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Der Weg zu einer fairen Kultur
erschienen in Ausgabe 139  PDF-Version (323.34 KB)
Entwurf für eine kooperative Wirtschaftsordung. Ein Grundsatzpapier der Konzeptgruppe von Dynamik5

Die Wirtschaft bestimmt unser Leben wie kaum ein anderer Faktor. Sie wird heute von Organen gesteuert, die sich zunehmend jeglicher politischer Kontrolle entziehen – eine Situation, die viele ängstigt. Statt sich von dieser Angst lähmen zu lassen, gilt es, Alternativen zu erarbeiten. Ein Vorreiter ist hier die Konzeptgruppe von Dynamik5, die im Folgenden Ihren Entwurf einer kooperativen Wirtschaftsordnung vorstellt.



Die Konzeptgruppe Wirtschaft von Dynamik5 Schweiz hat in über drei Jahren den Entwurf einer neuen kooperativen Wirtschaftsordnung erarbeitet. Wir stellen ihn hier in einer mehrteiligen Serie vor. Das vollständige Dokument kann von unserer Internet-Seite www.dynamic5.org heruntergeladen werden.
Wir betrachten den Text ausdrücklich als Entwurf, als Baustelle, auf der man Steine, Wände und Räume im Dialog entfernen und hinzufügen kann. Er gliedert sich in fünf Abschnitte: Begründung, Werte, Reformen, Umsetzung und Schlussbemerkungen. In dieser Ausgabe beschränken wir uns auf unseren ersten Punkt.

Warum brauchen wir eine kooperative Wirtschaftsordnung?

Wir halten es für möglich und nötig, dass das Zusammenleben der Menschen kooperativ und damit dem Wohl aller Menschen und der Natur dienend gestaltet wird. Dazu braucht es einerseits die persönliche Entwicklung einer respektvollen, wertschätzenden oder liebevollen Haltung gegenüber dem Befinden und den Bedürfnissen aller Lebewesen einschließlich sich selber. Andererseits müssen die gesellschaftlichen Regeln und Institutionen derart verändert werden, dass sie allen gleichermaßen dienen.
Unser Zusammenleben wird heute insbesondere in der Wirtschaft von Kämpfen um Herrschaft und Vorteile und daraus resultierender Fremdbestimmung, Ausbeutung und Ausgrenzung geprägt. Es kommt zu einer immer ausgeprägteren Spaltung in Super-Reiche und damit auch Super-Mächtige und den Rest der Bevölkerung. Dies geschieht national wie international. Außerdem wird in dieser heutigen noch stark vom Kampf um Herrschaft und Vorteile geprägten Kultur die Natur immer mehr in Mitleidenschaft gezogen, womit wir nicht nur die wundervolle Lebensgemeinschaft Natur mit Füßen treten, sondern zunehmend auch unsere eigenen Lebensgrundlage zerstören.
Diese unerfreulichen und mit viel vermeidbarem Leiden verbundenen Prozesse haben innere und äußere Ursachen.
Die innere (psychologische) Ursache ist bei vielen Menschen eine ungenügende Entwicklung der Fähigkeit, Probleme für alle Beteiligten befriedigend zu lösen oder, anders gesagt, ein Mangel an Lebenskunst. So neigen viele Menschen dazu, die Verantwortung für ihr Leben abzugeben. Dies ermöglicht es anderen, sich diese Verantwortung anzueignen und damit über Gebühr Macht auszuüben. Weiter tendieren viele Menschen dazu, unangenehme Aspekte des Lebens zu verdrängen, zuzudecken (besonders mit Suchtmitteln aller Art), zu unterdrücken oder auszuschließen. Sie kommen nur schwer oder gar nicht in Kontakt mit ihren Gefühlen und leiden darum an einer inneren Leere, die sie oft durch das Erjagen äußerer Reize und Zuwendungen zu füllen suchen.
All dies sind relativ einfache, nur kurzfristig oder teilweise befriedigende und darum eigentlich kindliche Methoden der Problemlösung. Ihre Resultate sind mit anhaltenden oder wiederkehrenden Spannungen und anderen unerfreulichen Nebenwirkungen verbunden. Anspruchsvoller, aber auch weit befriedigender, ist die Entwicklung einer kooperativen Art des Umgangs mit Schwierigkeiten, die mit Fantasie und Ausdauer Lösungen sucht, mit denen sich alle Betroffenen wohlfühlen. Dazu braucht es die Entwicklung von Fähigkeiten wie Selbständigkeit, Selbstgefühl inklusive Zentriertheit, Mitgefühl und Verhandlungsgeschick.
Je mehr Menschen diese Reifungs- oder Entwicklungsarbeit an sich selber leisten, desto angenehmer, friedlicher und erfüllter wird das Leben und, bisher unüberbrückbare Interessensgegensätze ? innerpersönliche, zwischenmenschliche, politische und solche zwischen Menschen und Natur ? können aufgelöst werden.
Die äußeren (organisatorischen) Ursachen der genannten Missstände sind vor allem grundlegende destruktive Mechanismen der kapitalistischen Wirtschaftsweise. Es sind dies insbesondere
!die Möglichkeit zur unbeschränkten Anhäufung von Eigentum, besonders von natürlichen Ressourcen, technischen Produktionsmitteln und Wohnraum, der zu Fremdbestimmung über die Lebensgrundlagen der meisten Menschen führt (siehe Grafiken).
!mehrere Mechanismen, die zu legalen, jedoch ungerechten leistungslosen Einkommen aus Besitz und damit Ausbeutung in Form einer permanenten, unauffälligen, im Ausmaß jedoch gigantischen und tendenziell zunehmenden Umverteilung von den Besitz-Armen zu den Besitz-Reichen führen (siehe nebenstehende Grafik).
!ein aggressiver Verdrängungswettbewerb bis hin zum Wirtschaftskrieg zwischen Individuen, Firmen und Nationen, der die Ausgrenzung von schwächeren Marktteilnehmern bewirkt. Dies äußert sich in tendenziell treppenförmig zunehmender Arbeitslosigkeit.
Hier ein paar Zahlen zu den dargestellten Mechanismen: Der Bundessteuer-Statistik der Schweiz vom Januar 1997 zufolge besaßen zu diesem Stichdatum die Vermögensstärksten 3,3% der Schweizer 73,6% des gesamten Reinvermögens und damit dreimal soviel wie die übrigen 96,7% zusammen. Die Vermögensschwächsten 30,9%, also fast ein Drittel, hatten dagegen gar keinen Anteil an diesem Reinvermögen. (Aus: Caritas, Sozialalmanach 2004, Caritas-Verlag Luzern, S. 214)
Wenn wir die Entwicklung der Arbeitslosenquoten in den 15 alten EU-Ländern betrachten, zeigt sich bei allen nationalen Unterschieden ein nahezu identischer Verlauf in den letzten drei Jahrzehnten: Mitte der siebziger Jahre, Anfang der achtziger Jahre und zu Beginn des letzten Jahrzehnts stieg die Arbeitslosigkeit in Europa jeweils sprunghaft an. Nach jedem Zuwachs verharrten die Quoten auf dem erreichten Niveau oder fielen nur langsam. (Aus: Michael Neugart, Dr. rer. pol., wissenschaftlicher Mitarbeiter der Freien Universität Berlin, in: ’Aus Politik und Zeitgeschichte?, Band 14?15/2000).

Politische Defizite

Diese Mechanismen führen zu einer zunehmenden Konzentration von ebenso politisch einsetzbarer wirtschaftlicher Macht in immer weniger Händen. Dadurch werden auch kostbare politische Errungenschaften wie staatliche Demokratie, Gewaltenteilung, Rechtsstaatlichkeit, Menschenrechte und Medienvielfalt zwar nicht abgeschafft ? das würde jedenfalls von den sich demokratisch verstehenden Bevölkerungen der entwickelteren Länder nicht akzeptiert ? jedoch unter der demokratischen wirkenden Oberfläche mehr und mehr ausgehöhlt.
Weiter führen diese Mechanismen zu immer größer werdender Verschuldung, Schuldendienst-Belastung und Kaufkraftminderung von Staaten, Unternehmen und Privatleuten. Dies sind die Hauptursachen für die in langen Zyklen wiederkehrenden großen Krisen der kapitalistischen Weltwirtschaft. Aber auch außerhalb dieser Krisen bewirken sie soziale Not bei den schwächeren Wettbewerbsteilnehmern und daraus folgend soziale Spannungen, Krankheit und Kriminalität, Migration und Kriege. Schließlich gehören sie zu den wichtigsten Ursachen des keineswegs naturgegebenen, sondern eben künstlich produzierten Wachstumszwangs und anderer menschlicher Rücksichtslosigkeiten gegenüber der Natur, die unweigerlich in deren Übernutzung und Verschmutzung und schließlich in ökologische Katastrophen führen.
Beide Ursachen-Gruppen, die psychologischen wie die organisatorischen, verstärken sich gegenseitig und hemmen gleichzeitig die Entwicklung von reiferen und lebensdienlicheren Formen des Zusammenlebens.
Wir finden es deshalb an der Zeit, durch ebenso mögliche wie nötige innere und äußere Entwicklungen die bestehende kampfbetonte und mit viel vermeidbarem Leiden verbundene Zivilisation in eine neue, kooperative, auf der Bereitschaft zu fairem Teilen basierende und damit sehr viel freudvollere Kultur zu verwandeln.
Wir wollen mit dem vorliegenden Text einen Anstoß geben für alle Menschen, die an einer solchen inneren und äußeren Entwicklung interessiert sind und ihre Kräfte bündeln helfen. ´

Den vollständigen Text „Entwurf einer kooperativen Wirtschaftsordnung“ und Informationen zu Dynamik5 finden Sie unter www.dynamic5.org.
In der PDF-Version dieses Artikels finden sich außerdem mehrere Grafiken.

Die Mitglieder unserer Gruppe und damit Co-Autoren des Entwurfs sind: Fritz Wenger, Unternehmer und Koordinator der Gruppe; Joachim Sturzenegger, Psychiater und Redakteur der Gruppe; Gil Ducommun, Dozent für Entwicklungspolitik und Agrarökonomie, Initiator von Dynamik5; Remy Holenstein, Naturwissenschafter ETH; Marcel Papis, Psychologe; André Vontobel, Mediator. Felix Sbiszek Siwek, Psychologe, und Alexander Pjorin Jenny, Unternehmensberater, sind Ende 2004 zu uns gestoßen.Kontakt: wirtschaftsgruppe@dynamic5.org>


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