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Bereit für das, was kommt
erschienen in Ausgabe 139  PDF-Version (182.1 KB)
Lara Mallien und Jochen Schilk sprachen mit dem Ofen-Künstler Dieter Schliwa und der Tanzpädagogin Bärbel Neuhaus

Im Sommer 1977 wandert ein junger Bursch von 15 Jahren allein durch Sizilien. Er kommt über den nächsten Hügelkamm, und vor ihm breitet sich ein phantastischer Blick aus. Ein grünes Tal, Weingärten, ein Wasserlauf, der Blick aufs Meer … Er jauchzt und lässt sich auf den Boden fallen. Das ist der Ort meines Lebens, mein Paradies, hier gehe ich nie wieder weg, denkt er. Und er bleibt dort die nächsten Tage. Aber bald fragt er sich, was er hier ganz alleine soll, wo es niemand gibt, der das Paradies mit ihm teilen möchte – und so macht er sich wieder auf den Weg.
Dieter Schliwa wohnte zu dieser Zeit schon nicht mehr zu Hause, obwohl es keine großen Konflikte mit seinen Eltern gab. Sie stammten aus Schlesien und hatten sich in der Nachkriegszeit mit Sparsamkeit und Fleiß eine Existenz und ein eigenes Haus in der Kleinstadt Holzminden aufgebaut. Der Vater arbeitete in einer Brauerei und als Stadtgärtner. Die typischen Auseinandersetzungen zwischen Sohn und Vater hat Dieter schon mit 11 Jahren hinter sich gebracht, als er sich lange Haare wachsen ließ wie die Studenten und jungen Leute der alternativen Bewegung der 70er-Jahre. Schließlich fand sich der Vater damit ab, dass sein jüngster Sohn seinen eigenen Kopf hatte und schon mit 13 Jahren in den Ferien durch ganz Europa trampte. Während der 15-Jährige noch die Realschule abschloss, zog er in eine Landkommune und arbeitete dort im Garten.
Weiter zur Schule gehen kam für ihn nicht in Frage. Lieber war Dieter selbständig und recycelte mit einer Gruppe von Freunden Baustoffe von Fachwerkhäusern, die sie an Baudenkmal-Projekte verkauften. Dabei verdiente er gutes Geld und war in der ungewöhnlichen Situation, dass er sich mit 18 Jahren ein eigenes Haus kaufen konnte. Dort wohnte er mit seiner vier Jahre älteren Freundin, einer Krankengymnastin aus Berlin, die er in der Anti-Atom-Bewegung im Wendland kennengelernt hat. Sie brachte ein kleines Kind in die Beziehung mit, und bald darauf kam ein weiteres hinzu. „Da war ich mit Neunzehn Vater von zwei Kindern, hatte ein Haus und einen guten, frei gestaltbaren Job.“ erzählt Dieter. Aber das Leben als Kleinfamilie auf den Dorf wurde den jungen Leuten zu eng. „Damals wollten viele Leute raus aus Deutschland und kauften sich irgendwo einen Hof in der Toskana. In Deutschland wurde es zunehmend ungemütlich, es war die Zeit des Nato-Doppel-Beschlusses und der Terrorismus-Kontrollen.“
Die junge Familie verkaufte ihr Haus und fuhr mit einem Wohnmobil nach Süden. „Wir hatten kein Ziel, wir wollten irgendwohin, um das Paradies zu finden.“
Das Paradies wartete schon auf sie. Nach zehntägiger Reise nach Griechenland bot sich die Chance, einen großen Orangengarten günstig zu pachten, ein wunderbares Gelände mit alten Obstbäumen und einem alten Bewässerungsteich als Swimmingpool. Dieter hatte bei seiner Arbeit auf der Landkommune den Demeter-Gartenbau kennengelernt und wollte auch dieses Land so bewirtschaften. Bald waren seine köstlichen Demeter-Orangen ein begehrter Exportartikel. Die Kinder gingen in der Nachbarschaft zur Schule, seine Lebenspartnerin betrieb eine erfolgreiche Praxis als Krankengymnastin. Aber der Besitzer des Gartens wurde neidisch auf den Erfolg und verlängerte den Pachtvertrag nicht weiter. Das war den Auswanderen eine Lehre, und sie kauften sich eigenes Land, einen einsamen Olivenhain, nicht weit entfernt von einem fast verlassenen Dorf, wo es noch ein gut erhaltenes, altes Haus mit großem Garten, Obstbäumen und einer eigenen Quelle gab. Ein neues Paradies. Hier kamen noch zwei Kinder zur Welt, und mit den Oliven ließ sich die Lebensgrundlage bestreiten.
Ganz gelang es der Familie jedoch nicht, sich aus der Hektik der modernen Welt auszuklinken. Ein Bio-Großhändler besuchte die Selfmade-Farmer und bot an, mit Geld einzusteigen und eine richtige Demeter-Farm aufzubauen. Dieter, inzwischen 24 Jahre alt, dachte, was soll schon schiefgehen? Also wurden weitere Flächen gekauft, Ställe gebaut und Obstplantagen angelegt. Alles schien von selbst zu laufen. Helfer kamen und wollten koodiniert werden, alles wuchs, und manchmal wuchs es ihnen über den Kopf. Aber das gehört wohl zur Verwirklichung dieses Lebenstraums dazu, dachten sie.

Vertreibung aus dem Paradies

Das Erwachen aus dem Traum war hart. Auf einer Fahrt zu einem Patienten verunglückte Dieters Lebenspartnerin tödlich bei einem Autounfall. Es dauert einige Zeit, bis Dieter in unserem Gespräch etwas über diesen dunkelsten Tag erzählen mag. Erst nachdem er mit seiner Erzählung in der Gegenwart angekommen ist, wagt er nochmals einen Rückblick. „An diesem Tag bin ich völlig zerflossen. Gleichzeitig habe ich gespürt, dass sie da war. Ich habe zum ersten Mal deutlich gespürt, dass es noch mehr gibt als nur das, was wir sehen.“
Für Dieter blieb keine Zeit, den Verlust zu verarbeiten, schließlich saß er allein mit vier Kindern auf einem Olivenhof in Griechenland, und musste fürs Überleben sorgen. „Die Eltern meiner verstorbenen Partnerin sagten: ‚Geh nach Deutschland und mach endlich eine Ausbildung. Wir übernehmen die Kinder.‘ Sie gaben mir die Schuld am Tod ihrer Tochter. Ich musste sofort nach Deutschland und dafür streiten, dass man mir die Kinder nicht wegnahm. Kaum war ich dort angekommen, wollte es das Schicksal, dass ich meiner zweiten Lebenspartnerin begegnete. Sie sagte einfach, dass sie mit mir nach Griechenland gehen werde. Zusätzlich bot sich noch eine Freundin meiner Schwester an, uns zu helfen, und so kam es, dass ich mit zwei Frauen wieder zu den Kindern nach Griechenland zurückkam.
In dieser Situation konnte ich meinen Schmerz nur verdrängen. Erst viel später ist alles wieder an die Oberfläche gekommen. Damals war das Wichtigste, dass das Leben weitergehen konnte und die Kinder – das Jüngste war noch sehr klein – wieder eine Mutter hatten.“
Das Leben im Paradies der Olivenhaine und vielen Kindern – es kamen noch zwei hinzu – ging weiter. Mit Hilfe des Investors wurde noch mehr Land gekauft. Die Familie arbeitete Tag und Nacht, um den Betrieb am Laufen zu halten. „Jetzt machte es sich bemerkbar, dass ich keine richtige gärtnerische Ausbildung hatte“, meint Dieter Schliwa im Rückblick. „Sonst hätte ich gewusst: Ich hätte gar nicht alles alleine schaffen müssen. Ich hätte die ganze Konstruktion anders aufgebaut.“ Sein Versuch, weitere Partner ins Boot zu holen, wurden von dem Bio-Großhändler abgeblockt. Ihm gehörte das Land, und er sagte, wo es langging. Und irgendwann sagte er, dass es so nicht weitergehen könne.
Für Dieter und seine Familie war auch klar, dass die Selbstausbeutung ein Ende haben musste. 1991, nach acht Jahren, gingen sie wieder nach Deutschland zurück.

Grundöfen und Politik

Auch in Deutschland fand sich ein neues Paradies, ein großer Hof mit einem Garten, den die Familie von oben bis unten selbst renovierte. Dabei fand Dieter seinen Traumberuf. „Der Grundofen, den wir in unserem Haus einsetzen ließen, hat mich so begeistert, dass mir klar war: Das will ich lernen. Ein Ofen ist das Herz und die Seele eines Hauses. Du fütterst ihn am Tag mit Holz, so wie du ein Herz mit Liebe fütterst, und es schüttet die ganze Nacht Wärme aus. Am Morgen ist es immer noch warm und lächelt dich an. Das vermittelt für mich ein Lebensgefühl, das ich nicht mehr missen möchte.“
Er begann eine Ausbildung bei einem Baukeramiker. „Mein wirklicher Meister, von dem ich mein Handwerk gelernt habe, war aber ein Künstler, der Öfen in organischen Formen gebaut hat. Ich habe lange mit ihm zusammengearbeitet. Als er sich auf einer Baustelle einen Leistenbruch zuzog, baute ich den Ofen alleine fertig. Seitdem habe ich mich mit seiner Unterstützung ebenfalls als Ofen-Künstler selbständig gemacht.“
Wie schon in Griechenland wünschte sich Dieters Familie eigentlich einen größeren Zusammenhang von Menschen, die gemeinschaftlich zusammenleben, aber für ein solches Projekt war ihr Hof zu klein. War denn die Patchwork-Familie eine funktionierende Gemeinschaft? „Ja, wir haben sehr schöne Jahre gehabt. Sowohl die Zeit in Griechenland als auch die Aufbauphase in Deutschland waren Pionierzeiten, der Druck von außen hat uns zusammengeschweißt. Aber vor allem als die Kinder größer wurden, war die Stiefmutter-Beziehung nicht einfach, wir waren oft überfordert.“
In dieser Zeit, in der die Familie eigentlich besondere Aufmerksamkeit forderte, merkte Dieter, dass er sich politisch engagieren musste. „Unser Dorf sollte an einen Abwasserkanal angeschlossen werden, und ich gründete einen Verein, der sich gegen den Anschlusszwang wehrte. Unser Argument war, dass die Grundstücksbesitzer mit einer dezentralen ökologischen Entsorgung zehnmal weniger bezahlen müssten, als mit einer zentralisierten Löung. Zu dieser Zeit konnte sich niemand vorstellen, dass ein Dorf eigenverantwortlich Lösungen finden könnte, aber genau das war unser Ansatz. Wir mussten den Stadtrat dazu bringen, Vertrauen in die Selbständigkeit der Leute zu fassen. Um eine Änderung im Abwasserrecht zu erreichen, gingen wir bis zur niedersächsischen Landesregierung. Wir waren ein Präzendenzfall für viele andere und wurden sogar als dezentrales Expo-Projekt gekürt.“
Der Erfolg im Außen führte im Inneren zu einer Krise, die die Familie nicht überwinden konnte. „Das politische Engagement, die viele Arbeit, die vielen Kinder, hohe Ideale – das alles hat dazu geführt, dass dieser Lebensabschnitt zu einem Ende kam. Erst damals fing für mich ein Leben an, das ich als ‚wachsam‘ oder ‚achtsam‘ bezeichnen würde. Es war der erste Moment in meinem Leben, an dem ich innehalten und mich einer inneren Entwicklung zuwenden musste, statt ständig praktischen Herausforderungen hinterher zu laufen. Erst dadurch habe ich gelernt, Menschen so anzunehmen, wie sie sind, statt meine eigenen Vorstellungen obenan zu stellen. Für meine Partnerin und mich ging es zuletzt nur um die Frage: Wie bleiben wir Freunde?“

Gemeinschaft und Freiraum

Wir begegneten Dieter zusammen mit seiner neuen Partnerin Bärbel Neuhaus, mit der er seit drei Jahren zusammenlebt, und ihrer kleinen Tochter Selina. Sie sind ein recht ungleiches Paar. „Dieter ist eigentlich das genaue Gegenteil von mir“, meint Bärbel, „er ist extrovertiert, experimentierfreudig und ständig in Aktion. Ich bin eher gern für mich allein, brauche viel Raum um mich und habe ein großes Sicherheitsbedürfnis.“ Aber sie ist keine Einzelgängerin und hat genau wie Dieter ihr Leben lang versucht, über den Rahmen der Kleinfamilie hinaus einen sinnvollen Lebenszusammenhang mit mehreren Menschen zu finden. Die Hofgemeinschaften auf den landwirtschaftlichen Betrieben, wo sie als junge Frau Hauswirtschafts-Praktika absolvierte, waren für sie prägend. Aber nach Experimenten in einer Studenten-WG und in einer Hausgemeinschaft zog sie doch als Kleinfamilie mit ihrem Mann und zwei Töchtern in eine eigene Wohnung in eine neue Stadt, nach Detmold in Westfalen. Hier stand sie vor der Herausforderung, sich einen neuen Freundeskreis aufzubauen, der auch bald unter den Müttern ihrer Kindertagestätte entstand. Aber ein Gefühl von Gemeinschaft erlebte sie erst, als die Paar-Beziehung mit ihrem Mann endete, und dieser sich mit einer ihrer besten Freundinnen zusammentat. Die Freundin wohnte um die Ecke, und sie bildeten zusammen eine große Familie.
Ebenso stark wie der Wunsch nach Gemeinschaft war Bärbels Wunsch, ihren eigenen, authentischen Weg zu finden. Schon als junge Frau konnte sie sich kaum für einen Beruf entscheiden. Die Erfahrungen mit einem homöopathischen Arzt brachten sie dann dazu, eine Heilpraktiker-Ausbildung anzufangen. „Dieser Homöopath hat den Prozess, der bei einem erkrankten Menschen stattfindet, nicht als fehlerhaft betrachtet, sondern als eine Entwicklung, die bereits in die richtige Richtung weist und nur einen kleinen Anstoß braucht, um zum Ziel zu gelangen. Dadurch habe ich zum ersten Mal das Gefühl gewonnen, dass mit mir nichts ‚verkehrt‘ ist, sondern dass es in Ordnung ist, wie ich bin.“ Die Heilpraktiker-Ausbildung war aber auch nicht das Richtige. „Ich wollte den Menschen nicht die Verantwortung für die Situation abnehmen, in die sie sich gebracht hatten. In diesem Sinn hatte mein Ausbilder unterrichtet.“ Sie entschied sich daher, doch nicht in die therapeutische Richtung zu gehen, sondern absolvierte eine Ausbildung als Erzieherin mit künstlerischem Schwerpunkt. Dabei konnte sie ihre eigentliche Leidenschaft, das Tanzen, kreativ einbringen. Doch es verging noch Zeit, bis sie sich traute, den Tanz ganz in den Mittelpunkt zu stellen. Die Entscheidung fiel auf einem Workshop mit der koreanischen Schamanin und Tänzerin Hi-Ah Park. „Drei Tage lang war ich nach dieser Begegnung völlig in meiner Mitte und wusste: Tanzen ist mein Weg.“ So begann sie mit einer Tanztherapie-Ausbildung im Allgäu.

Kultur der Beziehungen

Zur Zeit hat sie wegen ihrer kleinen Tochter zwar nicht viel Zeit, diesen Bereich weiterzuentwickeln. Aber das soll sich bald ändern. Sie möchte in Zukunft nicht mehr wie früher Familie und Arbeit getrennt erleben, sondern neue, integrierte Formen finden. Auch der persönliche Weg soll nicht mehr getrennt sein von der Lebenswirklichkeit der Familie, so wie es in ihrer ersten Beziehung der Fall war. „Es ist für mich eine ganz neue Erfahrung, dass ich mit meinem Partner gemeinsam etwas unternehme, lerne und durchlebe, das für uns beide gleichermaßen wichtig ist.“ Auch für Dieter geht es um die Integ-ration von Dingen, die vorher unvereinbar schienen: „Ich möchte mich nicht wieder in eine Sache so sehr hineinsteigern, dass etwas anderes dabei kaputtgeht.“
Gegenwärtig besuchen Dieter und Bärbel Lebensgemeinschaften, zu denen sie sich hingezogen fühlen. Haben sie eine bestimmte Vorstellungen von ihrem neuen Lebensmittelpunkt? „Nein, wir möchten auf keinen Fall einer fixen Idee hinterherlaufen, sondern in aller Bescheidenheit bereit sein für das, was kommt. Vielleicht tingeln wir die nächsten Jahre durch die Gemeinschaften und packen dort an, wo es notwendig ist. Oder ein Platz packt uns von Anfang an so, dass wir dort bleiben und uns verwurzeln, wenn wir wilkommen sind. Oder wir beginnen noch einmal neu auf der grünen Wiese.“
Sie begegnen vielen Menschen, die wie sie auf der Suche nach einem neuen Leben in Gemeinschaft sind. „Das ist ein enormes Potenzial, es sind alles Menschen, die eine neue Kultur realisieren möchten, eine Kultur, in der Beziehungen wichtiger sind als Erfolg und Konsum. Wir spüren auch ein gewisse Verantwortung, unsere bisherigen Erfahrungen in diesen Prozess einzubringen. Unsere Generation kommt jetzt in eine Reifephase, wir haben gelernt, Dinge auf den Boden zu bringen, und dieses Potenzial müssen wir auch zur Verfügung stellen.“
Vor dem Fenster sehen wir Dieters weißhaarige Mutter, die mit ihnen auf Reisen ist. Sie grüßt freundlich und jätet Unkraut im Garten, als wäre sie hier zu Hause.
„Die Situation alter Menschen ist in unserer Gesellschaft oft so unwürdig“, sagt Dieter. Wenn ich an einen neuen Ort denke, ist das auch ein Platz, wo Menschen alt werden können und getragen werden, wo sie zurückbekommen, was sie jahrelang gegeben haben. Und natürlich ist es auch ein Ort für junge Menschen, wo sie ohne den üblichen Schulstress lernen und sich entfalten können. Die neue Kultur wird eine Gesellschaft sein, in der die Generationen sich gegenseitig ernähren.“

Kontakt:
dieterschliwa@web.de
0160- 96673331



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Mallien, Lara

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