. Mir war der rote Faden in meinem Leben verloren gegangen. Noch dazu hatte ich einen enorm hohen Anspruch an mich, was ich zu können und was ich und wie ich zu werden hatte. Und es war eine Kluft entstanden zwischen der realen Arbeitswelt und meiner Vorstellung davon, wie es dort sein würde und was ich dort zu können bzw. dafür noch zu lernen hätte.
Erst als sich mein erstes Kind ankündigte, gewann meine Neugierde wieder eine Richtung, und ich bekam Boden unter die Füße. Endlich gab es etwas Erlebbares, Wertvolles und Sinnvolles zu lernen: über Kindererziehung, Heilkunde und Ernährung, über Tierhaltung, Gartenbau und anderes praktisch Anwendbares. Es drängte mich darüber hinaus, auch wieder in meinem Inneren zu forschen, genährt durch die Resonanz, die meine Tochter in mir erzeugte. Also besuchte ich Selbsterfahrungsseminare in allen Richtungen und las allerlei über Körperheil- und Therapiemethoden. Weil ich Angst hatte, ich könnte die gerade begonnene Ausbildung zur Erzieherin nicht zu Ende bringen, machte ich neben einer homöopathischen Therapie schließlich noch eine Psychotherapie.
Die Erzieherschule machte mir von da an richtig Spaß, und ich lernte gern und viel. Es war eine besondere Schule mit paritätischer Besetzung von LehrerIn-nen und SchülerInnen in allen Gremien, mit Projekt- und Gruppenarbeit in den Bereichen Kunst, Medienarbeit, Rhythmik und Musik. Was mich hier aber erschreckte, war die Haltung der SchülerInnen, die direkt von einer staatlichen Schule kamen. Über jede Aufgabe wurde gejammert, die Schulstunden waren nur Belastung, und jede unterrichtsfreie Minute wurde mit Hurra begrüßt. Dazu kam ihre sehr passive Grundhaltung, selbst an Stellen, wo sie den Unterricht kreativ hätten mitgestalten können. Mir kam der Eindruck, sie würden diesen Beruf gar nicht erlernen wollen.
Endlich landete ich im Kindergarten und war heilfroh, zu sehen, wie mühelos und fröhlich Kinder im alltäglichen Tun und Dasein lernen. Mit den Kindern und durch sie konnte ich das selbstverständliche, natürliche Lernen neu erfahren und sie dabei begleiten. Eine tanztherapeutische Ausbildung brachte mein Lernen zusätzlich auf die Körperebene. Das machte mir deutlich, wie wichtig der Elementarbereich auch für uns Erwachsene ist, die wir unsere Körper häufig nur noch als Mittel zum Zweck für Notwendiges einsetzen, selten aber, um die Lust am Lebendigsein zu spüren.

In der Wirklichkeit lernen

Alles in allem kann ich aus dieser Erfahrung heraus nur schließen, dass an der staatlichen Schule ein wesentlicher Bezug zum realen Leben, zu unseren Seelen und Körpern fehlt. Es mag sein, dass dies auch eine Chance ist für den Zugang zum Abstrakten, aber wann findet das Abstrakte wieder seinen Bezug zur Wirklichkeit und zu dem Boden, auf dem neue Realität entstehen kann? Immer noch sitzt tief in mir die erlernte ‚Schulweisheit‘, dass ich erst dieses und jenes alles lernen muss, um endlich mit dem beginnen zu können, was ich eigentlich gern tun will. Das und auch die ständige Angst, nicht gut genug zu sein, schwindet in den Momenten, wo ich direkt mit der Gegenwart konfrontiert bin. Da bin ich in mir und mache, was ich am liebsten tue. Dies geschieht unweigerlich, wenn ich mich der direkten Begegnung mit meiner jüngsten Tochter stelle, die, vor Neugier strotzend, die Welt erobert und mich unablässig herausfordert, präsent und aufmerksam zu sein.
Nun also suchen wir Eltern nach neuen Lern- und Bildungsmöglichkeiten für unser jüngstes Kind. Meine erste Tochter hatte ich auf eine Waldorfschule geschickt, da ich den Eindruck hatte, dass sie dort in ihren Fähigkeiten Unterstützung finden würde. Aber auch dort war ich damit konfrontiert, dass ich bei der Hausaufgabenhilfe zwischen Lehrer und Tochter geriet, weil er, anders als ich, mit Druck arbeitete und mit Unverständnis reagierte. Zudem erinnerte mich das langsame Lerntempo meiner Tochter beim Erledigen der Hausaufgaben an eigene Traumata. Dies hörte erst auf, als ich ihr das Lernen selbstverantwortlich überließ. Mit Erstaunen stellte ich dann fest, dass sie es auf ihre Weise und in ihrem Tempo am besten konnte. Leider hatte sie oft mit Ohrenschmerzen zu kämpfen, da es in ihrer Klasse mit fast 40 Schülern zu laut war. Es mangelte an der Schule auch an gutem Sportunterricht und an wirklich interessantem Unterricht in den Naturwissenschaften.
Meine zweite Tochter schickten wir auf Wunsch meines Mannes auf die nahe gelegene staatliche Grundschule. Sie hat eine schnelle Auffassungsgabe, und wir glaubten damals, sie könnte sich vielleicht auf der Waldorfschule langweilen. Sie ist eine gute Schülerin. Und dennoch, heute bereue ich, sie nicht doch auf die Waldorfschule geschickt zu haben. Ihr fehlt der seelische Ausgleich zu dem ständigen Gefordertwerden im Frontalunterricht. Das zeigt sich bei ihr an Kopfschmerzen und an ihrer Körperhaltung. Durch den hohen Gruppenanpassungsdruck und den Leistungsdruck mangelt es ihr an Selbstbewusstsein. Ich kann dem kaum entgegensteuern, da sie keine Interessen neben der Schule entwickelt hat, sich schnell langweilt und wenig Eigen-initiative hat. Das direkte Gegenteil zu ihrer Schwester! Wir haben also verschiedene Charaktere und verschiedene Lernmodelle, und letztendlich kann man nicht wissen, was gewesen wäre, wenn …
Wenn ich mich von meiner jetzigen Perspektive aus offen nach Informationen und Erfahrungen anderer Eltern auf die Suche mache, stellt sich mir immer dringender die Frage, wie Aspekte der heutigen Schulpraxis, z.B. Klassem mit bis zu 32 Schülern mit Frontalunterricht, verantwortet werden können. Ich werde mich weiter auf die Suche nach Antworten machen und hoffen, dass es noch viele andere Eltern gibt, die ich auf diesem Wege treffe. Über die E-Mail-Adresse des Bundesverbands Natürlich Lernen! info@bvnl.de können Sie gerne mit mir Kontakt aufnehmen. B.N.“
Soweit der Brief der betroffenen Mutter. Für Eltern, die ebenso auf der Suche sind, möchte ich das jüngst erschienene Buch von Stefanie Mohsennia, „Schulfrei – Lernen ohne Grenzen“ (Anahita-Verlag, Königslutter, ISBN 3-937797-03-3) empfehlen. Die Autorin zeigt, wie selbständiges, eigenverantwortliches Lernen funktioniert. Zu Wort kommen Pädagogen und Bildungsexperten ebenso wie Kinder und Eltern, die aus ihrem Alltag berichten. Leben ohne Schule – ein Lernmodell auch für Deutschland? ´

  Autoren


Bundesverband Natülich Lernen! e. V. (BVNL) (Caspar-Jürgens, Anke)

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