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Netzwerkarbeit
erschienen in Ausgabe 138
Werner Binder denkt über Schritte zu einem neuen Bewusstsein nach.

Netzwerke funktionieren nicht von alleine. Sie bedürfen bestimmter Voraussetzungen oder Ordnungen und folgen in der Entwicklung Prozessen, die es zu erkennen gilt. Werner Binder, einer der Gründer von Holon, berichtet aus seinem Erfahrungsschatz über die Netzwerkarbeit.


Die folgende Betrachtung bezieht sich vorwiegend auf die Erfahrungen, die ich im Netzwerk Holon machte, als Gründungsmitglied, Mitarbeiter in der Koordinationsgruppe und jetzt als aktiver Teilnehmer, aber auch als Mitglied anderer verwandter Netzwerke.
Die Bewusstseinsentwicklung der Menschheit wird notwendigerweise Auswirkungen auf die menschliche Kommunikation haben und auf die Art und Weise, wie sich Menschen verbinden, vernetzen und zusammenarbeiten. Die sich erneuernde geistige Verfassung des Menschen wird neue Formen und Strukturen ausbilden. Einer der neuen Bewusstseinsinhalte besteht darin, dass sich Menschen als eine organische Ganzheit, als einen beseelten Menschheits-Körper verstehen lernen. Dieser Menschheits-Organismus ist wiederum vernetzt mit allen anderen ihn umgebenden Systemen (Holons): der Natur, anderen Planeten usw.
Die weitere menschliche Existenz auf diesem Planeten erfordert ein vertieftes Gefühl der Zusammengehörigkeit in Verbindung mit einem behutsamen und mitfühlenden Umgang mit allem Geschaffenen. Althergebrachte Strukturen sollten nicht in jedem Fall als veraltet oder als unzweckmäßig eingestuft werden, doch sie reichen nicht aus, um den Erneuerungsprozessen zu dienen.
Wir benötigen neue Kommunikations- und Organisations-Träger und eine erneuerte Sprache für das sich neu bildende Bewusstsein. Also: Neue Schläuche für den neuen Wein. Netzwerke scheinen gleichzeitig ein Gefäß der Zusammenarbeit wie auch der Transformation zu sein, wovon sich viele Menschen angesprochen fühlen. Allerdings haben wir erst damit angefangen, zu verstehen, wie sich Netzwerke verhalten und welche Gesetzmäßigkeiten ihnen eigen sind.
Im Folgenden möchte ich Aspekte und Ansätze aufzeigen, die ich als wesentlich für die Entwicklung eines spirituellen, holistischen Netzwerks halte:

Ansätze für ein spirituelles Netzwerk

-Visions-Entwicklung: Die Ursprungsvision, aufgrund derer sich das Netzwerk entwickelt hat, bleibt immer eine Art Fundament der aufgebauten Struktur. Wird sie vergessen oder nicht mehr ernstgenommen, gerät das Netzwerk in eine Krise oder zerfällt. Im Lauf der Zeit verändert und entwickelt sich die Vision, und damit müssen sich auch die Formen, welche die Vision erzeugt, wandeln. Zuerst müssen die Mitglieder des Netzwerks die Vision aufbauen, stärken und tragen, danach werden sie von ihr getragen. Es gilt, die Vision zu hüten und im Herzen zu bewegen. Dadurch wird sie energetisiert, und sie verdichtet sich. Der Verwirklichungs-Drang nimmt zu. ’Nehmt ihr den Traum als Wirklichkeit, so wird er immer dichter? (so in ’Die Antwort der Engel" von Gitta Mallasz.)
Im Feuer des Herzens der Netzwerk-Teilnehmer entsteht ein Bewusstseinsfeld. Wir können diesen Vorgang ’spirituelle Feldbildung? nennen.
Gerade in kritischen Phasen eines Netzwerks geschieht es immer wieder, dass die Energie zu einseitig in das Machen einfließt, anstatt in die Visionsarbeit. Dasselbe gilt bei individuellen Krisen: Die meisten Menschen fliehen dann in Aktivismus, wie wir das in unserer Gesellschaft eben gelernt haben. Aber in Zeiten des Übergangs ist die innere, spirituelle Arbeit von besonderer Wichtigkeit.
Geduld als Frucht des Vertrauens gibt der Vision die Zeit, die sie benötigt, um sich zu verwirklichen. Geduld ist in einem Netzwerk deshalb so wichtig, weil die wesentlichen Schritte oft erst nach langer Zeit möglich sind. Durch lange gewachsene Beziehungen entfaltet sich Veränderungskraft.
!Raum schaffen: Die Vision kann sich nur verwirklichen, wenn ihr Platz gegeben wird. Dieser Raum, der geschaffen werden will, muss den Geist der Vision atmen. Insbesondere geht es darum, Begegnungsräume zu schaffen. Die Holon-Cafés zum Beispiel (siehe KursKontakte 137) sind regionale Treffpunkte ganzheitlich-kreativ bewegter Menschen, die bereit sind, andere Menschen und deren Gedanken lauschend wahrzunehmen.
Netzwerkarbeit heißt, solche Räume bereitzustellen und zu pflegen. Sie sind der Boden für die Bildung neuer Beziehungen, Synergien, Projekte. Die Holon-Sommertagungen waren und sind von großer Bedeutung zur Stärkung des ’Holon-Felds?. Es sind sehr kreative Zusammenkünfte, die uns eine ganzheitliche Begegnung erlauben. Sie sollen Nahrung sein für Kopf, Herz und Bauch. Es ist uns ein Anliegen, dass diese drei Ebenen ausbalanciert angesprochen werden. Es braucht meines Erachtens aber auch feste Begegnungsplätze in der Natur, die geeignet sind, die Vision gleichsam mitzutragen und zu erden. Hier sind Geomanten gefragt, mit-schöpferisch tätig zu sein.

Zwischen Gelingen und Scheitern

Es braucht immer Menschen, die leidenschaftlich, ausdauernd und liebevoll solche Vernetzungsgefäße und Räume schaffen. Manchmal sind es nur Wenige, die ihr Feuer unablässig einbringen und aus ihrem Innern ihre Arbeit tun, ohne auf raschen Erfolg zu schielen. Um sie herum beginnt es zu leben. Sie bilden die nötigen Funken eines jeden Netzwerks.
-Das Netzwerk als Labor und Werkstatt: In diesem Sinn dient das Netzwerk zur Entwicklung neuer Gefäße zwischenmenschlicher Beziehungen. Es kann nichts anderes als ein Lernfeld sein. Wesentlich ist die Unbekümmertheit des Ausprobierens. Dazu gehört ebenso Gelingen wie Scheitern. Letzteres ist ein wesentliches Element jeglichen Lernens. Niemals dürfenMisserfolg und Scheitern als störende Erscheinung abgewertet werden. Im Gegenteil: Gerade Scheitern kann unser kreatives Potenzial in Gang setzen.
Dazu aus einem Interview, das ich mit Claus Eurich, Professor für Kommunikation in Dortmund, führte: ’In der Ohnmacht erkenne ich meine Grenzen, und wenn ich diese annehme, kann ich an ihnen arbeiten bzw. zu anderen Wegen und Lösungsmöglichkeiten geführt werden. So auch das Scheitern. Leben heißt Scheitern. Scheitern heilt vor dem Allmachtswahn und macht empfindsam für die Windungen des Lebens. Nur wer die Erfahrung des Scheiterns kennt und wer die Ohnmacht angenommen hat, ist zu wirklichen Wachstumsschritten in der Lage. Scheitern durchbricht festgefahrene Routinen, es befreit aus der Täuschung eines Seins in Sicherheit und letzter Planbarkeit.
Nichts kann uns vor dem Scheitern bewahren ? entscheidend ist immer, wie wir rückgebunden sind, spirituell getragen im Heimatraum des Göttlichen. Nach meiner Erfahrung haben Projekte, die sich nicht in dieser Rückbindung beheimatet fühlen, auf Dauer keine Chance. Weil sie bei den immer wieder auftauchenden Konflikten und Schwierigkeiten kein letztes Gemeinsames haben, an dem man sich wieder aufrichten kann.
-Krisen: Krisen sind integraler Bestandteil jeglichen Wachsens. Grenzerfahrungen und die Erfahrung des Scheiterns sind Chancen, die Perspektiven zu erweitern, das Bewusstsein zu dehnen und schöpferischer zu werden. Scheitern kann der Anfang eines neuen Aufblühens sein. Aus einer Untersuchung, von der mir berichtet worden ist, geht hervor, dass Menschen (und Institutionen), die gemeinsam durch eine Krise hindurch gegangen sind, gestärkt und wirkungsvoller daraus hervor gehen.

Mit dem Blick nach vorn

-Die Entwicklung des Netzwerks hält sich nicht an unsere Erwartungen: Innerhalb von Holon haben wir beobachtet, dass oftmals erwartete Vernetzungsschritte nicht stattfanden, dafür aber solche, für die wir kein offenes Auge hatten. Vernetzungen zwischen Institutionen kamen, entgegen unseren Erwartungen, nur vereinzelt vor. Dafür entstanden viele Freundschaften, und aus diesen entstanden Projekte in und außerhalb des Netzwerks Holon. Längere Zeit bedauerten wir, dass die erwarteten Entwicklungen ganz oder teilweise ausblieben, statt uns über unvorhergesehene Entwicklungen zu freuen. So entwickelte sich etwa Holon jüngst intensiver in Italien als im Gründerland Schweiz. Wir lernen derzeit, mehr den Lauf des Prozesses wahrzunehmen, um daraus Erkenntnisse zu gewinnen.
-Einfache und zuverlässige Strukturen: Wie es nötig ist, mit dem Prozess zu gehen, so ist es auch wichtig, einige feste und einfache administrative und organisatorische Strukturen zu haben. Nicht alles ist auch auf die Dauer zu realisieren. Da kleinere bis mittlere Netzwerke beinahe vollständig von freiwilligen, unbezahlten Kräften abhängig sind, ist es wichtig, dass strukturelle ’Bodenarbeit? einfach und auf das Nötigste beschränkt ist. Diese wenigen nötigen Strukturen müssen aber zuverlässig funktionieren, und es ist von großer Wichtigkeit, jene Bodenhaftung gebenden Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen nicht zu überfordern und ihnen die nötige Wertschätzung nicht zu entziehen. Visionen brauchen die liebevolle, bodenbildende Alltagsarbeit, um fruchten zu können.

Mein Traum eines spirituellen Netzwerks

Ein spirituelles Netzwerk basiert auf Menschen, die miteinander teilen möchten. Es genügt ihnen nicht, etwas zu bekommen und zu profitieren. Sie wollen auf einer tieferen Ebene teilen ? gebend und empfangend. Ein solcher Organismus besteht aus zahlreichen Zellen und Knotenpunkten engagierter kleiner Gruppen, die miteinander vernetzt sind. Diese Zellen sind auf der Schwelle von noch nicht manifestierter Schöpfungswelt und Manifestation. Sie sind zwischen dem Geist und der konkreten, zeit-räumlichen Welt angesiedelt. Solche Zellen können nach einer gewissen Zeit verschwinden und an einem anderen Ort wieder auftauchen. Es sind einzelne Lichter, die vom großen Licht ihre Energie erhalten. Die verschiedenen Lichter bilden eine heilende und kreative Gestalt. Die neuen bzw. erneuerten Netzwerke und Zentren sind leicht, haben ihren festen inneren Ort (die Vision) und bilden sich im Außen rasch, wo Bedürfnisse und Notwendigkeiten sind. Das Mitgefühl bestimmt die Bewegungen, nicht Ego-Strategien. Diese Netzwerkzellen folgen den Herzensregungen und bilden sich im Schnittpunkt von Not und Barmherzigkeit bzw. Mitgefühl.
Netzwerke haben feste und sich wandelnde Punkte. Die festen Punkte dienen der Stabilität. Sie stehen für Erdung, Zentrierung und äußeren Halt. Ich denke dabei z.B. an einen Meditationsraum oder einen Platz in der Natur. Die sich wandelnden Punkte dienen tiefliegenden Bedürfnissen ? ein Entwicklungsprojekt entsteht in einem Krisengebiet.
Feste Punkte und Wandlungspunkte sind in einer lebendigen Balance und unterstützen sich. Das Netzwerk gleicht einem beweglichen Dorf, das ebenso im Himmel wie auf der Erde gebaut ist. Es ist fest und beweglich, von Menschen und geistigen Wesen erhalten, es ist unsichtbar und sichtbar, es ist Teilchen und Welle.

  Autoren

Binder, Werner

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