Artikel
Kulturkreatives Spektrum (105)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (76)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (15)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (12)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (12)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (8)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Über uns
Impressum
Komplementärwährungen
erschienen in Ausgabe 138
Der sanfte Weg in eine neue Zivilisation. Der Schweizer Ökonom Hans-Peter Studer sprach mit dem Geldexperten Bernard Lietaer.

Wie Jonathan Dawson in der Ausgabe 135 von KursKontakte am Beispiel der Gemeinschaften Findhorn und Damanhur gezeigt hat, sind regionale Komplementärwährungen – wie z.B. der „Chiemgauer“ hier in Deutschland – erfolgreich bei der Förderung der regionalen ökonomischen und sozialen Entwicklung. Obwohl es auf der Welt mittlerweile 2600 solcher regionaler Währungen unterschiedlicher Ausprägung – komplementär zu den nationalen – gibt, werden diese von Politikern und Ökonomen immer noch als Spleen einiger Alternativer belächelt. Der international bekannte Währungsfachmann Bernard Lietaer hingegen, dessen Lebensgeschichte bereits in einem Portrait in KursKontakte Nr. 129 (www.kurskontakte.de) dargestellt wurde, betont die große Bedeutung solcher Komplementär-währungen für eine grundlegende ökonomische und -kulturelle Transformation. Die Einführung von Komplentärwährungen sei ein sanfter Weg hin zu einer anderen Welt.


Hans-Peter Studer: Herr Lietaer, eines Ihrer beiden Bücher heißt „Mysterium Geld“. Warum ist das Geld ein Mysterium?

Bernhard Lietaer: Das Geldsystem wird in jeder Gesellschaft als etwas Selbstverständliches und als das einzig Mögliche erachtet. Das war zu allen Zeiten so, auch als die Leute noch Federn oder Salz als „Geld“ benutzten. Wenn aber etwas ganz selbstverständlich ist, dann bedeutet das auch, dass es uns nicht wirklich bewusst ist. Und das, wessen wir uns nicht bewusst sind, ist immer das größte Mysterium.

Es gibt ja auch die Redewendung „Über Geld spricht man nicht“.

Das ist ein Aspekt davon. Geld ist ein Tabu. Es ist unhöflich, jemanden zu fragen, wieviel Geld er hat und woher es kommt. Auf der archetypischen Ebene sind die drei größten Tabus in unserer Gesellschaft Sexualität, Tod und Geld. Alle drei stammen eigentlich von demselben Archetyp ab. Dieser Archetyp, nämlich derjenige der „großen Mutter“, wird in unserer Kultur unterdrückt.
Das Interessante ist, dass wir in den 60er- und 70er-Jahren mit der sexuellen Revolution das Tabu der Sexualität angegriffen haben. In den 80er- und 90er-Jahren mussten wir dann aufgrund der AIDS-Problematik zusätzlich das Tabu des Todes angehen und auch mit den jungen Menschen über Tod und Sexualität sprechen. Weil alle drei Tabus denselben Ursprung haben, glaube ich, dass wir nun das dritte Tabu, das Mysterium Geld, ebenfalls angehen werden. Ich fordere mit meinen Büchern sozusagen das letzte Tabu der Gesellschaft heraus.

Welche Rolle spielt dabei der Archetyp der „großen Mutter“?

Die „große Mutter“ war ein sehr wichtiger Archetyp in unserer menschlichen Geschichte. Sie war die überragende Gottheit, vielleicht über zehnmal längere Zeit als unser männlicher, patriarchaler Gott, an den wir heute gewöhnt sind. Sie war weltweit umfassend verbreitet. Aber die große Mutter erlebte in den vergangenen 6000 Jahren eine schlechte Geschichte. Sie wurde in jeder Zivilisation, die wir als höhere bezeichnen, unterdrückt.

Mit entsprechenden Folgen?

Wenn ein Archetyp unterdrückt wird, dann meldet er sich als Schatten zurück, eigentlich als zwei polare Schatten. Im Fall des Archetyps der großen Mutter sind es Gier und Knappheit, wobei es die Angst ist, die diese Schatten erschafft. Wir haben auf diesen Schatten unser Geldsystem errichtet, und auch die gesamte moderne Ökonomie baut seit Adam Smith darauf auf. Das Geld muss knapp sein, sonst hat es keinen Wert.
Seit ungefähr 500 Jahren haben wir zudem die Zinsen, die das unendliche Akkumulieren von Geld und damit auch die Gier fördern. Sie sind ein Mechanismus, der die Gier rechtfertigt. Wenn man Sicherheit will, muss man viel Geld akkumulieren. Das ist in unserem kollektiven Denken der einzige Weg, um vor der Zukunft sicher zu sein. So gesehen ist Ökonomie dann die Allokation knapper Ressourcen durch individuelle Gier. Wir haben also eine ganze Theorie entwickelt, die auf diesen Schatten basiert. Der Schlüssel dazu ist unser „modernes“ Geld.

Das allerdings ist den meisten Ökonomen gar nicht bewusst.

Interessanterweise tun die Ökonomen so, als sei Geld völlig transparent. Man kann ein Doktorat in Ökonomie haben und nie wissen, was Geld ist. Man weiß zwar viel darüber, was Geld tut, aber was Geld ist, diese Frage darf man nicht stellen. Geld ist lediglich eine Vereinbarung, kein Ding. Es ist eine Vereinbarung in einer Gesellschaft, und folglich können wir sie auch ändern.

Entsprechend kann Geld ganz verschiedene Ausprägungen haben?

Das beste Konzept, das ich bis jetzt gefunden habe, ist das daoistische Yin-Yang-Konzept. Alle unsere indogermanischen Sprachen trennen. Wenn man bei uns ein Wort, ein Konzept definiert, geschieht es immer durch Trennung. Die Daoisten machen das anders, sie definieren die zwei Gegensätze als Teil eines Ganzen auf einer höheren Ebene.
Wir haben Yang-Geld. Das ist unser normales Geld. Es ist hierarchisch, und es ist knapp. Es akkumuliert, und es schafft Wettbewerb. Es ist ein patriarchales Konstrukt. In matrifokalen Gesellschaften, die das Weibliche ehrten, hatte man demgegenüber kein Monopol des Geldes als Spitze einer Hierarchie. Dort hatte man vielmehr zwei verschiedene Geldsysteme. Ein Yang-System für den Fernhandel und ein Yin-System für den internen Tausch.
Dieses lokale Geld war nicht hierarchisch, sondern völlig demokratisch. Es war auch nicht knapp. Die Leute selbst schöpften das Geld, zum Beispiel die Bauern in Ägypten, indem sie das Getreide im Speicher einlagerten. Es war ein Geld, das Kooperation und nicht Wettbewerb hervorrief. Es war auch ein Geld, das floss und sich nicht konzentrierte. Es war ein Liegegeld mit einer Liegegebühr, entsprechend den Lagerkosten. Wenn man eine solche Art von Yin-Geld hat, dann besteht absolut kein Interesse, es zu akkumulieren. Darum fließt das Geld in alle Ebenen der Gesellschaft. Auch die Armen hatten Zugang zu Geld. Das ergab eine ganz andere Dynamik.

Das damalige Geld kam also allen Bevölkerungsschichten zugute?

In London hat man zum Beispiel beim Bau der UBahn interessante Entdeckungen gemacht. Unter anderem wurden die gefundenen Gebeine aus der prähistorischen Zeit bis heute systematisch untersucht. Wir meinen heute, wir seien größer als die früheren Generationen. Der normale Mann in London im Hochmittelalter war jedoch fast so groß wie wir heute und zudem sehr stark. Und die Frauen waren damals im Durchschnitt sogar einen Zentimeter größer als die Frauen heute! Der Wendepunkt in der durchschnittlichen Körpergröße kam dann im 14. Jahrhundert, und zwar vor dem Ausbruch der Pest.
Das alles ist ein starkes Indiz für die damalige Lebensqualität, die im Gegensatz zu späteren Zeiten auch den unteren Bevölkerungsschichten zugute kam. Die Leute arbeiteten damals vier Tage pro Woche, hatten 90 Tage Ferien im Jahr, sechs Stunden Arbeit pro Tag, vier Mahlzeiten – auch die Leute ohne eigenes Land. Als der Graf von Sachsen versuchte, die tägliche Arbeitszeit von sechs auf acht Stunden zu erhöhen, gab es eine Revolution. Heute können wir davon nur träumen. Damals gab es insgesamt eine bessere Ernährung und eine bessere Lebensqualität. Das ist ziemlich schockierend, finde ich.

Immerhin sind die Frauen und das Weibliche heute im Begriff, wieder einen höheren Stellenwert in der Gesellschaft zu erhalten, und auch die Frage nach unserem Geld und seinen Wirkungen wird vermehrt gestellt.

In den vergangenen 50 Jahren sind wir noch nicht wieder auf einer matrifokalen Ebene angelangt. Aber es ist deutlich, dass Frauen heute gebildeter sind als früher. Sie haben mehr Freiheit und ökonomische Unabhängigkeit. Wir haben auch ein neues Bewusstsein von der Wichtigkeit des Weiblichen in unserer Gesellschaft. Das wachsende ökologische Bewusstsein ist nur eines der Zeichen dieses Wandels. Ein weiteres Phänomen sind die Yin-Komplementärwährungen, die in kurzer Zeit und ohne vorgängigen Börsencrash weltweit entstanden sind. Daran wird wiederum ersichtlich, dass die archetypische Ebene des Geldes verbunden ist mit der Rolle des Weiblichen in einer Gesellschaft und dass daraus ganz neue Möglichkeiten entstehen. Ich bin deshalb sehr optimistisch für die Zukunft.

Komplementärwährungen sind also ein wichtiger Schlüssel zur Lösung schwerwiegender Probleme unserer Gesellschaft?

Ich nenne diese Währungen komplementär, weil sie das normale Geld nicht ersetzen und auch dem normalen Geld keine Schwierigkeiten bereiten. Das ist wichtig zu begreifen. Darum sind Versuche, solche Währungen zu stoppen, nur kontraproduktiv. Wir haben heute ganz verschiedene, schwerwiegende Probleme: Die Überalterung der Gesellschaft, die Arbeitslosigkeit, das Umweltproblem und die Währungsinstabilität. Sie alle können wir mit komplementären Währungen angehen.
Die Komplementärwährungen haben zudem die Rolle eines Sicherheitsnetzes im Fall des Zusammenbruchs der herkömmlichen Währung. Ich bin der Meinung, dass der Crash in Deutschland in den zwanziger Jahren mit Komplementärwährungen hätte gelöst und damit das Entstehen des Nationalsozialismus hätte vermieden werden können. Ein Zusammenbruch in einem monopolisierten Geldsystem unterwandert die Demokratie. Sie ist dann gar nicht mehr möglich. Die ganze Mittelklasse verschwindet, und Angst macht sich breit. Das ist der Grund, warum ich glaube, dass es so wichtig ist, ein Sicherheitsnetz zu entwickeln, wobei ich freilich noch immer hoffe, dass wir dieses Netz letztlich nicht brauchen werden.

Was sind die wichtigsten Voraussetzungen für die Einführung einer Komplementärwährung?

Die erste Bedingung ist das, was ich als Leadership bezeichne. Die Basis eines Geldsystems ist immer Vertrauen. Es braucht Leute, die in den Augen anderer Menschen vertrauenswürdig sind. Die zweite Voraussetzung ist Professionalität. Viele Probleme entstehen, weil ein System nicht professionell geleitet wird. Ich denke, dass es Zeit ist, zu beginnen, diese Dinge auch offiziell zu unterstützen. In dreißig Staaten der USA werden heute Angestellte dafür bezahlt, dass sie Time-Dollar-Systeme begründen (Komplementärwährungen auf Stundenbasis, Anm.d.Red.). Diese Systeme funktio-nieren, sobald sie professionell geleitet werden. Dazu gibt es heute die erforderliche Computer-Software.

Eine weitere Voraussetzung für das Funktionieren einer Komplementärwährung ist wahrscheinlich ein genügend dichtes Netz von Anbietern und Nachfragern.

Ja, aber man kann auch über eine Clearingstelle mit anderen Systemen zusammenarbeiten. Wenn man über die 2600 weltweit existierenden Systeme tauschen kann, dann ist dieses System natürlich viel besser als ein kleiner Tauschring. Diese Vernetzung ist ein Ziel, das allerdings nicht von allen gewünscht wird. Es ist nur eine Möglichkeit. Aber wenn Sie zum Beispiel nach Mexiko gehen, dann gehen Sie dort auf eine Bank und holen Pesos. In den Ferien ein anderes Geld zu gebrauchen, finden wir ganz normal, und wenn das nicht möglich wäre, wäre es schwieriger, zu leben.

Benötigen diese Komplementärwährungen für ihr Funktionieren einen Abschlag, oder reicht es, wenn kein Zins darauf bezahlt wird?

Wenn Geld eine Vereinbarung ist, kann man grundsätzlich vereinbaren, was man will. Ich kann selber sagen, ob ich das Geld annehme oder nicht, und wenn ja, zu welchen Konditionen. Das ist auch mit normalem Geld so. Es gibt keine allgemeine Regel, dass man sagen kann, es müsse unbedingt einen Abschlag geben. Viele dieser Systeme haben keinen Abschlag, und es steckt auch keine kommerzielle Absicht dahinter.

Wie aber werden all jene reagieren, die von der heutigen Monopolwährung profitieren, wenn plötzlich immer mehr Komplementärwährungen entstehen?

Nietzsche hat gesagt: Geld ist das Brecheisen der Macht. Darum ist das Geldmonopol ein -Machtmittel. Wenn die Menschen eine Möglichkeit haben, ihre Tauschbeziehungen anders zu regeln, dann vermindert das die zentralisierte Macht. Aber ich glaube, wenn wir in unserer Zivilisation mit ihrer zentralisierten Macht noch weiter fortschreiten, dann haben wir bald keine Zivilisation mehr. Unsere extrem zentralistische Entwicklung bedroht allmählich das Überleben auf dem gesamten Planeten. In Kalifornien habe ich ein kleines Schild gesehen: „No planet, no business.“

Die heutigen Führungskräfte sehen das allerdings noch nicht so ganz ein. Die haben ihre Quartalszahlen und wollen mit ihren Unternehmen weiter wachsen …

Das, was ich gesagt habe, ist die Konsequenz, wenn wir weiterfahren mit diesem Spiel, wie es heute ist. Dann wissen wir, wo es endet. Das ergibt keinen Sinn. Mein Ziel ist es, den Übergang, in dem wir heute bereits sind, sanft auszugestalten. Man kann einen solchen Übergang traumatisch bewerkstelligen – über ökologische und politische Zusammenbrüche –, oder man kann das auf zivilisierte Weise tun. Ich bin der Meinung, dass die zivilisierte Weise besser ist. Der sanfte Weg geht über komplementäre Geldsysteme. Das ist keine Revolution, da wird lediglich etwas ergänzt, was heute noch nicht existiert. Das ist eine realistische und im wahrsten Sinn naheliegende Möglichkeit.

Herr Lietaer, herzlichen Dank für dieses aufschlussreiche Gespräch!

Bernard Lietaer hat über 25 Jahre in verschiedenen Top-Positionen der Finanzwelt gearbeitet, z.B. als Berater von multinationalen Konzernen. In den letzten Jahren unterrichtete er am Institute for Sustainable Ressources der Universität Berkeley und an der Sonoma State University.
Veröffentlichungen: „Mysterium Geld“, „Das Geld der Zukunft“, „Die Welt des Geldes – Das Aufklärungsbuch“,
Homepage von Bernard Lietaer: www.futuremoney.de.

Hans-Peter Studer hat an der Universität St. Gallen im Fach Ökonomie promoviert. Er ist heute als Forscher, Publizist, Referent und Seminarleiter zu den Themenschwerpunkten „Mitwelt- und Gesundheitsökonomie“ tätig.
Veröffentlichungen „Die Grenzen des Turbokapitalismus, Fakten und Perspektiven für eine neue Ökonomie“, „Gesundheit in der Krise, Fakten und Visionen“.


  Autoren

Studer, Hans-Peter

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de