Ein Veranstaltungsbericht von Bernd Herxen
Das ganzheitliche Gesellschaftsprojekt Dynamik5 traf sich im November letzten Jahres am Dornacher Goetheanum, um Fragen eines neuen, tragfähigen Weltbilds zu erörtern. Bernd Herxen fasst das Referat von Gil Ducommun über die integrale Weltanschauung nach Jean Gebser und Ken Wilber zusammen.
Gil Ducommun gelang mit seinem Vortrag eine konzentrierte Zusammenfassung des integralen Weltbilds. Ein zentrales Merkmal dieser spirituellen Philosophie ist der Gedanke einer ineinander verschachtelten Ordnung, vergleichbar mit einer russischen Puppe: Jede neue äußere Gestalt umfasst und umschließt eine vorangegangene innere. Die Gestalt ist jeweils ein Holon, sowohl für sich ein Ganzes als auch ein Teil einer höheren Ebene.
Das integrale Weltbild stellt sich also, im Unterschied zum statischen mittelalterlichen Weltbild, als dynamische Entwicklung dar. Jedes Holon hat den innewohnenden Drang nach Höherentwicklung, nach Selbsttranszendenz durch Selbstverwirklichung. Es ist aber auch möglich, dass ein Holon umgekehrt auf eine niedrige Stufe herabsinkt. Das bedeutet dann seinen Zerfall in Einzelteile. Als Beispiel eines solchen Zerfalls wies Ducommun auf das Erscheinungsbild moderner Städte hin, die sich als unorganische Ansammlung einzelner Bauten präsentieren. Diese Holarchie, die geschachtelte Ordnung von Holonen, umfasst aber nicht nur die Natur, sondern alle Seinsbereiche: den individuellen Innenbereich (Psyche), die materielle Struktur der Welt, wie sie von den Naturwissenschaften erforscht wird, das kollektive Selbstbewusstsein, wie es sich in Ethik, Religion, Kultur und Sozialpsychologie darstellt, und schließlich das ’kollektive Es?, die von außen betrachtete Gesellschaft und ihre Strukturen, wie sie von den Gesellschaftswissenschaften erforscht werden. Diese Bereiche lassen sich als vier Quadranten darstellen.
Die ’große Verschachtelung des Seins? ist keine Erfindung von Wilber oder Gebser, sondern das Weltbild der Philosophie der letzten 3000 Jahre; erst die Aufklärung trennte sich von ihm. Das moderne, naturwissenschaftlich geprägte Weltbild ist für Ken Wilber ’Flachland?, weil es alles auf Materie reduziert. Erst die Tiefe bzw. Höhe der Evolution gibt ihr einen Sinn. Ohne dieses Verständnis bleibt jede Weltanschauung der Sinnlosigkeit und Depression ausgeliefert.
Ducommun stellte die individuelle Bewusstseinsentwicklung in Stufen dar, wie sie etwa von Piaget, Aurobindo und Wilber beschrieben wird. Dabei erweitert sich jedesmal der Radius des Bewusstseins, die früheren Schichten bleiben aber als Voraussetzung und Grundlage weiter bestehen. Jedes Neugeborene macht diese Bewusstseinsentwicklung durch und durchläuft alle Stufen. Die gleichen Stufen finden sich auf der Ebene des kollektiven Bewusstseins ? jeder Mensch durchläuft die Evolution im Zeitraffer. Den modernen Menschen bezeichnete Ducommun als zergliederten Menschen, bei dem Geist bzw. Verstand vom Körper und den Gefühlen getrennt ist, ebenso von der göttlichen Ebene. Auf einer höheren, integralen Ebene ist der Mensch dagegen in eine göttliche, vertikale Achse integriert.
Den Zusammenhang von Spiritualität und Politik kleidete der Referent in das Bild eines Dorfplatzes mit vier Ecken, die die vier Dimensionen der Welt bezeichnen, zentriert um den Mittelpunkt des Brunnens (die ’5?, auch Quintessenz genannt): eine vertikale Geist-Achse, die nach unten die Quelle und nach oben das Ziel der menschlichen Entwicklung darstellt. Diese durch die Zahl Fünf bezeichnete zentrale Achse der Weltordnung hat auch Dynamik5 den Namen gegeben. Für das Ziel der spirituellen Entwicklung fand er das Bild eines Wagenrads. Die Speichen bezeichnen die verschiedenen Religionen, die alle zu einem gemeinsamen Mittelpunkt der Nabe führen, die selbst aber leer ist. Je weiter man auf dem Weg zur mystischen Mitte kommt, desto geringer wird das Trennende zwischen den Religionen. ´
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