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Eine Welt im Gleichgewicht
erschienen in Ausgabe 139  PDF-Version (313.23 KB)
Lösungen für eine Welt im Gleichgewicht existieren bereits. Jochen Schilk stellt die Equilibrismus-Bewegung vor

Spuren einer neuen Kultur:
Ein Viertel der westlichen Gesellschaften ist bereit, neuen Werten zu folgen (www.kulturkreativ.net). Die Kerngruppe dieser so genannten kulturell Kreativen schafft die Bausteine einer neuen, integralen Kultur, die auf Nachhaltigkeit setzt. Vernunft und Selbstverantwortung finden darin zur Synthese mit Spiritualität und Gemeinsinn. Noch ist diese auftauchende Kultur keineswegs manifest. Mit dieser Artikelreihe lade ich ein, über eine Welt nachzudenken, die von den kulturell Kreativen mitgeprägt wird.
Diesmal steht mit dem Equilibrismus e.V. eine politische Initiative im Brennpunkt, deren Programm in einer Sammlung der typisch kulturell kreativen Forderungen zu bestehen scheint.


Anfang März dieses Jahres hatte ich das Vergnügen, an einem außergewöhnlichen Kongress teilnehmen zu können. Unter der Überschrift „Die Alternative“ sprachen vierzehn alternative Nobelpreisträger vier Tage lang im Münchener Goethe-Institut über ihre eigenen Projekte und auch über ihre Visionen für eine andere Welt. In ausnahmslos hervorragenden Vorträgen, Workshops und Podiumsdiskussionen untermauerten die Rednerinnen und Redner eindrucksvoll die Berechtigung des gewählten Veranstaltungsmottos: All die mit dem „Right Livelihood Award“ ausgezeichneten Projekte stellen in der Gesamtschau tatsächlich bereits eine umfassende und erprobte Alternative zu der sich derzeit zu Tode siegenden kapitalistischen Moderne dar. Für so gut wie jedes der uns erdrückend scheinenden Probleme existieren bereits bewährte Lösungen! Eigentlich eine frohe Botschaft – doch solange der Mainstream diese Ansätze ignoriert, bleibt freilich die Frage: Wird sich die Menschheit noch rechtzeitig vor dem Kollaps der Biosphäre auf eine Right Livelihood, auf die „richtige Lebensweise“ besinnen?
Während meiner Recherchen zu meinem vorletzten Andere-Welten-Beitrag über den Alternativen Nobelpreis hatte ich den Buchautor und Mitorganisator der Konferenz, Geseko von Lüpke, kontaktiert und ihm in einem Anfall von Ungeduld sinngemäß folgende Frage gestellt: Wenn die Not immer offensichtlicher wird und es doch an Lösungen anscheinend nicht mangelt – -weshalb gibt es dann eigentlich hierzulande noch keine Initiative oder gar organisierte Bewegung, die sich explizit diese Lösungen auf ihre Fahnen schreibt? Warum gibt es noch keine „kulturell-kreative APO“, die dem alltäglichen reformpolitischen Blindflug etwas Weitsichtigkeit entgegensetzt und der aufkommenden neuen Kultur eine lautstarke, hoffnungsvolle Stimme verleiht? Gerade die Deutschen sind doch für ihre fast sprichwörtliche Neigung bekannt, sich für alle möglichen und unmöglichen Gelegenheiten in Vereinen und Parteien zusammenzuschließen …

Globale Visionen

Kurioserweise fand ich kurze Zeit später selbst heraus, dass eine ebensolche Initiative bereits vor sieben Jahren ins Leben gerufen worden war. Der antizipierte „typisch deutsche Vereinsmeier“ entpuppte sich allerdings als sympathischer Elsässer namens Eric Bihl. Seine kleine, in München basierte Gruppe von zur Zeit etwa 150 Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die mittelfristig von einer Aufklärungskampagne zu einer Art revolutionären Sammlungsbewegung anwachsen möchte, trägt einen seltsamen Namen: Equilibrismus e.V. Hinter dem programmatischen Ausdruck, abgeleitet von dem lateinischen Wort aequilibrium = Gleichgewicht, der in vielen Sprachen verstanden wird, steht ein wirtschaftspolitisches Gesamtkonzept, das sich die auf ständigen Ausgleich bemühten Regelkreisläufe der Natur zum Vorbild nimmt. Der Equilibrismus integriert das Modell einer globalen Kreislaufwirtschaft, eine eigenständige Entwicklung Eric Bihls, ebenso wie die wichtigsten heutigen Lösungsansätze anderer Köpfe, die uns Anlass geben zur Hoffnung auf eine Welt im Gleichgewicht. Das Konzept ist also keinesfalls auf den Aspekt der Wirtschaft beschränkt.
Eric Bihl stammt ursprünglich aus dem Natur- und Tierschutz. Er hat früh erkannt, dass es in der politischen Arbeit wenig sinnvoll ist, immer nur Teilbereiche der Gesamtproblematik anzugehen. So entstand in ihm eine Vision, die durch vernetztes Denken den Blick für die globalen Zusammenhänge behält und in ihrer Strategie bestimmte Prinzipien verfolgt, die einige oft gemachte Fehler vermeiden helfen sollen. Es waren diese Prinzipien, die mich noch vor einer Bekanntschaft mit seinen weiteren Inhalten auf Anhieb für den Equilibrismus einnahmen: Zunächst die fast banale Überzeugung, derzufolge politische Initiative, die an erster Stelle nur gegen alles Mögliche kämpft („Globalisierungsgegner“), anstatt für eine positiv formulierte Alternative einzutreten (z.B. nennen sich die franzöischen Globalisierungsgegner Altermondialistes, „Menschen für eine andere Welt“), zum Scheitern verurteilt sein muss. Der Equilibrismus will nicht nur reagieren, sondern vor allem agieren, Initiative übernehmen und versuchen, vermeintliche Gegner in die Transformation der Welt einzubeziehen. Neben dieser erklärten Absage an die Sackgasse konfrontativen Denkens (die quasi ein pazifistisches Bekenntnis darstellt) sagt mir insbesondere das Misstrauen zu, das die Equilibristen hierarchischen Strukturen entgegenbringen. So sind sie sich der immensen Gefahren bewusst, die jegliches „Flirten mit der Macht“ mit sich bringt. Deshalb wollen sie nicht den Fehler von Parteien wie den Grünen wiederholen, die auf ihrem Weg durch das parlamentarische System derart gründlich korrumpiert worden sind, dass von ihrer ursprünglich visionären Agenda so gut wie nichts mehr übriggeblieben ist.
Das wichtigste Credo des Equilibrismus besagt jedoch ohnehin, dass wir mit bloßen Reformen des überkommenen Systems die von ihm verursachten Probleme nicht in den Griff bekommen werden. Was es für den Bau einer anderen, nachhaltigen Welt ganz offenbar braucht, sind völlig neue Strukturen, Denkweisen und Konzepte – und die sind, man kann es nicht oft genug betonen, tatsächlich für alle möglichen Aspekte menschlichen Lebens bereits vorhanden. Nur kann das menschliche Leben nicht länger das alleinige Maß aller Dinge sein. In den neuen Ansätzen werden wir vom anthropozentrischen Weltbild zugunsten eines biozentrisch-holistischen Weltbilds Abschied nehmen, in dem – so die Equilibristen – „der Mensch seinen Platz im Ganzen erhält und mit Verwunderung auf die Zeit zurückblicken wird, als er sich losgelöst über ‚den Rest der Schöpfung‘ gestellt sah.“

Konkrete Leitbilder

Kommen Ihnen diese prinzipiellen Überlegungen auch so vertraut vor? Ich war jedenfalls freudig überrascht, derartige Essentials endlich einmal in einer seriösen Initiative versammelt zu sehen – und dies umso mehr, als ich auch unter den inhaltlichen Puzzleteilen, die die Equilibristen zu ihrem Konzept-Patchwork zusammengetragen und in Beziehung gesetzt haben, lauter alte Bekannte entdeckte. Deutet diese erfreulich ansehnliche Schnittmenge nicht vielleicht darauf hin, dass sich aus dem bislang diffusen Konglomerat alternativer Träume, Forderungen, Modelle sowie diverser praxisbewährter Techniken nun allmählich ein gewisser Katalog der zukunftweisenden Konzepte herauskristallisiert – und zwar unabhängig voneinander, an verschiedenen Orten, in verschiedenen Ansätzen? Nimmt das Leitbild von der Zukunft der Menschen auf der Erde endlich konkretere Formen an?
„Es wird so viel von dringend benötigten Visionen geredet – wir haben sie!“ behaupten Volker Freystedt und Eric Bihl in ihrem im März veröffentlichten Buch über das sozio-ökologische Wirtschaftssystem des Equilibrismus. Dessen Lektüre offenbart über weite Strecken eine erstaunliche Überschneidung mit den Themen und Ideen, die regelmäßig in dieser Zeitschrift unter der Leitlinie der kulturell Kreativen vorgestellt wurden und werden: Das beginnt selbstverständlich mit der obligatorischen Kritik an der einseitig wirtschaftlichen Globalisierung und anderen Auswüchsen des herrschenden Systems, wie etwa dem Wachstums-Dogma. Daran schließt unmittelbar die so wichtige Frage nach einer neuen Geldordnung an; die Equilibristen haben den bekannten Geld- und Wirtschaftsexperten Helmut Creutz auf ihrer Seite und sympatisieren auch mit den Schriften des Cheftheoretikers der Komplementärwährungsbewegung, Bernard Lietaer, der erst in der vergangenen Ausgabe von KursKontakte zum wiederholten Mal in einem Artikel zu Wort kam.
So wie in allen Zeitschriften der Mediengruppe Kulturell Kreative, zu deren Gründungsmitgliedern die Kurs-Kontakte-Redaktion gehört, immer wieder naturphilosophische Überlegungen zum wahren Platz des Menschen in der Schöpfung angestellt werden, setzen auch die Buchautoren derart fundamentale Erwägungen an die Basis. Ihre gesamte Theorie fußt auf einem ganzheitlichen Verständnis der Welt, das die -(Selbst-) Regulationsmechanismen der Natur als ein bewusstes und intelligentes System begreift. Wie revolutionär das ist, wird vielleicht erst dann begreifbar, wenn man sich vorstellt, ein konventionelles politisches Sammelbecken, wie etwa die FDP, würde ihr Parteiprogramm auf der Basis von James Lovelocks Gaia-Theorie erstellen …
Stichwort Parteipolitik: Integriert in die Equilibrismus-Agenda ist das Demokratiemodell von Johannes Heinrichs (siehe sein Buch „Revolution der Demokratie“, Maas-Verlag, 2003), der bereits vor einiger Zeit im eurotopia-Teil von KursKontakte zu Wort gekommen ist.
Selbstverständlich nimmt auch die Frage nach einer Wiederanpassung der Landwirtschaft an die Vorgaben der Natur einen breiten Raum ein (z.B. Permakultur). Besonders erfreulich ist in diesem Zusammenhang die Beschäftigung mit Möglichkeiten für globale Wiederaufforstung, wie ich es vor einiger Zeit selbst in einem Artikel getan habe.
Der vorletzte Andere-Welten-Beitrag stellte das weltparlamentarische Modell der „Vereinten Transnationalen Republiken“ vor, das den Vereinten Nationen quasi eine komplementäre Struktur zur Seite stellen will. Und wen wundert es, dass auch der Equilibrismus e.V. aktiv für eine Demokratisierung der UNO eintritt (siehe dazu www.kdun.de)? Beide Initiativen haben sich übrigens zwischenzeitlich kennengelernt.
Nicht zuletzt sei erwähnt, dass Volker Freystedt und Eric Bihl der Frage nach anderen Formen des Lernens und der Ausbildung eine tragende Rolle bei der Erschaffung der nachhaltigen Gesellschaft zuweisen – ebenso, wie diese Zeitschrift es mit der entsprechenden Rubrik des Bundesverbands natürlich Lernen! e.V. unter der Federführung von Anke Caspar-Jürgens tut.

Neue Konzepte statt Reformen

Jenseits von Selbstbeweihräucherung sollte dieser Überblick zeigen, dass sich womöglich doch ein neuer Zeitgeist formiert. Anders wären soviele Parallelen in Anliegen und Lösungsvorschlägen nicht erklärbar. Tatsächlich finden sich im Programm der Equilibristen aber auch eine ganze Anzahl von Punkten, die KursKontakte und ihre Kollegenredaktionen bislang (noch) nicht oder erst marginal thematisiert haben. Die wichtigsten seien hier stichpunktartig umrissen:
– Nicht nur die ökonomischen Aspekte des Equilibrismus tragen die Handschrift von Helmut Creutz. Von ihm stammen auch die Vorschläge der Initiative für ein vereinfachtes und gerechteres Steuersystem, das zudem die nachhaltige Entwicklung der Gesellschaft fördert. In dieselbe Richtung zielen auch seine höchst erwägenswerten Alternativmodelle zur heutigen Renten- und Krankenversicherung.
– Die Überwindung der derzeitigen privat- und staats-kapitalistischen Geldordnung alleine, so die Equilibristen, brächte der Menschheit noch keine Gerechtigkeit, solange die Besitzverhältnisse an Grund und Boden unangetastet bleiben. Der Equilibrismus greift hier ein Bodenreform-Modell von Margrit Kennedy auf, das vorsieht, Privatleuten nur mehr ein begrenztes Nutzungsrecht (statt wie bisher ein Besitzrecht) an Land zu gewähren und dieses langfristig auf legale Weise (also ohne das Mittel der Enteignung) vollständig in die Treuhand der öffentlichen Kommunen zu bringen.
– Ein zentrales Thema des Equilibrismus sind die praktischen Möglichkeiten zukunftsfähiger Energie- und Werkstoffgewinnung (bzw. Energie- und Rohstoff-einsparung) sowie alternative Mobilitätssysteme. Das Hauptaugenmerk liegt dabei auf der Förderung nachwachsender Rohstoffe und Energielieferanten und hier wiederum insbesondere auf dem bislang kaum erkannten Potenzial der Energiegewinnung aus unraffinierten Pflanzenölen. Diese Öle weisen offenbar eine konkurrenzlos gute Energiebilanz auf und können fast überall zur dezentralen Versorgung angebaut und sogar völlig gefahrlos und fast unbegrenzt gelagert werden. Tatsächlich ist es ja bis heute nicht gelungen, eine Photovoltaik-technik zu entwickeln, welche die im Überfluss zur Verfügung stehende Sonnenenergie auch nur annähernd so effizient nutzen könnte, wie die Pflanzenwelt dies tut.

Wirtschaft als Ausgangspunkt für zwanglose Umstrukturierungen

An diesem Punkt sollte vielleicht schon klar sein, dass der Equilibrismus tatsächlich viel mehr umfasst als ein bloßes „sozio-ökologisches Wirtschaftskonzept“. Jene Unterzeile der Initiative mag der Einsicht in eine offenkundige Priorität geschuldet sein: „Wenn wir die gesamte Palette globaler Problem- und Konfliktfelder nachhaltig in den Griff bekommen wollen, müssen wir dort ansetzen, wo das wichtigste Moment unseres menschlichen Seins alles andere bestimmt: bei der Wirtschaft.“ Das soll nicht heißen, dass der Sinn unserer Existenz zuvorderst oder gar alleinig im Wirtschaftsleben zu finden sei. Es bedeutet lediglich, dass die materiellen Voraussetzungen stimmen müssen, damit alle anderen Aspekte des menschlichen Lebens sich entfalten können. Wie aber gelangt man in die Position, den Rahmen der alles beeinflussenden Wirtschaft in die richtige Richtung ziehen zu können? Die Autoren glauben, dass einiges möglich ist, wenn man nur eine relevante Anzahl von Bürgern mobilisiert, die angesichts der Perspektivlosigkeit eines überkommenen Systems die Umsetzung eines positiven neuen Modells in einer Versuchsregion einfordern. Dabei nennen die mit einer gehörigen Portion Entschlossenheit und Sendungsbewusstsein ausgestatteten Aktivisten eine zu erreichende Quote von mindestens 5 Prozent der Bevölkerung.
Ist das nicht zu einfach gedacht? Es wäre billig, eine solche Strategie a priori als naiv abzustempeln. Gibt es denn ernsthafte Alternativen zum Weg der außerparlamentarischen Basisbewegung? Eine gewalttätige Revolution etwa? Das Warten auf den Systemzusammenbruch? Oder der Gang durch die Parlamente á la die »Grünen«? Die Geschichte kennt ausreichend Beispiele dafür, dass solche Ansätze nie zu den gewünschten grundlegenden Veränderungen geführt haben.
Die Equilibristen versprechen nicht wenig. Ihr Modell könne, „ohne mit den bestehenden weltwirtschaftlichen Interdependenzen zu brechen, sofort in jeder abgeschlossenen Region oder jedem Staat dieser Erde verwirklicht werden“ und zwar „sanft und zwanglos“, „ohne jegliche politrevolutionäre oder grüne Floskeln.“ Der Equilibrismus bedürfe zu seiner Umsetzung keiner global verordneten Voraussetzung. Er schaffe aber rasch überall dort Arbeit und nachhaltigen Wohlstand, „wo Gesellschaft, Wirtschaft und Politik es wollen.“ Auch will man keineswegs das Rad der Zeit zurückdrehen. Niemand müsse auf „ökologisch unbedenklichen Reichtum, Fortschritt und Wohlstand verzichten, wohl aber auf jenen, der es nicht ist. Dank umweltgebundener Technologien müssten wir uns nicht vor Einbußen in Lebensstandard und Mobilität fürchten, sondern können die uns liebgewonnene Modernität durch die beständige Vermehrung unseres natürlichen Reichtums endlich wieder im gesunden Gleichgewicht mit der Natur genießen.“
Vollmundige Versprechungen ohne Grundlage? Es ist hier nicht der Platz, das den Behauptungen zugrunde-liegende Konzept des Equilibrismus in allen seinen Aspekten erschöpfend darzustellen – dies leistet das Buch in ausreichender Weise. Ich möchte hier einige unverzichtbar scheinende Maßnahmen hervorheben, die sich wohl jede zukünftige Gesellschaftsbewegung – egal welchen Namens – zu eigen machen muss:
– die Umsetzung einer auf ökologische Effizienz zielenden strukturellen Neuordnung der Gesellschaft (vor allem Dezentralisierung der Wirtschaftsregionen),
– die überfällige Währungs-, Boden- und Steuerreform („Natürliche Wirtschaftsordnung“) sowie
– als politischen Lenkungsrahmen der angestrebten globalen sozio-ökologischen Wirtschaftsordnung eine weltföderalistische Struktur.
– Als spezifisch equilibristisches Element haben sie dieser Agenda ihr Modell eines natürlichen Kreislaufwirtschaftssystems hinzugefügt. Eine echte Innovation, die eine eingehende Betrachtung verdient:

Natürliches Kreislaufwirtschaftssystem

„Ziel des Equilibrismus ist ein wörtlich genommenes ‚ökonomisches‘ Denken, ein ernst gemeintes ‚Haushalten‘ mit allen wertvollen Ressourcen – ökologischen wie menschlichen. Angestrebt wird die Herstellung eines Gleichgewichts zwischen Natur- und Kulturraum.“
Im Mittelpunkt der equilibristischen Werkzeuge steht, wie bereits erwähnt, ein „natürliches Kreislaufwirtschaftssystem“, das analog der Natur konstruiert ist und auf allen Ebenen – lokal ebenso wie universal – nach dem Prinzip des Kreislaufs funktioniert.
Die Mechanismen der natürlichen Wirtschaftsordnung und der Strukturneugestaltung der Wirtschaftsräume erzielen erst dann ein Maximum an Gestaltungsfähigkeit, wenn sie von der regionalen und nationalen auf die interregionale bzw. auf die globale Ebene transferiert werden und dort ein weltweites natürliches Kreislaufwirtschaftssystem konstituieren. Dessen Herzstück wäre dann eine „Welttreuhandgesellschaft“, die verantwortlich ist für die Einziehung von ökologischen Steuern (zu entrichten von allen Mitgliedsregionen proportional zu ihrem Umweltverbrauch) und für die Einziehung von Entwicklungshilfegeldern von denjenigen Ländern mit hohem wirtschaftlichem Reichtum.
„Eingenommene Gelder werden von der Welttreuhandgesellschaft anteilmäßig wieder ausgeschüttet an die Länder mit einer positiven biologischen Verbesserungsrate. Als Bemessungsgrundlage dieser Rate wird eine Vielzahl ökologischer Kriterien mit unterschiedlichen Koeffizienten herangezogen, wie z.B. Bevölkerung, Energie, Verkehrsmittel, Wohnen, Nahrung, Medizin, Kleidung und Tourismus etc. Die Koeffizienten richten sich nach den Problemen und Gegebenheiten der jeweiligen Länder. Die Ausschüttungen stehen besagten Ländern zur Verfügung, um damit ihren biologischen und somit auch wirtschaftlichen Reichtum zu maximieren. Erreichen diese Länder ein erhöhtes Niveau wirtschaftlichen Reichtums, zahlen sie ihrerseits wieder Entwicklungshilfegelder in den Topf zurück. Erzielt das Gros der Länder einen erhöhten nationalen Reichtum, lässt sich der Prozess der globalen Wohlstandsmaximierung durch eine Niveauerhöhung des Wohlstandsindex erneut in Gang setzen bis zur natürlichen Optimierung des wirtschaftlichen wie biologischen Reichtums. Ab diesem Zeitpunkt wird die Prämisse ihres Wirtschaftens auf die dauerhafte Stabilisierung dieses optimalen Niveaus fixiert bleiben, um einer negativen Entwicklung entgegenzusteuern. Dieses natürliche Kreislaufwirtschaftssystem soll folgende positive Auswirkungen besitzen:
– Es führt zum natürlichen Wachstum im Gegensatz zum exponentiellen Wachstum anderer Lösungsansätze.
– Es erlaubt eine gleichzeitige progressive Entwicklung in Industrie- und Nicht-Industrieländern.
– Es vermehrt den biologischen Reichtum (nur nachwachsende, nicht unterirdische Bodenschätze) und verbessert den Lebensstandard sowie das Lebensumfeld.
– Es bewirkt eine Umstrukturierung oder Veränderung des gesamten menschlichen Verhaltens hin zu einer Symbiose mit der Natur.
– Es erlaubt den Wettbewerb jedes Landes mit sich selbst (‚Autokonkurrenz‘) und vermeidet, dass Länder wirtschaftlich gegeneinander kämpfen müssen.
– Es vermeidet die weltweite Ausbeutung von Rohstoffen (biologischer Reichtum ist ortsgebunden), deren Konsequenz die Vernichtung von Natur- und Kulturraum sowie ethnischen Gruppierungen ist und schließlich zu kriegerischen Auseinandersetzungen führt.
– Es zielt auf Eigenständigkeit von kleineren Regionen in einem föderalistischen System statt auf Zusammenfassung zu großen Wirtschaftsblöcken. Hierdurch kann jeder Staat seine eigenen Wege politischer und wirtschaftlicher Entwicklungen im Einklang mit seiner Tradition und Kultur gehen.“

Zukünftige praktische Umsetzungen für eine Welt im Gleichgewicht

Zum Schluss bleibt die obligatorische Frage nach den weiteren Aussichten für das noch am Anfang stehende equilibristische Projekt. Vor geraumer Zeit hatte ich in dieser Rubrik das politisch-spirituelle „Gesellschaftsprojekt Dynamik5“ und später auch die anthroposophisch inspirierte Bewegung für die „Soziale Dreigliederung der Gesellschaft“ vorgestellt, die sich beide in ähnlicher Weise als Katalysatoren des großen Wandels begreifen. Realistisch betrachtet, muss jedoch konstatiert werden, dass bislang keine der beiden Initiativen den hierfür nötigen Mitgliederzuwachs erfährt. Den Equilibristen mag es hier zum taktischen Vorteil gereichen, dass sie sich nicht explizit mit spirituellen Ansprüchen befrachtet haben und sie deshalb vermutlich nicht so schnell Opfer der üblichen üblen Sektenjägerei werden düften. Obwohl philosophisch und inhaltlich durchaus ein ganzheitliches Weltbild zum Tragen kommt, wirkt ihre Initiative nach außen hin sehr bodenständig (was ja nun mal keinen Widerspruch darstellt!) – weshalb sie für den Durchschnittsbürger vermutlich wesentlich zugänglicher sein mag.
Die Internetseite www.equilibrismus.de wird denn auch monatlich bereits über 50000 Mal aufgerufen; das Buch von Volker Freystedt und Eric Bihl ist im Signum-Verlag der renommierten Verlagsgruppe Langen Müller Herbig erschienen und wird entsprechend beworben. Noch kurz vor seinem Tod im März letzten Jahres hatte Peter Ustinov den beiden Autoren ein Geleitwort geschrieben. Der querdenkende Konzernmanager Daniel Goeudevert verfasste ein Vorwort. Beflügelt von soviel Zuspruch planen die Autoren nun eine Reihe von -„Satelliten“-Medien rund um das programmatische Einführungsbuch, beispielsweise in der Form eines Dokumentarfilms. Daneben geht die normale Öffentlichkeits- und Netzwerkarbeit weiter; so bestehen unter anderen auch enge Verbindungen zum Club of Budapest, der ebenfalls schon Gegenstand der Andere-Welten--Reihe war.
Der spannendste Plan der Equilibristen betrifft jedoch den Sprung in die Praxis, denn ihnen ist nicht bang davor, die schöne Theorie in einer realen Wirtschaftsregion getestet zu sehen. Ein ideales „Versuchsgelände“ glauben sie bereits in einem exotischen Teil Europas gefunden zu haben. Andere Welten wird gegebenenfalls an dieser Stelle über den Fortgang des Experiments berichten. ´


Literatur:
Volker Freystedt, Eric Bihl: „Equilibrismus – Neue Konzepte statt Reformen für eine Welt im Gleichgewicht“, Signum Verlag, EUR 22,90


http://www.equilibrismus.de


  Autoren

Schilk, Jochen

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