Begegnungen mit jungen Menschen in Gemeinschaften
Vera Schröder wird auf einer journalistischen Recherchereise durch verschiedene Gemeinschaften mit einem alten, unerfüllten Kindheitstraum konfrontiert. Außerdem muss sie einige Stereotype über Bord werfen.
Der Gedanke liegt ja eigentlich nahe. Selbst ich, Jahrgang 1977, in einem reichen Münchner Vorort groß geworden, mit Eltern, die zwar 1968 angeblich „schon mal mitgelaufen sind“, aber heute schwarz wählen und denken, habe mir das mit zwölf Jahren schon super ausgemalt: Wenn ich groß bin, habe ich gedacht, ziehe ich mit allen Freunden und Kindern in ein Haus. Wir brauchen nicht viel Geld, weil wir uns ein Auto teilen, und wir kochen jeden Tag in der großen Gemeinschaftsküche einen riesen Topf Schokopudding.
15 Jahre später bin ich wirklich groß, und alles, was von diesem Plan übrig geblieben ist, ist eine WG in der Münchner Innenstadt, in der ich mich gemeinsam mit drei Mitbewohnern abstrampele, um die Miete zu verdienen. Erst eine Recherchereise (ich bin Journalistin) in verschiedene Gemeinschaften hat mich kürzlich wieder darauf gebracht, dass es die Alternative ja tatsächlich noch gibt. Ich war im „Ökodorf Sieben Linden“, im „Schloss Glarisegg“ und in der „Kommune Alla Hopp“ in Bremen. Es war wunderbar, erfrischend, real, inspirierend und aufwühlend.
In Sieben Linden hat mich Sandra, 27, vom „Club 99“ in ihre Obhut genommen. Sie hat mir ihren Bauwagen gezeigt, das selbstgebaute Strohballenhaus ihrer Nachbarschaft, und wir haben stundenlang einfach geredet. Sandra hat ökologische Landwirtschaft studiert und ist nach dem Studium über eine FÖJ-Stelle in Sieben Linden gelandet. An all dem, was Sandra erzählt hat, von der „Einheit in der Vielfalt“ und den Projekten, die gerade vorangetrieben werden, und darüber, wie das Dorf wohl einmal aussehen wird, wenn dort nicht mehr 80 sondern, wie geplant, 300 Menschen wohnen, hat mich eines am allermeisten beeindruckt: ihre große Ehrlichkeit und ihre pragmatische und trotzdem so über alles positive Sichtweise dessen, was sie da tut.
Heimliche Vorurteile
Mein heimliches Vorurteil war, dass in Gemeinschaften Menschen leben, die einer seltsamen, idealisierten Utopie hinterherhecheln, die sie nach außen als das einzig Wahre und Beste darstellen. Und dass sie alle Menschen, die nicht so leben, für blöd und auf dem falschen Dampfer halten. Bei Sandra war das überhaupt nicht so, genausowenig wie bei fast allen anderen jungen Menschen, die ich auf meiner Gemeinschaftstour getroffen habe. Sie hat offen erzählt, wie viel sie diskutieren muss und dass das natürlich oft wirklich anstrengend ist. Dass sie sich manchmal gar nicht sicher ist, ob in der Siedlung Freundschaft überhaupt möglich ist. Und dass sie auch nicht sicher weiß, ob sie wirklich immer so leben wird.
Ich selbst bin ganz anders als Sandra. Mein ökologisches Bewusstsein geht gerade mal so weit, dass ich Müll trenne und den Wasserhahn beim Zähneputzen zudrehe. Ich mache mir schon Sorgen um die Zukunft des Planeten. Aber den Mut, die Konsequenz zu ziehen und zu versuchen, so zu leben wie Sandra, habe ich nicht. Ich bin zu bequem, zu inkonsequent, und wenn ich Geld bekommen habe, fliege ich mit dem Billigflieger nach Nizza. Als ich mich nach zwei Tagen im Ökodorf mit dem Rucksack auf dem Rücken wieder auf den Heimweg machte und zur Bus-haltestelle wanderte, war ich traurig, und zwar vor allem über mich selbst. Allerdings hatte ich auch Mut getankt, denn ich hatte gesehen, dass es Menschen gibt, die so leben, wie ich es für richtig halte, und die dabei glücklich sind.
Zwei Wochenenden später bin ich an den Bodensee gereist. „Schloss Glarisegg“ liegt wunderschön, ein altes Internatsgrundstück direkt am Bodensee. Es ist lustig, in dem großen, alten, holzverkleideten Speisesaal, der von der Atmosphäre her noch nach Rohrstock riecht, diese vielen bunten Menschen zu sehen. Stefanie hieß die junge Frau, die mir alles gezeigt und viel über ihr Leben dort erzählt hat. Stephanie ist 34 und Schauspielerin. Sie hat viele Jahre in Köln gelebt. Die Begeisterung, mit der sie vor zwei Jahren in das neue Leben in Glarisegg gestartet ist, hat sie sich sichtlich erhalten. Wenn sie singt, tanzt und Theater spielt wirkt sie wie ein kleines Kind. Am Abend, so verkündet mir Stephanie, komme eine Gruppe zu einem „Contact-Dance“-Seminar. Ich solle doch einfach mitmachen.
Ein bizarrer Tanz
Da stand ich dann also am Abend mit Socken in der Turnhalle. Vereinssportsozialisiert, wettkampferfahren und tanzmäßig nur durch einen Schicki-Micki-Tanzkurs mit 16 vorgeprägt. 40 Menschen bewegten sich plötzlich um mich herum, räkelten sich, fingen an, mich im Vorübergehen leicht zu berühren, dabei schlangenhafte Bewegungen zu machen. Das war zu viel. Es ging nicht. Ich konnte nicht. Ich fühlte mich wie ein Eisbär auf einer Dschungelparty und schlich mich langsam aus der Halle. Am nächsten Tag beim Mittagessen lernte ich Mona kennen. Und wieder musste ich meine Vorurteile überdenken. Mona war unheimlich nett und lustig und überhaupt nicht spinnert-esoterisch, wie ich sie zunächst eingeschätzt hatte. Die Menschen, die ich in Glarisegg getroffen habe, sind definitiv sehr spirituell. Sie suchen sich selbst und haben sich in Glarisegg zumindest gegenseitig schon mal gefunden, was man an ihrem Lachen sieht. Das ist schön. Und auch wenn ich selbst nicht so sehr an Energieströme glaube, war ich auf der Heimreise so elanvoll und gut gelaunt, wie schon ganz lange nicht mehr.
Im Zug habe ich dann noch mal über den von Stephanie verkündeten „dritten Weg“ nachgedacht, den sie in Glaris-egg gehen wollen: keinen Widerstand mehr, kein Abgrenzen, sondern einen neuen, friedvollen Weg, etwas abseits von der Gesellschaft, aber ohne Aufstand gegen sie. Ich war mir irgendwie nicht sicher, ob das geht. Denn leider sind auf der Welt nur wenige in der Lage, sich für solch einen Weg frei zu entscheiden. Wer kämpft für die, die das nicht können, wenn die, die den richtigen Weg gehen, die Missstände nicht mehr anklagen wollen?
Eine Kommune aus dem Bilderbuch?
Ich habe sie kennengelernt, die Kämpfer, in Bremen. Die Kommune Alla Hopp kommt meinem Klischee von einer Kommune am nächsten. Sie sind jung, links, unordentlich, radikal und wirklich schlau. Dass sie noch dazu nett sind, konnte ich erst einmal nicht recht glauben. Denn als Pressevertreterin von außen hat man bei politischen Kommunen zunächst vor allem mit dem Verdacht zu kämpfen, dass man alles falsch wiedergibt. Mit Alla Hopp habe ich bestimmt zehn E-Mails hin- und hergeschickt, dann durfte ich anreisen – unter der Auflage, nicht länger als einen Nachmittag zu bleiben. Und dann waren plötzlich alle offen. Dorette, 34, hat mich herumgeführt, Bernhard, 34, lang mit mir gesprochen und Olaf, 35, nicht nur köstlich gekocht, sondern mir dann auch noch gute zwei Stunden Rede und Antwort gestanden. Schade und verwunderlich, dass nicht alle jungen Menschen meines Alters – mich selbst eingeschlossen – so denken, handeln und reden können, wie diese Drei. Alles, wirklich alles, was sie gesagt haben, stimmt. Sie setzen sich für die ein, für die man sich einsetzen muss, und klagen die an, die man anklagen muss, und das alles ohne die Bitterkeit, die man bei den radikalen Aktivisten von früher so oft spürt (wenn sie nicht mittlerweile im Landhaus oder im Außenministerium sitzen). Leider ist politischer Aktivismus in meiner Generation schrecklich out. Die „Man-kann-ja-eh-nix-machen“-Mentalität ist so weit verbreitet, dass meine WG im Februar nicht gegen die Sicherheitskonferenz demonstriert hat, weil es regnete, obwohl sie vor unserer Haustür stattfand. Dass es junge Menschen gibt, die noch mutig sind, und so handeln, wie alle reden, ist gut zu wissen. Die Stunden bei Alla Hopp haben mir für alle künftigen Diskussionen in meiner WG-Küche über politische Aktionen und ihre Wirksamkeit Beweise und Material geliefert.So schnell kann mir keiner mehr erzählen, dass man „ja eh nix machen kann“.
Zurück in der „Realität“
Nun sitze ich also wieder hier, in meiner H&M-Hose in meiner WG-Küche. Mein Mitbewohner hat uns Tiefkühlpizza gekauft, wir rauchen Zigaretten mit fiesen Filtern und heute Abend werden wir wohl 20 Euro Eintritt für einen Club zahlen, in dem eine amerikanische Punk-Band spielt. Die Menschen um uns herum werden „No-Nazis“-Sticker an ihren Jacken tragen und ganz laut mit der Band auf der Bühne schreien: „Capitalism stole my virginity“. Das ist die Realität. Meine Realität. Aber seit ein paar Wochen kenne ich auch noch eine andere. Und ein paar Orte, an denen ich, irgendwann vielleicht, wenn ich mich von meiner Welt endlich lösen kann, meinen Kindheitstraum leben kann. Schokopudding in einer Küche für alle.
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