Jochen Schilk schildert das Leben des Ethno- und Ökoaktivisten Thierry Sallantin.
Als ich Thierry Sallantin im Sommer 2003 zum ersten Mal in einem Hochtal der französischen Pyrenäen begegnete, trug er auf immerhin 1600 Metern Seehöhe nichts als einen roten Lendenschurz. Jetzt, im Februar 2005, will er auf seiner Vortragstournee auch in unserer Dorfgemeinschaft vorbeikommen, und ich frage mich, wie sich der Mann, der 14 Jahre im südamerikanischen Regenwald verbracht hat, gegen die Unbilden des nordeuropäischen Winters schützt. Fast enttäuscht bin ich, als er schließlich in einem Outfit erscheint, das eher an Inuits als an Indios erinnert … Noch am Abend seiner Ankunft kommentiert er für uns einen Film über die Situation in Französisch-Guyana (siehe Kasten), und am folgenden Tag habe ich Gelegenheit, bei einer langen Wanderung seine außergewöhnliche Lebensgeschichte zu hören. Thierry erzählt sie in einem Mischmasch aus Deutsch und Englisch, eingefärbt mit einem charmanten französischen Akzent.
Am 24. Mai 1953 bestiegen Edmund Hillary und sein Sherpa Tenzing Norgay als erste Menschen den Mount Everest. Am gleichen Tag erblickte Thierry Sallantin im Bauernhaus seiner Großmutter das Licht der Welt. Sein Vater züchtete damals im Auftrag eines Pelzhändlers Nerze und Bisamratten. Bald verließ die Familie aus beruflichen Gründen das schöne, jedoch strom- und wasserlose Anwesen bei Bordeaux in Richtung Rambouillet.
Seine Mutter war Montessoripädagogin und arbeitete als Kindergärtnerin. In einem mutigen Versuch unterrichtet sie ihren Sohn die ersten beiden „Schuljahre“ nach eigenen Vorstellungen zu Hause, bis Thierry ohne große Schwierigkeiten auf die staatliche Schule überwechselte. Nur ein Defizit im Fach Mathematik konnte er nie ausgleichen – was ihn später davon abhielt, das Wunschstudium Biologie zu verfolgen.
Von Anfang an treibt Thierry seine Leidenschaft für die lebendige Welt. Früh verschlingt er Abenteuer- und Wildlife-Literatur und spielt in den umliegenden Wäldern die gelesenen Geschichten nach, bestimmt Pflanzen oder pirscht sich in der Art der Indianer an Tiere heran. Im Alter von zehn Jahren fällt ihm erstmals ein Farbband über die Amazonasindianer in die Hände. Thierry ist begeistert: „Es war schön zu erfahren, dass es noch echte Indianer in Südamerika gab, die ganz traditionell lebten – nicht wie die nordamerikanischen Eingeborenen mit Autos und Alkohol.“ Als er ab der vierten Klasse ein Internat besucht, können auch Verbote seinen Freiheits- und Erkundungsdrang nicht stoppen, und er klettert täglich viele Male über die Internatsmauer ins Grüne.
Ein Weg zeichnet sich ab
Im Mai 1968, Thierry wohnt mittlerweile mit seiner Familie in Orleans, stehen in ganz Frankreich die Räder still, denn nicht nur in Paris demonstrieren Studenten und Arbeiter gemeinsam. Die nahende Revolution legt auch den Unterricht in Thierrys Gymnasium für Wochen lahm. Doch der 15-Jährige nimmt nicht an den Demonstrationen teil, sondern nutzt die Zeit zur ausgiebigen Lektüre von ökologischen und ethnologischen Büchern. „Das war auch für mich eine Art Schlüsselmoment damals – wenn auch in ganz anderer Hinsicht. Ich habe nie verstanden, warum alle plötzlich auf Karl Marx abfuhren. Mir war im Gegenteil schon sehr früh klar, dass sein Materialismus von Anfang an zum Scheitern verurteilt war.“ In dieser Zeit ist „Ökologie“ noch ein Fremdwort, von einem ökologischen Bewusstsein der Bevölkerung ganz zu schweigen. Vier Jahre vor der Veröffentlichung der „Grenzen des Wachstums“ durch den Club of Rome findet im September 1968 im Pariser Sitz der UNESCO der erste Weltkongress besorgter Biologen statt, denThierry mit großer Aufmerksamkeit verfolgt. Seit er „Stoneage Economy“ des Anthropologen Marshall Sahlins gelesen hat, ist er überzeugt, dass ein Schlüssel zur Überwindung der ökologischen und sozialen Widersprüche der Industrieländer in der Ethnologie zu finden ist: Stammeskulturen schienen seit Jahrhunderten stabile Gesellschaften zu sein. Bis er jedoch bei dieser Disziplin landet, sollten noch einige Jahre vergehen.
Nach dem bestandenen Baccalaureat ermuntert ihn sein Geschichtslehrer, an einem Abiturienten-Preisausschreiben für eine Studienreise teilzunehmen. Thierry gewinnt. Seine Reise führt ihn 1971 für drei Monate an den Niger zum Volk der Tuareg, wo er in seiner ersten Feldforschung gemeinsam mit Ethnologen und Biologen die verschiedenen Ursachen der fortschreitenden Sahara-Ausbreitung erkundet. Wieder zu Hause, schreibt er sich an der Universität für die Fächer Geographie, Geschichte und Ökologie ein. Nach zwei Jahren soll er eine geographische Machbarkeitsstudie für ein Staudammprojekt erarbeiten – als Kühlwasserreservoir für ein Kernkraftwerk! Thierry erscheint es unmöglich, diese Forschung mit seinem Gewissen zu vereinbaren, und bricht das Studium ab. Verständnislos stellen seine Eltern ihre Unterstützung ein, doch er hat fürs erste keine Geldsorgen, nachdem er mit einer Arbeit zu „Landwirtschaft und Ökologie“ den zweiten Preis eines landesweiten Geographiewettbewerbs gewinnt – er vertritt darin die Auffassung, wonach jeder Landwirt zugleich Naturschützer zu sein habe. Mit dem Preisgeld lässt sich eine ausgedehnte Tour durch Frankreichs inzwischen boomende Szene der Ökogemeinschaften bestreiten.
Der Weg in den Regenwald
Anschließend zieht er nach Paris, um sich an der dortigen Universität endlich der Ethnologie zu widmen. Allerdings wohnt er nun in einer Kommune, die seine Aufmerksamkeit stark beansprucht. Unter dem plakativ-lautmalerischen Namen CRAC (Commune révolutionaire anarchiste et communiste) versuchen sich dort je neun junge Männer und Frauen nach dem radikalen Beispiel der österreichischen Friedrichshof-Kommune an der Befreiung der Sexualität durch Überwindung der Eifersucht: Ein detaillierter Plan regelt die Rotation der Bettpartner. Ob sie denn mit dieser Methode Erfolg hatten? „Nein,“ erwidert Thierry, „natürlich nicht!“ Es sei ein für die damalige Zeit irgendwie notwendiges Experiment gewesen, aber letztlich habe eben doch die Eifersucht zum Bruch geführt. Was jedoch gut funktionierte, war ihre gemeinsame Einkommensquelle: der Bau von maßangefertigten „französischen“ Riesenbetten für all die revolutionären Kommunen, die sich gleichfalls in der libération de l’amour üben wollten.
Als diese Erwerbsmöglichkeit mit der Auflösung der CRAC-Gruppe wegfällt, nimmt er einen Job in einer Landwirtschaftsschule an und kommt so zu einem Betätigungsfeld, das ihn seitdem immer wieder in Anspruch nehmen sollte. Im Wechsel mit seinen Ethnologiestudien bei Dozent Robert Jaulin, der das Phänomen des „Ethnozids“ an Stammeskulturen durch „kulturellen Genozid“ (Auslöschung durch Konfrontation mit der westlichen Lebensweise) untersucht, zieht es Thierry fortan immer wieder in ländliche Gegenden. In der Abgeschiedenheit der Pyrenäen verbringt der Sohn eines Pelztierzüchters viele Sommer mit dem Hüten von Schafherden und wird ein geschickter Scherer. Die Zahl der Tiere, denen er im Laufe seines Lebens an die Wolle gegangen ist, schätzt er auf wenigstens eine Viertelmillion.
Bereits Mitte der 70er-Jahre beteiligt sich der spätere Urwald-Ethnologe an einer Kampagne der Umweltschutzorganisation „Les amis de la terre“, die sich vehement gegen einen Plan der Regierung in Paris wendet, die südamerikanische Kolonie Französisch-Guyana komplett von ihrem Regenwaldbewuchs zu befreien und das so „gewonnene“ Land 30 000 französischen Bauern zur Verfügung zu stellen. Glücklicherweise merken die ersten dreihundert dieser Siedler ziemlich rasch, dass im gerodeten Dschungel kaum Landwirtschaft im europäischen Sinn zu betreiben ist. Ein Großteil der Betriebe geht in Konkurs, noch bevor sie allzu großen Schaden anrichten können. Für Thierry beginnt ein langjähriges Engagement zur Interessensvertretung der Amazonasindianer gegenüber dem französischen Staat, der sich weigert, in den Ureinwohnern des „Überseedepartements“ etwas anderes als einfache französische Staatsbürger zu sehen; der Status einer anerkannten ethnischen Minderheit würde nämlich besondere Rechte und Schutzbestimmungen mit sich bringen. Anfang der 80er-Jahre wird Thierry Ehrenmitglied der guyanischen Indianerorganisation, und als er auf dem Welttreffen der Gemeinschaftsbewegung 1985 von dem Plan erfährt, in Französisch-Guyana ein Ökodorf zu gründen, reift in ihm der Entschluss, dort selbst Feldstudien zu betreiben. Immerhin hatte ihm sein Professor einmal augenzwinkernd gesagt, dass der größte Nutzen ethnologischer Studien darin liege, dass sie dem Forscher vortreffliche Gründe für einen ernsthaften Ausstieg aus der Industriegesellschaft böten.
Leben in Französisch-Guyana
Als Thierry 1986 nach Südamerika fliegt, lässt er sein gesamtes bisheriges Leben mit dem Ziel zurück, das traditionelle Leben im tropischen Regenwald zu erlernen. Jedoch in Französisch-Guyana mit der Situation der Ureinwohner und der Wälder konfrontiert, erkennt er bald, dass seine Studien mit umfassendem politischen Engagement einhergehen müssen. Mit den kaum von der Neuzeit berührten Völkern der Teko, der Wayampi und der Wayana, die ihn jeweils bald als Stammesmitglied adoptieren und ihm indianische Namen geben, lebt er tief im Landesinneren zusammen. Trotz seiner Abgeschiedenheit im Dschungel ist er ständig bemüht, die Verbindung zu Forschern, Aktivisten, Journalisten und Juristen aufrecht zu erhalten, um solch verheerende Projekte zu verhindern, wie etwa eine Bootsrallye, die die Organisatoren des Autorennens „Paris–Dakar“ auf den Amazonasflüssen veranstalten wollen. Auch mit den Planern eines Hotelkomplexes mitten im Dschungel legt er sich an, und er hört nicht auf, von der Schulbehörde zu fordern, den indigenen Schülern nur solche Lehrer zu schicken, die bereit sind, deren Kultur zu respektieren.
Als der Bürgermeister der Hauptstadt Cayenne inhaftiert wird, weil Thierry aufgedeckt hat, dass er und eine Reihe anderer Politiker für die Indianer bestimmte Gelder veruntreut haben, warnen Freunde ihn erstmals vor einem möglichen Attentat auf sein Leben. Thierry beschließt, die Gefahr zu ignorieren, obwohl er weiß, dass Leute wie er äußerst gefährlich leben. (So gilt z.B. Bruno Manser aus Basel, der sich seit den 80er-Jahren für die Bewohner des malaysischen Urwalds einsetzte, seit 2000 als „verschollen“. Und erst kürzlich ging der Auftragsmord an der Nonne Dorothy Stang aus den USA durch die Presse, die sich für den Regenwald und für die Rechte der Landlosen in Brasilien eingesetzt hatte.) Als er weiterhin gegen die aufkommenden illegalen Goldminen und die allgemein gesetzlosen Zustände in einigen der wenigen Dörfer auf dem Gebiet des geplanten Nationalparks opponiert, ist das Maß für gewisse Kreise voll. An einem verhängnisvollen Tag des Jahres 1994 lauert ihm ein Bewaffneter auf, angeheuert, um den unbequemen Forscher zum Schweigen zu bringen. Doch Thierry handelt geistesgegenwärtig und kann dem Killer das Gewehr entwinden. In dem Handgemenge löst sich ein Schuss und tötet den Mann. Thierry meldet den Vorfall der Polizei, mit der er guten Kontakt unterhält, doch kann er in dem folgenden Prozess den voreingenommenen Richter nicht von einer Unfall- oder Notwehrsituation überzeugen. Das mit Nachfahren afrikanischer Sklaven aus Martinique besetzte Gericht verurteilt den Ethnologen im Februar 1995 zu zehn Jahren Gefängnis – zu einer Zeit, die in Französisch-Guyana von einem „allgemeinen Rassismus gegen Weiße“ geprägt ist, so Thierrys Kommentar. Im Nachhinein vermutet er, dass ihm die Haft, von der er sechs Jahre absitzt, wahrscheinlich das Leben gerettet hat: In den Händen seiner Wächter ist er vor weiteren Mordanschlägen gefeit.
Die ersten fünf Jahre Gefängnis in Guyana empfindet er nicht so sehr als verlorene Zeit: Er ist weiterhin von indianischen Mithäftlingen umgeben, denen er wertvolle Dienste erweisen kann, indem er Briefe schreibt und sie in juristischen Fragen berät; bald hat er sich zu einer Art Laien-Rechtsanwalt entwickelt, der den Behörden auf die Nerven geht. Im März 2000 wird er unter absurden Sicherheitsvorkehrungen in einem Ferienflieger nach Paris verbracht, wo er bis zu seiner Entlassung im Mai 2001 noch einmal über ein Jahr lang einsitzt.
In Freiheit macht er sich sofort daran, ein Netz zur politischen Kampagnenarbeit zu knüpfen, welche die ungeheuerlichen Vorgänge in jenem überseeischen Teil der Europäischen Union öffentlich machen soll (siehe Kasten). Außerdem will er nun, nach über zwanzigjähriger Arbeit zur Erhaltung der indianischen Kultur, endlich eine lang gereifte Idee realisieren: „Eines der größten Probleme ist, dass die Indianer in Guyana, ebenso wie die meisten anderen indigenen Kulturen der Welt, momentan einem ungeheuren Anpassungsdruck durch die globalisierte westliche Lebensweise ausgesetzt sind. Sie halten ihren eigenen Lebensstil für rückständig und leiden unter einem entsprechenden Minderwertigkeitsgefühl. Da sie kaum in der Lage sind, unsere vermeintlich allmächtige Technik und unseren Lebensstil mit der notwendigen kritischen Objektivität zu betrachten, wünschen sich viele von ihnen nichts sehnlicher, als so bald wie möglich in die städtischen Ballungsräume zu gehen.“ Es sei in dieser Situation von großer Wichtigkeit, den traditionell lebenden Kulturen zu vermitteln, dass ihre Lebensweise keinesfalls überkommen ist, sondern der modernen Gesellschaft in punkto Nachhaltigkeit und Sozialverhalten sogar vorbildlich ist. Am besten ließe sich dies den vom Ethnozid bedrohten Völkern verständlich machen, indem man sich in Gruppen von westlichen Aussteigern in deren weiterer Umgebung niederließe, um fortan selbst in Ökodörfern einen einfachen und „traditionellen“ Lebensstil zu verfolgen. Thierry erzählt an dieser Stelle begeistert von einem bolivianischen Indiostamm, der größtenteils in die Hauptstadt La Paz übersiedelt war, sich dort jedoch binnen kurzem eingestehen musste, dass die Stadt nichts für ihn sei; die Gruppe beschloss, wieder gemeinschaftlich in ihren angestammten Lebensraum zurückzukehren. „Das sind die ersten indianischen Aussteiger-Hippies!“ freut sich Thierry – und sucht denn auch vorrangig in der europäischen Back-to-Nature-Szene nach potenziellen Regenwald-Siedlern für sein Vorhaben, das aus ethnologischer Sicht ungewöhnlich erscheinen muss und durchaus Fragen aufwirft: Wer kann schon abschätzen, ob die Ökosiedler der indigenen Bevölkerung tatsächlich mehr Segen als Schaden bringen?
Der Traum von einer anderen Welt
Anfang der 80er-Jahre war Thierry als eine Art „experimenteller Anthropologe“ dabei gewesen, als die seit 1972 in Nordamerika bestehende Rainbow-Bewegung der Post-Hippies nach Europa überschwappte (siehe Ausgabe 118, www.kurskontakte.de). Nun, nach seiner Haftentlassung führt ihn sein Weg direkt zu diversen Treffen dieses „utopischen Nomadenstamms“, auf denen die zivilisationsmüden Großstadtkinder eine Integra-tion stammeskultureller Lebenspraxis und Spiritualität üben. Das alljährliche Europa-Gathering (Zusammenkunft) der nationalen Rainbow-Familien soll dieses Jahr erstmals in Deutschland stattfinden, und Thierry ist wie immer unter denjenigen, die die Sache vorantreiben – obwohl er Sorge hat, dass das einzigartige Phänomen sich allzu weit von seinen ursprünglichen Ansprüchen entfernen und zu einem bloßen „Ferien-Festival für Großstadthippies“ werden könnte.
Thierry glaubt angesichts des Ausmaßes der globalen Bedrohung nicht, dass es an der Zeit ist, die Füße hochzulegen. Er glaubt vielmehr an die Realisierbarkeit des Traums von einer anderen Welt, in der vor allem das Authentische seinen festen Platz hat. Und er wird sein Leben dafür einsetzen, dass seine indianischen Freunde in einer intakten Umgebung weiterexistieren können.
Mir gefällt die Bestimmtheit, mit der Thierry seine Mission verfolgt – so wie es immer wohltuend ist, die Ernsthaftigkeit und Kraft eines Menschen zu spüren, der seine Aufgabe gefunden hat.
Wir sollten uns zusammen mit Ethnoaktivisten wie Thierry fragen, welchen Reichtum die Welt und auch die Bewohner der Industrienationen verlieren, wenn die wenigen noch traditionell lebenden Völker von der Erdoberfläche verschwinden. Auch wenn diese Perspektive egoistisch motiviert sein mag: Könnte es nicht sein, dass die Stammeskulturen uns angeblich so hoch zivilisierten Westmenschen, die wir am Ende unserer gesellschaftlichen Weisheit angelangt sind, noch einige wichtige Dinge zu sagen und zu zeigen haben? Es ist bereits viel geschrieben worden über das romantisierende Zerrbild von den „edlen Wilden“ der „Naturvölker“, das mitunter im Westen vorherrscht. Doch man kann es nicht oft genug betonen: Die Lebensweise der vermeintlich primitiven Gesellschaften ist der unseren insofern weit überlegen, als sie nicht unseren Heimatplaneten zerstört. Von dieser Erfahrung zu lernen, bedeutet nicht den Rückschritt in die Steinzeit, sondern die Herausforderung, einige essenzielle Aspekte dieser uralten Kulturen in unseren relativ jungen Weg zu integrieren.
Als Basis für seine Suchexpeditionen nach einem abgelegenen Ort für das europäische Rainbow-Gathering 2005 sowie für seine Vortragsreisen dient Thierry Sallantin seit einiger Zeit ein Büro in der Lüneburger Universität, das ihm der Vorsitzende der Organisation „Freunde der Naturvölker“ zur Verfügung stellt. Thierry Sallantin kann dort kontaktiert werden.
Nationalpark bedroht „europäische“ Indianer
Wer eine Euro-Note in die Hand nimmt, findet zwischen dem Nennwert und dem Profil Europas noch vier kleine Kästchen aufgedruckt. Dasjenige ganz links zeigt schematisch das französische Überseedepartement Französisch-Guyana an der nördlichen südamerikanischen Atlantikküste. Es ist mit immerhin 90000 qkm nur geringfügig kleiner als Portugal und zu ungefähr 97 Prozent mit tropischen Regenwäldern bedeckt. Da es einen regulären Teil der Europäischen Union darstellt, können EU-Bürger ohne Passformalitäten einreisen. Es gibt dort allerdings nur eine einzige Straße entlang der Küste, wo etwa 90 Prozent der 200000 Einwohner leben. Bekannt ist das Departement bislang hauptsächlich durch die europäische Raumfahrtbasis in Kourou – doch ist es an der Zeit, dass dieses exotische Stückchen Frankreich (für dessen Etat zu 71 Prozent die europäischen Steuerzahler aufkommen) endlich verstärkt in unser Bewusstsein rückt. Denn wenn jetzt nicht etwas geschieht, wird die französische Regierung in aller Stille einen Nationalpark einrichten, der die Artenvielfalt des Regenwalds und die letzten verbliebenen indigenen Völker bedroht!
Wie bitte? Ein Nationalpark, der Mensch und Umwelt schadet? Erstaunlich, aber wahr:
1970 wurde das südliche Drittel des Landes zum Schutz der dortigen Amazonasindianer als „Restricted Area“ ausgewiesen, da man die Kulturen der Wayampi, der Teko und der Wayana, die heute zusammen rund 3600 Menschen zählen, vor dem vermutlich vernichtenden Zusammenprall mit dem aufkommenden Tourismus bewahren wollte. Seit Beginn der Kolonisation ab 1604 sind auf dem Gebiet Französisch-Guyanas über zwanzig verschiedene Ethnien ausgestorben, doch vermuten einige Ethnologen, dass in den unzugänglichen Wäldern noch mindestens vier weitere bislang unkontaktierte Stämme überleben.
Aus Mangel an Straßen war auch der mittlere Teil des Landes zwischen dem besiedelten Küstenstreifen und der Schutzzone im Süden lange Zeit relativ sicher vor menschlichem Zugriff. Dann jedoch fand man in diesem Streifen vielversprechende Goldvorkommen. Es begann ein regelrechtes Goldfieber, dessen Hauptakteure heute zwei offiziell arbeitende kanadische Bergbaufirmen und eine Gruppe skrupelloser Mafiosi darstellen, die mehr als 20 illegale Minen betreiben. Dort wird der Wald gerodet, werden Straßen gebaut, wird Erde weggespült. Aus dem Schlamm waschen brasilianische Arbeiter unter schlimmsten Sklavenbedingungen mit Hilfe von Quecksilber das Gold heraus. Zu den 10 Tonnen Gold, die jährlich offiziell in Französisch Guyana gefördert werden, kommen so noch einmal rund 35 Tonnen illegales, konkurrenzlos billiges Gold. Das in gleicher Menge zum Abbau verwendete Schwermetall Quecksilber breitet sich unkontrolliert in der Natur aus und verbleibt dort für alle Zeiten in hochkonzentrierten Mengen. Wenn vielleicht auch noch nicht ausreichend erforscht ist, welche Folgen dieses Gift für die Tier- und Pflanzenwelt hat, so zeigt sich doch unter der indigenen Bevölkerung bereits eine rapide anwachsende Rate von quecksilberverursachten Krankheiten und missgebildeten Babys – in absehbarer Zeit wird dies zum Genozid an mehreren Stämmen führen, wenn die französische Regierung weiterhin untätig bleibt und damit den Dschungel ihres Departements zu einer rechtsfreien Zone macht. Die im weiten Umkreis der Minen gemessenen Quecksilberkonzentrationen übertreffen die gültigen EU-Werte um ein Vielfaches. Es scheint, als ob die verantwortlichen Stellen in Frankreich entweder Angst vor der in Wildwestmanier herrschenden Goldgräbermafia haben oder bereits von dieser gekauft sind. Die Militär- und Polizeigruppen, die gegen die illegalen Minen vorgehen sollen, sind hoffnungslos unterbesetzt. Dabei ist die für derartige Dschungeleinsätze optimal ausgerüstete und vorbereitete französische Elitetruppe, die Fremdenlegion, schon seit dem Ende des Algerienkrieges in Guyana stationiert …
Doch ist Gold nicht das einzige Problem. Auf der Klimakonferenz 1992 in Rio versprach Frankreich der Welt vollmundig die Schaffung eines Nationalparks in weiten Flächen von Französisch-Guyana. Tatsächlich gehört der tropische Regenwald im nördlichen und mittleren Teil Guyanas zu den artenreichsten im gesamten Amazonasgebiet, und weil er bislang kaum besiedelt ist, könnte er auch vergleichsweise einfach erhalten werden – wäre da nicht die Macht der Goldsucherlobby, die die französische Politik mittlerweile dazu gebracht hat, das Nationalparkprojekt immer weiter in Richtung Süden zu verlegen und seine Ausdehnung zu reduzieren. Die aktuellen Pläne, die bis Mitte des Jahres 2005 verwirklicht werden sollen, sehen eine vollständige Überlagerung des für den Tourismus offenen Parks mit der indianischen Schutzzone im Süden vor, die ja einst eingerichtet worden war, um Touristen von den Ureinwohnern fernzuhalten. Die Indianer befürchten nicht ohne Grund, dass ihre Kultur den Zusammenprall mit den Besuchern aus den Industriestaaten nicht lange überstehen würde, insbesondere durch die Übertragung bislang unbekannter Krankheiten. Außerdem bedeutet ein solcher Nationalpark den Bau neuer Straßen, die vermutlich auch als weitere Einfallstore für Goldsucher dienen werden. Erstaunlicherweise sehen jedoch die Fürsprecher des Parks ohnehin keinerlei Unvereinbarkeit zwischen Nationalparkplänen und Goldabbau – eine absurde Position, die mittlerweile sogar von der Umweltorganisation WWF geteilt wird! Ethnologen und Ökologen fordern deshalb dringend von der französischen Regierung folgende Schritte:
- Das Nationalparkprojekt in seiner jetzigen Form darf nicht realisiert werden.
- Der illegale Goldabbau muss baldmöglichst mit geeigneten Mitteln unterbunden werden.
- Bei der Schaffung eines sinnvollen Parks im Norden Französisch-Guyanas müssen in üblicher Weise ökologische und ethnologische Experten sowie die europäische Öffentlichkeit und Vertreter der Ureinwohner in die Planungen einbezogen werden. Indigene Völker schützen die Natur nachgewiesenermaßen am besten.
- Die Schutzzone im Süden darf nicht angetastet werden. Weiterhin soll den dort lebenden Indianern ein ihnen übereignetes Territorium eingerichtet werden, wie es z.B. 1999 dem Volk der Inuit im Norden Kanadas zugesprochen wurde.
Weitere Informationen:
Freunde der Naturvölker e.V./Friends of People Close to Nature, www.naturvoelker.org, www.fpcn-global.org
Thierry Sallantin bittet darum, den Vordruck eines Protestschreibens an den französischen Umweltminister von den Seiten der FdN e.V. herunterzuladen und unterschrieben an die Organisation zu schicken.
Postadresse:
Freunde der Naturvölker e.V., c/o Stefan Keulig
Salzstraße 6, D-21339 Lüneburg,
Spendenkonto: Postbank Hamburg, Konto 6196205,
BLZ 20010020
außerdem: www.survival-international.org,
www.pro-regenwald.org, www.gfbv.de (Gesellschaft für bedrohte Völker), www.infoe.de (Institut für Ökologie und Aktionsethnologie)
Thierry Sallantin: tsallantin AT hotmail.com
Tel. (04131) 781311, oder (0163) 4761606
|