Stationen eines Weges zu einer zukunftsfähigen Lebensweise
Die Stationen des langjährigen Aktivisten der Friedens- und Umweltbewegung Gerhard Breidenstein zeigen beispielhaft, wie sich die Themen innerhalb eines Lebens immer mehr verdichten und die Fragen immer radikaler und ganzheitlicher gestellt werden. Heute münden sie in sein Engagement in der politisch-spirituellen Aufbruch-Initiative.
Ich erinnere mich deutlich an die erste Infragestellung des üblichen Lebensstils. Mitte der 50er-Jahre hatte der damalige hessische Kirchenpräsident Martin Niemöller mitten in Frankfurt/Main eine „Hunger-Uhr“ aufstellen lassen. Sie zählte fortlaufend die geschätzte Zahl an Hungertoten in der „Dritten Welt“, die damals gerade erst in das öffentliche Bewusstsein sickerten. Die Botschaft dieser Hunger-Uhr rührte mich als Primaner so sehr an, dass ich bei einem festlichen Weihnachtsessen der Großfamilie in einem Frankfurter Restaurant aufstand und eine kleine Rede hielt über den Kontrast zwischen unserem „luxuriösen“ Schmaus und den Verhungernden. Mein Vater war so beeindruckt davon, dass er mit seinem Hut um den Tisch ging und Spenden einsammelte.
Dieser zunächst nur caritative und punktuelle Impuls arbeitete in mir weiter, so dass am Ende meiner akademischen Ausbildung meine Frau und ich beschlossen, samt unseren zwei kleinen Kindern in ein Entwicklungsland zu gehen, um dort zu helfen (wie wir noch ziemlich naiv dachten). In Südkorea, wohin „Dienste in Übersee“ uns für drei Jahre vermittelte, sahen wir dann elementare Armut hautnah und erlebten einen brutalen Frühkapitalismus. Und ich begriff in Südkorea, dass die meisten Entwicklungsprobleme dieses Landes mit seinen internationalen Wirtschaftsbeziehungen zusammenhingen, vor allem mit der ausbeuterischen Rolle der internationalen Konzerne und Banken – also auch deutscher Firmen.
Hilfe durch „Entwicklung“?
So engagierte ich mich nach unserer Rückkehr ab 1971 etliche Jahre in der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit. Mir war klar geworden, dass Spenden allein die immensen Armutsprobleme in Asien, Afrika und Lateinamerika nicht beheben können, und ich hoffte, durch Information und Agitation indirekt auf die offizielle Entwicklungspolitik einwirken zu können (was natürlich eine Illusion war). Zugleich war ich in der Solidaritätsarbeit für verschiedene Demokratie- und Befreiungsbewegungen in der „Dritten Welt“ aktiv. Unser eigener Lebensstil war davon nur insofern berührt, als wir unnötige Ausgaben zu vermeiden versuchten und das dabei gesparte wie auch geerbtes Geld in politische Spenden ummünzten.
Ein zweiter und weiterreichender Impuls zu einem „alternativen Lebensstil“ kam seit Mitte der 80er-Jahre hinzu. Das beginnende Waldsterben, die atomare Katastrophe von Tschernobyl, Trinkwasser- und Lebensmittel-Belastungen durch Agrarchemie, die Entstehung riesiger Löcher in der Ozonschicht und erste Hinweise auf den Treibhauseffekt kumulierten zu einem Bild globaler und eskalierender ökologischer Krisen. Und es war nicht mehr zu übersehen, dass die „überentwickelte“ Lebensweise von uns Bürgern in den reichen Ländern des Nordens dabei eine entscheidende Rolle spielte.
Einen dritten Impuls zur Änderung meiner und unserer familiären Lebensweise verdanke ich der Begegnung mit der „Tiefenökologie“, die u.a. von der US-Amerikanerin Joanna Macy formuliert wurde. Dabei geht es darum, über einen technischen Umweltschutz hinaus ein ganzheitliches, mitfühlendes, geschwisterliches Verhältnis zu Tieren, Pflanzen und dem ganzen Ökosystem zu entwickeln. Vor allem lehrte uns Joanna Macy, die zukünftigen Lebewesen in unser heutiges Bewusstsein einzubeziehen, von ihnen und ihren Interessen her unser heutiges Handeln zu betrachten. Unsere Lebensweise muss Zukunft offen halten, muss so sein, dass sie in eine weite Zukunft hinein fortsetzbar ist.
Ein vierter Impuls ergab sich daraus, dass es mir nicht mehr genug war, in unzähligen Informations-Veranstaltungen und Demonstrationen immer nur sagen zu können, wogegen wir waren und warum diese oder jene Politik in eine Katastrophe führen müsse. Wofür wir waren, worin wir positive Alternativen sahen, konnten wir nur sehr punktuell formulieren.
Nachhaltigkeit durch Gemeinschaft
Diese vier Impulse führten 1988 dazu, dass meine Frau und ich die Initiative zur Gründung einer „alternativen“ Lebensgemeinschaft ergriffen. Ab 1990 lebten wir mit 10 bis 12 Erwachsenen und etlichen Kindern auf einem alten Gutshof östlich von Dortmund. In dieser Beringhof-Gemeinschaft wollten wir „gemeinschaftlich, ökologisch, einfacher und spirituell leben“.
Relativ am leichtesten war es, bei den Lebensmitteln, im Energiegebrauch, beim Renovieren und Bauen oder hinsichtlich Verkehr ökologisch konsequent zu sein. Das damit zusammenhängende „einfache Leben“ wurde recht unterschiedlich ausgelegt, aber da unsere Einkommensgemeinschaft nur ein bescheidenes Taschengeld auszahlen konnte, blieb wenig Spielraum für nicht notwendigen Konsum. Das „gemeinschaftliche Leben“ gelang – trotz vieler anstrengender Aspekte – erstaunlich gut. Noch jetzt, da meine Frau und ich wieder zu zweit leben, führen wir diesen zukunftsfähigen Lebensstil weiter.
Mit der Initiative „Aufbruch – anders besser leben“, die ich 2001 mit ins Leben rief, soll dazu ermutigt werden, auch in „normalen“ Wohn- und Arbeitsverhältnissen eine zukunftsfähige Lebensweise zu realisieren. Die Teilnahme an einer der ca. 15 lokalen „Aufbruch“-Gruppen, die sich monatlich treffen, ist dafür natürlich keine Voraussetzung, aber eine starke Unterstützung. Zwar müssen auch die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen der Politik zugunsten von Nachhaltigkeit verändert werden, und ich bin froh, dass sich kompetente Nicht-Regierungs-Organisationen dafür einsetzen. Natürlich gibt es da noch viel zu tun, und die bisherigen Fortschritte in Richtung Nachhaltigkeit sind – gemessen an der globalen Krisensituation – noch viel zu gering. Aber wir Konsumenten haben schon jetzt weitaus mehr Möglichkeiten für eine zukunftsfähige Lebensweise, als im allgemeinen ausgeschöpft werden.
Wenn man bei der Umgestaltung der eigenen Lebens-praxis Schritt für Schritt und ohne dogmatischen Krampf vorgeht, dann wird man – das jedenfalls ist meine Erfahrung – feststellen, dass die entsprechenden Umgewöhnungen gar nicht so schwer sind und immer wieder zu Gefühlen der Befreiung von Konsumballast und zu innerer Befriedigung führen.
Allerdings muss ich hoffen, dass die Entwicklung hin zu einer zukunftsfähigen Lebensweise bei anderen früher beginnt als bei mir. ´
Dieser Artikel ist zuerst in der Zeitschrift „Initiativ“ der Ökumenischen Initiative Eine Welt erschienen.
Gerhard Breidenstein hat Germanistik, Sozialwissenschaft und evangelische Theologie studiert und in Sozialethik promoviert. Veröffentlichung zum Thema: „Hoffen inmitten der Krise“.
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