Vom „Rette sich wer kann“ zum „Wie wir wirklich leben wollen"
Dass sich unsere Gesellschaft wandelt, wurde schon oft an dieser Stelle gesagt. Ökologische, soziale, und geistig-seelische Folgen eines immer mehr aus dem Ruder laufenden Finanzsystems wollen wir auch als bekannt voraussetzen. Beim Motto für die diesjährige gemeinsame Sommertagung in St. Arbogast steht vielmehr die innere Haltung im Mittelpunkt, mit der wir uns diesem Wandel stellen. Es scheint verständlich, wenn heutzutage zunächst einmal in traditionell linker Mentalität gedacht wird und der Aufruf laut wird: ’leistet Widerstand gegen º?. Schließlich steht mit der Agenda 2010 nicht nur der Abbau des Sozialstaates, sondern der innere Ausstieg von immer mehr Menschen aus unserem Gemeinwesen und damit mittelfristig die Gefährdung einer über Jahrzehnte stabilen demokratische Kultur auf der politischen Tagesordnung.
Aber wir sollten auch die Chancen wahrnehmen, die in diesem Wandel vorhanden sind. Der moralisch und politisch gerechtfertigte Protest gegen den sozialen, kulturellen und ethischen Verfall der aktuellen Politik sollte uns nicht zu oberflächlichen Vereinfachungen verführen. Wir sehen unseren relativen Wohlstand und fast sechzig Jahre sozialen Frieden in Deutschland bedroht. Aber vergessen wir nicht, dass beides nur ’geborgt? war, von und auf Kosten der dritten Welt und unserer Mitwelt. Gerade die von uns, die geistigen Einblick in die komplexeren Zusammenhänge hatten, aber von konkreter politischer Gestaltung Abstand hielten, werden diese Haltung künftig schwerer aufrechterhalten können. Auch wenn wir viele Aspekte der Globalisierung schon erkannten, können wir nicht verdrängen, dass die Aspekte, die wir eher in die dritte Welt projizierten (Verarmung der Massen, Ausverkauf des letzten gemeinschaftlichen ’Tafelsilbers? und Korruption) zunehmend nun auch bei uns auftreten werden.
Geistig haben einige von uns schon länger erkannt, dass wir in einer Welt leben, aber nun bedroht die soziale Realität auch Zonen unseres geschützten Wohllebens. So kommen nun höhere Einsichten und praktische Selbstschutzimpulse zu gleichen Erkenntnissen: Mit einem bloßen Aufhalten des neoliberalen Roll-back und einem Festhalten der Wirtschaftswundertage ist es nicht getan. Hier fällt eine globale Entwicklung langsam, aber sicher auf uns zurück, weil wir unsere Aufgaben nicht erledigt haben.
Wir haben denen, die wir für unfähig dazu hielten oder heimlich verachteten, die Geschicke unserer Gesellschaft überlassen. Da nutzt es nichts, den Frust auf die fantasielosen Berufspolitiker oder die Diktatur der Parteien zu schieben, wir haben ihnen allzulange die Verantwortung für eine Gesellschaft überlassen, die wir nur widerwillig als unsere eigene erkennen.
Die gemütliche Selbstbespiegelung der kulturell Kreativen neigt sich dem Ende zu. Vieles ist schon über die Werte und die sich verändernden Welt-, und Menschenbilder dieses schwer fassbaren sozialen Feldes gesagt worden, dem wir uns zurechnen. Wenn wir aber aus diesen inneren Werten und Haltungen heraus Vorschläge zur Gestaltung unserer konkreten politischen, sozialen und wirtschaftlichen Umgebung machen, stoßen wir schnell auch bei uns selbst an die Grenzen einer uralten politischen Mentalität. Wir rufen zwar nicht mehr den Kaiser oder den Führer, der es ’schon richten wird?, aber bei aller Geringschätzung, die wir der Politik entgegenbringen, gefallen wir uns doch besser in der Rolle des Kritikers, als desjenigen, der Verantwortung übernimmt.
Wenn wir bereit sind, diese Menschen auch als solche zu sehen, die wir in unserem Wunsch nach Reinheit gern in eben diese Positionen geschoben haben, um sie selbst nicht einnehmen zu müssen, dann gehen wir in Richtung des Aufbaus eigener politischer Kompetenz, und wenn wir es nicht auf dieser Ebene belassen wollen, gehen wir auf den Kompetenzausbau zu. Wir könnten all unser Wissen und unsere Erfahrungen, die wir in den letzten Jahrzehnten in dieser Gesellschaft gemacht haben, all unsere verfeinerten Kommunikationsmethoden und unsere Fähigkeiten zum authentischen und adäquaten Selbstausdruck so zusammentragen, dass wir jede/jeder für sich und in verschiedenen Zusammenhängen immer wieder übend, vom Sachzwängen unbeeinflusst, zum Ausdruck bringen, wie wir wirklich leben wollen. Das ist sicherlich kein ganz leichtes Unterfangen, aber es wäre der zentral notwendige Schritt zum Aufbau einer authentischen Politikfähigkeit. Dynamik5 möchte diese authentische Politikfähigkeit gerade auch bei denen, die sich selbst als unpolitisch bezeichnen, anregen.
Auf der Tagung ’Grundlagen spiritueller Politik? im April war es ermutigend, auch andere zu treffen, die in diese Richtung hin arbeiten. Dynamik5, die spirituelle Partei ’die Violetten?, der ’Arbeitskreis Ken Wilber“ und verschiedene Gäste aus anderen Gruppierungen machten deutlich, dass zur inhaltlich thematischen Arbeit an Visionen und Konzepten auch die emotionale, die spirituelle und bewusstseinsfördernde Selbstentwicklung gehört. Ohne diese ähneln wir bald den Politikern, denen wir die Herrschaft über unser Leben nicht länger zugestehen wollen.
Viele von uns machen in ihren Bekanntenkreisen ähnliche Erfahrungen: Die Einladungen zu Holon- oder Dynamik5-Treffen rufen zwar ein reges inhaltliches Interesse hervor, aber gleichzeitig grassiert überall eine ’Rette-sich-wer-kann-Mentalität: Ich habe gerade jetzt keine Zeit, kein Geld, muss meinen Job, meine Firma, meine Beziehung retten º Hier drängt sich der fatale Eindruck auf, dass ausgerechnet jetzt, wo es allerhöchste Eisenbahn ist, zusammenzukommen und gemeinsam zu bewegen, wie wir wirklich leben wollen, viele von uns gerade von ganz individuellen ’Rettungen? absorbiert sind.
Auf der gemeinsamen Sommertagung von Holon und Dynamik5 vom 23.?30. Juli 2005 in St.Arbogast wollen wir ein Innehalten vorschlagen. Statt dem Trend zu immer hektischeren Einzelmanövern nachzugeben, wollen wir uns eine Woche Gemeinschaft gönnen, und gerade dann, wenn die Verhältnisse schwieriger werden, um so gründlicher hineinspüren, wo es für uns nun wirklich lang geht. ´
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