Artikel
Kulturkreatives Spektrum (108)
Andere Welten (55)
Freie Gesundheitsberufe (22)
eurotopia (166)
Matriarchale Perspektiven (35)
Holon (77)
Editorial (30)
Briefe aus Amerika (6)
Anders Lernen (47)


Ausgabe 166 (12)
Ausgabe 165 (12)
Ausgabe 164 (12)
Ausgabe 163 (13)
Ausgabe 162 (13)
Ausgabe 161 (15)
Ausgabe 160 (12)
Ausgabe 159 (11)
Ausgabe 158 (13)
Ausgabe 157 (11)
Ausgabe 156 (15)
Ausgabe 155 (13)
Ausgabe 154 (12)
Ausgabe 153 (16)
Ausgabe 152 (12)
Ausgabe 151 (13)
Ausgabe 150 (14)
Ausgabe 149 (14)
Ausgabe 148 (16)
Ausgabe 147 (13)
Ausgabe 146 (13)
Ausgabe 145 (13)
Ausgabe 144 (11)
Ausgabe 143 (13)
Ausgabe 142 (12)
Ausgabe 141 (13)
Ausgabe 140 (15)
Ausgabe 139 (14)
Ausgabe 138 (12)
Ausgabe 137 (11)
Ausgabe 136 (14)
Ausgabe 135 (12)
Ausgabe 134 (8)
Ausgabe 133 (6)
Ausgabe 132 (9)
Ausgabe 131 (9)
Ausgabe 130 (10)
Ausgabe 129 (8)
Ausgabe 128 (9)
Ausgabe 127 (8)
Ausgabe 126 (6)
Ausgabe 125 (8)
Ausgabe 124 (9)
Ausgabe 123 (6)
Ausgabe 122 (7)
Ausgabe 121 (7)
Ausgabe 120 (3)
Ausgabe 119 (5)
Ausgabe 118 (1)
Ausgabe 115 (1)
Ausgabe 114 (11)

Zuletzt besucht
Artikel: Eine post-fossile Zukunft ist möglich

Artikel: Tierhaltung mit Augenmaß? Ja!


Artikel: Entwurf für eine Kooperative Wirtschaftsordnung

Artikel: Setzen wir dem Tierleid ein Ende!


Artikel: Das Eis in den Herzen schmelzen


Über uns
Impressum
Gut leben statt viel haben
erschienen in Ausgabe 139  PDF-Version (161.46 KB)
Eine Chance für mehr Lebensqualität und internationale Gerechtigkeit

Zum Urlaub an die Ostsee statt mit dem Billigflieger nach Mallorca. Morgens mit dem Fahrrad zur Arbeit statt mit dem PKW. Fair gehandelter Kaffee, und Erdbeeren erst in der Saison – dafür dann vielleicht selbst gepflückt … Sind zukunftsfähige Lebens-stile nur ein Traum der sozialen Bewegungen der 70er-Jahre und ein schönes Leitbild der 1996 veröffentlichten Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“? Es geht um weit mehr: Die Grenzen der Globalisierung machen eine Veränderung in den Lebensstilen des Nordens dringend notwendig. Wie diese Veränderung erreicht werden kann, ist eine brisante gesellschaftliche Frage.



Die natürlichen Ressourcen, die wir zur Verfügung haben, um Wohlstand für alle Menschen in der Welt zu schaffen, sind endlich. Bereits heute verbrauchen wir mehr Ressourcen, als die Natur regenerieren kann. Und nur 20% der Weltbevölkerung nutzen 80% dieser Ressourcen. Zugleich ist eine globale Gerechtigkeit nicht auf dem Niveau des heutigen westlichen Wohlstands denkbar. Fünf Planeten wären notwendig, wollten die Länder des Südens dem Entwicklungspfad des Nordens folgen. Es ist also höchste Zeit, umzudenken: Wir brauchen einen verantwortungsvollen Umgang mit der Natur und zugleich einen Weg, den Bedürfnissen der Menschen weltweit gerecht zu werden.
In diesem Sinne muss in der internationalen Politik umgesteuert werden, vor allen Dingen aber in der Wirtschafts- und Verkehrspolitik, im Klimaschutz und der Energiepolitik der Industrieländer. In Verbindung damit muss sich der Lebensstil der Bevölkerung in den Ländern des Nordens verändern. Das betrifft direkt auch unseren persönlichen Lebensstil.
Nicht erst seit Mitte der neunziger Jahre thematisieren Verbraucher- und Umweltorganisationen, wie wichtig der private Konsum für ein zukunftsfähiges Deutschland ist. Das Umweltbundesamt stellt fest, dass mindestens ein Drittel aller Umweltprobleme direkt oder indirekt konsumbedingt seien.
Ein verändertes Konsumverhalten ist mittlerweile in vielen Feldern selbstverständlich geworden. Niemand würde mehr ein Auto ohne Katalysator kaufen, die meisten achten bei einer neuen Waschmaschine auf Wasser- und Stromverbrauch. Doch die Veränderungen liegen zumeist auf der Effizienzseite. Auch im Bereich der Produktion ist mit Effizienzstrategien einiges erreicht worden, um z.B. den CO2-Ausstoß zu verringern. Dabei bleibt das Wachstums-Credo aber ungebrochen – als ob Verteilungsproblemen und der Begrenztheit der Ressourcen mit Wirtschaftswachstum begegnet werden könnte. Auch sind die Verbesserungen im Konsum nicht durchgängig: Mit dem Boom der Billigflüge ist das Fliegen noch attraktiver geworden.
Ein grundlegender Wandel der Lebensweisen in den Industrieländern und im Verhalten der Einzelnen hat nicht stattgefunden. Und nach wie vor ist es schwierig, Lebensstilfragen zu thematisieren, obgleich die internationale Perspektive klar zeigt, dass unser überhöhter Ressourcenverbrauch weniger eine „Privatsache“, sondern viel mehr ein Politikum ist.

Politikum Lebensstil

„Heute bedroht eher der Überfluss an Optionen unsere Orientierungsfähigkeit und unsere Unabhängigkeit. Die Begrenzung ist die Chance“, meint Hans Glauber, Vorsitzender des Südtiroler Öko-Instituts und Initiator der „Toblacher Gespräche“. Dort suchte man schon 1992 eine Zukunftsvision des „Langsamer, Weniger, Besser, Schöner“ zu fassen.
„Zeitwohlstand statt Güterwohlstand“ propagierte 1996 die Studie „Zukunftsfähiges Deutschland“ von BUND und Misereor. „Gut leben statt viel haben“ wurde zum BUND-Motto. Doch der Weg zu diesem entschleunigten Lebensstil, zur Eleganz der Einfachheit, zu einer zukunftsfähigen Gesellschaft ist beschwerlich. Er verlangt, dass wir in großem Umfang das Private ändern, um einen Beitrag zu internationaler Gerechtigkeit zu leisten.
Doch so direkt die Verbindung vom Privaten zum Politischen in vielen Biografien von Umweltaktiven ist, so wichtig ist es, immer wieder innezuhalten, zu überlegen und nachzuspüren, ob die Inhalte und Ziele des eigenen politischen Engagements sich auch in der eigenen Lebensweise widerspiegeln. Hier geht es zum einen um unsere persönliche Gesundheit und Ausgeglichenheit, aber auch um die Auswirkungen auf Markt und Politik, die unser eigenes Alltagshandeln haben kann.
Würden alle fünf Millionen Mitglieder des Deutschen Naturschutzrings sich mit Bio-Lebensmitteln versorgen, welche Marktmacht entstünde? Würden sich mehr Menschen zu öko-sozial verantwortlichen Geldanlagen entschließen, welche Lenkungsfunktion hätte dies?
Diese Ansprüche – zu kaufen, was ökologisch und sozial gerecht hergestellt wurde, zu reparieren, was nicht gleich ersetzt werden muss, zu verzichten auf das, was gar nicht notwendig ist – empfinden viele als Überforderung. Zurück bleibt oft ein Gefühl der Hilflosigkeit und damit Grund genug, nichts zu ändern.
Es lohnte sich, einmal mehr Heinrich Bölls Geschichte von dem Fischer zu lesen, der nach seinem erfolgreichen Fang am Strand sitzt und auf die Wellen schaut. Auf die Frage des Touristen, warum er denn nicht noch einmal hinausfahre, um mehr Geld zu machen, sich ein größeres Boot zu kaufen und irgendwann so viel Geld zu haben, dass er den ganzen Tag am Strand sitzen könne, fragt der Fischer verständnislos: „Aber das tue ich doch gerade, oder?“
Es lohnte sich. Denn unser Arbeitsstress, der daraus folgende Freizeitstress, gepaart mit dem ständigen Mangel an Zeit, hinterlässt eine gestresste Natur. Mit den Worten von Beate Seitz-Weinzierl: „Glückliche Menschen machen weniger kaputt.“

Lebensqualität und Gesundheit

Der ökologische Lebensstil als ein Gewinn an Lebensqualität: Wie können dafür breitere Kreise der Bevölkerung gewonnen werden? Die persönlichen Lebenslagen erlauben oft wenig Spielraum, einen alternativen Lebensstil zu praktizieren oder darüber auch nur nachzudenken. Viele müssen rechnen, wie sie finanziell bis zum Ende des Monats kommen, oder sind beruflich stark eingeengt.
Um alternative Lebensstile zu verbreiten, muss man sich zunächst ein Bild machen von den Lebensumständen und vielfältigen Motiven derjenigen Menschen, die sich trotz aller Schwierigkeiten für einen anderen Lebensstil entscheiden. Ein Anknüpfungspunkt können Umbruchsituationen sein: der Umzug in eine neue Stadt, die Geburt von Kindern oder der Moment, wo die Kinder aus dem Haus gehen. Mit der demografischen Entwicklung stellt sich zunehmend die Frage, wie wir im Alter leben wollen – auch hier können Alternativen zum derzeitigen Gesellschaftsmodell anknüpfen.
Was motiviert in welcher Lebensphase dazu, Gewohnheiten zu verändern? Das Frankfurter Institut für Sozialökologische Forschung kommt in einer Studie zu Zielgruppen für den Bio-Lebensmittelmarkt zu dem Ergebnis, dass zu den Käufern ökologischer Lebensmittel vor allem junge anspruchsvolle Familien mit Kindern gehören, und unter den Familien mit größeren oder schon erwachsenen Kindern die sogenannten ganzheitlich Überzeugten. Eine weitere Gruppe, die sich besonders für Bio-Lebensmittel interessiert, sind ältere gesundheitsorientierte Menschen.
Hilfreich kann es dabei sein, wenn Institutionen zu einer Umstellung beitragen: Eine warme – und ökologische – Mahlzeit sollten Kindergärten und Schulen den Kindern am Tag anbieten.
Die eigene Gesundheit bietet generell einen zentralen Anknüpfungspunkt für Konzepte eines nachhaltigen Lebensstils. Denn die Belastung der Umwelt ist oft unmittelbar mit Gesundheitsgefahren verbunden.
Aus Sorge um die eigene Gesundheit und die der Kinder, aus eigener Betroffenheit, entstanden in der Vergangenheit Selbsthilfegruppen, Bürgerinitiativen und Umweltgruppen. Aus privater Sorge erwuchs politisches Engagement. Dieses Motiv ist eine der starken Wurzeln der Umweltbewegung, wie die aktuellen heftigen Ausein-andersetzungen um die Gefahren des Mobilfunks und um den Einsatz der grünen Gentechnik zeigen.
Die Arbeit von politischen Initiativen und Umweltgruppen vor Ort und die Lokale Agenda in Städten und Gemeinden ist – mag sie noch so zäh sein – ein wichtiger Schritt in die richtige Richtung. Angebote zu entwickeln, die die Sehnsüchte der Menschen nach Ruhe, nach Natur aufgreifen, schulen deren Blick für das naheliegende Schöne, für wiederkehrende, natürliche Rhythmen. Kinder, die Natur kennen- und schätzen lernen, die mit dem Fahrrad zum Training oder zur Musikschule fahren, die zu Fuß in die Schule gehen, auf deren Dach eine Solaranlage installiert ist, werden von diesen Erfahrungen ihr Leben lang begleitet werden.

Die Diskussion in Schwung bringen

Einen Beitrag dazu, eine breitere gesellschaftliche Diskussion über unseren Lebensstil in Schwung zu bringen, sollte auch die Nachhaltigkeitsstrategie leisten. 2002 hat die Bundesregierung erstmals eine nationale Nachhaltigkeitsstrategie vorgelegt. Darin legt sie langfristige und teils anspruchsvolle Ziele für eine nachhaltige Politik in Deutschland fest: Die Inanspruchnahme neuer Flächen soll von heute 130 ha pro Tag auf 30 ha pro Tag im Jahr 2020 reduziert werden, der Anteil des Ökolandbaus soll auf 20% im Jahr 2010 gesteigert und der Anteil erneuerbarer Energien am Energieverbrauch auf 50% im Jahr 2050 erhöht werden.
Zugleich fehlen in der Nachhaltigkeitsstrategie allerdings an vielen Stellen die Rezepte, wie die genannten Ziele erreicht werden sollen, und auch im Regierungshandeln finden sich nur wenig Ansätze einer echten Strategie. Maßnahmen, die die Regierung benennt, z.B. im Verkehrsbereich, werden nicht realisiert. Der erste Fortschrittsbericht, der seit Sommer 2004 vorliegt, hat entsprechend wenig Bewegung vorzuweisen.
Fragen eines alternativen Lebensstils kommen in der Strategie und in dem Fortschrittsbericht bislang nur ansatzweise vor. Dabei müssten die Verbraucherinnen und Verbraucher als die zentralen Akteure einer Strategie für nachhaltige Entwicklung angesprochen werden, gerade wenn es um weniger Flächeninanspruchnahme, mehr Ökolandbau und erneuerbare Energien geht.
Folglich liegt eine Aufgabe und eine Chance darin, in der Nachhaltigkeitsstrategie in Zukunft stärker zu thematisieren, wie die Bevölkerung für diese Ziele gewonnen werden kann. Welche Bedeutung haben politische Rahmenbedingungen und wirtschaftliche Anreize? Und wie kann darüber hinaus eine breite gesellschaftliche Diskussion in Gang kommen, die sich mit der zentralen Herausforderung auseinandersetzt: eine Lebensart zu entwickeln, die unserer Verantwortung gegenüber der Mehrheit der Menschen heute und gegenüber zukünftigen Generationen gerecht wird. ´

Der Artikel ist zuerst im November 2004 in der Zeitschrift „initiativ“ erschienen.

Dr. Angelika Zahrnt ist die Vorsitzende des BUND und Mitglied im Rat für Nachhaltige Entwicklung; Christine Wenzl arbeitet in der Bundesgeschäftstelle des BUND zu den Themen Nachhaltigkeit und zukunftsfähiger Konsum.
Mehr zu den Vorschlägen des BUND zu Verbraucherfragen und Lebensstil finden sich unter www.bund.net.



  Autoren

Zahrnt, Angelika

Partner
sge-button
© by Human Touch Medienproduktion GmbH, info@kurskontakte.de