Wie Gemeinschaft durch Kreativität entsteht. Ein Bericht aus dem ZEGG von Barbara Stützel.
Die Sängerin und Schauspielerin Barbara Stützel berichtet aus ihrem kreativen Leben in der ZEGG-Gemeinschaft bei Berlin. Sie ist der Überzeugung: Kunst kommt nicht von Können, sondern aus der Lust am Gestalten. Kreativität ist nicht nur auf die Künste beschränkt, sondern sollte das ganze Leben durchdringen. Sie zeigt auf, wie in ihrer Gemeinschaft die Kunst den Alltag mitgestaltet und so zu einem Sprungbrett in ein aufregendes Leben wird.
Es ist schon nach Mitternacht, die Bahnen weißen Papiers auf dem Boden der Aula füllen sich mehr und mehr. Eine Weinflasche wird entkorkt, drei Musiker improvisieren gemeinsam, eine Tänzerin steigt ein, der Pinsel wird von der Bewegung inspiriert und schwingt mit – Kunstnacht in der Lebensgemeinschaft ZEGG. Eine Gruppe Menschen inspiriert sich gegenseitig, jeder drückt auf seine Weise aus, was im Inneren aufsteigt, und kommt damit in Kontakt mit den anderen. Für einen Moment sind wir im Einklang mit uns und der Welt. Gemeinschaft entsteht.
Gemeinschaft bedeutet für uns in erster Linie eine offene Haltung zu uns selbst, den anderen und der Schöpfung. Sie entsteht, wenn wir Verbundenheit erfahren und uns dann dafür entscheiden, sie immer neu zu erzeugen. In diesem Artikel möchte ich Erfahrungen beschreiben, wie wir in der Lebensgemeinschaft ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschaftsgestaltung) Kunst und Kreativität nutzen, um unsere Gemeinschaft aufzubauen.
Kunst als Schritt in den Augenblick
Im Alltag sind wir selten präsent für den Moment. Häufig beschäftigen uns Gedanken, was wir in Zukunft vorhaben, oder wir zensieren unsere Impulse, weil uns Erinnerungen an schlechte Erfahrungen hemmen.
Es braucht aber im Leben immer wieder Gelegenheiten, in denen wir Gedanken an Zukunft und Vergangenheit loslassen und ganz im Augenblick versinken können. Dies kann in vielen verschiedenen Tätigkeiten passieren – eine Möglichkeit ist das Erleben im Spiel, in der Improvisation, in der Kunst. Das Spiel ist deshalb für solche Momente geeignet, weil es absichtslos geschieht, ohne Ziel und Plan, und so mithilft, auch die inneren Pläne loslassen zu können.
Eine Theaterimprovisation z.B. gibt mir die Gelegenheit, ein Verhalten auszuprobieren, das meine Alltagsrolle bisher nicht zugelassen hat. Es ist ein Raum der Freiheit. Ich darf meine eigene Vergangenheit, meine Ängste, meine Erwartungen und Erfahrungen erst einmal außen vor lassen. Denn – es handelt ja die Rolle. Sofort bin ich in einem Raum der ungeahnten Möglichkeiten des Augenblicks.
Ein Lieblingsschauplatz für Gruppenimprovisationen ist z.B. das Spiel „Psychiatrie“. Dieses Wort weckt bei den meisten Menschen die Assoziation, dass gesellschaftlich anerkannte und sozial erwünschte Verhaltensweisen wegfallen dürfen und man direkte Impulse ausleben kann. Eine ähnliche Wirkung hat das Thema „Kinder“. Die Sehnsucht danach, wieder zu werden wie ein Kind, kann man in einer Theaterimprovisation einfach ausleben. In einer Gruppenimprovisa-tion entsteht an dieser Stelle meistens zunächst Chaos, weil viele Menschen es genießen, sich „auszuleben“. Aber wenn so eine Improvisation über eine längere Zeit durchgehalten wird und man durch die erste Phase des Energieabbaus hindurch ist, kommen oft ganz stille, poetische Sequenzen. Es kann z.B. dazu führen, dass jemand einfach nur lange den Boden betrachtet oder Stühle streichelt und die ungeteilte Aufmerksamkeit auf die Umgebung richtet. In dem Moment, wo meine Konzentration sich voll auf eine Sache richtet, wird das Erleben intensiver, und dies ist meist verbunden mit einer Entdeckung der ureigenen Schönheit der Dinge. Dieser Zustand ähnelt dem der Meditation. Auch in der Meditation konzentriert man sich auf eine Sache – den Atem, das Mantra oder visualisiert bestimmte Bilder.
Schöpfung aus dem Augenblick
Wenn ich so beim Erleben des Augenblicks angekommen bin, entsteht häufig der Wunsch nach Ausdruck dessen, was innen ist. Dieser Ausdruck kann sehr unterschiedlich sein: eine Bewegung, ein Satz, eine Melodie, Pinselstriche. Ich bringe das, was innen ist, nach außen, kreiere eine äußere Form dafür. Und wenn ich spontan genug bin und den Zustand der inneren Zensur überwunden habe, komme ich leichter an die wirklichen Tiefen dessen, was für mich gerade im Moment wichtig wird – der Ausdruck wird essenziell, verdichtet das Erlebte. Picasso sagte: „Ich sage nicht alles, aber ich male alles“. Ich lasse das Leben und die Schöpfung sich entwickeln, indem ich ihnen den Freiraum lasse, durch mich hindurchzufließen. Kreativität ist Handeln durch Nicht-Handeln, ich lasse etwas geschehen. Ich bin entspannt und gebe mich dem hin, was kommt. Es ist, als würde man ein lange geschlossenes Fenster öffnen, das den Blick freigibt auf innere Welten, die uns über den Verstand nicht zugänglich sind.
Die Gruppe als Muse
In erster Linie ist das, was ich bisher beschrieben habe, ein innerer Vorgang, den jeder Künstler kennt und aufsucht. In unserer Gemeinschaft haben wir die Erfahrung gemacht, dass es leichter ist, sich als Gruppe in diesen Zustand zu bringen, weil man sich durch andere anregen lässt. Manchmal direkt, weil durch das Beobachten der anderen eigene neue Impulse entstehen, manchmal nur durch die konzentrative Energie. So sind gemeinsame Schreibwerkstätten oder Malaktionen Situationen, aus denen in kurzer Zeit viele überraschende Ergebnisse wachsen können.
Wenn man längere Zeit gemeinsam in einen Raum der Kunst eintritt, dann entsteht etwas anderes als nur ein Bild. Die Kunst breitet sich von der Malplatte oder den Instrumenten aus und durchdringt die Kommunikation, das Kochen, das gemeinsame Leben etc. Der Geist wird freier und leichter, zwitschert und frohlockt wie ein junger Vogel, schlägt Purzelbäume und verlässt allzu lineare Wege. Wichtig ist dann nicht mehr das Werk, sondern der kreative Akt mit seinen Folgen.
Die Kunst verbindet uns mit einem schöpferischen Dasein. Wir können in uns die Gestaltungskräfte der Schöpfung entdecken und spüren. Am Anfang folgt man der Inspiration noch ohne Ziel, bis das Bild (der Text, das Lied, die Bewegung) erscheint. Wenn es kommt, beginnt die bewusste Gestaltung. So entstehen laufend neue Dinge, und so nehmen wir teil am Prozess der Schöpfung. Kunst ist ein Sprungbrett ins Leben.
Kunst als Kommunikation
Neben dem eigenen inneren Prozess kommt bei Gruppenaktionen noch ein anderer Aspekt dazu: der Kontakt und die Kommunikation mit den anderen. Diesen Aspekt kann man im Malen vor allem dann erleben, wenn man ein gemeinsames Bild malt. Direkter ist es bei den darstellenden Künsten, bei Tanz, Musik oder Theater. Als Ergänzung zur Alltagskommunikation kann man im künstlerischen Ausdruck völlig andere Seiten von sich zeigen oder Situationen kreieren, die man sich wünscht. Es ist eine Unterstützung zur Entdeckung ungelebter Anteile in sich und schafft einen Raum, diese in einem Spiel, in einer Übungssituation einmal auszuprobieren.
Hierin können Kinder unsere Lehrmeister sein – sie lernen durch Ausprobieren, durch Spielen. Sie erfinden Rollen und beherrschen perfekt die Metakommunikation, durch die sie sich ihre Welt kreieren: „Ich bin jetzt der Papa, und du musst mich dann umarmen“. Und wenn es ihnen nicht gefällt, dann fangen sie einfach wieder von vorne an: „Nein, so geht das nicht, du musst es so machen.“ Eine Möglichkeit, sich diese Leichtigkeit wieder anzueignen, die Welt um uns herum nach unseren Wünschen zu gestalten, ist, dieses Spiel im Theater wieder zu erlernen.
Spiel mit den Emotionen
Zum Umgang mit Emotionen benutzen wir in unserer Gemeinschaft eine spezielle Form der Theaterimprovisation: die „Selbstdarstellung“. Dazu geht eine Person mit einem Thema in die Mitte und übertreibt die damit verbundenen Emotionen, z.B. mit Hilfe einer Rolle oder einer nicht-alltäglichen Körperhaltung oder Stimme. Es gibt auch einen „Spielleiter“, der die Person unterstützt, die richtige Verfremdung zu finden oder stärker in die Spielenergie hineinzugehen. Wenn Emotionen so verfremdet werden, ist es für den Darsteller leichter, sie mitzuteilen. Und es bewirkt eine innere Distanzierung zu den Emotionen, was es auch den anderen in der Gruppe einfacher macht, zuzuhören. Es ist viel leichter, sich z.B. die Wut eines Menschen anzusehen und die Energie darin sogar zu genießen, wenn ich weiß, dass auch der Darstellende seine eigene Wut nicht für die ganze Wahrheit hält, sondern selbst einen Abstand zu ihr aufbauen kann, um sich humorvoll von außen zu betrachten. Eine gelungene Selbstdarstellung reinigt und lockert oft die Atmosphäre und verbindet damit eine Gruppe.
Jede Kunstform hat ihre speziellen Qualitäten – so wie das Malen den Bezug zum eigenen Inneren stärker fördert und das Theater die Möglichkeit bereitstellt, sich neuen Charaktereigenschaften zur Verfügung zu stellen, so fördern Tanz und Gesang die Verbundenheit in einer Gruppe, da sie die Erfahrung zur Verfügung stellen, durch gemeinsames Tun in eine ähnliche Schwingung zu kommen.
Wir nutzen hierfür gerne einfache Lieder aus verschiedensten Kulturen wie Chants, Mantren oder Kanons. -Hagara Feinbier, unsere Chorleiterin, hat viele dieser Lieder für uns gesammelt und gibt sie auch mittels Liederbüchern, CDs und Workshops weiter (www.come-together-songs.de). Es ist immer wieder eine wohltuende Erfahrung, wie ein Lied zum richtigen Zeitpunkt mitten in einer erhitzten Gruppendiskussion die Energie im Raum verändern kann und die Herzen wieder bereiter werden, sich gegenseitig zuzuhören und wahrzunehmen. Oder wie eine neue Gruppe durch die Freude am gemeinsamen Singen sich gleich ein bisschen weniger fremd vorkommt. Oder wie einem eine große Gruppe nach einem Lied plötzlich kleiner und vertrauter vorkommt als vorher.
Kunst und Alltag
Die Absichtslosigkeit ist eine Grundbedingung für die Freiheit der Kunst – Spiel hat kein Ziel und keinen Zweck, sondern genügt sich selbst. Und doch bleibt sie nicht ohne Wirkung auf das Leben und den Alltag. So wie wir ein Kunstwerk gestalten, so lädt auch das Leben zu einer bewussten Gestaltung ein. Alles kann Teil davon sein, wie ich koche, einen Brief schreibe oder liebe. Jede Minute unseres Lebens ist einmalig und nicht mehr wiederholbar. Und ich erschaffe ihn mit. Die Kunst kann uns den Weg dazu weisen und uns dabei unterstützen. Gerade wenn wir erfahren haben, dass es in einem entspannten Zustand möglich ist, viel auszuprobieren, können wir uns auch im Leben dafür entscheiden. Eine kreative Person probiert auch die falschen Wege aus. Wer immer alles richtig macht, wird nicht kreativ, sondern bringt nur etwas zustande. Wenn ich in die falsche Richtung gehe, lerne ich etwas Neues. Kunst kommt nicht von Können, sondern von Mut und Neugier auf das, was kommen will, und von der Lust an der aktiven Gestaltung.
Hierzu sagt Bill Nickl, einer unserer Maler: „Kunst ist der Vorentwurf eines erträumten Lebens – intensiv und gegenwärtig, spontan und aus dem Herzen kommend. Malen und Lieben gehört für mich in vielerlei Hinsicht zusammen. Man malt, was man liebt, und entdeckt dabei bisher noch verborgene Liebesgefühle. So endet die Kunst nicht beim Verlassen des Ateliers, sondern das Leben wird zum Kunstwerk. Das bedeutet, dem Alltag wieder Glanz, Bedeutung und Würde zu geben. Wenn ich mich in den Genuss des Augenblicks vertiefe und mich den Schöpfungskräften des Lebens hingebe, bin ich viel leichter bereit, festgefahrene Konzepte zu verlassen, die vielleicht einmal aus Angst entstanden sind, aber in der Gegenwart nicht mehr hilfreich sind.“
Vom künstlerischen Prozess zum Auftritt nach außen
Bisher habe ich vor allem die Funktionen beschrieben, die die Kunst für die inneren Prozesse einer Gemeinschaft haben kann. Aber sie ist natürlich auch ein passendes Mittel, um Themen eine Ausdrucksform zu geben und damit Performances oder Theaterstücke zu gestalten. Ein häufiger Anlass, um uns als Künstler zusammenzufinden, sind unsere öffentlichen Tagungen, die wir als Gemeinschaft miteinander gestalten. Hier bilden sich immer wieder neue Konstellationen aus den Musikern, Tänzern und Schauspielern, die für unsere Gäste zu bestimmten Themen Inszenierungen erfinden. Nicht zuletzt ist die Kunst für uns auch ein wichtiger Weg, um mit den Menschen in den umliegenden Städten und Dörfern auf eine leichte Weise in Kontakt zu kommen. Durch Konzerte und Theateraufführungen, Ausstellungen, Angebote für Kinder und Jugendliche (Kindertanz, Jugendtheater, Chor) präsentieren wir uns und unsere Werke der größeren Öffentlichkeit und bauen so die Schwellenängste ab, die aufkommen, wenn eine große Gemeinschaft mit innovativen Ideen in einer Kleinstadt wie Belzig existiert. So hilft uns die gemeinschaftsbildende Kraft der Kunst auch, über unser Gelände hinaus Verbundenheit zu erzeugen.
Das ZEGG:
Das ZEGG (Zentrum für Experimentelle Gesellschafts-Gestaltung) ist eine Lebensgemeinschaft und ein Tagungszentrum von 80 Menschen in Belzig, in der Nähe von Berlin. Es ist ein vielfältiges Biotop aus engagierten Menschen, spirituell und politisch arbeitenden Gruppen, Künstlern und Querdenkern. Ziel ist die Erforschung der Grundlagen für eine gewaltfreie Kultur, für eine Kultur des Miteinanders und der Liebe. Um Vertrauen zu erschaffen, experimentieren wir mit Formen von Kommunikation und sozialer Transparenz. Was wir entdecken und lernen, teilen wir gerne an verschiedenen Tagungen mit unseren Gästen.
Seit 10 Jahren feiern wir Pfingsten unser großes Kulturfestival. Diesjähriges Motto: „Kreativität und Utopie“. Es ist ein Treffpunkt für Menschen, die die Verbindung von eigenem kreativem Erleben, Gemeinschaft und dem Erschaffen konkreter Utopien suchen und lieben. Den Kern des Festivals bilden Workshops aus den Bereichen Musik, Theater, Malerei und Tanz, wie z.B. musikalische Kommunikation bei dem Klezmer-Klarinettisten Helmut Eisel, Contact-Improvisation, Trommelkurs und Performanceworkshop. Inspirationen durch Vorträge, Auseinandersetzung mit verschiedensten konkreten Utopien im Café für Kunst und Politik sowie eine Begegnung mit dem „Living theatre“ in Film und Gespräch sind ebenso Teil des Programms wie Konzerte.
Nähere Informationen:
www.zegg.de, empfang@zegg.de
Tel. (033841) 59510
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